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An der Seite der Nacht
Ein Roman von J. Neil Schulman
Übersetzt ins Deutsche von Stefan Kopp


Alongside Night 30th Anniversary Edition Cover. Copyright © 2009 The J. Neil Schulman Living Trust. All rights reserved.

An der Seite der Nacht,
parallel zum Tag,
in Angst geschehn,
grelles Grau da lag;
der Morgen erwacht
und wird nie vergehn.
An der Seite der Nacht?

TEIL EINS

Das Ergebnis war, daß am 28. Februar 1793 um acht Uhr abends eine Horde verkleideter Männer und Frauen anfing, die Geschäfte und Läden von Paris zu plündern. Zunächst verlangten sie nur Brot; doch bald bestanden sie auf Kaffee, Reis und Zucker; schließlich nahmen sie alles, was sie in die Finger bekommen konnten – Stoff, Kleidung, Lebensmittel und Luxusartikel jeglicher Art. Zweihundert solcher Orte wurden geplündert. Dies wurde sechs Stunden lang geduldet und schließlich konnte die Ordnung nur dadurch wiederhergestellt werden, daß sieben Millionen Francs bereitgestellt wurden, um die Horde zu kaufen. Die neue Wirtschaftspolitik begann, üppige Früchte zu tragen.
- ANDREW DICKSON WHITE
Papiergeld-Inflation in Frankreich

Die herrschenden Ideen eines jeden Zeitalters waren immer die Ideen seiner herrschenden Klasse.
- KARL MARX
Das Kommunistische Manifest

Zigeuner
- MAURICE RAVEL

KAPITEL 1

Elliot Vreeland fühlte sich unbehaglich, als er seinen Klassenraum betrat.

Alles schien völlig normal zu sein. Obwohl der Klassenraum sich in einem alten Sandsteinhaus befand, gab es die modernsten Lehreinrichtungen, sogar eine Videoleinwand, die auch als Lautsprecheranlage diente. Aber auch eine traditionelle Kreidetafel war vorhanden, vorne ein Lehrerpult sowie ein Dutzend Schülerpulte. Alle von Elliots sieben Mitschülern, von einer Ausnahme abgesehen, hatten die Ansonia-Vorbereitungsschule vom ersten Semester an mit ihm zusammen besucht; jetzt, im Februar seines letzten Semesters, waren ihm ihre Gesichter schrecklich vertraut.

Die Ausnahme stand am Fenster und starrte hinaus auf den Central Park West in New York.

Die beiden sahen nicht so aus, als ob sie irgend etwas gemeinsam hatten – zumindest nach den Maßstäben vorheriger Generationen. Elliot Vreeland, der Sohn des nobelpreisgekrönten Wirtschaftswissenschaftlers, war groß, blond und blauäugig, jedoch mit etwas weichen Gesichtszügen, die eine arische gebieterische Haltung ausschlossen.

Phillip Gross, kleiner als Elliot, drahtiger, mit schwarzem Haar und ruhigen Augen, war als Kind aus den Vereinigten Staaten nach Israel emigriert und vier Jahre später, als seine Eltern von palästinensischen Guerillas mit Maschinenpistolen erschossen worden waren, zurück zu einem Onkel nach New York geschickt worden. Die beiden Jungen waren eng befreundet, seit Phillip in der Mittelstufe in Ansonia aufgenommen worden war.

Phillip sprach, ohne sich umzudrehen, als Elliot näherkam: »Du hast es nicht gemacht, Ell, oder?«

»Ich habe dir gesagt, daß ich es nicht machen würde.«

Phillip sah seinen Freund an. »Na ja, du könntest ungeschoren davonkommen.«

Bevor Elliot weiter nachfragen konnte, betrat der stellvertretende Direktor den Raum.

Benjamin Harper stellte einen Aktenkoffer auf das Lehrerpult und begann dann, die Kreidetafel abzuwischen, während die Schüler sich hinsetzten, da ihnen nichts besseres einfiel.

»Ob die Tobias krank ist?«, flüsterte Elliot Phillip zu, als sie sich hinten hinsetzten. Phillip lächelte geheimnisvoll, aber antwortete nicht.

»Ich habe mehrere Mitteilungen zu machen«, sagte Harper und legte den Tafelschwamm beiseite. Er war ein knochiger, tadellos gekleideter Farbiger Ende dreißig, hatte einen sportlichen Schnurrbart, kurzes natürliches Haar und trug eine Brille. Nachdem die Schüler ruhig waren, fuhr er fort: »Erstens, Mrs. Tobias hat Ansonia für immer verlassen. Folglich wird sie das Fach Zeitgenössische Bürgerkunde nicht länger unterrichten.«

Elliot sah Phillip scharf an. »Hast du sie hinausgehen sehen?«, flüsterte er.

Phillip zuckte zurückhaltend mit den Schultern.

»Zweitens«, fuhr der stellvertretende Direktor fort, »da das Halbjahr schon zu weit fortgeschritten ist, als daß Dr. Fischer und ich einen Ersatz einstellen könnten, werde ich dieses Fach persönlich übernehmen.«

»Ich wette, die Tobias wurde abgeschossen«, flüsterte Elliot Phillip hörbar zu. Mehrere Schüler kicherten.

Mr. Harper sah Elliot scharf an. »›Entlassen‹, ›verabschiedet‹, ›gefeuert‹, ›entfernt‹ – vielleicht sogar ›rausgeflogen‹. Aber nicht ›abgeschossen‹, Mr. Vreeland. Ich habe eine Abneigung gegen die Mißhandlung von Sprache.« Elliot errötete leicht. »Sollen wir weitermachen?«

Mason Langley, der Lehrerliebling, den es in jeder Klasse gibt, hob seine Hand. Harper nahm ihn dran. »Mrs. Tobias hat uns letzte Woche einen 300-Wörter-Aufsatz aufgegeben«, sagte er mit näselnder Stimme. »Er ist heute fällig. Wollen Sie ihn einsammeln?«

Mehrere Schüler stöhnten, sahen angewidert aus und schnaubten verächtlich in Langleys Richtung. Dieser wiederum schien aufgrund dieser negativen Reaktionen äußerste Genugtuung zu empfinden.

Elliot starrte Langley an und dachte: »Ich werde ihn umbringen.«

Harper sah aus, als ob er die Meinungen der Schüler teilen würde, aber er schien seine Gefühle unter Kontrolle zu haben. »Über welches Thema sollten Sie schreiben?«, fragte er.

»Über die Selbstzerstörung des Kapitalistischen Systems«, sagte Langley.

Harper versuchte jetzt erfolglos, seine Abneigung gegenüber diesem propagandistischen Titel zu verbergen. »Sehr gut. Geben Sie sie nach vorne durch.«

Da jeder Schüler – außer Elliot – seinen Aufsatz nach vorne reichte, wurde Harper klar, warum Elliot Langley wütender angesehen hatte als all die anderen.

Nachdem Harper sieben Aufsätze eingesammelt hatte, fragte er: »Wo ist Ihr Aufsatz, Mr. Vreeland?«

Elliot antwortete resigniert: »Ich habe keinen gemacht, Mr. Harper.«

»Sie werden doch sicherlich eine Meinung zu dem Thema haben, oder?«

Elliot nickte. »Ich bin mit den Voraussetzungen nicht einverstanden.«

»Haben Sie diese Uneinigkeit Frau Tobias gegenüber zum Ausdruck gebracht, als sie das Thema bekanntgab?« Elliot nickte erneut. »Was hat sie geantwortet?«

»Sie sagte, daß ich anfangen könnte, Themen auszuwählen, wenn ich Lehrer wäre.«

»Ich verstehe«, sagte Harper langsam. »In Ordnung. Sie dürfen Ihre Widerlegung in einem Aufsatz darstellen, der übermorgen fällig ist – diesen Freitag. Sagen wir in tausend Wörtern. Ist das in Ihrem Sinne?«

»Ich denke schon. Falls ich mit tausend Wörtern hinkomme.«

»Ich habe dasselbe Problem«, sagte Harper heiter. »Wenige Verlage werden etwas längeres kaufen.«

Indem er die Verschlüsse aufspringen ließ, öffnete Harper seinen Aktenkoffer und nahm eine Ausgabe der New York Times heraus, die er vor der Klasse hin- und herschwenkte. »Genug Zeit vergeudet«, fuhr er fort. »Wir haben nur noch wenige Wochen bis zur Abschlußprüfung und – der Himmel steh’ Ihnen bei – die werden Sie nötig haben. Ich nehme an, Sie beabsichtigen alle, in diesem Herbst auf’s College zu gehen?« Er wartete keine Antworten ab. »Natürlich tun Sie das, sonst wären Sie nicht hier. Gut, hiermit möchte ich Sie im Voraus warnen: Verlassen Sie sich nicht darauf. Es besteht die Möglichkeit, daß es in diesem Herbst nicht einmal mehr das Nötigste geben wird, ganz zu schweigen von geöffneten Colleges.«

Alle Schüler – außer Marilyn Danforth, einer attraktiven Freundin von Elliot – richteten ihren Blick jetzt konzentriert nach vorne. Harper war ein guter Dramatiker, ein guter Lehrer.

Harper schwenkte die Zeitung wieder hin und her. »Ganz oben auf Seite eins der heutigen Zeitung. Lassen Sie uns einfach sehen, was wir finden:

WASHINGTON, 20. Februar – Der Präsident gelobte heute Abend in einer Fernsehansprache um 8:30 Uhr Ostküstenzeit, daß er die Zentralbank auffordern werde, die Druckerpressen wenn nötig Tag und Nacht laufen zu lassen, um dem Mangel an Neuen Dollars entgegenzuwirken.

Der Präsident erklärte weiterhin, daß die Regierung durchaus in der Lage sei, die gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes unter Kontrolle zu halten. Er klagte an: ›Sie resultieren aus dem schwindenden Vertrauen in die Institutionen unserer Regierung, das von den leichtsinnigen Voraussagen sozial unverantwortlicher Weltuntergangs-Ökonomen hervorgerufen wird.‹«

Elliot bemerkte, daß mehrere Schüler ihn während der Anspielung auf Ökonomen unverblümt anstarrten, aber er gab vor, es nicht zu bemerken.

Harper fiel es jedoch auf und er legte den ersten Teil der Zeitung schnell beiseite. »In Ordnung, wenden wir uns jetzt dem Finanzteil zu«, fuhr er fort. »Diese Nachricht ist offiziell vom Büro für Öffentlichkeitsinformation mitgeteilt worden:

WASHINGTON, 21. Februar, (BÖI) – Nach Angaben des Büros für Arbeitsstatistiken stieg der Lebenshaltungsindex im letzten Quartal vergangenen Jahres um 2012 Prozent.«

Mr. Harper lachte leise vor sich hin. »Wie nett von ihnen, daß sie uns in das Geheimnis einweihen.« Er ließ das Blatt sinken. »Nun, ich nehme zur Kenntnis, daß sich das ziemlich trocken anhört, aber ich kann nicht genug betonen, wie sehr sich solche Ereignisse auf Ihr tägliches Leben auswirken. Wir sehen uns einer Krise gegenüber, die die Weltwirtschaftskrise im Vergleich lächerlich erscheinen lassen wird.

Ich nehme an, daß Mrs. Tobias bereits angefangen hatte, dieses Thema in der Klasse zu diskutieren, oder?« Man hörte ein zustimmendes Gemurmel und ein oder zwei Schüler nickten. »Gut. Marilyn Danforth.«

»Huch?« Die Klasse brach in Gelächter aus, als die hübsche Brünette aus ihrem Tagtraum gerissen wurde.

»Bitte beschreiben Sie uns die Ereignisse, die einer Inflation vorausgehen.«

»Oh – meinen Sie, was Mrs. Tobias uns erzählt hat?«

»Wenn Sie nichts eigenes zu sagen haben«, bemerkte Harper ironisch, »dann ja.«

»Gut«, begann sie zögernd. »Tja – Inflation – wissen Sie – hat viele verschiedene Ursachen, die – wissen Sie – davon abhängig sind, wann man darüber spricht. Zum Beispiel könnte es irgendwo einen Krieg geben und das würde eine Inflation verursachen, und genau in dem Augenblick, indem man erwartet, daß sie vorüber ist, könnte es eine Mißernte geben, verstehen Sie?« Sie überlegte einen Moment. »Zumindest glaube ich, daß sie das gesagt hat.«

»Ich bin sicher, daß Sie es sich hervorragend gemerkt haben. Möchte jemand noch etwas hinzufügen?«

Er rief Mason Langley auf: »Sie hat die gierigen Geschäftsleute ausgelassen.«

»Diesen Aspekt dürfen wir nicht auslassen, Mr. Langley. Fahren Sie fort.«

»Inflation«, sagte Langley, wobei er sich erhob, »wird durch gierige Geschäftsleute verursacht, die höhere Preise erzwingen, indem sie weniger produzieren, als Nachfrage beim Konsumenten besteht. Sie schaffen auch künstliche Nachfrage, indem sie ihre Güter schneller veralten lassen, so daß diese vorzeitig ersetzt werden müssen.« Er lächelte selbstgefällig.

Harper ignorierte ihn und antwortete höflich. »Danke. Sonst noch jemand?«

Cal Ackermann, das Klassenschwein, meldete sich. Harper rief ihn auf.

Ackermann drehte sich direkt zu Elliot um und machte jedes Wort bewußt zu einer Beleidigung: »Ich stimme dem zu, was der Präsident gestern Abend gesagt hat. Alle unsere Probleme werden von Brownies« – er kostete das Wort regelrecht aus – »verursacht, die Wirtschaftswissenschaftlern wie Elliot Vreelands altem Herrn folgen.«

Elliots Augen blitzten Ackermann an.

Mr. Harper ging schnell dazwischen, bevor es zum Kampf kommen konnte. »Ich glaube, Sie schulden Elliot eine Entschuldigung, Cal. Dr. Vreelands Ansichten – obwohl ich zugeben muß, daß sie radikal sind – werden in vielen Kreisen respektiert. Abgesehen davon, erlaube ich in meinen Stunden keine Beleidigungen.«

Ackermann blieb stumm.

Elliot sagte: »Das ist schon in Ordnung, Mr. Harper. Ackermann ist viel zu faschistisch, als daß er auch nur eines der Bücher meines Vaters gelesen hat.«

»Schluß jetzt. Alle beide«, sagte Harper. »Elliot, haben Sie noch irgend etwas Konstruktives hinzuzufügen?«

»Nichts, was ich nicht schon tausendmal zuvor gesagt hätte.«

»Sehr gut.« Harper bemerkte zu seiner Erleichterung Bernard Rothmans erhobene Hand. »Ja, Mr. Rothman?«

»Ich verstehe nichts von alledem, Mr. Harper.«

Bevor Harper etwas erwidern konnte, aktivierte sich der Wandbildschirm, wobei seine Lautsprecher knackten. Eine kleine, aber imposante Frau in den Sechzigern – mit silberfarbenen Haaren und großen, durchdringenden Augen – erschien auf dem Bildschirm. »Entschuldigen Sie, Mr. Harper«, sie sprach mit einem europäischen Akzent, »ist Elliot Vreeland da?«

Elliot hob seinen Kopf, als er seinen Namen hörte.

»Ja, Dr. Fischer«, antwortete Harper dem Bildschirm.

»Würden Sie ihn bitte sofort in mein Büro schicken?«

»Er ist schon unterwegs.«

Die Frau verschwand vom Bildschirm. Mr. Harper bedeutete Elliot, das Klassenzimmer zu verlassen.

Elliot sammelte seine Bücher ein – nickte Phillip Gross und Marilyn Danforth auf dem Weg nach draußen zu – und folgte der Biegung des Ganges um die noch immer belebte Cefeteria zur Treppe; das Direktorat befand sich im ersten Stock, also eine Treppe tiefer. Er fragte sich, was Dr. Fischer so wichtig erschien, ihn aus dem Unterricht holen zu lassen. Vielleicht seine Bewerbungen für das College?

Er mußte nicht lange warten, um es herauszufinden. Als Elliot den Empfangsbereich der Direktorin betrat, sah er seine Schwester bei Dr. Fischer sitzen. Denise Vreeland war sechzehn, ein Jahr jünger als Elliot. Sie sah ihm sehr ähnlich, doch im Augenblick erschien sie viel jünger und extrem verletzlich. Ihr rotblondes Haar war durcheinander, sie sah aus, als ob sie geweint hätte. Dr. Fischer saß neben ihr – mit gerunzelter Stirn.

»Denise, was ist los? Was machst du hier? Warum bist du nicht in der Schule?«

Dr. Fischer stand auf. »Elliot«, sagte sie sanft, »Sie müssen mit Ihrer Schwester sofort die Schule verlassen.«

»Warum?« fragte er. »Was ist denn los?«

Denise holte tief Luft, sah Elliot direkt in die Augen und flüsterte dann:

»Daddy ist tot.«

KAPITEL 2

Der New Yorker Wind war feucht und kühl, als Elliot und Denise Vreeland das fünfstöckige Stein-Gebäude von Ansonia am Central Park West Nummer 90 verließen, aber Elliot nahm seine Umgebung nicht wahr. Daß sein Vater nicht mehr am Leben sein sollte, machte ihn orientierungslos, erschien ihm unmöglich und fremd. Sicherlich hatte er damit gerechnet, daß Martin Vreeland eines Tages sterben würde – aber eben eines Tages, und nicht, solange Elliot ihn noch brauchte.

Plötzlich hätte er sich selbst ohrfeigen können: War das alles, was er über seinen Vater dachte? Betrachtete er ihn einfach als jemanden, den er ›brauchte‹? Jemand, der ihn mit den materiellen Dingen des Lebens versorgte: ein Bett, eine Brille, Bücher, eine Kamera, eine Schreibmaschine, eine Reise nach Europa? Nein. Vielmehr brauchte er Dinge, die weniger konkret, aber dennoch real waren. Ihm beizubringen, sich selbst zu verteidigen. Mit ihm nachts aufzubleiben, wenn er sich übergeben mußte. Jede Frage offen und intelligent zu beantworten. Oder nur jemand zu sein, der sich die Zeit nahm, ihm lebensnotwendige Prinzipien beizubringen, die er selbst ohne Ausnahme lebte.

Obwohl sein Vater mit der Freizeit, die er gehabt hatte, nie geizig umgegangen war, hatte es, was Elliot betraf, nie genug davon gegeben. Während des akademischen Jahres hatte Dr. Vreeland nach einem anspruchsvollen Lehrplan gearbeitet, so daß seine Sommer, die er mit seiner Familie in ihrer Hütte in New Hampshire verbrachte, demzufolge die einzige Möglichkeit für ihn waren, sich der Forschung und dem Nachdenken zu widmen und seinen Veröffentlichungsverpflichtungen nachzukommen.

Elliot dachte bei sich, daß sie beide sich nicht im herkömmlichen Vater-Sohn Sinne nahegestanden hatten. Sie waren nie zusammen zum Campen gefahren, hatten nie Soft Football im Central Park gespielt und hatten nie zusammen Hot Dogs im Shea Stadion gegessen. Darüber hinaus hatte die Wiener Kinderstube seines Vaters ihn von jeglicher offenen Äußerung seiner Gefühle abgehalten.

Aber jetzt erinnerte Elliot sich genau, daß Dr. Vreeland in Boston vier Jahre zuvor mit jeder vorbereitenden Schule, die er für ihn in Betracht zog, unzufrieden gewesen war. Dann hatte er auf einem Währungssymposium in New Orleans Dr. Fischer kennengelernt und stellte fest, daß sie seine akademische Philosophie teilte. Nachdem er in den Norden zurückgekehrt war und Ansonia besichtigt hatte, nahm Dr. Vreeland, bis dahin Fachbereichsleiter in Harvard, der noch keinen Nobelpreis gewonnen hatte, eine weniger gut bezahlte Professur in Columbia an und zog mit seiner Familie nach New York.

Elliot merkte, wie er in tiefen Zügen kalte Luft in seine Lungen sog, als ob er an Sauerstoffmangel litt. Er fragte sich, was dieses beklemmende Gefühl in seinem Inneren bedeutete. Er fragte sich, ob er das fühlte, was man von jemandem, der gerade vom Tod seines Vaters erfahren hatte, erwartete. Er fragte sich, ob er weinen sollte, oder warum er nicht weinte, obwohl er sich körperlich so zerrissen fühlte. Er fragte sich, ob er seinen Vater geliebt hatte. Er fühlte sich nicht einmal dazu in der Lage, die Eigenschaften einer solchen Liebe zu definieren.

Aber eines wußte er: Er wünschte sich verzweifelt, seinem Vater mitteilen zu können, was er ihm bedeutet hatte.

Sie gingen gerade an dem zugemauerten Eingang zum immer noch unfertigen Central Park Shuttle vorbei, einer U-Bahn, die Ost- und West-Vorstadt- Linien in der 69sten Straße verbinden sollte, als Denise Elliot am Arm zog, so daß er stehenblieb. Hinter ihnen, unauffällig zwischen jahrealten Graffitis und Flugblättern, hing ein neues Poster, das Dr. Vreelands Rede bei einer Kundgebung der Bürger für eine freie Gesellschaft am nächsten Morgen ankündigte.

»Elliot, es tut mir leid, aber ich mußte es tun«, sagte Denise.

»Ja, aber du mußtest mir ja nicht gleich den Arm ausreißen. Ich hätte …«

»Darum geht es nicht«, unterbrach sie ihn. Sie machte eine Pause und biß sich auf die Unterlippe. »Dad ist nicht tot.«

Elliots Gesichtsausdruck wechselte von Verwirrung über Erleichterung zu Ärger, so heftig wie der Wind, der durch sein Haar peitschte.

»Ell, es ist nicht so, wie du denkst. Mom wollte, daß ich dir das sage. Sie hat mich in Julliard aus dem Unterricht geholt.«

Elliot sah seine Schwester an, als ob er ihr immer noch nicht so recht glauben könnte. Wegen ihrer gewöhnlichen Ehrlichkeit verwarf er diesen Gedanken jedoch gleich. »Was ist denn dann …«

»Jetzt ist keine Zeit für lange Erklärungen. Wir müssen nach Hause, und zwar schnell. Das ist unser erstes Problem.« Denise spielte auf den totalen Verkehrsstreik in der Stadt an, der nicht nur alle U-Bahnen und Busse, sondern auch Taxis betraf.

Elliot überlegte einen Augenblick, verwarf den Plan, den Central Park illegal zu durchqueren und bedeutete Denise dann, ihm zu folgen.

Es dauerte nur ein paar Minuten, von der 69sten Straße die zwei Blocks bis hinüber zum Broadway zu laufen. Sie überquerten den Broadway, um auf die Westseite zu gelangen, standen am Straßenrand und warteten. Sie warteten fünf Minuten. Zehn Minuten. Fünfzehn Minuten später hatten sie immer noch nichts gefunden, was einem Zigeunertaxi ähnelte.

»Bist du sicher, daß du weißt, woran man einen Zigeuner erkennt?«, fragte Denise.

»Nein«, gab Elliot zu. »Das ist ein Problem. Wenn man illegal umherfährt, versucht man, nicht aufzufallen. Es könnten schon ein Dutzend von ihnen an uns vorbeigefahren sein.«

»Wie finden wir dann eines?«

»Gar nicht. Wir warten, bis wir von einem gefunden werden.«

Wie um diese Methode zu bestätigen, hielt eine Minute später eine schwarze Limousine an der gegenüberliegenden Ampel. Der Fahrer – ein schwergewichtiger schwarzer Mann – winkte aus dem Fenster. Elliot winkte zurück und sagte dann leise zu Denise: »Ich werde den Preis aushandeln.«

In diesem Moment wurde die Ampel grün und die Limousine rollte heran. Der Fahrer griff nach hinten und öffnete die Tür auf der Gehwegseite. »Steigt ein.«

Elliot schüttelte seinen Kopf gerade so, daß Denise es sehen konnte und ging dann zur Fahrerseite herüber. »Wieviel?« fragte er.

Der Fahrer drehte an einem schlichten Goldring an seiner rechten Hand – eine nervöse Gewohnheit, vermutete Elliot. »Wohin wollt ihr?«

»Park Avenue zwischen der 74sten und der 75sten Straße.«

»Zweitausend Blaue – im Voraus.«

Elliot zuckte zusammen. Der Preis war viermal so hoch wie der, den ein zugelassenes Taxi einige Wochen zuvor für dieselbe Tour berechnet hätte. Der Fahrer drehte weiterhin seinen Ring hin und her. Elliot ging um das Auto herum, gab Denise das Zeichen einzusteigen und folgte ihr einen Augenblick später; das Auto fuhr jedoch nicht los. Der Fahrer wandte sich ihm zu und sagte: »Zuerst die Blauen.«

Elliot nahm seine Brieftasche heraus und reichte Scheine nach vorne. Es waren blaugefärbte Scheine, ohne Beschriftung auf der einen Seite, auf der anderen Seite hastig mit einem Schriftzug versehen, der sie als »gesetzliches Zahlungsmittel der Vereinigten Staaten von Amerika für alle öffentlichen und privaten Schulden« auswies. Es sah Monopoly-Geld zum Verwechseln ähnlich.

»Das sind nur Tausend«, sagte der Fahrer.

»Das stimmt«, entgegnete Elliot. »Sie werden die anderen Tausend bekommen, wenn wir da sind.« Der Zigeuner zuckte mit den Achseln, ließ den Motor aufheulen und mit einem Ruck setzte sich die Limousine den Broadway hinunter in Bewegung.

Keine Minute später, als das Auto die 65ste Straße passierte, beugte sich Elliot plötzlich nach vorne. »Hey! Sie haben die Abzweigung zum Park verpaßt.«

»Bleib ruhig, wir rechnen doch nicht nach Kilometern ab.«

Elliot begann über Möglichkeiten nachzudenken, wie Denise und er aus dem Auto springen könnten.

»Aber warum nehmen Sie nicht die Abkürzung?«

»Dort dürfen nur zugelassene Taxis und Busse entlangfahren – und dies hier ist ein Privatwagen, oder?«

»Tut mir leid.«

»Ist schon in Ordnung, Kumpel.«

Elliot entspannte sich dennoch erst, als die Limousine vor dem luxuriösen Hochhaus hielt, in dem sie wohnten. Ein uniformierter Pförtner, Jim, kam aus dem Gebäude, um ihnen die Autotür zu öffnen. Nachdem Elliot den Restbetrag plus einem Trinkgeld von dreihundert Neuen Dollar bezahlt hatte, stiegen Denise und er aus.

»Danke«, sagte Elliot.

»Jederzeit wieder, mein Freund.« Der Fahrer lächelte und fügte dann hinzu: »Nächstes Mal bist du vielleicht nicht so angespannt. Laissez-faire.«

Elliot wollte Jim gerade mit dem gewöhnlichen Lächeln begrüßen, aber Denise stieß ihrem Bruder an, der sich erinnerte, daß er wie jemand auszusehen habe, der unter schwierigen Umständen freundlich erscheinen möchte.

Als Jim die Gebäudetür öffnete, nickte er in Richtung eines halben Dutzend Reporter, einige mit Videokameras, andere mit Kassettenrecordern und wieder andere nur mit Notizblöcken, die am anderen Ende der Eingangshalle saßen. »Eure Mutter hat gesagt, daß ihr nicht mit ihnen sprechen sollt«, flüsterte Jim dem Pärchen zu.

Aber es war zu spät. Die Reporter sahen auf, als sie eintraten und stürzten sich dann im wahrsten Sinne des Wortes auf sie. »Hey, ihr seid die Vreeland Kinder, nicht wahr?« rief ein Mann und eilte mit seiner Kamera nach vorne.

Jim blockte ihn ab: »Mrs. Vreeland hat Interviews untersagt.«

Einer Frau von der Zeitung gelang es, Elliot den Weg zu versperren. »Bitte«, sagte sie, »sag uns nur die Todesursache.«

Elliot sah hilflos zu Denise hinüber.

»Ein Herzinfarkt heute am späten Vormittag«, erzählte Denise der Frau.

Sofort begannen die anderen, weitere Fragen in den Raum zu werfen, aber Jim hielt sie zurück, als Elliot und Denise aus der Eingangshalle zu den Fahrstühlen flüchteten. Glücklicherweise war gerade einer unten. Sie fuhren hinauf in den 50sten Stock und gingen zu ihrer Wohnung mit einer grauen Stahltür am anderen Ende des Flurs, die die Nummer 50L und den Namen Vreeland trug.

Es war ein warmes, luxuriöses Apartment mit Orientteppichen, vielen feinen Antiquitäten, einer Klimaanlage und vielen Bildern, hauptsächlich Acryl-Gouaches ihrer Mutter, Cathryn Vreeland, die eine kleine Anhängerschaft hatte. In der typischen New Yorker Art waren die Fenster und auch die Tür zur Wohnungsterrasse mit Jalousien versehen, die jetzt heruntergelassen waren, um die Wohnung gegen die Nachmittagssonne abzudunkeln.

Als Elliot und Denise die Wohnung betraten, hörten sie gedämpfte Stimmen aus dem elterlichen Schlafzimmer. »… politischer Selbstmord, glatter Wahnsinn«, entnahm Elliot aus einem leisen Flüstern. Sie gingen weiter durch den Flur ins elterliche Schlafzimmer, wo sich Dr. und Mrs. Vreeland über einen Hartschalenkoffer auf dem Bett beugten und mit merklichen Schwierigkeiten versuchten, diesen zu schließen.

Welche Zweifel auch immer Elliot noch gehabt hatte, sie verwandelten sich jetzt in eine ungeheure Erleichterung.

Die Vreelands bemerkten das Eintreten ihrer Sprößlinge nicht gleich, da sie so mit ihrer Diskussion und dem Schließen des Koffers beschäftigt waren. Dr. Vreeland sagte: »Man sollte meinen, daß sie zumindest intelligent genug wären, die EUCOMTO Politik zu befolgen, statt diesen Rückzug in weiteren Wahnsinn in Kauf zu nehmen.« Man hörte nur noch eine Spur seines gebürtigen Wiener Akzents heraus.

»Sie sind gefangen in ihrer eigenen Logik«, sagte Mrs. Vreeland, wobei sie fest auf den Koffer drückte. »Du hast es vorhergesagt und dich darauf vorbereitet, also hör auf, dich für etwas verantwortlich zu machen, das du nicht kontrollieren kannst.«

»Ich habe die Möglichkeit nicht ernst genug in Betracht gezogen, Cathryn. Ich hatte kein Recht, meine Familie zu aufs Spiel zu setzen …« Dr. Vreeland sah auf. »Gott sei Dank. Endlich seid ihr zu Hause. Haben sie euch in der Schule Schwierigkeiten gemacht?«

Denise schüttelte den Kopf. Elliot sagte mit einiger Überwindung: »Nein.«

Dr. Vreeland sah seinen Sohn mit plötzlichem Mitgefühl an. »Es tut mir furchtbar leid, Ell. Wir mußten dich so überrumpeln, damit meine Geschichte glaubwürdig erscheint. Du weißt, daß ich das nicht getan hätte, wenn es nicht nötig gewesen wäre.«

Elliot erzwang ein Lächeln. »Oh, ist schon in Ordnung, Dad.«

Sein Vater lächelte zurück. »Gut, und jetzt könnt ihr zwei uns sicherlich helfen, diesen verdammten Koffer zu schließen«, sagte er forsch.

KAPITEL 3

Vielleicht war die wichtigste Eigenschaft, von der Martin Vreeland sich leiten ließ, ein gründliches Studium der Geschichte.

Er hatte genug Erfahrungen mit der Politik gemacht, so daß er sich kaum Illusionen darüber machte, wie weit diejenigen, die an der Macht waren, gehen würden, um diese auch zu behalten – und noch weniger Illusionen machte er sich darüber, von wem und zu wessen Vorteil politische Macht immer ausgeübt wurde.

Hätte er nicht daran geglaubt, daß die Zahl der Unbestechlichen statistisch unbedeutend ist, wäre er ein Anarchist gewesen.

Sein neuester Bestseller, ›Keinen Heller wert‹, machte seine Ansichten zur gegenwärtigen Krise deutlich:

Der wahre Grund des allgemeinen Preisanstiegs, der normalerweise Inflation genannt wird, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der Geschichte: Er ist fast jedem außer den Opfern bekannt. Wenn man den meisten Debatten zu diesem Phänomen lauscht, könnte man glauben, daß es sich um eine Art Malaria handelt – immer noch unheilbar – die mit dem Chinin des allgemeinen Verzichts, maoistischer Selbstkritik und liberalen Dosen an Regierungskontrollen behandelt werden muß. Aber selbst heute kann man den Begriff ›Inflation‹ noch in den meisten Wörterbüchern nachschlagen und findet dann in seiner Definition eine genaue Diagnose der Krankheit und durch diese Diagnose auch ein Mittel zu ihrer Heilung.

Inflation ist der Prozeß, bei dem die Führungskräfte der Zentralbanken in Absprache mit Politikern – natürlich zum beiderseitigen Vorteil – gefälschte Quittungen für eine Ware ausstellen, die die Öffentlichkeit als Tauschmittel gewählt hat. Sie leiten diese Fälschungen an die weiter, die sie betrogen und gezwungen haben, diese zu akzeptieren.

Durch diesen Prozeß gewinnen sie Etwas für Nichts.

Diejenigen, die die Fälschungen akzeptiert haben, haben hingegen Nichts für Etwas bekommen. Sie merken dies jedoch nicht und berechnen ihre zukünftigen Ausgaben, als ob sie sogar mehr bekommen hätten.

Der erste Effekt davon, daß all dieses Nichts in Umlauf gebracht wird, ist eine Entwertung des Tauschmittels, die jeder als Preisanstieg bei allen Gütern wahrnimmt, da die Leute die Fähigkeit verlieren, zwischen Etwas und Nichts zu unterscheiden.

Der wichtigste Nebeneffekt sind Fehlinvestitionen in großem Ausmaß, die durch den allgemein falsch verstandenen Wohlstand verursacht werden.

In dem Augenblick, in dem dann mehr Nichts als Etwas gehandelt wird – unsere gegenwärtige Situation – tritt eine so heftige hedonistische Umkehr ein, daß sogar die Banker und die Politiker nur verlieren können.

Aber dann ist es schon zu spät für sie, sich selbst zu retten; darum versprechen sie sich auch nichts davon, uns zu retten.

Das Heilmittel für Inflation besteht darin, die Inflationierung zu stoppen.

Elliot hatte gewußt, daß sein Vater unter Beschuß stand, weil er die Wirtschaftspolitik der Regierung unaufhörlich und öffentlich angriff, aber Dr. Vreeland hatte ihm gesagt, daß direkte Repressalien relativ unwahrscheinlich wären. Ein Nobelpreis gewährt eine gewisse Sicherheit; der Bekanntheitsgrad eines Bestsellerautors verstärkt diese; die Popularität unter der Million Mitglieder der radikalen Bürger für eine freie Gesellschaft bietet sogar noch mehr Schutz; und was vielleicht am wichtigsten war, war sein weitverbreiteter guter Ruf unter den wirtschaftsliberalen Delegierten sowie die persönliche Freundschaft zum gegenwärtigen Kanzler des EUCOMTO, der Vertragsorganisation für den gemeinsamen europäischen Markt.

Jetzt erzählte Dr. Vreeland Elliot, daß er Vergeltungsmaßnahmen zwar für unwahrscheinlich, jedoch nicht für ganz und gar ausgeschlossen gehalten habe, besonders als Auftakt zu einem größeren politischen Aufruhr, welcher Art auch immer, so daß er zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatte. Dazu zählte die Einrichtung geheimer Verstecke und Asyle für eine eventuell notwendige Flucht, einschließlich umfangreicher Ausweichpläne für jedes Versteck. Er hatte es außerdem für ratsam gehalten, durch rechtzeitige Geschenke an ›unterbezahlte Beamte‹, Loyalitäten zu pflegen, die in unangenehmen Zeiten von Vorteil sein könnten.

Am heutigen Tage hatte letzteres sich ausgezahlt: Einer seiner Freunde beim FBI hatte ihm eine Nachricht zukommen lassen, daß sein Name auf einer Liste mit Personen aufgetaucht war, die am kommenden Wochenende heimlich verhaftet werden sollten.

»Wir verschwinden heute Abend«, sagte Dr. Vreeland. »Wir alle. Und wahrscheinlich fliehen wir aus einem Land, das jetzt eine Diktatur ist.«

Diese schlichte Verkündung erschütterte Elliots Sicherheitssinn fast so sehr wie die vorherige über den Tod seines Vaters. Obwohl er sich der gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Entwicklungen bewußt gewesen war – sogar in sie verwickelt gewesen war – hatte er gefühlsmäßig nie akzeptiert, daß diese einmal persönliche Konsequenzen für ihn haben könnten. Er verstand erst jetzt Mr. Harpers Warnung im Klassenzimmer, als Elliots Vater erklärte, was es mit seinem plötzlichen ›Tod‹ auf sich hatte.

»Wir haben nur wenig Zeit und viel zu tun«, sagte Dr. Vreeland zu Elliot und Denise. Die drei saßen am Eßtisch, während Cathryn Vreeland ein längst überfälliges Mittagessen für sich und ihren Mann zubereitete. »Jeder von uns hat notwendige Aufgaben zu erfüllen, die keine Fehler zulassen. Ein Ausrutscher, selbst wenn ihr ihn für unbedeutend haltet, könnte unseren Untergang bedeuten.«

»Haben wir überhaupt eine Wahl?«

Dr. Vreeland sah Elliot ernst an. »Natürlich«, antwortete er, und machte dann eine lange Pause. »Hört zu, ihr beiden. Ihr seid beide alt genug, um jede wichtige Entscheidung über euer Leben selbst zu treffen. Es ist viel zu spät für mich, euch Wertvorstellungen zu vermitteln; aber wenn ihr über diese Wertvorstellungen nicht verfügt, dann wäre ich kein guter Vater gewesen. Ell, in meiner Situation kann ich dir nur zwei Möglichkeiten anbieten: Entweder du verschwindest sofort, bevor du von meinen Plänen erfährst – in dem Fall wärst du von jetzt an völlig auf dich allein gestellt – , oder du akzeptierst meine Autorität ohne Einschränkungen bis wir sicher das Land verlassen haben.«

Zehn Sekunden verstrichen. Niemand sagte etwas. Schließlich brach Denise das Schweigen: »Wohin gehen wir, Daddy?«

»Alles zu seiner Zeit, mein Schatz. Laß mich einfach in meinem eigenen Tempo fortfahren.« Dr. Vreeland sah Elliot erneut an. »Du hast mir noch nicht geantwortet.« Elliot erwiderte langsam und bedächtig: »Du kennst meine Antwort, Dad.«

Dr. Vreeland nickte. »Denise?«

»Ich bin dabei«, sagte sie fröhlich. »Grüß den Broadway schön von mir.«

»Gut, offiziell gilt also …«

Dr. Martin Vreeland (so würde die Geschichte lauten), war aufgrund von Überarbeitung und dem Druck seiner öffentlichen Position an einem Herzinfarkt gestorben. Der offizielle Totenschein würde dies bestätigen und die Unterlagen seines persönlichen Arztes würden einen nicht existierenden vorherigen Infarkt bestätigen. Nach einer sofortigen familieninternen Bestattung am nächsten Nachmittag würde der Körper sofort eingeäschert werden. Den Nachbarn hatte man erzählt, daß Cathryn Vreeland und ihre Kinder die Nacht bei ihrer Schwägerin verbringen würden. Da sie keine Schwägerin hatte, würde man dies nicht so einfach verfolgen können.

»Wenn ihr nicht in der Lage seid, die Presse zu meiden, »sagte Dr. Vreeland, »dann sagt nichts sachliches. Gebt nur generelle und gefühlsbetonte Statements über mich ab.« Er lächelte: »Vorzugsweise natürlich lobende Äußerungen. Ich werde die Wohnung getarnt kurz nach fünf Uhr verlassen.«

Denise fragte: »Wird Jim es nicht ungewöhnlich finden, wenn ein Fremder, den er nicht hereingelassen hat, das Gebäude verläßt?«

»Nein. Erstens wird Dominic Dienst haben, wenn ich das Haus verlasse und wenn er mich sieht, wird er annehmen, daß dieser ›Fremde‹ vor seiner Schicht das Haus betreten hat. Zweitens habe ich nicht vor, das Haus durch die Eingangshalle zu verlassen. Ich werde den Feuerausgang nehmen, der zur 74sten Straße führt.«

Cathryn Vreeland brachte einen Teller mit Sandwiches aus der Küche und setzte sich zu ihrer Familie an den Tisch. »Frühstücksfleisch«, sagte sie. »Das war das Einzige, was es für meine Lebensmittelmarken gestern noch gab.«

Dr. Vreeland nahm sich ein Sandwich, biß hinein und verzog das Gesicht. Dann fuhr er fort zu reden und aß dabei: »Ihr drei werdet die Wohnung um 19:00 Uhr verlassen. Dann werdet ihr euch mit mir an der Westseite der Park Avenue bei der 70sten Straße treffen, wo ich mit einem Mietwagen auf euch warten werde – und um allen Fragen vorzugreifen: Alle Vorkehrungen sind bereits getroffen worden. Von dem Moment an, in dem wir in das Auto steigen, werden wir nicht mehr länger die Vreeland-Familie sein. Wir werden alle über eine vollkommen neue Identität verfügen, einschließlich Pässen, Ausreisegenehmigungen und Visa, natürlich alles auf unsere neuen Namen ausgestellt; diese werden wir verwenden, bis wir in unserem letztendlichen Zielland unsere wahre Identität preisgeben können.«

»Du hast uns immer noch nicht gesagt, wo das genau sein wird«, sagte Denise.

»Um ehrlich zu sein, weiß ich das selber noch nicht. Wir werden zum Internationalen Flughafen fahren, wo wir um 22:05 Uhr heute Abend den Air Quebec Flug 757 nach Montreal nehmen werden, eine der Städte, in denen ich Notreserven und einige Freunde habe. Vielleicht werden wir dort nur einige Tage verbringen, aber sollte es länger sein, werdet ihr die Gelegenheit haben, eure Französischkenntnisse anzuwenden.

»Et ensuite?« fragte Elliot.

»Trop compliqué«, erwiderte Dr. Vreeland, wobei er sich sowohl auf die Möglichkeit bezog, die Wahl des nächsten Reiseziels auszuwählen, als auch darauf, daß seine Sprachkenntnisse nicht ausreichten, das alles auf Französisch zu sagen.

Dr. Vreeland verharrte einige Sekunden, dann gelang es ihm, zu seinem ursprünglichen Gedankengang zurückzufinden. »Wenn ihr eure Besitztümer einpackt, denkt daran, daß alles, was unseren wirklichen Namen trägt – oder irgendwelche Bilder von mir – zurückgelassen werden muß, egal wie wichtig es euch erscheint oder wie wertvoll es ist.«

»Wir werden fast alles zurücklassen müssen, nicht wahr?« fragte Denise schweren Herzens.

»Leider ja. Es gibt hier nicht viel, was unersetzbar ist. Außerdem würde ich persönliche Besitztümer in keinem Fall als so wichtig erachten, daß sie es Wert wären, die Verhaftung meiner Familie zu riskieren. Selbst wenn eure Mutter mich für paranoid hält.«

»Das stimmt«, bestätigte Mrs. Vreeland.

Alle wandten sich ihr zu. Cathryn sagte selten unaufgefordert ihre Meinung; wenn sie es aber doch tat, verlangte sie vollste Aufmerksamkeit. Diese würde man ihr sowieso schenken, denn die Frau mit feuerroten Haaren könnte problemlos ein Fotomodell sein, und obwohl sie 39 Jahre alt war, verlangten Barkeeper immer noch ihren Altersnachweis. »Als Marty mir das erste Mal von seinem Plan erzählte, schlug ich vor, daß er allein gehen könnte, während wir lange genug zurückbleiben würden, um die Dinge hier legal regeln zu können. Er wollte aber nichts davon hören.«

»Und das will er immer noch nicht«, sagte Dr. Vreeland. »Ich bin nicht bereit, aus dem Land zu fliehen und meine Familie zurückzulassen, damit sie die Fragen des FBI beantworten muß. Es wird in den nächsten 24 Stunden zu viele Unstimmigkeiten in meiner Geschichte geben. Wenn wir das Land unter normalen Umständen verlassen würden, würden wir sowieso die meisten unserer Besitztümer verkaufen oder weggeben.

Eine Sache, die wir jedoch riskieren werden mitzunehmen«, fuhr Dr. Vreeland fort, »sind 25 mexikanische 50-Peso-Goldstücke, die zum heutigen europäischen Wechselkurs ungefähr elfeinhalb Millionen Neue Dollar wert sind.«

Elliot pfiff.

»Sei nicht zu beeindruckt. Als ich sie 1979 gekauft habe, habe ich nur neuntausend alte Dollar dafür bezahlt, und sie würden in Gütern heute ungefähr das Vierfache einbringen. Aber, Ell – dies betrifft jetzt dich persönlich – ich möchte nicht, daß der Wert des Goldes deine Gedanken vernebelt. Wenn ich durch seinen ›Verlust‹, oder dadurch, daß ich es als Bestechungsgeld zahle, unsere Fluchtchancen auch nur ein Fünkchen verbessern kann, würde ich nicht eine Sekunde zögern, dies zu tun.«

»Sind die Münzen hier?« fragte Elliot.

»Nein, das ist deine Aufgabe. Du wirst für mich nach Downtown gehen, um sie zu holen.«

Elliots Augen weiteten sich.

Einige Minuten später zog Dr. Vreeland Elliot alleine zu sich in das Elternschlafzimmer. »Du wirst zu einem etwas ›exotischen‹ Buchladen am Times Square gehen«, sagte Dr. Vreeland. Er schrieb die Adresse auf ein Stück Papier.

Elliot nahm das Papier, studierte es einem Augenblick und zerknüllte es dann. »Muß ich es jetzt aufessen?«

»Nicht unbedingt«, sagte sein Vater. »Deine Kontaktperson ist ein kahler, bärtiger Mann – etwas übergewichtig – mit Namen ›Al‹. Als Parole wirst du ihn nach einer Kopie von Keinen Heller wert fragen; denk daran, meinen Namen als Autor zu nennen. Sein Gegenparole wird sein, ›Ich verkaufe vielleicht schmutzige Bücher, aber ich führe nicht solchen Müll.‹ Deine Gegen-Gegenparole wird sein, ›Was empfehlen Sie mir stattdessen?‹. Er wird dich auffordern, in ein Hinterzimmer zu kommen und dir dort ein Paket geben. Die Münzen werden darin sein. Hast du das alles verstanden?« Elliot nickte.

Dr. Vreeland ging zu seiner Kommode und kam mit einer kleinen Schachtel zurück, die er öffnete. Darin war ein 38-Kaliber Peking Revolver, mit dem er und Elliot in New Hampshire geübt hatten. »Kannst du damit umgehen?« fragte Dr. Vreeland.

Elliot nahm die Pistole hoch, schwang die Walze heraus, wobei er zur Kenntnis nahm, daß alle sechs Kammern geladen waren, und ließ sie dann wieder einschnappen. »Ich kann damit umgehen.«

»Gut, aber benutze ihn lieber nicht.«

»Was ist, wenn ich von einem Polizisten angehalten werde?«

Dr. Vreeland atmete tief ein. »In unserer gegenwärtigen Situation muß ein Polizeibeamter genauso wie jeder andere potentielle Angreifer behandelt werden. Du kannst es dir weder leisten, mit einer Feuerwaffe noch mit Goldmünzen erwischt zu werden. Wenn du dir den Weg frei reden kannst, dann tu das. Aber wenn deine einzige Chance, das Treffen einzuhalten, der Einsatz dieser Waffe ist, dann sei es so.«

»Super Chance, die ich dann hätte.«

»Die Keynesische Polizei ist zur Zeit unterbesetzt« – Elliot zuckte bei dem Wortspiel zusammen – »Sie sind unterbezahlt und überarbeitet und stehen mal wieder kurz vor einem Streik. Wenn sie dich öffentlich verhaften, könnten sie einen Aufstand verursachen. Sie suchen aber keinen Ärger. Sonst noch etwas?«

Elliot machte ein ironisches Gesicht. »Hast du vielleicht noch mehr Munition?«

KAPITEL 4

Nachdem er durch den Feuerausgang nach draußen gekrochen war, um die Reporter zu meiden, die immer noch in der Eingangshalle warteten, lief Elliot energisch die Park Avenue hinunter, die sogar ohne den gewöhnlichen Fluß gelber Taxis sehr belebt war. Er ging auf das 30 Block entfernte PanAm-Gebäude zu, das jedoch nicht mehr der Fluggesellschaft gehörte. Dabei kam er an einem zwielichtigen Hotel nach dem anderen und einem verfallenen Gebäude an der 68sten Straße, einst das Hunter College, vorbei. Er bog nach Westen ab und gelangte auf die 59ste Straße, ging an Burger King, der Madison Avenue und der General Motors Plaza vorbei und lief dann die Fifth Avenue hinunter.

Touristen aus EUCOMTO-Staaten füllten die Avenue und kauften Schnäppchen aller Art, zur Bestürzung stolzer nationalistischer Amerikaner und zur Freude der Ladeninhaber, die auf die illegalen goldgedeckten Eurofrancs aus waren. Wo einst exklusive Geschäfte Kleidung von gutem Geschmack ausstellten, war der Dschingis Khan der letzte Schrei in der Modewelt: Mäntel aus metallic-silbernem Leder, die mit langem, schwarzem Affenfell besetzt waren.

An einem Lampenpfosten an der Ecke der 49sten Straße hing ein Schild; Elliot ging vorbei und nahm es kaum wahr.

WARNUNG!

an PLÜNDERER, VANDALEN, STRASSENRÄUBER, TASCHENDIEBE und andere KRIMINELLE. In diesem Gebiet patrouillieren BEWAFFNETE WACHEN mit dem Befehl, unsere Geschäfte und Kunden MIT ALLEN MITTELN vor euch zu schützen.

NEHMT EUCH IN ACHT!

- Händlervereinigung der Fifth Avenue-

Ungefähr 50 Minuten, nachdem er das Haus verlassen hatte, betrat Elliot einen kleinen Buchladen in der westlichen 42sten Straße 204, gerade außerhalb der staatlichen Renovationszone. Er lag gegenüber dem Gebäude am Times Square 1, das ursprünglich das Gebäude der New York Times war, bekannt als der Alliierte Chemieturm, jetzt ein Staatsgebäude, das ironisch Orakelturm genannt wurde.

Der Rabelais Buchladen war leer, als Elliot ankam; ein Mann saß auf einem Stuhl hinter dem Tresen, ein Schild hinter ihm verkündete in großen schwarzen Buchstaben, SEI 21 ODER MEHR, BIST DU’S NICHT, KOMM NICHT MEHR HER. An der einen Wand standen klassische Titel wie Ein Pilgerer aus Leidenschaft, Seelen der Vorstadt, Beruf der Liebenden und Außerirdische Schlampen; die andere Wand bot konservativere Titel von Salinger, Hemingway und Joyce.

Wenn der Mann, der hinter der Registrierkasse saß ›Al‹ war, dachte Elliot, dann war sein Vater überaus taktvoll gewesen. Er war nicht ›etwas übergewichtig‹, sondern richtig fett, so daß er es vielleicht auf 300 Pfund brachte. Sein Dreifachkinn, das man nur erahnen konnte, war gut hinter einem dicken schwarzen Bart versteckt, der im Kontrast zu seiner Glatze stand. Er kaute etwas, von dem Elliot zunächst dachte, daß es Kaugummi sei, dann aber merkte, daß es sich um Tabak handelte und las Jean-Paul Sartres Der Ekel, was zu Elliots erster Reaktion auf den Mann paßte.

Elliot näherte sich ihm vorsichtig. »Ich hätte gerne eine Kopie von ›Keinen Heller wert‹ von Martin Vreeland«, sagte er planmäßig.

Der Mann senkte sein Buch, spuckte den Tabak zu Elliots Erleichterung in einen Spucknapf und inspizierte Elliot sorgfältig. »Bist du sein Sohn?« fragte er schließlich. Das entsprach nicht dem Plan.

Elliot nickte zögernd. »Sind Sie Al?«

»Jo«, sagte er, indem er sich mit beträchtlichen Schwierigkeiten von seinem Hocker hochhiefte.

»Komm mit, es ist hinten.«

Elliot verlor die Fassung. »Brauchen Sie mein Kennwort denn gar nicht?« platzte er heraus.

»Nee. Du siehst genau aus wie dein alter Herr.«

Al führte Elliot durch eine mit Vorhängen versehene Tür in eine Ecke seines Hinterzimmers, und deutete auf einen länglichen, mit Büchern gefüllten Karton auf dem Boden. »Hilf mir mal damit.«

Elliot packte den Karton an einer Ecke, dann hoben sie ihn gemeinsam beiseite, so daß eine Öffnung in dem Linoliumfußboden sichtbar wurde. Al entnahm dieser ein in schwarzes Plastik versiegeltes Päckchen und überreichte es ihm. »Die Münzen sind hier drin«, sagte er. »Zähl nach, wenn du willst. Ich muß nach vorn. Wenn du mich brauchst, ruf einfach.«

Elliot sah Al neugierig an. »Äh – darf ich Ihnen mal eine persönliche Frage stellen?«

»Weiß nicht, bevor ich die Frage nicht kenne.«

»Naja … wenn Sie wußten, was hier drinnen ist, weshalb haben Sie es nicht einfach genommen und sind damit abgehauen? Der Besitz von Gold ist illegal. Wir hätten Sie nicht anzeigen können.«

Al lachte herzlich. »Ich dachte, du willst wissen wieviel ich esse oder so. Ich habe das Gold nicht genommen, weil es mir nicht gehört.« Er drehte sich um, und ging nach vorne.

Nachdem er das Päckchen auf einen Tisch in der Nähe gestellt hatte, öffnete Elliot die versiegelte Plastikhülle. Darin steckte ein speziell angefertigter Ledergürtel – ungefähr einen Meter lang und fünf Zentimeter breit – ohne Lasche oder Öse, statt dessen mit einer beweglichen Schnalle. Ganz am Ende befand sich ein durch zwei Lederlaschen verdeckter Reißverschluß. Elliot entfernte die Schnalle, machte den Reißverschluß auf und entfaltete das Leder.

Er fand darin fünfundzwanzig mexikanische 50-Peso Goldstücke, eingesetzt in passende aus dem Leder ausgeschnittene Löcher, die sich über die Länge des ganzen Gürtels erstreckten. Die Goldstücke füllten den Gürtel prachtvoll auf nahezu seiner gesamten Länge aus. Sie waren wunderschön gearbeitet, in tadellosem Zustand und verbreiteten selbst im spärlichen Licht des Hinterzimmers einen beachtlichen Glanz.

Jede Münze hatte ungefähr einen Durchmesser von vier Zentimetern. Der traditionelle Adler, mit einer Schlange im Schnabel, schmückte die Vorderseite jeder Münze, auf der Rückseite befand sich eine geflügelte Nike – die Göttin des Sieges – die einen Kranz trug und zu ihrer Rechten stand das 50-Peso Zeichen; zu ihrer Linken die legendären 37.5 Gramm ORO PURO. Elliot nahm seinen eigenen Gürtel ab und ersetzte ihn durch den neuen, den er doppelt durch einige Gürtelschlaufen ziehen mußte, da er zu lang für seine Taille war. Dann zog er sein Jackett und seine Jacke wieder richtig an.

Al war mit einem Kunden beschäftigt, als Elliot wieder nach vorne kam; er blieb höflich im Hintergrund und wartete auf eine passende Gelegenheit, um sich verabschieden zu können. Er unterdrückte das Verlangen – eher aus Verlegenheit, denn aus anderen Gründen – seine Zeit mit dem genauen Studium von Als erotischer Sammlung zuzubringen, und wechselte statt dessen zwischen der Beobachtung von Als Unterhaltung – es war unmöglich sie zu belauschen, weil das Radio so laut spielte – und den BÖI-Nachrichten, die über den Oracle Tower flimmerten.

BEWAFFNETE SICHERHEITSBEAMTE WURDEN AUS FORT KNOX, KENTUCKY ABGEZOGEN. EIN JAHR NACH DER ANKÜNDIGUNG, DASS U. S. GOLDRESERVEN ERSCHÖPFT SIND …

Elliot wurde plötzlich von dem merkwürdigen Gefühl eines Déjà-vu-Erlebnisses eingeholt. Er sah, daß Al etwas mit seiner Hand tat, doch er konnte nicht genau sagen, was es war.

PRÄSIDENT LEITET PHASE 7 DER WIRTSCHAFTSPOLITIK EIN, AUSWEITUNG DER LOHN- UND PREISKONTROLLEN UND DER RATIONIERUNG.

Der Kunde kaufte ein Buch, aber Elliot konnte das Gefühl nicht loswerden, daß er etwas Wesentliches bemerkt hatte, jedoch nicht darauf kam, was dieses Etwas war.

FBI-CHEF POWERS SCHREIBT BOMBENANGRIFFE AUF FBI-GEBÄUDE DEM ILLEGALEN REVOLUTIONÄREN AGORISTISCHEN KADER ZU …

Die Dämmerung setzte schon ein, als der Kunde einen Augenblick später das Geschäft verließ; Elliot trat an den Ladentresen vor und dankte Al für seine Hilfe. »Nicht der Rede wert« , sagte Al, »das Mindeste was ich unter diesen Umständen tun konnte – da dein alter Herr tot ist und so.«

»Woher wissen Sie … ?«

»Sie haben’s im Radio gebracht, während du dahinten warst«, unterbrach ihn Al.

Elliot fühlte sich ein wenig unwohl damit, diese Scheinwahrheit gegenüber einem Mann aufrecht zu halten, den sein Vater – bei dem, was er getan hatte – als Vertrauten betrachtete; nichtsdestotrotz interpretierte er die Anweisungen seines Vaters so, daß niemand außerhalb der Familie die Wahrheit kennen sollte. »Tja, ich mache mich besser auf den Weg.«

»Halt die Augen offen«, erwiderte Al. »Dies ist eine lausige Gegend, wenn man nachts alleine ist. Laissez-faire.«

Plötzlich war alles klar: Al trug einen schlichten Goldring an seiner rechten Hand und während seiner Verhandlungen mit dem Kunden hatte er ihn hin- und hergedreht – genauso wie der Zigeuner.

Elliot dachte kurz daran, Al zu fragen, ob das Hin- und Herdrehen des Ringes etwas zu bedeuten habe, doch er dachte, jede weitere Frage wäre zu neugierig. Außerdem war es verrückt – und er sollte sich lieber schleunigst auf den Heimweg machen, wenn er noch genügend Zeit zum Packen haben wollte.

“Laissez-faire,” antwortete er.

Al grinste nur.

Es war fast zehn vor sechs, als Elliot wieder das Apartmentgebäude betrat. Die Reporter hatten die Lobby verlassen. Diesmal war Dominic an der Tür, ein kleiner Puertoricaner, den er auf seinem Weg zum Fahrstuhl grüßte.

Er wartete einige Minuten, bevor ein Fahrstuhl kam, stieg ein, fuhr bis zum fünfzigsten Stockwerk durch und kramte nach seinem Schlüssel, während er den Flur zum Apartment hinunterging. Nachdem er die richtigen Schlüssel in der korrekten Reihenfolge benutzt hatte, öffnete er die Tür und rief: »Bin wieder da!«

Er erhielt keine Antwort. Elliot schaute in das Schlafzimmer seiner Eltern, aber es war niemand da. Auch Denises Zimmer war leer. Er schaute in sein eigenes Zimmer, in das Gästezimmer, in die Badezimmer, und sogar in die Abstellkammern, nirgends ein Lebenszeichen, und auch die Koffer waren alle verschwunden.

Er begann seine Suche von neuem mit dem Gedanken, daß es eine plötzliche Planänderung gegeben haben mußte, und daß sich irgendwo eine Nachricht befinden müsse. Angefangen von den Badezimmerspiegeln bis zur Pinnwand in der Küche untersuchte er alles auf das Genaueste. Erst jetzt begann Elliot Vreeland langsam zu begreifen, daß er alleine war.

Es gab keine Nachricht.

KAPITEL 5

Bei seiner dritten Runde durch das Apartment – er trug immer noch seine Jacke – bemerkte Elliot Anzeichen von Besuchern, die gekommen sein mußten, bevor seine Familie gegangen war. Zigarettenstummel befanden sich in einigen der Aschenbecher und niemand in seiner Familie rauchte.

Niemand außer Denise – verbesserte sich Elliot – und sie rauchte auch nur, wenn ihre Eltern es nicht sehen konnten. Wer immer es gewesen war, er oder sie mußten sich eine gewisse Zeit im Apartment aufgehalten haben, sonst hätte die Zeit nicht für mehr als ein oder zwei Züge ausgereicht.

Aber wer war es gewesen und was könnte er – oder sie – gesagt haben, um seine Familie dazu zu bringen, das Apartment so einfach ohne Nachricht zu verlassen?

Elliot näherte sich dem Problem systematisch. Zuerst ging er zu dem Intercom Bildschirm hinüber und rief die Lobby an. Der Türsteher erschien auf dem schmalen Bildschirm und sagte mit einem ausgeprägten puertoricanischen Akzent: »Sie sprechen mit Dominic«.

»Elliot Vreeland, 50 L.«

Ob er in den letzten paar Stunden Besucher hinaufgeschickt habe? »Nein, Sir. Niemanden.«

Wann seine Schicht begonnen habe? »Fünf Uhr«.

Ob er die ganze Zeit, seit fünf Uhr, an der Tür gewesen sei? Dominic machte ein Gesicht, als ob er der Desertion in Kriegszeiten angeklagt worden wäre. »Ja, Sir.«

Elliot dankte ihm und beendete die Verbindung.

Als nächstes wandte er sich an Mrs. Allen, die engste Freundin seiner Mutter, in der gegenüberliegenden Wohnung. Sie war eine eher plumpe, fröhliche Witwe in den Siebzigern; als sie Elliot jedoch diesmal sah, war sie nicht mehr so fröhlich. »Oh, mein lieber Junge. Welch ein tragischer Tag! Ich weiß, wie schwer das für dich sein muß. Als ich meinen armen Gustav verloren habe …«

Bevor sie ihm von dem armen Gustav erzählen konnte, sagte Elliot: »Mrs. Allen, wissen Sie, wo ich meine Mutter und meine Schwester finden kann?« Er wahrte den Schein, nur für alle Fälle.

»Ja aber, selbstverständlich, Liebes.«

»Wo?« fragte er gespannt.

»Sie sind zur Schwägerin deiner Mutter gefahren. Mein Liebes, haben sie dir das nicht gesagt?«

»Uh – ja«, erwiderte Elliot, während alle Hoffnung in ihm zusammenbrach. »Das muß ich wohl bei all dem Durcheinander vergessen haben.«

»Oh, du armes Ding. Möchtest du nicht vielleicht auf einen heißen Kakao hereinkommen, um deine Nerven ein wenig zu beruhigen?«

Elliot dankte ihr herzlich, lehnte jedoch ab und sagte, er folge besser den anderen, sonst mache man sich noch Sorgen um ihn.

Er kehrte zum Apartment zurück und ging, nachdem er die Nummer für Air Quebec nachgeschlagen hatte, zum Bildtelefon im Schlafzimmer seiner Eltern, um dort anzurufen und nachzufragen, ob eine Nachricht für ihn hinterlegt worden sei. Er benutzte den Codenamen der Familie, den sein Vater ihm gegeben hatte und sagte, daß sie an diesem Abend mit dem Flug 757 nach Montreal aufbrechen wollten, jedoch unglücklicherweise getrennt worden wären.

Eine attraktive Air Quebec Hosteß von der Reservierung ließ ihn mit französischem Akzent wissen, daß die Unternehmenspolitik es ihnen nicht gestatte, persönliche Mitteilungen zwischen Passagieren weiterzuleiten. Sie könnte die Familie jedoch am Flughafen ausrufen lassen.

»Uh – nein danke.« Dann ein Geistesblitz. »Ist die Reservierung noch gültig?«

Sie gab Daten in ihr Kontrollpult ein und drehte sich dann wieder zur Kamera. »Ja, die Reservierung steht noch. Möchten Sie irgendwelche Änderungen vornehmen?«

»Nein, Danke«, antwortete Elliot erleichtert. »Vielen Dank.«

Die Reservierung war noch gültig; sie war nicht verändert oder aufgehoben worden. Was immer seine Familie genötigt hatte, das Apartment so früh zu verlassen, sie mußten ihn wie geplant um sieben Uhr am Treffpunkt Park Avenue erwarten.

Er schaute auf seine Uhr. Es war erst halb sieben. Er hatte dreißig Minuten verschwendet, es blieb ihm jedoch noch genug Zeit zu packen und – wenn er sich beeilte – pünktlich am Treffpunkt zu sein.

Elliot wollte sich gerade auf den Weg in sein Zimmer machen, als er plötzlich hörte, wie die Wohnungstür geöffnet wurde.

Es konnte niemand außer seiner Mutter oder Denise sein.

Er wollte gerade rufen, hielt aber im letzten Augenblick inne. Er hörte Stimmen, fremde männliche Stimmen. Dies versetzte ihn in vollste Alarmbereitschaft. Elliot bewegte sich langsam wieder in das Schlafzimmer seiner Eltern zurück und hörte gerade noch rechtzeitig eine Stimme sagen: »Überprüf besser das große Schlafzimmer.«

Elliot schlüpfte schnell in den großen Schrank und schloß die Tür. Er wartete im Stockdunklen und hörte sein Herz rasen, als die Schritte am Schrank vorbeikamen, in Richtung auf das Bad leiser wurden und nach der Überprüfung wieder zurückkehrten. Als er sich sicher war, daß der Eindringling, wer auch immer es war, das Zimmer wieder verlassen hatte, kletterte Elliot aus dem Schrank heraus, schloß die Schlafzimmertür bis auf einen ganz kleinen Schlitz und preßte sein Ohr ganz fest daran, um der Unterhaltung folgen zu können.

Nach einer halbminütigen Pause fragte eine andere Stimme – eine hellere Stimme, die sich so anhörte, als käme sie von einem jüngeren Mann: »Wie lange, glaubst du, müssen wir warten?«

»Weiß nicht«, sagte die erste – tiefere, schroffere – Stimme. »Er kann jederzeit kommen.«

Das machte die Situation schon etwas deutlicher. Sie warteten – höchstwahrscheinlich jedenfalls – entweder auf ihn selbst oder auf seinen Vater.

Die jüngere Stimme sprach wieder: »Mein Gott, ich habe den Boß noch nie so stocksauer erlebt.«

»Wir werden noch verdammt viel mehr davon erleben, wenn der Junge dir wieder durch die Lappen geht.«

»Mir? Wie zum Teufel hätte ich wissen sollen, daß du …«

»Halt die Klappe.«

Elliot wußte jetzt, was Sache war. Aber was wollte der Boß mit ihm?

Die logischen Antworten darauf waren eher entmutigend. Die Deckung seines Vaters könnte aufgeflogen sein, die Behörden – wahrscheinlich das FBI – wollten Elliot als Köder, um ihn zu fangen. Vielleicht wollten sie, daß Elliot Fragen über die politischen Tätigkeiten seines Vaters beantwortete – besonders wenn sie ihn immer noch für tot hielten. Es war sogar möglich, daß sie herausgefunden hatten, daß Elliot ein Vermögen in Goldmünzen mit sich herumtrug.

Dieses letzte lag ihm auf der Seele. Wie könnten die Behörden davon erfahren haben? So weit wie er unterrichtet war, wußte Al als einzige Person außerhalb der Familie etwas von dem Gold. Aber wenn Al beabsichtigt hätte, die Informationen weiterzugeben, hätte er dies schon viel früher tun können, oder er hätte einfach einen Grund erfunden, um ihm den Gürtel nicht übergeben zu müssen.

Außerdem war Elliot vorsichtig gewesen, Al gegenüber hatte er nicht durchblicken zu lassen, daß er nach Hause wollte, … obwohl, wenn er so wichtig war, daß man ihm sogar folgte, hätte man möglicherweise sowieso Männer zum Apartment geschickt.

Wie auch immer, eine wichtige Frage war beantwortet. Die Männer da draußen waren Feinde und er mußte entfliehen.

Bewaffnete Konfrontation war zu riskant. Gab es noch einen anderen Weg, der aus der Wohnung hinausführte? Die einzige Tür, die in den Flur des Gebäudes führte, war im Wohnzimmer. Stop mal. Es gab auch noch das Fenster da drüben.

Er würde leicht hindurch passen, aber er wäre immer noch im fünfzigsten Stock, und selbst wenn er von Terrasse zu Terrasse spränge, käme er keinesfalls weit genug nach unten. Aber wenn er ein Seil finden würde, vielleicht könnte er sich dann bis zur nächsten Terrasse herunterlassen, einbrechen und durch dieses Wohnzimmer entfliehen. Falls die Nachbarn nicht zu Hause waren … 50 L, 49 L … Das wären die Herberts. Und die waren letzten Monat ausgezogen, als Mr. Herberts Immobilienfirma Pleite machte. Die Wohnung stand immer noch leer.

Elliot kehrte zum Schlafzimmerschrank zurück, drehte das Licht an und begann herumzusuchen. Zuerst brauchte er ein starkes Seil – mindestens zehn Meter lang – und er begann, nach dem Nylonseil Ausschau zu halten, das sie immer zum Festmachen ihres Schnellbootes am Lake Winnipesaukee benutzten. Sie nahmen es im Winter immer mit nach Hause, da schon zwei dieser Seile aus dem Bootshaus entwendet worden waren. Er konnte es nicht finden. Verdammt! Sein Vater mußte es vergessen haben und jetzt würde es bestimmt schon wieder jemand gestohlen haben. Elliot mußte lächeln, als ihm deutlich wurde, wie gleichgültig das jetzt war.

Ein paar weitere Minuten des Suchens förderten nichts Nützlicheres zu Tage als eine zwölf Meter lange Plastikwäscheleine, die er auf einem Karton voller Kopien von ›Keinen Heller wert‹ gefunden hatte. Elliot maß die Leine auf vier Armspannen aus und testete sie dann. Die Leine würde sich höllisch dehnen, aber wenn er sie doppelt nahm würde sie sein Gewicht vielleicht halten. Wenn er Sex und hartem Alkohol für den Rest seines Lebens abschwor … und außerdem mußte Vollmond sein, damit es gelang.

Ohne Zeit zu verlieren, lief Elliot zum Terrassenfenster hinüber. Er hatte es gerade einen Spalt breit geöffnet, als er einen lauten Knall hinter sich hörte. Elliot wirbelte herum, aber es war niemand da. Dann verstand er, was passiert war. Der Windzug, der durch das Öffnen des Fensters entstanden war, hatte die angelehnte Schlafzimmertür zugeknallt.

Elliot zog sofort seinen Revolver, ließ sich automatisch in Schießstellung auf ein Knie fallen und zielte auf die Tür. Er atmete schwer – nervöse, kurze Atemzüge …

Niemand betrat den Raum.

Er verharrte in dieser Position, aber nichts rührte sich. Dann bewegte er sich leise auf die Tür zu und preßte sein Ohr dagegen. Er hörte – sehr leise – daß die zwei Männer im Wohnzimmer immer noch redeten. Entweder hatten sie nichts gehört oder das Geräusch ignoriert.

Elliot entspannte sich wieder so weit, um seine Pistole zurückzustecken und drehte sich zum Fenster, das sich jetzt ohne Schwierigkeiten öffnen ließ.

Es schien etwas kälter zu sein als während des Tages. Als er hinauskletterte, konnte er seinen Atem hell erleuchtet vom Schlafzimmerlicht sehen.

Der Mond war alles andere als voll.

Die Terrasse lag zur Park Avenue heraus und nahm die halbe Wohnungslänge ein; das Schlafzimmerfenster war am anderen Ende, weit entfernt vom Wohnzimmer. Nichts Geringeres als eine kleine Explosion, konnte dort von irgendwem gehört werden. Indem er das Fenster schloß, um die eindringende kalte Luft daran zu hindern, ihn möglicherweise zu verraten, blickte er über die Straße auf das gegenüberliegende Hochhaus und ihm wurde plötzlich klar, welch ein wahnsinniges Risiko er eingegangen war. Falls irgendwer sein Apartment beobachtete, würde seine Silhouette am Fenster ganz deutlich sichtbar geworden sein. Nichtsdestotrotz, es blieb keine Zeit für Schuldzuweisungen und Elliot konnte keine Beobachter entdecken.

Nachdem Elliot die Wäscheleine doppelt gelegt hatte, schlang er sie unten um das Geländer; dies sollte nicht nur die Verwendbarkeit des jetzt nur noch ungefähr sechs Meter langen Seiles erhöhten, sondern auch die Krafteinwirkung auf das Geländer vermindern. Nun testete er seine Befestigung durch kräftiges Ziehen des Seiles. Es hielt. Er wünschte, daß es eine Möglichkeit gäbe, das Seil um seine Taille zu schlingen, aber dafür war es einfach zu kurz. Er gab sich damit zufrieden, das Seil mehrere Male um sein rechtes Handgelenk zu binden.

Die Terrassen lagen direkt übereinander, es würde also nichts als Luft zwischen ihm und dem zweihundert Meter entfernten Boden liegen, während er sich hinunterließ. Er würde außerdem ein paar Fuß ausschwingen müssen, wenn er unten war, damit er genügend Schwung bekam, um auf die untere Terrasse springen zu können.

Während er sich schwor, nicht nach unten zu schauen, kletterte Elliot über das Geländer, wobei er sich mit seiner linken Hand festhielt, bis er mit dem Rücken gegen den Abgrund und mit den Zehen eingeklemmt zwischen der schmalen Spalte des Geländerendes und des Terrassenbodens stand. Er holte tief Luft. Nun kam der riskante Teil – langsam das Gewicht auf die Leine übertragen, ohne hineinzufallen wie ein nasser Sack.

Er konnte sich nicht vorstellen, daß die Leine einem solchen Ruck standhalten würde.

Kein Grund zum Zögern.

Indem er die Leine fest mit seiner Rechten umklammert hielt, und das Geländer mit seiner Linken, ließ sich Elliot langsam auf seine Knie hinunter, bis er sich vorsichtig ausbalanciert hatte, mit den Kniescheiben fest gegen das untere Ende des Geländers gestemmt und mit den Füßen frei in der Luft schwebend.

Dann ließ er langsam die Knie vom Terrassenboden gleiten und übertrug so vorsichtig sein gesamtes Gewicht auf die Wäscheleine, wobei er sich jedoch immer noch am Geländer festhielt.

Das Geländer wurde langsam aus dem Boden gehoben.

Die nächsten paar Sekunden verschwamm alles vor Elliots Augen. Alles, was er wußte, war, daß er plötzlich mitten in der Luft hing und wild mit den Beinen strampelte. Ein stechender Schmerz durchfuhr sein linkes Handgelenk, als das Seil hineinschnitt. Und es bestand keine Möglichkeit, sich weiter hinunter zu lassen, ohne das Seil zwischen sich und dem Abgrund loszulassen.

Sieh nicht runter, befahl er sich nochmals, dann begann er sich langsam – unter extremen Schmerzen – hochzuziehen. Das Geländer kam einen weiteren Zentimeter aus dem Boden heraus. Er schaffte es, sich hoch genug zu ziehen, um das Geländer wieder direkt zu umfassen und einen endlosen Moment lang, den er sich niemals wieder deutlich ins Gedächtnis würde rufen können, gelang es ihm, sich – Knie für Knie – wieder zurück auf den Terrassenboden zu ziehen. In den folgenden Sekunden kletterte er wieder auf seine Füße und zurück über das Geländer auf die Terrasse. Dort blieb er für einige Minuten nahezu bewußtlos liegen.

Als er wieder dazu imstande war, untersuchte er sein Handgelenk an der Stelle, wo die Leine hinein geschnitten hatte; abgesehen von einem roten Striemen und einem leichten Stechen schien es in Ordnung zu sein. Er unterzog die Leine einer genaueren Betrachtung. Sie war ebenfalls unbeschädigt. Er inspizierte die Pfosten des Geländers und sah, daß nur einer von ihnen lose war. Wenn er die Leine weiter unten verankern würde – und sie diesmal rechts und links festmachte, so daß sie sich nicht bewegen könnte – könnte er es noch einmal versuchen.

Aber er wußte, daß er es nicht tun würde. Nicht daß er ein Feigling war – obwohl er im Augenblick durchaus die Vorzüge eines solchen einsah – aber eine Plastikwäscheleine an einem Geländer mit einem losen Pfosten hinunter zu klettern war nicht Elliots Vorstellung von Heldentum. Es war seine Vorstellung vom Tod. Sein Glück hatte ihm einmal beigestanden, aber er wollte es nicht überstrapazieren. Er würde einen Schußwechsel dieser Alternative um vieles vorziehen. Mehr noch, in diesem Moment würde er sich jedem, der an seiner Stelle diese Aktion noch mal hätte versuchen wollen, in den Weg stellen.

Es mußte eine andere Möglichkeit geben. Es mußte.

Elliot robbte auf dem Bauch über die Terrasse, bis er sich vor der Tür befand und unter den Jalousien hindurch ins Wohnzimmer sehen konnte. Dies ermöglichte ihm einen ersten Blick auf seine Kontrahenten. Sie waren nur zu zweit. Beide Männer waren schlicht gekleidet. Einer mußte Mitte dreißig sein, der andere so mittleren Alters. Der ältere Mann hatte seine Jacke ausgezogen, wodurch ein Schulterhalfter und eine Pistole deutlich sichtbar waren – und dieser Mann war muskulös genug, um Elliot jede Lust auf einen Zweikampf mit ihm zu nehmen. Auf jeden Fall befanden sich beide noch im Wohnzimmer und um dies herauszufinden hatte er sich herangepirscht.

Elliot zog sich in seinen Unterschlupf zurück, machte das Seil wieder fest und warf es dann über das Geländer, so daß die Enden direkt bis auf die darunterliegende Terrasse hingen. Dann öffnete er das Fenster wieder, kletterte hinein und ließ es diesmal offen stehen. Er war sich keineswegs sicher, daß sein Geistesblitz realisierbar war. Doch er schien ihm weniger beunruhigend als die Alternativen.

Nachdem Elliot seinen Revolver gezogen hatte, zielte er auf das Fenster in Richtung Himmel und schoß. Obwohl er darauf gefaßt gewesen war, erstaunte ihn die Explosion. Er stürzte auf die Schlafzimmertür zu, durch sie hindurch und schloß sie von der anderen Seite. Dort stand er gegen die Wand gepreßt, die an das Wohnzimmer angrenzte.

Hatten sie angebissen? Elliot riskierte einen Blick um die Ecke. Ja! Beide Männer waren auf die Terrasse geeilt, um zu sehen, woher die Explosion kam; der ältere der Männer lief gerade auf die Terrasse, als Elliot um die Ecke schaute.

Nachdem er noch einen winzigen Augenblick länger gewartet hatte, schoß Elliot durch das Wohnzimmer und entfloh durch die Halle. Es würde nur wenige Sekunden dauern, bis die beiden schlußfolgerten, daß jemand gerade an dem Seil heruntergeklettert war, und sich eiligst aufmachen würden, das Apartment ein Stockwerk tiefer zu durchsuchen. Elliot dachte kurz nach, rannte dann in den Wäscheraum und schloß die Tür hinter sich.

Einige Sekunden später hörte er sie durch die Halle rennen. Die zwei Stimmen schienen genau vor dem Wäscheraum halt zu machen. »Er ist bewaffnet«, sagte die ältere Stimme. »Wahrscheinlich ist das Ding versehentlich losgegangen, als er runtergeklettert ist.«

»Glaubst du, er weiß, daß wir seine Familie haben?«

Elliot war zu benommen, um wahrzunehmen, wie die Antwort lautete; möglicherweise hatte der ältere Mann die Achseln gezuckt oder den Kopf geschüttelt. »Aber er weiß, daß wir ihn wollen. Ich nehme mir das untere Apartment vor. Du rufst den Boß an. Na los, beweg dich.«

Elliot hörte, wie die Feuertür geöffnet wurde und wieder zuschlug, dann, wenige Sekunden später, hörte er ein leiseres Klicken, als die Wohnungstür wieder geöffnet wurde. Es rauschte in seinen Ohren, während er krampfhaft versuchte, seine Fassung wiederzuerlangen. Er war mit der Absicht geflüchtet, seine Familie am Flughafen zu treffen.

Sie würden nicht da sein.

Er wußte jetzt, wer die Besucher gewesen waren.

Er wußte, weshalb es keine Nachricht gab – weshalb die Reservierung für den Flug noch intakt war.

Der Plan seines Vaters war brillant gewesen. Was war bloß schief gelaufen?

Dr. Vreelands Worte hallten in seinen Ohren. »Ein Ausrutscher – selbst einen, den du für unwesentlich hältst – kann unseren Untergang bedeuten.«

War es sein Fehler? Verschuldete er die Festnahme seiner Familie, weil er es nicht geschafft hatte, das verabredete Kennwort von Al zu erhalten?

Elliot bemerkte, daß er am ganzen Körper zitterte und ärgerte sich über sich selbst. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um die Nerven zu verlieren. Er mußte hier schnell raus. Die Treppen? Nein, der ältere der Männer war da unten.

Er streckte seinen Kopf durch die Tür, dann den Rest seines Körpers, drückte als nächstes den Knopf für den Fahrstuhl und zog sich wieder in den Wäscheraum zurück. Eine endlose Minute später kam der Fahrstuhl endlich. Leer.

Elliot stieg ein, fuhr schnurstracks nach unten, rannte durch den Notausgang der 74sten Straße hinaus und von dort aus in die bittere Kälte der Stadt.

KAPITEL 6

Elliot war nicht mehr als ein paar Häuserblocks gerannt, als Atemnot ihn in eine kleine Gasse zwang. Dort lehnte er sich einfach gegen die Betonwand und ließ die Ereignisse des Tages an sich vorüberziehen. Einige Minuten später, als er etwas aufgehört hatte zu zittern und die Angst um seine Familie ihn nicht mehr so sehr lähmte, bemerkte er, wie kalt es war, und die Unmöglichkeit seiner Situation nahm melodramatische – sogar komische – Züge an. Im Geiste wiederholte er einen Satz aus einer klassischen Comedyserie, die er auf Video gesehen hatte und rief lautlos: Welch eine abscheuliche Entwicklung!

Er sah sich mit verschiedenen Problemen konfrontiert, die jedes für sich unüberwindbar schienen. Erstens, zu überleben. Zweitens, den vereinten Mächten von Stadt, Staat und Bund zu entfliehen. Drittens, einen Plan zur Rettung seiner Familie zu entwickeln. Bis heute war es sein größtes Problem gewesen, eine Versetzung von einem schwachsinnigen dogmatischen Lehrer zu bekommen.

Elliot wußte immer noch nicht, was die Behörden mit seiner Familie vorhatten oder weshalb sie ihn unbedingt haben wollten. Er überlegte, ob sie vielleicht, als sie das erstemal zum Apartment kamen, gewußt haben konnten, daß sein Vater noch lebte. Oder vielleicht waren sie aus völlig anderen Gründen gekommen und hatten dann die ganze Familie wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen in Gewahrsam genommen, als sie entdeckten, daß sein Vater noch lebte.

Er fragte sich, ob der FBI-Informant seines Vaters sich vielleicht getäuscht habe oder sie irreführen wollte. Es konnte doch sein, daß die Behörden seine Familie aus ganz anderen – möglicherweise harmlosen – Gründen wollten. Vielleicht wollten sie sie einfach in eine Art Sicherheitsgewahrsam nehmen.

Vielleicht verstand er ja alles völlig falsch. Möglicherweise war es wirklich das Beste, einen Anwalt einzuschalten, um herauszufinden, was los war. Es war doch durchaus denkbar …

Er unterbrach sich, da ihm klar wurde, daß frierend in einer Gasse zu stehen nicht gerade die beste Voraussetzung war, um die ganze Angelegenheit zu überdenken. Er mußte an einen warmen, ruhigen Ort, an dem er noch einmal alles Revue passieren lassen konnte, was sich ereignet hatte.

Elliot entschloß sich, für den Augenblick zumindest, daß die Straßen sicher genug waren. Die Wahrscheinlichkeit, daß er in der Nacht mitten in Manhatten erkannt werden würde, war eher gering. Trotzdem könnte sich die Situation bis zum Morgen drastisch geändert haben. Wen würden sie fragen, wo er sich aufhielt? Mrs. Allen? Dr. Fischer? Phillip Gross?

Er begann, durch die Straßen zu streifen. Er befand sich auf der 73sten Straße, kurz vor der Lexington Avenue. Fast automatisch wandte er sich in Richtung Downtown, ohne ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben, einfach nur, um sich zu bewegen, um warm zu bleiben.

Eine Frage kreiste ihm immer im Kopf herum. An wen konnte er sich wenden? Er war nicht so dumm zu glauben, daß er ohne Hilfe in der Lage sein würde, die Freilassung seiner Familie zu erwirken. Er würde qualifizierte Hilfe benötigen – und zwar schnell. So weit, so gut, nur woher nehmen?

Nachbarn kamen offensichtlich nicht in Frage. Die Familie? Der einzige Verwandte, den er auf diesem Kontinent hatte, war ein Onkel in Chicago, aber Elliot bezweifelte, daß er die Möglichkeiten oder die Absicht hatte, helfen zu wollen. Martin Vreeland hatte seinem Bruder die gleichen Investitionsratschläge gegeben, denen er selbst folgte; Georg Vreeland hatte den brüderlichen Rat jedoch ignoriert und gab nun, dank seiner eigenen unerforschlichen Logik ihm die Schuld für seinen daraus resultierenden finanziellen Zusammenbruch.

Freunde oder ehemalige Kommilitonen seiner Eltern? Elliot hatte nie groß Gedanken an sie verschwendet und wußte folglich nichts Nützliches über sie. Ansonia? Elliot wußte nicht, was gegen Dr. Fischer oder Mr. Harper oder andere seiner noch angestellten Lehrer sprach, aber was diese Angelegenheit betraf, wußte er auch nichts, was für sie spräche. Es konnte gut sein, daß sie ihm helfen würden, es konnte aber genauso gut sein, daß sie ihn der Polizei auslieferten. Klassenkameraden, Freunde? Abgesehen von Marilyn Danforth, mit der er gelegentlich schlief, war Phillip Elliots einziger Freund. Marilyn war nicht die Verläßlichste, während Phillip sein vollstes Vertrauen genoß, doch trotz allem konnte Elliot sich nicht vorstellen, wie Phillip ihm bei seinem Rettungsversuch behilflich sein könnte.

Der Buchladenbesitzer, den er unter dem Namen Al kannte? Sein Vater hatte ihm offensichtlich vertraut, aber Elliot war sich keineswegs sicher, daß es nicht Al gewesen war, der ihm die Polizei auf die Fersen gehetzt hatte. Die Geschichte mit den Ringen belastete ihn etwas. Konnte es sich um eine Art Signal handeln? Waren seine Bewegungen während des ganzen Tages überwacht worden?

War der Zigeuner ein Polizist?

Elliot entschloß sich nachzudenken, ob hinter der möglichen Beziehung zwischen Al und dem Zigeuner irgendeine offensichtliche Tücke steckte.

Erstens hatte jeder der Männer einen schlichten Goldring an seiner rechten Hand getragen. Nun, soweit nichts Ungewöhnliches. Schmuck stellte derzeit die einzige legale Form privaten Goldbesitzes dar und war ein sehr beliebter Inflationsschutz.

Elliot trug selbst einen reinen Goldring, den ihm Denise letzte Weihnachten geschenkt hatte. Zwei Männer, die ähnliche Goldringe trugen, waren kein größerer Zufall, als zwei, die ähnliches Schuhwerk anhatten.

Zweitens, beide Männer haben ihre Ringe wiederholt hin- und hergedreht. Wieviel Möglichkeiten mochte es geben, mit einem Ring herumzuspielen? Elliot unterschied vier wesentliche Kategorien: drehen, am Finger hoch und runter schieben, eine drehende Bewegung, die die ersten beiden Kategorien beinhaltete und eine letzte, bei der der Ring vollständig vom Finger genommen wurde. Nach weiterem Überlegen fügte er noch zwei Kategorien hinzu. Ringträger, die überhaupt nicht mit ihrem Ring spielten und eine Gruppe, die Kombinationen oder Veränderungen der Reihenfolge an den Tag legte – eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Code, der mehr als das Minimumvokabular erforderte.

Elliot wandte sich nach Westen, zur 59sten Straße.

Dann dachte er über Gewohnheitsaspekte nach. Wieviel Prozent der Ringspieler fielen wohl in jede Kategorie? Und wenn er schon mal dabei war, wieviel Ringträger spielten überhaupt regelmäßig mit ihren Ringen – und wie oft?

Verzweifelt beschloß Elliot, daß er nicht einmal annähernd ausreichende Daten habe, um weitere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, die ihm diese zufällige Ähnlichkeit des Ringdrehens zwischen Al und dem Zigeuner erleuchten könnten. Somit blieb der Zufall als ein solcher bestehen.

Und als logische Schlußfolgerung daraus gab es keinen Grund anzunehmen, daß irgendeine Verschwörung zwischen Al und dem Zigeuner vorlag. Da sein Vater in den Mann vertraute, konnte er also zunächst annehmen, daß Al ein freier Agent war, der von großem Nutzen sein konnte, um seiner Familie zu helfen.

Elliot befand sich auf der 59sten Straße, in der Nähe der Fifth Avenue, als ein Junge von ungefähr elf Jahren, in Lumpen gekleidet und kaum gegen die Kälte geschützt, sich ihm näherte. »Mister, kann ich’n paar hundert Blaue haben für was zu Essen?« fragte der Junge mechanisch. Elliot fragte sich, wie lange er sich wohl schon so über Wasser halte. Er nahm seine Brieftasche heraus, entnahm ein Bündel blauer Geldscheine, die viel beeindruckender aussahen, als ihre Kaufkraft war, und trennte fünf Hundert-Dollarscheine davon ab. Der Junge nahm sie, dann, anstatt Elliot zu danken, machte er sich mit einer wilden Armbewegung davon.

Plötzlich kamen hinter den parkenden Autos, den Mülltonnen und Gassen noch fünf Jungen hervor. Sie waren verschiedenen Alters von fünfzehn bis zu einem von etwa zwanzig Jahren, den Elliot für den Anführer hielt. Sie hatten nicht den Stil einer professionelleren Gang aus Harlem oder der Bronx: Keine Gangkluft, keine Rassenidentität, keine Schußwaffen. Aber sie umzingelten Elliot mit Messern, abgebrochenen Flaschenhälsen, einer Eisenkette und einem Steckschlüssel.

Der Anführer, dessen Haar blonde und schwarze Strähnen hatte, stand ein bißchen im Hintergrund und musterte Elliot von oben bis unten. Elliot wurde sich plötzlich der Qualität seiner Kleidung sehr bewußt.

»Heilige Scheiße«, sagte der Anführer. »Ein Brownie.«

Er fuchtelte mit seinem Messer herum. Das war sein erster Fehler. Ein erfahrender Messerkämpfer hätte seine Waffe nach unten gehalten, an seine Hüfte, die Klinge nach vorn gerichtet, bereit zum Zustoßen, statt dessen stand der Anführer halb zusammengekauert, die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt, mit dem Messer in seiner rechten Hand. Er grinste. Trotzdem wäre Elliot in keiner günstigen Verteidigungsposition, wenn der Kerl sich auf ihn stürzen sollte.

Dann machte der Anführer seinen zweiten Fehler. Um ein bißchen zu prahlen fing er an, das Messer von einer Hand in die andere zu werfen. Elliot schob sich langsam rückwärts – täuschte Panik vor, um sich den Platz zu schaffen, den er benötigte – dann trat er das Messer, welches sich gerade auf dem Flug von einer Hand des Anführers zur anderen befand, beiseite.

Elliot wartete den Gesichtsausdruck des Anführers nicht ab, bevor er nach seiner Waffe griff.

Er hatte sie nur aus dem Schulterhalfter ziehen können – noch befand sie sich unter seiner Jacke – als einer der Jungs den Steckschlüssel in seine Richtung schwang. Elliot wehrte den Schlag schmerzvoll mit seiner linken Schulter ab und fand sich von der Wucht plötzlich am Boden wieder. Trotzdem schaffte er es, seine Waffe frei zu bekommen und einen Schuß in Richtung auf den Anführer abzugeben. Der Schuß ging daneben.

Der Anführer brüllte: »Das Arschloch hat ne Knarre!« und hastete die Straße hinunter, dicht gefolgt von seinen Kumpanen.

Elliot war immer noch benommen, als wenige Sekunden später ein Polizeiauto in unmittelbarer Nähe anhielt. Eine Polizistin in blauer Uniform stieg aus, um zu sehen, ob Elliot medizinische Hilfe benötigte. Die andere jagte der Gang hinterher. Die Polizistin half Elliot auf die Beine.

Irgendwie stellte Elliot fest, daß sich die Waffe nicht mehr in seiner Hand befand, obwohl er sich das nicht so recht erklären konnte, statt dessen lag sie neben ihm auf dem Bürgersteig. Das Durcheinander in seinem Kopf endete mit dem Gedanken: Das war’s dann wohl.

»Alles in Ordnung mit dir?« Elliot nickte nur. Dann bemerkte die Polizistin Elliots Waffe und hob sie auf. Sie untersuchte sie einen Augenblick, sah Elliot an und gab sie ihm in die Hand. »Steck die besser ein, bevor meine Partnerin sie sieht, sonst müssen wir dich mitnehmen.«

Elliot war immer noch zu benommen, um überhaupt zu begreifen, was vor sich ging. Wollte sie ihm eine Falle stellen? Er hustete und hatte gerade noch genügend Luft für ein leises: »Danke.« Dann wagte er es, die Waffe von der Polizistin anzunehmen und sie in sein Schulterhalfter zu stecken.

»Sicher, daß alles in Ordnung ist?«

»Oh – Ich glaube schon.«

»Dann mache ich mich mal lieber auf die Suche nach meiner Partnerin, bevor diese blutrünstige Närrin sich noch umbringen läßt.« Sie begann, die 59ste Straße hinunter zu rennen in die Richtung, in die der Polizeiwagen verschwunden war.

»Tausend Dank«, rief Elliot seiner Samariterin hinterher. Nach kurzem Überlegen wurde ihm klar, daß ein tausendfacher Dank in diesen Zeiten nicht mehr besonders viel wert war.

Die Fifth Avenue war nachts noch belebter als am Tage, obgleich der Stoßstange-an-Stoßstange Verkehr von Autos und Motorrädern durch eine ebenso dichte Fußgänger- und Fahrrädermasse ersetzt worden war. Die Avenue zwischen der 59sten und 42sten Straße war jede Nacht für den motorisierten Verkehr gesperrt, außer für die elektrischen Streifenwagen der Sicherheitsleute der Händlervereinigung der Fifth Avenue – FAMAS – und FAMAS hatte gute Gründe für dieses Privileg. Indem sie jedes gewaltlose, nicht aggressive Verhalten ignorierte, ganz gleich wie unverschämt oder vulgär es auch sein mochte, und sich ausschließlich auf den Schutz ihrer Klienten und Kunden vor Angriffen oder Überfällen konzentrierte, hatte die FAMAS die Fifth Avenue in einen sicheren Hafen vor der zunehmenden Gewalt in der Stadt verwandelt.

Alles andere war möglich, von sexuellen Praktiken jeder Art über Straßenstände mit Neo-Opiaten bis – für einige Stunden wenigstens – zum persönlichen Sklaven.

Innerhalb der ersten fünf Minuten näherten sich zwei Bettler Elliot (einer von ihnen sah aus, als ob er einen Bettelmönch-Abschluß an der Universität von Calcutta abgelegt hatte), er wurde in die Schwulen-Tanzhalle eingeladen, beobachtete einen Mann im Kleid mit hohen Absätzen, der einen Liliputaner verfolgte und wurde von einem Schwarzmarktdealer angesprochen, der mit Währungen handelte. Elliot hätte mit ihm vielleicht einen Deal abgeschlossen, wenn seine Konditionen besser gewesen wären.

Dieses ganze Geschehen wurde weder von den Ladenbesitzern in der Avenue beklagt, die wußten, daß es genau diese Atmosphäre war, welche die Kundschaft anzog, noch von der örtlichen Behörde unterbunden, deren eigene OTB-Spielkasinos auf der Avenue eine der wenigen noch bleibenden sicheren Einkommensquellen der Stadt darstellten. Und mehr als ein Mitglied der Stadtbehörden hatte hier heimliche Geschäftsanteile.

Folglich hatte sich die Fifth Avenue zum Zentrum des städtischen Nachtlebens entwickelt, eine Karnevalsatmosphäre wurde aufrecht erhalten – blendend, laut und sinnlich – in der die Gäste oft noch interessanter waren als die zahlreichen Angebote.

Elliot blickte auf seine Uhr, es war erst kurz vor neun. Er fand es erstaunlich, aber sein ganzes Leben war innerhalb von sechs Stunden vollständig aus den Fugen geraten. Noch eindringlicher war jedoch der Gedanke, daß der Rabelais Buchladen immer noch geöffnet haben könnte.

Nachdem er ein Münztelefon gefunden hatte, durchsuchte Elliot seine Taschen nach einem Vendy. Vendies, eigentlich offizielle Münzen für staatliche Geldautomaten, hatten die gleiche Größe wie die alten Dimes, Nickels und 25-Cent-Stücke und hatten diese im täglichen Gebrauch vollständig ersetzt. Gemäß öffentlicher Bestimmungen waren Vendies kein Geld: KEIN GESETZLICHES ZAHLUNGSMITTEL war deutlich sichtbar auf die Vorderseite gestanzt. Trotzdem gingen sie als Zahlungsmittel um. Obgleich Vendies legal nur bei Banken und Postämtern zu einem täglich durch die Regierungsabteilung festgesetzten Preis erstanden werden konnten, war ihr offizieller Preis dem des Schwarzmarktpreises sehr ähnlich. Dies sollte dem Horten Einhalt gebieten, welches alle Münzen mit festem Wert gemäß Gresham’s Gesetz aus dem Verkehr gezogen hatte.

Der Schwarzmarktpreis war wiederum eine feststehende Ratio gegenüber dem stabilen Eurofrancs.

Elliot steckte seinen Vendy, der heute ungefähr fünfzig Neue Dollar oder EFR 0,04 wert war, in das Telefon, ließ sich die Nummer des Buchladens geben und rief dort an. Niemand ging ans Telefon.

Es war noch früh. Sicherlich wäre es vernünftig, die Straßen so weit wie möglich zu meiden, aber er wußte auch nicht, wohin er gehen sollte, um in Sicherheit zu sein. Vielleicht wäre Phillip doch eine Hilfe. Elliot steckte seinen Vendy erneut ins Telefon und tippte Phillips Nummer aus dem Gedächtnis ein. Nachdem er es zehn Mal hatte klingeln lassen, gab er auf und entschloß sich, es später noch einmal zu versuchen.

Lässig machte sich Elliot wieder auf den Weg, die Fifth Avenue hinunter und beobachtete die Gaudi und das Spektakel um ihn herum. Zwei Transvestiten zogen Arm in Arm an ihm vorbei. New Orleans Jazz vermischte sich in den Straßen mit Infrasonic Rock. Die Gerüche von Straßenverkäufern – süß, dann würzig – zogen an seiner Nase vorbei. Kurze Wolken warmen, feuchten Rauches gelangten von den Kinosälen auf die Straße, wo sie sich langsam in Luft auflösten. Einige Male wurde er von Straßenmädchen angelächelt, schaffte es auch, sie zu ignorieren bis er an eine etwas aufdringlichere geriet – in seinem Alter, ziemlich hübsch, mit einem Abendkostüm und Stola – die begann, neben ihm herzulaufen.

»Hi«, sagte sie.

Elliot lief weiter und nickte freundlich. »Hallo.«

»Möchtest du dich nicht mit mir verabreden?«

Elliot konnte nicht widerstehen und sah sie kurz an, aber er sagte höflich: »Nein, danke.« Er ging ein bißchen schneller.

Sie paßte sich seinen Schritten an. »Ich bin anders als die anderen.« Elliot sah sie von der Seite an, als ob er sagen wollte, na und? »Für fünftausend Blaue mach ich mir in meine Unterhose.«

Elliot schloß daraus, daß alle abgefahrenen Sachen wohl out waren und schaute sie dann nochmals von der Seite an. Er konnte nicht widerstehen: »Kannst Du das nochmal sagen?«

Sie grinste und lief weiter neben ihm her. »Ich sagte, für fünftausend Blaue gehe ich im Höschen ins Badezimmer. Ich hab es den ganzen Tag gehalten. Du kannst mir dabei zusehen, sogar anfassen, wenn du willst. Ich mach mich auch naß. Na, wie wärs?«

Elliot betrachtete sie und eine Mischung aus Horror und Faszination stieg in ihm auf. Er rannte jetzt beinahe. »Das kann nicht dein Ernst sein.«

»Ist es aber. Es wird dir sicherlich gefallen. Es ist wirklich …«

Ihre Stimme brach ab, als sie abrupt anhielt und ihr Gesicht jeglichen Ausdruck verlor. Fast automatisch blieb Elliot auch stehen; er dachte, sie würde gleich in Ohnmacht fallen. Aber einige Sekunden später, als nichts dergleichen geschah, wußte Elliot mit Sicherheit, was sie dazu veranlaßt hatte, stehenzubleiben. Er machte sich langsam davon.

»Oh, verdammt«, sagte sie mit einer babyzarten Stimme. »Jetzt hast du mich dazu gebracht.«

Fünf Minuten später flüchtete er sich in die Lobby des New York Hilton durch den Eingang der Sixth Avenue. Nachdem er in eine Telefonkabine geeilt war, versuchte er beide Nummern, die des Buchladens und die von Phillip noch einmal. Er hatte wieder kein Glück. Elliot setzte sich in der Kabine nieder und überprüfte seine Finanzen. Er hatte 26.000 Blaue und ein paar Zerquetschte in seiner Brieftasche – ein ganz anständiges Sümmchen. Es überraschte ihn. Sein Taschengeld war großzügig, aber so großzügig nun auch wieder nicht. Dann erinnerte er sich, daß er ein paar Tage zuvor sein Sparkonto aufgelöst hatte, um zu verhindern, daß seine paar verbleibenden Neuen Dollar völlig entwertet würden.

Zum ersten Mal seit Stunden fiel ihm das Gold wieder ein, das er mit sich herumtrug. Die Idee setzte sich langsam in seinem Kopf fest, daß dieses Gold vielleicht die finanziellen Mittel zur Freilassung seiner Familie darstellte; sei es für Bestechung, Rechtsanwaltskosten oder gar, um Kriminelle für einen Gefängnisausbruch anzuheuern. Er wußte, daß das Gold nicht ihm, sondern seinem Vater gehörte; trotzdem, sein Vater hatte gesagt, wenn das Gold »verloren ginge oder als Schmiergeld eingesetzt würde« und damit ihre Fluchtchancen, sei es auch noch so minimal, steigen würden, hätte er nicht ›eine Sekunde‹ gezögert.

In der Zwischenzeit war das Gold illegal und nicht umgetauscht – also untauglich für den momentanen Gebrauch.

Er war hungrig und konnte sich immer noch nicht so recht entscheiden, ob er ein Zimmer nehmen wollte oder nicht. Nachdem er zuerst den Zeitschriftenladen für Besucher in der Lobby besucht hatte, in dem er sich ein Taschenbuch von Robert A. Heinlein, Between Planets, kaufte, fuhr er mit dem Fahrstuhl hinunter ins Erdgeschoß ins Café. Dort aß er ein Monte Christo Sandwich, trank mehrere Tassen ziemlich guten Kaffees (auswärts essen war immer Luxus, da die Hotel- und Restaurantpreise nicht auf das Verbraucherniveau rationiert waren) und las ungefähr die Hälfte seines Romans.

Elliot war ein Science-Fiction-Fan und Heinlein mit Abstand sein Lieblingsautor. Dieser spezielle Roman war ein alter Freund, den er schon oft gelesen hatte. Sein Hauptdarsteller war ein siebzehnjähriger Junge, der sich in einem ähnlichen Dilemma wie er selbst befand. Unglücklicherweise hatten die speziellen Probleme, auf die er stieß, ihre Lösung auf der Venus, nicht auf der Erde. Halb zehn bezahlte Elliot seine Rechnung und versuchte, Phillip noch mal anzurufen.

Keine Antwort.

Zehn Minuten später hatte Elliot ein Einzelzimmer für 11.500 Neue Dollars reserviert und sich als Donald J. Harvey, der Held aus seinem Heinlein-Roman, eingetragen. Ein horrendes Trinkgeld, zusätzlich zur Barzahlung im Voraus, beugte jeglichen Fragen bezüglich Identifikation und Reiseerlaubnis vor.

Das Zimmer war sauber, gemütlich, warm und gut beleuchtet. Obwohl es genauso nichtssagend war wie tausende anderer Hotelzimmer, ließ seine Anonymität es Elliot fast schöner erscheinen, als alle anderen Orte, an denen er jemals gewesen war.

Er gab die ›Bitte nicht stören‹ Nachricht in den Hotelcomputer ein, verschloß die Tür, verhängte sie mit einer Kette und entkleidete sich dann für ein erholsames Whirlpoolbad. Seinen kostbaren Gürtel hängte er über den Handtuchhalter, so daß er immer ein Auge darauf werfen konnte. Er nutzte die Gelegenheit, um seine Schulter gründlich zu untersuchen. Ein dunkelroter Bluterguß hatte sich gebildet. Er wunderte sich, daß eine Verletzung, die so unschön aussah, kaum wehtat, aber er wollte sein Glück besser nicht hinterfragen. Eine sofortige Behandlung war also nicht erforderlich; wäre sie es gewesen, hätte er allerdings auch nicht gewußt, was zu tun gewesen wäre.

Nach dem Baden ging Elliot ins Bett – mit dem Gürtel unter dem Kopfkissen und der Waffe auf dem Nachttisch – und las Heinlein zu Ende. Dann rief er noch mal bei der Rezeption durch und bestellte einen Weckanruf für 8 Uhr am nächsten Morgen.

Einen Moment lang wurde er von einem Gefühl der Angst und Einsamkeit übermannt, aber er schaffte es, seine Konzentration schnell wieder auf andere Sachen zu lenken. Als er über das arme Straßenmädchen nachdachte, tat er sich selbst gleich ein bißchen weniger leid.

Welch eine abscheuliche Entwicklung.

KAPITEL 7

Elliot befand sich wieder in seinem Klassenzimmer. Mrs. Tobias stand vor der Klasse, sie trug eine Polizeiuniform.

Marilyn Danforth ging zu Elliot hinüber und sagte: »Verzeih bitte, aber stört es dich, wenn ich hier hin mache? Ich muß so dringend.« Dies war ihm extrem peinlich, da seine Eltern und Denise ihn vom anderen Ende des Klassenraumes aus beobachteten.

Mrs. Tobias begann zu reden: »Und jetzt möchte ich erstmal die Jungs aus der Band vorstellen. Als erstes haben wir Mason Langley in Ketten.« Langley stand auf und rasselte ein wenig mit seinen Ketten, während er sich verbeugte, dann setzte er sich wieder. »Als nächstes Bernard Rothman. Was spielen sie Mr. Rothman?«

»Ich habe keine Ahnung, Mrs. Tobias.«

»Nun ja, es ist ja eigentlich auch egal«, sagte sie. »Und last but not least haben wir Cal Ackerman mit dem Steckschlüssel. Für unser erstes Stück …«

Bei diesem Stichwort begann Mason Langley wieder mit den Ketten zu rasseln, während Cal Ackerman ruhig zu Elliot hinüber ging und ihm den Steckschlüssel in die rechte Schulter rammte.

Von diesem schmerzhaften Angriff wurde Elliot aus dem Schlaf gerissen. Das Rasseln der Ketten verwandelte sich in das Klingeln des Bildtelefons. Während er zum Telefon hinübergriff, stellte er fest, daß der Schmerz von Ackermans Schlag auf seine Schulter erstaunlich real war. Elliot drückte den Knopf, der es ihm erlaubte zu sehen, ohne gesehen zu werden, und nahm den Hörer ab. Es war sein 8 Uhr Weckanruf. Elliot dankte dem Vermittler und legte wieder auf.

Als er so langsam aufwachte, wurde Elliot schnell klar, daß die Schmerzen nicht von Ackermans imaginärem Schlag stammten, sondern von dem wirklichen bei seinem Zusammentreffen mit der Gang. Sanft versuchte er, seine Schulter zu bewegen. Er konnte sie voll bewegen – nichts schien gebrochen oder verstaucht zu sein – aber es tat höllisch weh. Er entschloß sich, die Schmerzen so gut er konnte zu ignorieren.

Elliot entschied sich, daß er lieber auf dem Zimmer frühstücken wollte, um nicht wieder das Risiko einzugehen, eine halbe Stunde in einem öffentlichen Restaurant zu sitzen; er wollte nicht ständig gezwungen sein abzutauchen. Er rief den Zimmerservice, bestellte Papaya-Mango Saft, Haferschleim, ein Käseomelett, ein Mischbrot, Muffins mit Marmelade und ein Kännchen Kaffee. Elliot hatte schon oft gehört – und glaubte daran – daß das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages sei. Oh, ja. Ob er auch eine Zahnbürste und Zahnpasta bekommen könnte?

Er konnte.

Während er auf sein Frühstück wartete, machte Elliot sich fertig, wusch sich, zog sich an – legte seinen Gürtel wieder an und sein Schulterhalfter – und hatte gerade seinen Revolver wieder mit zwei Kugeln aus einem zigarettenschachtelgroßen Halter aufgeladen, als es an der Tür klopfte. Elliot sah auf. »Ja?«

»Zimmerservice«, sagte eine männliche Stimme hinter der Tür. »Ihr Frühstück, Sir.«

Elliot schloß die Walze seines Revolvers, steckte ihn in das Schulterhalfter und machte sich auf den Weg zur Tür, auf halbem Wege wurde ihm jedoch klar, daß er so nicht die Tür öffnen konnte.

Er fluchte leise, rief, daß er sofort öffnen würde und lief wieder zurück zum Bett, wo er seine Jacke nahm und sie anzog. Dann steckte er noch die Schachtel mit der Munition in die Jackentasche.

Wenig später öffnete er die Tür; es war tatsächlich der Zimmerservice. Der Kellner, ein slawisch aussehender Mann in Hoteluniform, rollte den Frühstückswagen herein. »Guten Morgen, Sir.«

»Morgen«, erwiderte Elliot. »Am besten da drüben beim Bildschirm.«

Der Keller stellte den Wagen direkt vor dem Fernsehbildschirm ab, dann überreichte er Elliot die Rechnung zur Unterschrift. Er unterschrieb, der Kellner sah ihm genaustens dabei zu, und als Elliot begann, das Trinkgeld auf die Rechnung zu schreiben, unterbrach er ihn sofort: »Das ist nicht nötig, Sir.«

Elliot hörte auf zu schreiben. »Was?« Dann verstand er. »Oh, natürlich.« Er griff in seine Tasche, nahm die Brieftasche heraus und zählte blaue Scheine – nahezu endlos – »Geben Sie sie nicht alle auf einmal aus.«

Der Kellner grinste, nahm das Geld und sagte: »Ich gebe sie überhaupt nicht aus. Meine Frau kommt immer in der Mittagspause, holt mein gesamtes Trinkgeld ab und geht damit einkaufen, solange es noch was wert ist.« Er steckte das Geld in die Tasche. »Vielen Dank, Sir. Und guten Appetit.«

Ein paar Minuten später frühstückte Elliot und sah sich dabei die Nachrichten im Fernsehen an. Auf dem Bildschirm war ein Nachrichtensprecher in seinem Studio zu sehen, hinter ihm das Bild eines stattlichen, militärisch aussehenden Mannes Mitte fünfzig, der einen schicken Anzug trug. Unter dem Bild stand geschrieben: Lawrence Powers, Chef des FBI.

Der Nachrichtensprecher sagte gerade: »… die Rede des FBI – Chefs vor der Nationalen Vereinigung der Gesetzvollzugsbeamten bei ihrer gestrigen Konferenz.«

Ein Bericht über Lawrence Powers, als er eine Ansprache bei einem Polizeibankett hielt, wurde eingeblendet. »Diese Bombenangriffe auf unsere FBI-Gebäude«, sagte Powers mit seiner auffälligen, tiefen Stimme mit südlichem Akzent, »sind ein eindeutiges Beispiel. Der Revolutionäre Agoristische Kader ist keine geringere Bedrohung als eine unselige Allianz zwischen der Mafia und anarchistischen Terroristen.«

Der Nachrichtensprecher erschien wieder auf dem Bildschirm und fuhr fort: »Die Anwesenheit des FBI-Chefs bei der gestrigen Konferenz rief Erstaunen hervor. Man hatte nicht erwartet, Mr. Powers so schnell nach dem Selbstmord seiner Frau wieder in der Öffentlichkeit zu sehen.«

Das Bild von Powers wurde durch das eines ebenso stattlichen Mannes Ende vierzig, blond, blauäugig und gut rasiert, ersetzt. Der Nachrichtensprecher ging zum nächsten Bericht über; Elliot hörte auf zu essen und schenkte ihm seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

»Ein privater Trauergottesdienst wird heute abgehalten«, sagte der Nachrichtensprecher, »für den nobelpreisgekrönten Wirtschaftsexperten Dr. Martin Vreeland, der gestern Morgen mit achtundvierzig Jahren an einem Herzanfall starb. Dr. Vreeland, oft auch der Vater des Neuen Wirtschaftswunders des EUCOMTO genannt, machte sich als unnachgiebiger Verfechter eines minimalstaatlichen, laissez-faire Wirtschaftssystems einen Namen. Er sollte heute Morgen eine Ansprache bei einer New Yorker Kundgebung der Bürger für eine freie Gesellschaft halten. Dr. Vreeland hinterläßt eine Frau und zwei Kinder.”

Elliot wußte nun, daß sich die Polizei entschieden hatte – zumindest für den Augenblick – die Welt in dem Glauben zu lassen, daß sein Vater tot sei.

Bei nochmaligem Überdenken hoffte er, daß es nur für den Augenblick war.

Trotzdem erschien ihm, als er sich die Zähne geputzt hatte, die Welt weniger beängstigend als am Abend zuvor. Wenn alles glatt ging, war seine Familie vielleicht schon heute Abend wieder frei. Er war der festen Überzeugung, daß Al genau wußte, an wen er sich wenden konnte. Kurzerhand entschloß sich Elliot, sofort aufzubrechen.

Kurz nach neun beglich er seine Rechnung und machte sich auf den Weg zum Times Square. Es war einer jener bitterkalten, windigen, jedoch wunderschön hellen Morgen, an die sich selbst gebürtige New Yorker kaum gewöhnen können. Elliot nahm seine Sonnenbrille und einen Schal (er hatte keine Mütze) aus seiner Jackentasche und zog seinen Kragen hoch. Elliot hatte auch Handschuhe, aber er widerstand der Versuchung, sie anzuziehen, um seine Hände für mögliche Schußwechsel frei zu haben. Nach wenigen Sekunden waren seine Hände jedoch so taub, daß er die Waffe sowieso nicht mehr hätte bedienen können und er zog die Handschuhe doch über. Seine Ohren froren so langsam ab, und seine Schulter schmerzte, aber es gab nichts, was er dagegen unternehmen konnte.

Als Elliot an dem Buchladen ankam, fand er ein Schild an der Tür auf dem stand: ›Geschlossen.‹ Er geriet einen Moment lang in Panik, las dann aber weiter, um die Öffnungszeiten zu finden. An Wochentagen war der Laden von 10 Uhr bis 22 Uhr geöffnet. Es war erst halb Zehn. Also ging er zurück zu Hotalings, las für eine halbe Stunde ausländische Zeitschriften und kaufte letztendlich eine Paris Match, um nicht von dem Ladenbesitzer ermordet zu werden. Er konnte genug Französisch, um die Titelgeschichte »La Mort des États-Unis?« zu verstehen. Das Titelbild, ein Standphoto aus dem Film Planet der Affen, zeigte die Freiheitsstatue halb im Schlamm versunken.

Aus Gründen, die er selbst nicht so ganz nachvollziehen konnte, ärgerte er sich wahnsinnig über diese Geschichte und fand sie extrem anmaßend. Sicherlich, das Land war in Schwierigkeiten, aber zu Zeiten des Bürgerkrieges hatte es noch viel schlechter ausgesehen, und selbst das hatten die Vereinigten Staaten überstanden. Was bildeten sich diese Ausländer eigentlich ein, jetzt schon einen Nachruf zu schreiben?

Elliot rollte das Magazin zusammen, stopfte es in seine Jackentasche und ging wieder in Richtung Buchladen. Diesmal war geöffnet. Auf dem Hocker hinter dem Ladentisch saß ein Mann, denn Elliot nicht kannte. Er war so klapperig wie Al übergewichtig gewesen war, trug einen kleinen Oberlippenbart und hatte mit Gel zurückgekämmte schwarze Haare. Er schaute von einer Schlagzeile seiner Zeitschrift: ›JUGENDLICHE VAGINA!‹ auf und starrte Elliot an. Dann zeigte er auf das Schild auf dem Tisch, auf dem stand: SEI 21 ODER MEHR, BIST DU’S NICHT, KOMM NICHT MEHR HER.

»Oh – ich will gar nichts kaufen«, sagte Elliot schnell. »Ich möchte nur mit Al reden.«

»Den gibts hier nicht.«

»Aber er war gestern noch hier – ich habe mit ihm geredet. Ein Mann mit Glatze und Bart. Übergewichtig.«

»Ach, der«, sagte der dürre Verkäufer. » Verdammter Brownie. Der ist letzte Nacht ausgestiegen. Hatte die Schnauze voll vom verdammten New Yorker Winter und ist in den Süden runter.«

»Hat er eine Adresse hinterlassen?«

“Nix. Und jetzt verpiß dich, bevor dich noch ein Bulle hier findet.«

Elliot verpißte sich.

Kurz darauf stand er am Times Square und verfluchte sich nach allen Regeln der Kunst. Du Vollidiot, du Armleuchter, du Hirni! … Bist du ein Brownie oder was? … Wenn du gestern Abend anstelle zu telefonieren zurückgegangen wärst, hättest du ihn vielleicht noch erwischt.. Du hattest eine Waffe bei dir und hattest trotzdem Schiß … Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß man zweimal in derselben Nacht überfallen wird, hm? … Jetzt ist dir die einzige Person durch die Lappen gegangen, von der du weißt, daß sie zu Vaters Team gehört … Wahrscheinlich hast du jetzt alles versaut …

Elliot schwor sich, daß er sich nie wieder von seiner Angst würde leiten lassen. Dann holte er einmal tief Luft und ging weiter.

Er war gerade ein paar Schritte weit gekommen, als er feststellte, daß er völlig ziellos war. Er war verloren. Er kannte die Straßennamen, das schon, und er wußte auch, wie die Straßen verliefen, aber wo würden sie ihn hinführen. »Wohin, Junge?« fragte er sich im Stillen. »Wohin?« Er erhielt keine Antwort.

Er starrte auf die Nachrichten am Orakelturm, die über die Leinwand des Times Square 1 flackerten:

TEAMSTER-PRÄSIDENT WARNT VOR MÖGLICHKEIT WILDER STREIKS DES MILITÄRS FALLS PENTAGON DEN FORDERUNGEN NICHT NACHGIBT.

Willst du hier anwachsen?

ERNEUT SCHARFER KURSVERFALL DES NEUEN DOLLAR GEGENÜBER EUROFRANCS …

Na, los, sieh zu, sagte Elliot zu sich, du kannst nicht den ganzen Tag hier stehen.

SENAT VERTAGT DEBATTE ÜBER LOHN-/PREISKONTROLLEN. HEUTE BFG- PROTESTMÄRSCHE IN SECHS STÄDTEN ANGEKÜNDIGT …

Du bist wirklich zu nichts zu gebrauchen! sagte sich Elliot. Eine Stimme in seinem Kopf gab ihm Recht.

In seiner Verzweiflung entschloß er sich, einfach drauflos zu gehen – egal wohin.

Er zögerte noch einen Moment, dann lief er den Broadway aufwärts.

Er war kaum vom Fleck gekommen, als ein kleiner Mann mit lockigen schwarzen Haaren auf ihn zugeeilt kam und eindringlich sagte: »Wenn Ihr Gott seid, biete ich mich Euch dar und erbitte im Gegenzug einen Beweis!«

Elliot ging weiter. Nicht schon wieder einer von diesen zwielichtigen Gestalten.

»Ich sagte, wenn Ihr Gott seid …«

»Ich habe sehr wohl verstanden«, sagte Elliot.

»Oh, schade«, sagte der Gloaminger. »Du bist es also auch nicht.«

»Gebt ihr die Suche denn niemals auf?« fragte Elliot.

»Keine Zeit zum Reden«, antwortete der Gloaminger. Er drückte Elliot einen Zettel in die Hand und ging dann auf ein kleines Mädchen zu. »Wenn Ihr Gott seid, biete ich mich …«

Elliot überflog den Zettel. Er hatte die Überschrift: Gott Hier und Heute? – Eine Einführung in das Gloamingertum und es war von der Kirche des Menschlichen Gottes herausgegeben worden. Das symbolische Septagramm der Gloaminger für ›Die sieben Pfade zu Einem Gott‹, schmückte die Vorderseite des Zettels.

Die Gloaminger glaubten daran, daß Gott ein Mensch sei, der jetzt, in diesem Augenblick auf der Erde weilte, aber nicht weiß, wer Er ist. Die Frage sollte seinem Gedächtnis, rechtzeitig vor der Apokalypse, auf die Sprünge helfen. »Frage einfach den nächsten, der Dir über den Weg läuft«, riet der Zettel. »GOTT WEILT AUF DER ERDE, HEUTE. Vielleicht gibt ER sich dir zu erkennen! JETZT!«

Elliot steckte den Zettel in die nächste Mülltonne. Er würde nicht nach Gott suchen. Vorerst war er vollauf damit beschäftigt, seine Familie zu finden.

Zehn Blocks weiter Broadway aufwärts bemerkte Elliot plötzlich hölzerne Polizeisperren am Bürgersteig und eine ungewöhnlich große Anzahl Polizisten, die überall verstreut waren, einige saßen in Polizeifahrzeugen, andere auf Pferden oder sie waren zu Fuß, regelten den Verkehr oder sprachen in ihre Handfunkgeräte. Elliot fragte sich zuerst, was das alles sollte, dann erinnerte er sich wieder. Die Demonstration, selbstverständlich! Der Broadway gehörte zur Marschroute.

Seine erster Gedanke war, so schnell wie möglich so viel Abstand wie nur möglich zwischen sich und die gesamte Polizistenschar zu bringen, aber diese schienen sich nicht sonderlich für ihn zu interessieren. Sie waren damit beschäftigt, einen ordnungsgemäßen Demonstrationsablauf sicherzustellen.

Seine Vorsicht wich einen Moment der noch größeren Neugierde, die Demonstration zu sehen, bei der sein Vater heute gesprochen hätte.

Elliot war sich sicher, daß er in dieser anonymen Menschenmasse so unbemerkt bleiben würde wie ein Musiker in einem Stripteaseclub.

Elliot sah den Zug zum ersten Mal, als er sich dem Columbus Circle nährte. Er hatte keine Ahnung, wie groß die Menschenmasse war, aber es schienen Tausende von Demonstranten zu sein, die sich, soweit das Auge reichte, durch die Straßen bewegten. Er konnte aus der Entfernung hören, daß sie immer wieder etwas riefen, aber er konnte die Worte nicht verstehen. Auch war er immer noch zu weit entfernt, um die Schilder oder Banner lesen zu können. Er suchte sich einen etwas freieren Platz an den Straßensperren in der Nähe des Columbus Circle und wartete.

Bald näherte sich der Zug, angeführt von einem riesigen Leinenbanner, daß sich über die gesamte erste Reihe erstreckte, auf dem stand: KEINE KONTROLLEN MEHR! und in etwas kleineren Buchstaben darunter Bürger für eine Freie Gesellschaft. Dann folgten Tausende kleinerer Schildchen und Banner, selbstgemachte aus Pappe (Holzschilder waren verboten) mit Slogans wie: Kontrolliert Politiker und nicht die Preise, Tod der Rationierung … Wir glauben an Gold! … Keine Blauen mehr! und viele mit der Aufschrift Wurde Vreeland ermordet? Dieses letzte versetzte Elliot einen Schreck.

Andere Sprüche waren eindeutig links angehaucht: Die Zentralbank schröpft den Mehrwert unserer Arbeit! und Mises statt Marx! Einige der Demonstranten trugen schwarze Flaggen.

Jetzt konzentrierte er sich auf den Gesang, der anfänglich schwer zu verstehen war, aber mit jeder Wiederholung deutlicher wurde. Eine Stimme am Lautsprecher fragte: »WAS WOLLEN WIR?« Die Demonstranten antworteten: »FREIHEIT!« Die Stimme fragte wieder: » WANN WOLLEN WIR SIE?« die Menge antwortete: »JETZT!«

Elliot stellte fest, daß ebenso viele Demonstrierende mittleren Alters wie Studenten in dem Zug mitliefen, wobei sich letztere dadurch unterschieden, daß sie schwarze Schals um ihre Köpfe gewickelt hatten.

Die Stimme am Lautsprecher verstummte, und der Gesang nahm ab, aber bald war eine neue Stimme zu hören. Sie begann leise zu singen und bald fielen die Demonstranten mit ein, zunächst vereinzelt, dann immer gemeinschaftlicher zu einem lauten Crescendo aufschwingend: »LAISSEZ-FAIRE! … LAISSEZ-FAIRE! … LAISSEZ-FAIRE! …«

»Hey, Vreeland! Elliot Vreeland!« drang plötzlich eine Stimme durch den Gesang hindurch.

Elliot erstarrte. Er versuchte, sich so unauffällig wie nur möglich zu benehmen, in der Hoffnung, daß, wer auch immer ihn gerufen habe, meine, ihm sei ein Irrtum unterlaufen. Aber es sollte nicht sein.

»Hey, Vreeland! Elliot!«

Elliot sah, daß die Stimme zu seinem Klassenkameraden Mason Langley gehörte. Arschloch, dachte Elliot. Er weiß doch nicht mal, um was es bei dieser Demonstration überhaupt geht. Elliot begann zu beten, daß niemand die Stimme inmitten des Gesanges gehört habe, aber es war schon zu spät. Er sah, wie sich ein New Yorker Polizist umschaute, als der Name Vreeland fiel. Er konnte nur hoffen, daß Langley einfach weitermaschieren würde …

Das Glück hatte er jedoch nicht. Langley begann, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, um zu Elliot zu gelangen. Elliot sah, wie der Polizist etwas in sein Handfunkgerät sprach und wußte, daß ihm nur Sekunden blieben. Er krabbelte unter der Straßensperre durch und schloß sich Langley und den anderen Demonstranten an.

»Hab mir doch gedacht, daß du es bist«, sagte Langley. »Warum hast du nicht …«

»Halt die Klappe«, flüsterte Elliot wütend, »oder willst du, daß sie uns beide umbringen? Schnell – gib mir dein Transparent.«

Langley tat wie ihm geheißen, etwas verwirrt, aber es war bereits zu spät. Der Polizist rief: »Dort! Der Vreeland Junge«, und begann, hinter ihm herzurennen. Elliot reagierte schnell, er kannte seine einzige Chance und marschierte einfach weiter mit.

Als der Polizist Elliot erreicht hatte und nach ihm griff, blickte Elliot unschuldig auf und rief: »Hey, was soll denn das?«

Die Reaktion war wie erwartet. Der Polizist bemerkte seinen Fehler zu spät, um die Demonstranten davon abhalten zu können, mit ihren Pappschildern auf ihn einzuschlagen. Die Pappschilder fügten ihm keinen großen Schaden zu, er war jedoch gezwungen, Elliot loszulassen, der die Gelegenheit beim Schopfe ergriff und sich bei dem Aufruhr durch die Menschenmenge drängelte und östlich des Columbus Circle wieder auftauchte. Dann rannte Elliot in Höchstgeschwindigkeit, mitsamt Plakat und allem was dazugehörte den Central Park West hinauf.

Als er das Gefühl hatte, seine Lunge würde zerspringen, schlüpfte er in den Hauseingang eines braunen Backsteingebäudes und ließ sich dort auf den Stufen nieder, um wieder zu Atem zu kommen.

Dann sah er sich das Plakat an, das er herumgetragen hatte.

Darauf stand: FREIHEIT FÜR DIE AGORA!

KAPITEL 8

»Wenn Sie Ihr Alter nicht nachweisen können, kann ich Sie nicht bedienen«, sagte der Barkeeper, ohne unhöflich zu werden, »tut mit leid.«

Elliot legte tausend Blaue auf die Theke. »Nur Kaffe. Hinten bitte.« Der Barkeeper nahm die Scheine und nickte.

Rick’s Café Américain war jetzt in der Columbus Avenue in der Nähe der 71sten Straße.

Die Verbreitung von Videodisks und Wandbildschirmen, kombiniert mit einer stetig wachsenden Nostalgiewelle hatten das Nachtleben vollkommen revolutioniert. Vorbei war es mit Comicstandfiguren, Pantomimen, Tanzkapellen und Theaterrestaurants.

Ihre Stelle hatten Varité-Kinos eingenommen. An den Wochenenden war das Café der Treffpunkt der Ansonia Schüler, die kamen, um die ununterbrochen laufenden Humphrey Bogart Filme zu sehen. Elliot war gelegentlich mit Marilyn und Phillip dort gewesen. Vor ein paar Minuten hatte er sich an diesen vertrauten Ort mit den versteckten Nischen im hinteren Teil erinnert, wo man sich eine ganze Weile ungestört aufhalten konnte.

Kurz nachdem Elliot es sich bequem gemacht hatte, brachte der Barkeeper ihm seine Tasse. Elliot nahm einen Schluck – und bekam fast einen Erstickungsanfall.

»Da ist Whiskey drin«, brachte er heiser hervor.

Der Barkeeper war erstaunt.

»Irish Coffee. Hatten Sie den nicht bestellt?«

Elliot war drauf und dran, ihm zu sagen, daß er, wenn er Kaffee bestelle, auch Kaffee meine, hielt sich dann aber zurück.

»Nein, aber es ist OK so, danke.«

Der Barkeeper ging kopfschüttelnd fort und überließ Elliot dem Gedanken, daß genau das den Barkeeper dazu bringen könnte, die neugierige Polizei von ihm fernzuhalten.

Bald fühlte sich Elliot ruhiger als er den ganzen Tag gewesen war. Seine Schulter schmerzte sogar nicht mehr so sehr. Er versank ins Grübeln.

Erstens: Jedesmal wenn er nun in der Öffentlichkeit gesehen würde, wäre das mit dem Risiko einer plötzlichen Verhaftung verbunden. So schlampig die Polizei auch arbeitete, langfristig gesehen hatte sie die besseren Chancen.

Zweitens: Die Möglichkeit, auf legale Weise vorzugehen, schien Elliot, wenn nicht absolut ausgeschlossen, so doch zumindest extrem begrenzt zu sein. Insbesondere, weil er ja nicht einmal wußte, weshalb er gesucht wurde. Was, wenn man ihn wegen der Ermordung seines Vaters suchte? Auf alle Fälle kannte er im Augenblick keinen Rechtsanwalt, dem er vertraut hätte.

Drittens: Wenn er keine Kontakte zu vertrauenswürdigen Gegenwirtschaftlern knüpfen konnte, würde das Gold nutzlos für ihn bleiben. Und seine Blauen gingen beängstigend schnell zu Ende.

Und schließlich viertens: Selbst wenn seine Ressourcen unbegrenzt wären, hätte er immer noch keine Ahnung, wie er vorgehen sollte, um seine Familie frei zu bekommen. Er kannte noch nicht einmal jemanden, dem dies gelingen könnte.

Fazit: Er mußte sich bei jemandem verstecken, dem er vertrauen konnte, jemandem, der als Vermittler für ihn arbeiten könnte. Es blieb wohl keine andere Wahl: Die einzige Person, der er geneigt war zu vertrauen, war Phillip Gross. Elliot schaute auf die Uhr. Es war fast Mittag. Phillip und er waren zum frühen Mittagessen eingeteilt. Er beschloß, hinüber zur Ansonia zu gehen und ihn vor der Zeitgenössischen Bürgerkunde abzufangen.

Er kam nicht mal bis in den zweiten Stock. Elliot war gerade am ersten Stock vorbei, als er auf der Treppe mit Dr. Fischer zusammenstieß, die auf dem Weg nach unten war.

Die beiden blieben stehen und starrten sich einen Augenblick lang an. Dann sagte Dr. Fischer sanft: »Kommen Sie bitte mit in mein Büro.«

Er dachte daran, loszurennen. Er wußte, keiner würde ihn kriegen, wenn er rannte. Aber da war etwas in der Art, wie Dr. Fischer geradewegs durch ihn hindurchzublicken schien, was ihn dazu brachte, doch nicht loszulaufen. Er folgte ihr durch das Vorzimmer in ihr Büro.

Dr. Fischer schloß die Zimmertür. »Heute morgen war die Polizei hier und hat sich nach Ihnen erkundigt«, sagte sie. »Sie fragten, ob jemand wisse, wo Sie seien. Sie sagten, sie stellen Nachforschungen für Ihre Mutter an, und daß Sie durchgedreht seien, als Sie vom Tod ihres Vaters erfuhren.« Sie hielt einen Moment inne. »Sie behaupteten, Sie hätten eine der Waffen Ihres Vaters entwendet.«

Elliot nickte:

»Ich war gespannt, mit was für einer Geschichte sie kommen würden.«

»Stimmt es, daß Ihr Vater von staatlicher Seite umgebracht wurde?«

Elliot erblaßte. »Was wissen Sie alles? Woher haben Sie Ihre Informationen?«

»Nur Gerüchte«, beruhigte Dr. Fischer ihn schnell. »Es wird vielerorts behauptet, Ihr Vater sei keines natürlichen Todes gestorben.«

Elliot holte tief Luft. »Soweit ich weiß, ist mein Vater noch am Leben. Zumindest war er es gestern nachmittag noch, als …«

»Gestern nachmittag?« unterbrach sie ihn, »aber Ihre Schwester sagte …«

Er winkte ab. »Meine Schwester befolgte die Anweisungen meiner Mutter.«

»Aber sie war so überzeugend.« sagte Dr. Fischer.

»Sie ist Schauspielschülerin in Juilliard.«

Dr. Fischer ging zu ihrem Schreibtisch, nahm eine Zigarette heraus, steckte sie in eine Spitze und zündete sie an. Nachdem sie einen tiefen Zug gemacht hatte, sagte sie: »Es ist gefährlich hier für Sie, Elliot. Die Polizei wird zurückkommen … das nächste Mal, fürchte ich, mit einem Durchsuchungsbefehl.«

»Ich hatte daran gedacht, ob vielleicht Phillip Gross mir weiterhelfen könnte.«

Sie sah aus, als würde der Gedanke sie überraschen und lächelte dann leicht. »Ja, sehr gut. Aber Sie sollten nicht zusammen gesehen werden. Noch nicht einmal hier. Wenn Sie wollen, können Sie bis kurz vor Unterrichtsschluß hier bleiben und dann zu seiner Wohnung gehen. Ich werde ihm sagen, daß Sie in der Nähe auf ihn warten.«

Elliot nickte. Dr. Fischer entspannte sich etwas, nahm einen weiteren Zug aus ihrer Zigarette und lächelte wieder. »Haben Sie zu Mittag gegessen?«

Nach zwei Cheeseburgern, Apfelkuchen und Milch, die Dr. Fischer ihm aus der Cafeteria holte, fand sich Elliot damit ab, daß er eine Weile warten mußte, während Dr. Fischer sich an den Schreibtisch setzte, um Papierkram zu erledigen. Er nahm seine Paris Match hervor und begann sich durch einen Artikel zu kämpfen, der sich mit der Frage beschäftigte, ob EUCOMTO seine neuen Überschallflugzeuge an die Volksrepublik Taiwan verkaufen solle.

Um halb Drei teilte Dr. Fischer Elliot mit, daß die Luft jetzt rein sei und er verließ Ansonia. Es war ausgemacht, daß er Phillip in der Nähe seiner Wohnung am Lincoln Tower treffen würde. Elliot ging auf der 70sten Straße nach Westen bis zur Kreuzung Broadway und Amsterdem Avenue und bog dann, nachdem er sich vergewissert hatte, daß keine Polizei zu sehen war, in die Amsterdam Avenue ein. Er ging einen Block hinunter bis zur Einfahrt des Lincoln Tower und lehnte sich an die Mauer der jetzt verlassenen öffentlichen Leihbibliothek – außer Sichtweite des Lincoln Tower Pförtnerhäuschens. Er hielt die Paris Match so vor sein Gesicht, daß er darüber hinweg sehen konnte.

Um Viertel nach Drei tauchte Phillip auf. Elliot hielt die Zeitschrift etwas tiefer, so daß Phillip ihn sehen konnte und wartete auf das Umspringen der Ampel. Kurz darauf überquerte Phillip die Straße und trat zu ihm.

»Wie schön, Dich hier zu treffen«, bemerkte Elliot trocken hinter seiner Zeitschrift.

Phillip setzte den ihm eigenen süffisanten Gesichtsausdruck auf. »Los«, sagte er und klopfte Elliot auf die Schulter, »hier sieht uns jeder.«

Sie gingen in das Gebäude. Phillip nickte zuerst im Vorbeigehen dem Sicherheitsbeamten zu, dann, als sie das Gebäude West End Avenue 180 betraten, dem deutschen Pförtner. Ein paar Minuten später betraten sie Phillips Wohnung in der siebenten Etage, die im Stil der zeitlosen jüdischen Upper-West-Side von New York möbliert war. Phillip bat Elliot zu warten und verschwand für einige Minuten in einem der Schlafzimmer. »Ich mußte erst die Alarmanlage abstellen«, erklärte er, als er zurückkam.

Sie zogen ihre Mäntel aus. Phillip sagte, Elliot solle es sich bequem machen und auch die Jacke ausziehen. Elliot zögerte einen Augenblick, zog sie dann aus und man sah seine Pistole in seinem Schulterhalfter. Phillip blickte ihn mißtrauisch an. »Du kannst mit dem Ding umgehen?« fragte er ihn.

»Sie hat mir gestern das Leben gerettet. Zweimal.«

»Hast du jemanden erschossen?«

»Nein, ich habe nicht getroffen.«

»Aus Versehen oder absichtlich?«

Phillip erhielt keine Antwort auf die Frage, denn in diesem Augenblick betrat sein Onkel das Apartment.

Morris Gross war ein dürrer, jüdisch aussehender Mann Anfang siebzig mit schütterem weißen Haar und drahtgeränderter Brille. Noch in der Eingangsnische zog er Mantel, Schal und eine russische Fellmütze aus.

Elliot fragte sich gerade, wie er erklären sollte, daß er eine Pistole trug, als Phillip den besorgten Ausdruck im Gesicht seines Freundes bemerkte, sich zu ihm beugte und flüsterte: »Keine Angst, du bist unter Freunden.«

»Halli, hallo«, sagte Mr. Gross und trat ins Wohnzimmer. Er sprach mit jiddischem Akzent.

Elliot und Phillip erhoben sich gleichzeitig. »Onkel Morris«, sagte Phillip, »Du erinnerst dich an Elliot Vreeland?«

»Ja, natürlich.« Mr. Gross ging auf Elliot zu und sie gaben sich die Hand.

»Es tut mir aufrichtig leid, vom Tode deines Vaters zu hören. Er war ein außerordentlich mutiger Mann.«

Elliot hatte gemischte Gefühle. Einerseits schämte er sich für die Geschichte, andererseits hoffte er, daß es immer noch eine Geschichte war.

»Oh, vielen Dank, Mr. Gross.« Elliot blickte hilfesuchend zu Phillip hinüber. Sein Freund nickte ihm beruhigend zu. »Ich würde gerne die Pistole erklären.«

»Nicht nötig«, sagte Mr. Gross, »ich mußte selber gelegentlich eine tragen. Ich bin Juwelier, weißt du.«

»Du bist früh zu Hause«, sagte Phillip, »macht dein Magen dir wieder Ärger?«

Mr. Gross nickte.

»Das Gold ging heute um weitere 31 Prozent hoch. Ich kann das Lager gar nicht schnell genug füllen. Ich habe es Nikki überlassen, das Büro zu schließen.« Er wandte sich an Elliot. »Wirst du mit uns zu Abend essen? Oder hast du familiäre Verpflichtungen?«

»Natürlich wirst du«, half Phillip Elliot aus der Velegenheit, »keine Widerrede, Ell.«

»Vielen Dank«, sagte Elliot, »aber habt ihr erst mal einen Platz, wo ich mein Pistolenhalfter hinhängen kann?«

Ein wenig später waren die beiden Jugen alleine in Phillips Schlafzimmer, Elliot bequem in einem Ledersessel, Phillip bäuchlings auf seinem Bett. Während der nächsten Stunde berichtete Elliot chronologisch und ziemlich ausführlich über die Vorkommnisse, die zu seinem derzeitiges Dilemma geführt hatten. Phillip hörte aufmerksam zu, ohne zu unterbrechen. Als er fertig war, fragte Elliot seinen Freund, ob er ihm helfen wolle.

»Natürlich«, sagte Phillip einfach, »was kann ich für dich tun?«

»Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich sollte wohl einen Rechtsanwalt nehmen, oder?«

»Ich bin kein Rechtsexperte, Ell, ich weiß es auch nicht.«

»Naja, wir beide können nicht ganz allein gegen die gesamte US-Regierung vorgehen, nicht wahr?«

Phillip konnte kaum ein Lächeln verbergen. »Ich glaube nicht.«

»Was würdest du mir denn raten?«

»Willst Du meinen Rat?«

Elliot zog eine Braue hoch. »Du hast irgend etwas im Sinn.«

Phillip schwieg.

»Ja, ich bitte dich um Rat.«

»Dann glaube ich«, sagte Phillip, »daß du deine Geschichte meinem Onkel erzählen und ihn um Rat bitten solltest.«

Elliot dachte eine ganze Weile darüber nach. »Ich kenne deinen Onkel gar nicht, Phil. Meinst du wirklich, er würde mir helfen?«

»Könnte sein. Du kannst ihn fragen.«

»Aber wie wird er das finden? Es gibt eine Menge rechtlicher und politischer Einzelheiten, die ihm vielleicht nicht gefallen.«

»Ich garantiere dir, daß du sicher hier raus kommst, ob sie ihm gefallen oder nicht.«

»Aber hat er denn überhaupt eine Ahnung von solchen Geschäften?«

Phillip lächelte erneut. »Ich glaube schon. Mit vierzehn kämpfte er bei der Gründung Israels für den Irgun.«

Elliot schwieg.

Phillip schaute hinüber zur Wanduhr und erhob sich.

»Ich fange jetzt wohl besser mit dem Abendessen an.«

»Du kochst?«

»Warum nicht, ich bin fast ein Meisterkoch.«

Elliot grinste breit. »Kann ich zuschauen?«

»Auf gar keinen Fall!« Phillip stellte seinen Wandbildschirm von CD Player auf Direktempfang um und schaltete ihn ein. »Laß dich ein bißchen berieseln«, sagte er und ging hinaus.

Elliot verleibte sich den Großteil einer Sendung namens President Healer ein, eine Serie über einen Präsidenten der Vereinigten Staaten, der seine Staatsbürger durch Handauflegen heilte. Dann sah er Dr. Witch, eine Komödie über einen afrikanischen Wunderdoktor, der Medizin studiert hatte und nun in Long Beach, Kalifornien, praktizierte. Nachdem er von Phillip aus der Küche gejagt worden war, kehrte er zum Fernseher zurück und schaute sich ›Hallo Joe, Whadd’ ya Know?‹ an. Es handelte sich dabei um einen intellektuellen Gorilla – das Produkt pädagogischer Untersuchungen an Primaten – Joe genannt, der Philosophieprofessor am Gazpacho College war. In dieser Episode ging es um die Probleme, als Joe an ein und dem selben Abend gleichzeitig als Cellist und beim Endkampf eines internationlen Schachturniers antreten sollte.

Es liefen keine Werbespots, lediglich ein paar Ankündigungen öffentlicher Dienstleistungsbetriebe bis zu den 18 Uhr Nachrichten.

Ein Mann und eine Frau, zwei bekannte Schauspieler aus TV Serien, saßen auf Klappstühlen im Studio. »Denken Sie daran«, sagte der Schauspieler offen in die Kamera sprechend, »daß eine einzige Unze Gold Sie für zwanzig Jahre ins Staatsgefängnis bringen kann.«

Elliots Tag war gelaufen.

»Und das FBI«, sagte die Schauspielerin, »hat jetzt eine kostenlose 24-Stunden Hotline eingerichtet, wo man jeden, der in den Schwarzhandel verwickelt ist, melden kann. Schwarzhändler bestehlen uns alle und verlängern diese Finanzkrise. Helfen Sie keinem Brownie. Wenn Sie einen kennen, besinnen Sie sich Ihrer Pflicht als Staatsbürger und rufen Sie jetzt an.«

Eine interne 800er WATS Telefonnummer wurde eingeblendet. Elliot wechselte angewidert den Kanal, gerade rechtzeitig, um die Ankündigung der Abendmeldungen eines anderen Senders zu hören. »… eine Massendemonstration auf dem Broadway, die in Gewalttätigkeiten endete. Über dieses und vieles mehr berichten wir in einer Minute.«

»Abendessen ist fertig!« rief Phillip aus dem Eßzimmer. In diesem Augenblick jedoch hätte Elliot sich nicht mal von der Stelle gerührt, wenn der liebe Herrgott ihm persönlich Nektar und Ambrosia angeboten hätte.

Eine Uhr zeigte die letzten Sekunden bis zum Beginn der Nachrichten an. Nach der Titelmelodie sagte ein rotblonder Nachrichtensprecher: »Guten Abend, hier ist Monahan Scott mit den Nachrichten.

Die Demonstration am Brodway gegen Lohn- und Preiskontrollen, bei der etwa 60.000 Bürger für eine freie Gesellschaft teilnahmen, endete heute morgen, kurz nachdem sie begonnen hatte, in gewattätigen Ausschreitungen, als ein New Yorker Polizist – scheinbar ohne Grund – einen der Demonstranten angriff. Weder die Identität des Beamten noch die des Demonstranten sind bekannt. Frieda Sandwell war vor Ort und sprach mit einem der Demonstranten.«

Die Kamera nahm Columbus Circle ins Bild, wo Tränengaswolken die Demonstranten vertrieben. Einer von ihnen lag zusammengekrümmt auf der Straße. Ein anderer Demonstrant wurde von zwei Polizisten zu Boden geknüppelt. Es wurde eine weibliche Demonstrantin eingeblendet, die einen Polizisten in den Unterleib trat. Dann schwenkte die Kamera zu einem zehnjährigen Jungen mit einer klaffenden Wunde, die durch sein schwarzes Kopftuch blutete, der von der makellos gekleideten Frieda Sandwell interviewt wurde. »Naja, wir sind da grade ganz friedlich langgegangen«, sagte der Junge, »da brüllt dieser verrückte Schweinehund was, stürmt in die Menge und grapscht einen von unseren Leuten.«

»Hast du gehört, was der Officer geschrien hat?« fragte Frieda Sandwell und stopfte ihm das Mikrophon in den Hals.

»Es hörte sich an wie: ›Tod den Freiheitsjungen‹.«

»Hey«, sagte Phillip, der ins Schlafzimmer trat, »dein Essen wird kalt.«

Elliot schaltete den Fernseher aus und folgte seinem Freund zu Tisch, ohne ein Wort zu sagen.

KAPITEL 9

Phillip war wirklich ein absoluter Meisterkoch.

Elliot genoß ein königliches Abendessen. Zunächst gab es Grapefruithälften und grünen Salat gefolgt von Hähnchenfilets in Kokosnuß-Orangesoße, grünen Bohnen mit Mandeln und kandierten Süßkartoffeln, das Ganze abgerundet von Southern Pecanußtorte, die mit Milchkaffee aus Zichorie serviert wurde. Elliot lobte Phillip unter anderem für sein gekonntes Umgehen mit den Essensmarken.

Nach dem Abendessen, bei Cognac und Zigarren (Elliot nahm nur ersteren), wiederholte Elliot seine Geschichte für Mr. Gross. Er erzählte, daß der Name seines Vaters auf einer Schwarzen Liste geführt worden war, vom Plan, das Land zu verlassen, wie er an das Gold kam und davon, was er bei seiner Heimkehr erlebt hatte … sogar von seiner Theorie einer möglichen Verbindung zwischen Al und dem Zigeuner, dem Taxifahrer. Er berichtete noch einmal über die Vorfälle nach seinem fluchtartigen Verlassen des Apartments und endete diesmal mit dem Bericht darüber, welche Rolle er bei der Demonstration gespielt hatte. Mr. Gross erkundigte sich mehrmals nach Einzelheiten oder bat um zusätzliche Informationen.

Mr. Gross paffte ein letztes Mal an seiner Zigarre und drückte sie dann im Aschenbecher aus. Elliot spürte, wie ihm die Luft wegblieb und atmete bewußt durch.

Schließlich meinte Mr. Gross: »Hast du an die Möglichkeit gedacht, daß deine Familie vielleicht schon tot sein könnte? Ich frage nicht, weil ich grausam sein will. Als ich so alt war wie du, habe ich meine ganze Familie durch die Nazis verloren, bis auf einen Bruder, Phillips Vater, den wir später verloren …«

Elliot schluckte und bereitete sich darauf vor zu bejahen, überlegte es sich dann aber anders. »Ich habe darüber nachgedacht, Mr. Gross, ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, daß die Regierung drei Zivilisten einfach kaltblütig umlegt.«

»Das war 1943 auch unvorstellbar, und dennoch geschah es.« Mr Gross ließ Elliot ein paar Sekunden, um diesen Gedanken zu verdauen. Dann fügte er hinzu: »Aber, um ehrlich zu sein, ich halte es für wahrscheinlich, daß alle drei zur Zeit noch am Leben sind. Das ist keineswegs Wunschdenken. Es gibt eine Reihe guter Gründe für diese Annahme. Aber selbst wenn wir davon ausgehen können, daß wir deiner Familie noch helfen können, möchte ich doch, daß du die Möglichkeit nicht ausschließt, daß es bereits zu spät sein könnte.«

»Ich verstehe.«

»Gut.«

»Möglicherweise wäre es das Beste«, meinte Elliot, »wenn man versuchen würde, die Regierung zu zwingen, Farbe zu bekennen. Vielleicht sollte man einen Anwalt beauftragen, eine Anhörung zu erwirken. Oder vielleicht sollte ich mich einfach an die New York Times wenden und ihnen die ganze Story erzählen.«

»Ich verstehe dich und wenn du dich dafür entscheidest, werde ich dir gerne helfen, wo immer ich kann. Ich rate dir jedoch davon ab.«

»Warum?«

»Nenn es Intuition, wenn du willst«, sagte Mr. Gross. »Ich bin mir aber ziemlich sicher, daß du, falls deine Familie noch am Leben ist und du ihre Entführung – und ich benutze dieses Wort ganz bewußt – an die Öffentlichkeit bringst, riskierst, sie möglicherweise niemals lebend wiederzusehen.«

»Was schlagen Sie dann also vor? Soll ich einfach so rumsitzen und gar nichts tun?«

»Nein, es muß etwas unternommen werden … aber im Geheimen.«

»Meinen Sie, ich soll einen Detektiv beauftragen?«

»Das ist keine Angelegenheit für normale Detektive. Die wären sofort ihre Lizenz los, wenn sie auf irgendeine Art und Weise mit der Politik ins Gehege kämen.«

»Was schlagen Sie also vor?«

Mr. Gross nippte am Cognac und hielt einen Moment inne. »Im Juweliergewerbe kommt man mit einer Menge Leute zusammen. Manche sagen, man könne fast alles bekommen … für einen angemessenen Preis. Du hast mir gesagt, daß du über Mittel verfügst. Die Frage ist nur, wieviel wärst du bereit auszugeben.«

»Alles«, erwiderte Elliot entschlossen, »alles Gold, was ich habe. Das habe ich gestern beschlossen.«

»Na gut«, fuhr Mr. Gross fort, »wenn du willst, werde ich morgen einige meiner Geschäftspartner fragen, was zu machen ist. Bis morgen kann ich aber nichts erreichen. Am besten, du bleibst heute Nacht hier. Phillip wird dir die Couch herrichten.«

»Mr. Gross, Sie sind ein wahrer Lebensretter!«

»Ich hoffe es.«

In diesem Moment begann die Großvater-Uhr im Eßzimmer acht zu schlagen. Mr. Gross erhob sich.

»Geht fünf Minuten nach, du bist dran, sie aufzuziehen, Phillip.«

Mr. Gross zog sich in seinen Schlafzimmer zurück, um zu lesen. Nachdem Phillip die Küche aufgeräumt hatte, fragte er Elliot, ob er Lust zu einer Partie Schach habe. Elliot bejahte und Phillip baute das Brett auf dem Eßtisch auf. Nachdem er den weißen Bauern gezogen hatte, eröffnete Elliot mit seinem Bauer von E2 auf E4. Phillip tat den gleichen Zug mit seinem Bauern von E7 auf E5. Elliot zog seien Läufer von F1 auf C4 und sagte dann:

»Woher wußtest du übrigens, daß Mrs. Tobias gefeuert wurde?«

Phillip grinste.

»Sagen wir mal so, der Entlüftungsschacht zwischen der Männertoilette im zweiten Stock und dem direkt darunter liegendem Büro der Schulleiterin ist eine nützliche Informationsquelle. Und Mrs. Tobias wurde nicht gefeuert.«

Er zog mit seinem Läufer von F8 nach C5.

Elliot schob seine Dame auf F3 und fragte: »Und weshalb ist sie gegangen?«

»Ein Machtspiel«, sagte Phillip. Der schwarze Bauer wurde von B7 auf B5 gesetzt und bedrohte nun den weißen Läufer. »Mrs. Tobias wollte ihre politischen Ansichten in den Unterricht einbringen. Dr. Fischer sagte, sie sei schließlich eingestellt worden um zu lehren und nicht, um Propaganda zu machen.«

Elliots Dame schlug den Bauern auf C7.

»Findest du nicht, das dies eine ziemlich üble Beschneidung ihrer akademischen Freiheit ist? Sie war ein Miststück, das stimmt schon, aber fair ist fair.«

»Unsinn«, meinte Phillip und schlug Elliots Läufer auf F4 mit dem Bauern, »das ist genausowenig Freiheitsberaubung, als wenn du dich weigern würdest, die Maschine nach Los Angeles zu nehmen, wenn du nach Miami willst. Was sie während ihrer Freizeit machte, war ihre eigene Angelegenheit.«

»Du kannst den Läufer nicht schlagen, Phil.«

»Wie? Warum nicht, zum Teufel?«

»Weil ich dich mit meinem letzten Zug matt gesetzt habe.«

Phillip starrte aufs Brett und sagte leise: »Scheiße.«

Elliot grinste hämisch.

Strahlender Sonnenschein weckte ihn auf. Nachdem er ein paar Minuten versucht hatte, ihn einfach zu ignorieren, gab er auf und setzte sich. Er rieb sich die Augen und brauchte einige Sekunden, um sich zu erinnern, wo er war. Er massierte seine Waden und streckte die Glieder – die Couch war zu kurz für ihn. Schließlich hellwach, bemerkte er, daß es bis auf das Ticken der alten Uhr absolut still in der Wohnung war. Auf dem Eßtisch fand er einen Zettel, aufgespießt auf den weißen König; das nächtliche Schlachtfeld zeugte noch von seinem Sieg. Er überflog die Notiz .

Ell,

wir wollten Dich nicht wecken, Du schienst den Schlaf nötig zu haben. In der Kaffeemaschine ist heißer Kaffee. Du kannst Dir alles zu Essen nehmen, was Du willst und findest. Schlage vor, du bleibst im Haus. Mein Onkel und ich werden am Nachmittag zurück sein. Halt die Ohren steif.

Phil.

Nach der üblichen Morgentoilette schien es Elliot, als sei noch nie ein Tag so langsam vergangen. Er hatte ein enormes Bedürfnis, irgend etwas zu tun, aber er konnte sich ja nicht wegbewegen. Er hatte ein Gefühl, als würden große Leistungen von ihm erwartet, er aber nicht die Kraft hatte, sie zu erbringen.

Er versuchte, einen Roman zu lesen, den er aus Phillips Regal genommen hatte, war aber nicht in der Lage, mehr als ein paar Seiten zu lesen, ohne daß seine Gedanken abschweiften. Er stellte den Fernseher an. Die Spiele kamen ihm unglaublich geistlos vor und er schaltete den Apparat verärgert wieder aus.

Schließlich nahm er eine holosone Kassette und schob sie in Phillips Anlage. Es war die dritte Symphonie von Brahms in eine Aufnahme der Reiner-Chicago Symphoniker. Er empfand sie als entspannend und setzte sich zum ersten Mal seit Stunden still hin. Elliot sank in Phils Ruhesessel und bei Beginn des zweiten Satzes schloß er die Augen.

Die Grosses kamen gegen 16 Uhr gemeinsam zurück.

»Es ist alles geregelt«, sagte Phillips Onkel, kaum daß die Tür hinter ihm zugefallen war. »Der Vorsitzende übernimmt solche Fälle nicht gerne. Er hat aber beschlossen, doch zu helfen, als er hörte, daß es um das Leben deines Vater geht.«

»Der Vorsitzende?«, fragte Elliot besorgt.

»Merce Rampart«, sagte Mr. Gross, »der Vorsitzende des Revolutionären Agoristischen Kaders.«

Elliot war wie betäubt, als ob er wieder einen Steckschlüssel abbekommen hätte. Gleichzeitig fühlte er sich betrogen und verletzlich. »Das sind Ihre ›Geschäftspartner‹?«

»Ja«, sagte Mr. Gross.

»Und Sie billigen deren Handlungsweise?«

»Aus vollster Überzeugung.«

»Phil, was hältst du von alledem?«

»Ich weiß nicht viel mehr als du, Ell.«

Elliot stand einen Moment da und wägte das Leben seiner Familie gegen politische Ansichten ab, die er noch nicht ganz abwägen konnte. Im Augenblick war die Regierung auf der einen Seite und er, gemeinsam mit seiner Familie und einer ›unseligen Allianz zwischen der Mafia und anarchistischen Terroristen‹ auf der anderen. Was aber, wenn die Loyalität gegenüber seiner Familie von ihm verlangte, die falsche Seite zu wählen?

Die Worte seines Vaters kamen ihm in den Sinn: »Es ist zu spät für mich, dir Wertvorstellungen zu vermitteln. Aber wenn du bis jetzt noch keine hast, bin ich ein schlechter Vater.«

»In Ordnung«, sagte Elliot, »ich will diesen Rampart treffen. Was muß ich tun?«

TEIL2

Ein Schlafender begegnete in seinen Träumen dem Prinzen der Finsternis. Er war überrascht von seiner aufrechten Haltung und seinem adretten Erscheinungsbild. Er wandte sich an ihn: »Oh schöner Prinz! Die Menschen wissen nichts von deiner Schönheit, sondern beschreiben dich immer als furchtbar aussehend und grauenhaft!«

Luzifer lächelte und erwiderte: »Diese Merkmale sind von meinen Feinden geschaffen worden, die mich für ihre Ausweisung aus dem Paradies verantwortlich machen. Sie beschreiben mich aus reiner Tücke so.«

- SHEIKH MUSHARIFF-DU-DIN SA’DI, 1184-1291

(am besten bekannt als Sa’di von Shiraz)

übersetzt aus dem Bustan (»Garten«)

KAPITEL 10

»Unterschreib hier.«

Mr. Gross zeigte auf das Dokument, das er gerade auf den Kaffeetisch gelegt hatte, wobei er Elliot einen Stift reichte. Phillip war in der Küche und bereitete das Abendbrot vor.

»Ich wußte, daß die Sache irgendeinen Haken haben würde«, sagte Elliot. »Was ist das?«

»Ein Skeptiker, was?« erwiderte Mr. Gross. »Gut, das kann ich dir nicht vorwerfen. Lies es dir durch, und wenn du dann noch weitere Fragen hast, werde ich sie dir beantworten, wenn ich kann.«

Elliot nahm das Blatt und begann es laut zu lesen:

»ALLGEMEINE SUBMISSION DER SCHLICHTUNGSREGELN

Vertrag zwischen dem unterzeichnenden Submittor, der Unabhängigen Schlichtungsgruppe (es folgte eine Adresse), die im Folgenden nur noch USG genannt wird, und allen anderen Personen, die sich nach den Allgemeinen Schlichtungsregeln richten mußten oder in Zukunft richten müssen …

In Anbetracht der beiderseitigen Vereinbarungen, die Gegenstand dieses Vertrags sind … und anderer guter und angemessener Betrachtung, stimmt der Vertragsunterzeichner zu, daß eventuell auftretende Streitfragen zwischen dem Unterzeichner und jeder anderen Person, die die Allgemeinen Schlichtungsregeln anerkannt hat, von der USG nach den gerade gültigen Regeln geschlichtet werden sollen. Der Unterzeichner bestätigt den Erhalt einer Kopie der Regeln.«

»Zufällig habe ich gerade eine Kopie davon übrig«, sagte Mr. Gross und reichte Elliot ein Heftchen.

»Mmmmm«, bestätigte Elliot. Dann überflog er eine technische Passage über Akten, Mitteilungen und ähnliches und schloß:

»Die Schlichtung soll das Recht des Vertrages durchsetzen, um seine Ziele zu erfüllen und sie soll die Streitfälle durch Anwendung von Vernunft und die Beachtung der Fakten nach dem Gleichen Recht auf Freiheit entscheiden (jede/jeder hat das Recht, mit ihrem/seinem Eigentum zu machen, was sie/er will, solange sie/er nicht gewaltsam das gleiche Recht eines anderen beeinträchtigt).«

»Okay, ich habe die Passage verstanden«, sagte Elliot. »Aber was hat das mit mir zu tun?«

»Eine ganze Menge«, sagte Mr. Gross. »Jede einzelne Person, die mit dem Revolutionären Agoristischen Kader zusammenarbeitet, hat genauso eine Submission wie diese hier unterzeichnet, entweder beim Kader selbst oder einer anderen Gruppe, mit der er eine gegenseitige Rechtsprechung ausgetauscht hat. Der Kader wird mit niemandem zusammenarbeiten, oder auch nur sprechen, der die Schlichtungsregeln nicht anerkannt hat.«

»Warum?«

»Das hat mehrere Gründe«, sagte Mr. Gross. »Als Untergrundorganisation kann der Kader diejenigen, die einen Vertrag brechen oder ihm auf andere Art und Weise schaden, nicht gerichtlich belangen. Der Kader benutzt aber auch keine Gangstermethoden, um die Vertragserfüllung zu erzwingen. Gebrochene Arme, Brandstiftung, Mord, das ist normalerweise alles, was übrigbleibt, wenn jemand seiner friedlichen Methode zur Streitschlichtung beraubt wird. Und solche Methoden entsprechen in keinem Fall den Prinzipien des Kaders. Der Kader kann sich auch kein eigenes Gericht schaffen, vor das er die Leute zerren kann, wie die Regierung das tut, weil ein solches Gericht lachhaft wäre. Es hätte keinen Staat hinter sich, der ihm Rückendeckung gibt, so daß niemand seine Entscheidungen respektieren würde.«

»Moment mal«, unterbrach Elliot. »Wollen Sie damit sagen, daß diese Unabhängige Schlichtungsgruppe nicht zum Kader gehört?«

»Natürlich nicht. Wie könnte sie? Es ist eine absolut legitime Schlichtungsorganisation. Überprüf es im Handelsregister, wenn du mir nicht glaubst.«

»Aber wie kann denn eine ›absolut legitime‹ Organisation eine illegale Organisation zum Kunden haben?«

»Es wäre für den Kader nicht schwer, dies zu umgehen, indem seine führenden Mitglieder die Verträge unter ihren eigenen Namen abschließen und sich der Kader als Organisation aus solchen Dingen heraushalten würde, aber die Regierung verlangt vom Kader Anerkennungsverträge in den Unterlagen.«

»Was?«

»Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, dann kommt der Berg eben manchmal zum Propheten«, fuhr Mr. Gross fort. »Das bedeutet, daß die Regierung bei dem Versuch, den Kader vor staatliche Gerichte zu bringen, erfolglos war und es vorzieht, für Klagen, die sie selbst vorbringt, Wege zur Verfügung zu haben. Ich wäre überrascht, wenn die Bundesregierung nicht schon um Schlichtung bei den Angriffen auf ihre FBI-Büros gebeten hätte.«

»Sie machen Witze.«

»Oh nein, ich meine es ziemlich ernst.«

»Aber das ist verrückt«, sagte Elliot. »Erstens, wenn die Kadermitglieder Anarchisten sind, warum sollten sie jemals zustimmen, mit ihren Feinden in der Regierung friedlich übereinzukommen?«

»Der Kader hat in dieser Angelegenheit keine Wahl. Die Submission sagt eindeutig aus, daß der Unterzeichner zustimmt, jeglichen Disput mit jemandem, der auch eine Submission unterzeichnet hat, zu schlichten. Wenn sie es nicht täten, würden ihre Submissionen wahrscheinlich widerrufen werden.«

»Aber warum richten es die Staatsanwälte nicht einfach ein, daß ihre Polizei alle Kadermitglieder, die bei der Verhandlung erscheinen, verhaftet?«

»Anhörung«, korrigierte Mr. Gross. »Es gibt keine formellen Anklagepunkte, nur Schadensfragen. Aber um zu antworten, der Kader gibt ihnen keine Chance; alle solchen Anhörungen werden in Ländern durchgeführt, die keine Auslieferungsverträge mit den Vereinigten Staaten haben.«

»Einen Augenblick mal«, unterbrach Elliot. »Wenn die Regierung den Kader auf diese Weise anklagen kann, warum kann der Kader die Regierung dann nicht verklagen? Sie sind Revolutionäre; sie müssen Klagen dagegen haben.«

»Sie haben Anklage erhoben, aber es gibt praktische Grenzen. Zum einen kann der Kader die Regierung nicht als Körperschaft verfolgen, sondern nur bestimmte Einzelpersonen in der Regierung. Was jedoch wichtiger ist, ein Schlichtungserlaß ist nur insoweit bindend, als daß die Parteien gezwungen werden können, sich an ihn zu halten. In der Gegenwirtschaft ist ein Schlichtungserlaß die Basis für einen Boykott und die Ächtung von jedem, der sich ihm nicht beugt, eine ›Vertreibung‹, wie wenn man nackt seinen Feinden ausgeliefert wird. In diesem Fall ist, praktisch gesehen, alles was der Kader jemals erreichen kann, die geringe Gebühr, die der Schlichter von beiden Parteien als Einverständnisabkommen verlangt. Wenn der Kader den Einsatz höher treiben will, wird die Regierung die Zahlung verweigern. Der Bundesstaat wird nicht irgendeinen privaten Schlichtungserlaß akzeptieren, der irgendeinem seiner Angestellten wirklichen Schaden zufügt; diese würden durch die Berufung auf ›souveräne Immunität‹ geschützt werden. Und der Kader hat keine Möglichkeit, die Regierung zur Zahlung zu zwingen: In einem totalen Krieg würde der Kader sang- und klanglos untergehen.«

»Wie will der Kader denn dann gewinnen?«

»Sie hoffen, die Regierung verhungern lassen zu können.«

»Hier wird niemand verhungern«, sagte Phillip, als er das Wohnzimmer betrat. »Das Abendessen ist serviert.« Er verschwand wieder in der Küche.

Elliot nahm den Stift und unterschrieb die Allgemeine Submission der Schlichtungsregeln.

»Du mußt nach Aurora aufbrechen. Heute Abend.«

Die Grosses und Elliot saßen am Eßtisch und aßen Schwedische Mettbällchen mit Reis und einer guten Deutschen Liebfraumilch.

»Aurora?«

»Das ist natürlich ein Codename«, fuhr Mr. Gross fort. »Ich kann dir sagen, daß es irgendwo an der östlichen Küste ist. Alle weiteren Informationen kennt nur der Kader.«

»Aber was ist es? Hat es etwas mit den Nordlichtern zu tun?«

»Es ist hauptsächlich symbolisch«, sagte Phillip. »Aurora war die Göttin der Morgenröte in der römischen Mythologie und steht für die Hoffnung; der Kader hat den Namen auch wegen der ersten beiden Buchstaben verwendet, AU, das chemische Zeichen für Gold.«

»Etwas wörtlicher betrachtet«, sagte Phillips Onkel, »ist AU auch die Abkürzung für ›Agoristischer Untergrund‹, und genau das ist Aurora. Es ist der Sitz einer Kette geheimer Agoras -Marktplätze – wo sich Händler der Gegenwirtschaft treffen, um Geschäfte zu tätigen.«

»Aber wie kann man dort hinkommen, wenn man nicht weiß, wo es ist?«

»Der Kader regelt das. In deinem Fall wirst du in einem Schrankkoffer mit einem Lufttank als Begleiter eingeschlossen werden. Darin wirst du dann dorthin verschifft. Und wenn du die Reise genießen willst, würde ich vorschlagen, nicht so viele von Phillips Mettbällchen zu essen.«

Elliot schob seinen Teller beiseite, aber er war nicht über die Reiseübelkeit beunruhigt.

»Kommen Sie und Phillip nicht mit?«

»Nein. Weder Phillip noch ich stehen bis jetzt unter Verdacht, und es wäre sehr riskant, wenn ich dich dieses Wochenende nach Aurora bringen würde. Zum Beispiel könnte ich von Freunden vermißt werden. Aber mach dir keine Sorgen. Du bist hier jederzeit willkommen und kannst so lange bleiben, wie du es für nötig hältst.«

»Vielen Dank.«

»Keine Ursache.«

Nachdem Elliot Phillip beim Abwasch geholfen hatte, nahmen sie noch einmal das Schachbrett hervor, wobei Phillip dieses Mal im Vorteil war, weil er nicht abgelenkt war. Gegen halb acht, als er einen Läufer und einen Bauern verloren hatte, gab Elliot auf. Mr. Gross schlug vor, daß Elliot nun eine Reisetablette nehmen sollte. Das tat er auch.

Um acht, in der Hälfte des Entscheidungsspiels, kündigte der Portier eine Lieferung an, die auf dem Weg nach oben sei; Mr. Gross befahl den beiden Jungen, in Phillips Schlafzimmer zu gehen. Dort redeten sie über belanglose Dinge, bis Mr. Gross sie zehn Minuten später ins Wohnzimmer rief. »Sie warten in meinem Schlafzimmer«, erklärte Mr. Gross, um Elliots Frage zuvorzukommen.

Mitten im Wohnzimmer neben dem Sofa stand ein Schrankkoffer mit geöffnetem Deckel; er war groß genug für einen Mann, aber das mußte er ja auch sein. Unten und an den Innenseiten war er mit einer Schaumgummischicht gepolstert, hatte einen Sicherheitsgurt und in den Deckel waren vier eiserne Lufttanks eingebaut.

Elliot sah den Schrankkoffer zweifelnd an. »Etwas klein, nicht wahr?«

»Unsinn«, sagte Mr. Gross. »Es ist einer der größten auf dem Markt; sie benutzen in drüben in der Metropolitan Oper. Du solltest besser gleich hineinklettern.« Elliot sah den Schrankkoffer einen weiteren Moment lang zögernd an. »Was ist los? Klaustrophobie?«

»Nein, Agoraphobie.«

Mr. Gross lächelte. »Du wirst darüber hinwegkommen.«

Nachdem Elliot sorgfältig hineingestopft worden war, verabschiedete er sich. Dann wurde der Sicherheitsgurt angelegt. Seine Arme und Beine konnte er nicht mehr bewegen, ein Mundstück, das mit dem Beatmungsgerät verbunden war, wurde ihm aufgesetzt und dann wurde der Deckel geschlossen. Es wurde stockdunkel und Elliot hörte ein Schloß zuschnappen.

Jemand klopfte auf den Koffer und schien zu flüstern (oder schrie er vielleicht?): »Gute Reise. Du mußt nicht lange da drin bleiben.« Elliot antwortete lieber nicht, weil er Angst hatte, sein Mundstück zu verlieren.

Der Koffer wurde aufgerichtet und Elliot hing an dem Gurt, genauer gesagt saß er darauf, als ob er an einem Fallschirm hängen würde. Als der Koffer erst nach vorne, dann wieder nach hinten gekippt wurde, folgerte Elliot daraus, daß ein Handwagen darunter geschoben worden war. Ein Ruck nach vorne, ein Stoß – er bewegte sich.

Kurz nachdem die Reise begonnen hatte, hielt der Koffer für eine anscheinend längere Pause an. Elliot vernahm Teile eines Gesprächs, die er aber nicht verstehen konnte. Er glaubte, die Worte »falsche Wohnung« aufgeschnappt zu haben. Dann verstummte das Gespräch und der Koffer bewegte sich wieder. Kurz danach saß er wieder auf seinem Hinterteil, fühlte und hörte Vibrationen, endlose Geschwindigkeitsveränderungen, Auf- und Abwärtsbewegungen, seitliche Bewegungen …

Elliot wurde mit einem Ruck wach. Der Koffer stand still. Er dachte, daß er wohl eingeschlafen sein mußte. Zweifellos die Schlaftablette. Er hörte erneut das Schloß klicken und der Deckel wurde geöffnet, immer noch ziemlich groggy wurde er von dem hellen Licht geblendet. Eine herzliche männliche Stimme donnerte los: »Willst du etwa die Schule schwänzen, mein Junge? Dein Aufsatz war heute fällig und so leicht kommst du mir nicht davon!« Der Mann beugte sich über den Schrankkoffer und lächelte breit. Elliot blinzelte und erstickte fast an seinem Mundstück.

Es war Mr. Harper.

KAPITEL 11

»Einen Moment mal«, sagte Elliot, sobald sein Mund frei war. »Sie etwa auch?«

»Häh?« sagte Mr. Harper.

Bei ihm war ein etwas älterer dickerer Mann, der einen zerknitterten grauen Anzug trug, aber er sagte nichts.

»Gibt es denn niemanden, den ich kenne, der nicht an dieser Verschwörung beteiligt ist?«

»Der Junge scheint in Ordnung zu sein«, sagte der ältere Mann. »Ich sehe dich später, Ben. Laissez-faire.«

»Einen Augenblick noch, Doktor. Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Er scheint verwirrt zu sein.« Mr. Harper wandte sich wieder an Elliot: »Nun, was meinst du denn mit einer Verschwörung?«

»Den Kader«, antwortete Elliot. »Es scheint einfach so, daß jeder, den ich kenne oder den ich treffe, in irgendeiner Verbindung zum Kader steht.« Er machte eine Pause. »Jetzt, wo ich darüber nachdenke glaube ich, daß Al und der Zigeunerfahrer wahrscheinlich auch Mitglieder sind.«

»Jetzt reg dich mal ab«, sagte Mr. Harper, während er Elliot von dem Gurt befreite. »Ich weiß nicht, von wem du sprichst, aber wenn sie Verbündete des Kaders sind, möchte ich es auch nicht wissen.«

Die beiden Männer halfen Elliot aus dem Koffer heraus. Er stand einen Moment lang schwankend da, dann untersuchte er seine Umgebung. Er war nicht sicher, was er erwartet hatte – vielleicht ein Lagerhaus, in dem es vor Ratten nur so wimmelte oder einen kaum beleuchteten Kellerraum – aber sicherlich nicht so etwas. Stattdessen fand er sich in einer Halle, die größer als ein Wohnzimmer war, und die aussah wie eine Kreuzung zwischen einer VIP-Lounge am Flughafen und einer Notaufnahme im Krankenhaus.

An der Wand hinter dem Koffer befand sich ein Erste-Hilfe-Schrank, auf den ein rotes Kreuz gemalt war. In der Nähe stand eine grüne Sauerstoffflasche mit Gesichtsmaske, ein Untersuchungstisch, ein Ständer mit einem leeren Haken, wie man ihn verwendet, um Blutkonserven dran aufzuhängen und eine Notfallausrüstung zur Wiederbelebung. An der gegenüberliegenden Wand gab es eine Bar, Tische und bequeme Stühle, und gegenüber der Bar eine Videoleinwand. Obwohl der Raum mit Teppichboden ausgelegt war, gab es zwischen dem Koffer und der einzigen Tür des Raumes einen Weg aus Plexiglas. Es gab keine Fenster.

Die einzige Dekoration des Raumes war eine veränderte Gadsden Flagge, die an der Wand aufgehängt war, die die Bar und den medizinischen Bereich verband (gegenüber der Tür); sie zeigte ein goldenes Feld mit »LAISSEZ-FAIRE!« in der oberen linken Ecke, einer eingerollten Klapperschlange, die mit heraushängender Zunge nach links blickte und in der oberen rechten Ecke »DONT’ TREAD ON ME!«

Elliot nahm an, daß man in dieser Halle oft Besucher empfing.

Der Doktor schickte Elliot zum Untersuchungstisch und untersuchte ihn dort auf eine Gehirnerschütterung, indem er seine Pupillen und seine Reflexe testete und ihn fragte, ob er einen steifen Nacken habe; Elliot antwortete, daß es seinem Nacken gut gehe.

Dann befahl er Elliot: »Mach deinen Mantel, deine Jacke und dein Hemd auf.« Elliot gehorchte, wobei er sein Pistolenhalfter zur Seite schob. Der Doktor hörte sein Herz ab, zog das Stethoskop dann zurück und sagte ihm: »Du wirst viel älter werden als ich.« Er wandte sich wieder an Harper: »Und jetzt, Ben, werde ich diesen Jungen deinen fähigen Händen überlassen.«

Er wünschte allen eine Gute Nacht und ging.

»Er scheint in Eile zu sein«, sagte Elliot, sobald die Tür zu war.

»Dr. Taylor möchte wahrscheinlich schnell zu seinem Pokerspiel zurück«, erwiderte Harper.

Elliot knöpfte sein Hemd wieder zu. »Tut mir leid, daß er meinetwegen dort weg mußte.«

»Du hast ihm einen Gefallen getan. Er war am Verlieren.«

Nachdem er vom Tisch gesprungen war, fragte Elliot: »Mr. Harper, was machen Sie eigentlich hier?«

Harper führte Elliot zur Bar hinüber. »Vergiß diesen Namen. Hier heiße ich Ben Goldman. Nenn mich einfach Ben.«

»In Ordnung … Ben. Aber was …«

»Und es wäre auch für dich eine gute Idee«, unterbrach Harper ihn, »hier einen anderen Namen zu benutzen. Vreeland ist im Augenblick viel zu heikel.« Harper trat hinter die Bar. »Ich trinke Jack Daniels auf Eis. Was möchtest du haben?«

»Sie bieten einem Schüler einen Drink an?«

»Warum nicht? Bist du Alkoholiker? Oder Antialkoholiker?«

Elliot schüttelte den Kopf und setzte sich an die Bar. »Ich kann mir nur nicht vorstellen, was Dr. Fischer dazu sagen würde. Jack Daniels wäre gut, mit Wasser bitte.«

»Du unterschätzt Dr. Fischer. Sie ist hochintelligent.« Harper reichte Elliot seinen Drink. »Prost.«

In den nächsten fünfundvierzig Minuten gab ›Ben Goldman‹ Elliot einen grundlegenden Überblick darüber, was von ihm erwartet würde, wenn er vom Revolutionären Agoristischen Kader unterstützt werden möchte. »Dieser Raum hier ist das Aurora Terminal«, erklärte Harper, »und es ist der einzige Teil von Aurora, den jeder, der kein Verbündeter ist und versichert hat, unsere Geheimnisse zu wahren, sehen darf. Das Ziel des Kaders – eine laissez-faire Gesellschaft – schließt die Anwendung von dem, was man als traditionelle revolutionäre Taktiken bezeichnen würde, aus; wir sind gezwungen, uns hauptsächlich auf unsere Schläue zu verlassen. Und darum ist die Hauptvoraussetzung für jeden, der mit uns zusammenarbeiten möchte, ein gutes Stück Diskretion. Du darfst auf keinen Fall mehr über das Kadergeschäft lernen, als den Teil, der dich direkt betrifft. Und du darfst niemals mit jemand anderem als einem anderen Verbündeten über das Kadergeschäft sprechen. Der Rest wird sich leicht ergeben, wenn du nur eine Regel befolgst: Kümmere dich um deinen eigenen Kram.«

»Ich habe Sie verstanden.«

»Gut. Trink jetzt deinen Drink aus und dann machen wir den großen Rundgang.«

Hinter der Tür des Terminals war ein mit Leuchtstoffröhren beleuchteter langer Flur mit einem großen Rollportal gegenüber dem Terminal und einer einzelnen Tür am anderen Ende des Korridors; Mr. Harper führte Elliot zu der letzteren. Die Tür war aus Stahl ohne jegliche sichtbaren Türknäufe, Scharniere oder Klingeln. Elliot bemerkte jedoch einen kleinen Spiegel oberhalb der Tür, und folgerte daraus korrekterweise, daß es eine verborgene Videokamera gab.

Als die Tür aufging, stand Elliot einem kräftig aussehenden Mann gegenüber, der eine Waffe auf ihn richtete, die er als Taser erkannte, eine nicht tödliche Waffe, mit der man elektrische Pfeile abschießt, die lähmend wirken. Die Wache trug einen schwarzen Rollkragenpullover und schwarze Hosen, eine Photoidentifikationsplakette mit seinem Bild darauf, jedoch ohne Namen oder andere Bezeichnungen, und eine rote SICHERHEITS-Armbinde an seinem Arm. Die Haare und der Bart entsprachen nicht der Vorschrift.

»Identiät«, sagte der Wachmann, wobei er den Taser direkt auf Harper richtete.

»A ist A«, entgegnete Mr. Harper, der von dieser Prozedur sichtlich gelangweilt war.

Der Wachmann senkte die Waffe. »Gehen Sie durch.«

Sie folgten einer Rechtskurve im Flur und kamen zu einer Nische mit einem Sicherheitskommandanten hinter einem Pult, auf dem ein weiterer Taser lag. Beide Männer waren wie der erste Wachmann uniformiert – obwohl die Armbinde des Kommandanten diesen als solchen identifizierte – mit Photoplaketten, die an ihrem Rollkragen festgeklipst waren. Die Nische beherbergte auch Klappstühle, eine Reihe von Schließfächern und mehrere Maschinen, die Elliot von Sicherheitskontrollen am Flughafen her kannte; er entdeckte einen Metalldetektor und ein Fluoroskop.

»Immer noch sauber«, sagte der Kommandant. Der Wachmann mit dem Taser nickte.

Mr. Harper und Elliot gingen durch den Metalldetektor und wurden danach fluoroskopiert. Harper kam ohne Kommentar durch, aber Elliot mußte seine Pistole und die Munitionsschachtel abgeben. Der Wachmann steckte sie in ein Schließfach und gab Elliot den Schlüssel. Elliots Gürtel wurde auch entdeckt und der Kommandant fragte nach dem Inhalt. Elliot zögerte einen Moment und antwortete dann ehrlich: »Goldmünzen.«

»Dürfen wir sie überprüfen?«

»Müssen Sie?«

»Leider ja.«

»Kommandant Welch kann dich sonst nicht passieren lassen«, erklärte Harper.

Elliot stimmte widerwillig zu, öffnete den Gürtel und beobachte jede Bewegung der Inspektion. Da sich herausstellte, daß in dem Gürtel weder Waffen, Kameras, Recorder, Übermittler noch radioaktive Materialien versteckt waren, wurde er sofort intakt zurückgegeben.

»Du bist sauber«, sagte der Kommandant. »Geh weiter zu Registrierung.«

Elliot nahm seine Jacke und den Mantel und folgte Harper dann weiter den Flur hinunter. »Müssen Sie jedesmal diese Prozedur über sich ergehen lassen, wenn Sie hier hereinkommen?« fragte er.

Harper nickte. »Sogar wenn ich nur ins Aurora Terminal hinunter gehe.«

»Armer Dr. Taylor.«

Die »Registratur« war ein kleines Büro, nicht weit von der Sicherheitsnische entfernt, in dem es fünf Kabinen gab, die wie Wahlkabinen aussahen, außer daß in ihnen ein Stuhl stand; an jeder Kabine konnten Vorhänge zugezogen werden, um die Privatsphäre zu gewährleisten. Innerhalb jeder Kabine befand sich eine Computerstation. Natürlich waren keine Computer zu sehen; Elliot wußte bereits genug, so daß er sich nicht fragte, wo sie sein könnten.

Jede Station verfügte über eine Videoanzeige, eine modifizierte Tastatur, eine Sofortbildkamera, die auf den Stuhl gerichtet war, eine Faksimiledruckeinheit, einen optischen Scanner und einen Lichtstift; in der Kabine stand auch ein Automat für die Photoplaketten.

Während Elliot zuschaute, ging Harper in eine Kabine und ohne sich hinzusetzen oder den Vorhang zuzuziehen gab er sofort ein Umgehungsprogramm ein. Nachdem er seine Handfläche auf den optischen Scanner gelegt hatte, wurde ihm automatisch eine neue Photoplakette ausgestellt.

Harper sagte Elliot, daß er ihn wiedertreffen würde, wenn er fertig sei und ging dann, nachdem er die Plakette an seiner Jacke befestigt hatte.

Elliot saß in der Kabine und die Videoanzeige aktivierte sich, als er sich setzte.

LAISSEZ-FAIRE, NEUER VERBÜNDETER. WILLKOMMEN IN AURORA. WIR HOFFEN, DASS IHNEN DER AUFENTHALT BEI UNS GEFÄLLT UND ERFOLGREICH VERLÄUFT.

DAS ELEKTRONISCHE DOKUMENT, DASS AUS DIESEM INTERVIEW ERSTELLT WIRD, WIRD IHREN BASISVERTRAG MIT DEM REVOLUTIONÄREN AGORISTISCHEN KADER DARSTELLEN UND WIRD NACH DER SCHLICHTUNG LAUT GEGENSEITIGER SUBMISSIONSVEREINBARUNGEN VOLL DURCHSETZBAR SEIN.

BITTE BEANTWORTEN SIE ALLE FRAGEN VOLLSTÄNDIG UND AUFRICHTIG, WOBEI WIR IHNEN HIERMIT MITTEILEN UND VERBINDLICH VERSICHERN, DASS ALLE HIER GEGEBENEN INFORMATIONEN ABSOLUT VERTRAULICH BEHANDELT WERDEN UND GEGEN ZUGRIFF JEGLICHER UNBERECHTIGTER QUELLEN GESCHÜTZT SIND.

Die Computeranzeige fuhr fort, Elliot Anweisungen zu geben, wie er die Tastatur, den Scanner und den Lichtstift zu benutzen habe, um Antworten zu geben, um Fehler zu verbessern und um Fragen bezüglich des Vertrags oder weiterer Anweisungen zu stellen.

Ungefähr eine Stunde später war sich Elliot sicher, daß der Computer jetzt mehr über ihn wußte als er selbst und mit dem Lichtstift unterzeichnete er den Vertrag auf dem optischen Scanner. Der Computer fragte Elliot, ob er einen Ausdruck seines Vertrages wünsche, der ihm auf sein eigenes Risiko ausgestellt werden würde; Elliot entschied, daß er einen Ausdruck wünschte und etwa eine Minute später kam er aus dem Faksimiledrucker.

Elliots Vertrag sagte nichts darüber aus, welche Leistungen Elliot vom Kader erhalten würde; er beschäftigte sich mit Verfahrensangelegenheiten, Sicherheitserfordernissen des Kaders und Haftungseinschränkungen hinsichtlich Schäden, die Elliot dem Kader zufügen könnte und umgekehrt. Im Wesentlichen hatte Elliot den »Regeln der Einrichtung« zugestimmt und ihnen das Recht gegeben, ihn für bestimmte festgesetzte Zeiträume einzusperren (niemals länger als sechs Monate), um ihnen Zeit zum Umdisponieren zu geben, falls er irgendwelche Geheimnisse des Kaders gefährden würde. Im Gegenzug setzte der Kader darauf, daß solche Informationen aus erster Hand nicht in seine Hände gelangten, wenn er unbeabsichtigt an die Informationen gekommen wäre, würden sie ihm die Zeit bezahlen.

Nachdem er den Vertrag unterzeichnet hatte, wurde Elliots Handflächenabdruck aufgezeichnet und ein Photo von ihm gemacht, dann wurde beides auf die Photoidentifikationsplakette kopiert, die ihm ausgestellt wurde. Der Handflächenabdruck lieferte wichtige Daten auf einem Magnetstreifen, der sich in der Karte befand. Dann wurden bestimmte Signale aufgezeichnet, durch die Elliot sich selbst gegenüber dem Kader und anderen Verbündeten von entfernteren Standorten identifizieren konnte; er wählte: DAME SCHLÄGT BAUER, SCHACHMATT und HABEN SIE ETWAS GEGEN VERSTOPFTE NASENNEBENHÖHLEN?

Schließlich klemmte er die Plakette an seine Jacke und verließ die Registratur. Mr. Harper unterhielt sich mit den beiden Sicherheitskräften in der Sicherheitsnische, als Elliot herauskam. Seit Elliot ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte Harper sich umgezogen, er trug jetzt Freizeitkleidung und sein Haar war feucht. »Ah, da bist du ja.«

»Habe ich Sie warten lassen?«

»Überhaupt nicht. Ich war inzwischen oben in der Sauna. Habe mich von den Giften des modernen Lebens befreit.«

»Hier gibt es eine Sauna?«

»Im vierten Stock«, sagte Harper. »Auch ein Dampfbad – obwohl ich das unangenehm finde – eine Sonnenbank, einen Swimmingpool, einen Whirlpool und eine Turnhalle.«

»Das ist ja eine wahre CVJM-Anlage.«

Harper lächelte als ob Elliots Bemerkung eine lustige Erinnerung wachgerufen hätte. »Du siehst müde aus«, sagte er. »Komm, ich zeige dir dein Zimmer.«

Sie gingen an weiteren Büros vorbei und erreichten bald darauf einen Fahrstuhl; die Kontrolltafel zeigte zehn Stockwerke. Harper riet Elliot, gut zuzusehen, als er seine Photoplakette abnahm und sie in einen Schlitz auf der Kontrolltafel steckte; dann drückte er die Drei.

Nachdem die Türen sich geschlossen hatten, fragte Elliot ihn: »Wann werde ich Merce Rampart treffen?«

Harper sah Elliot fragend an. »Überhaupt nicht.«

Elliot wollte gerade protestieren, doch dann änderte er seine Meinung.

»Werde ich noch weiter durch die Mangel gedreht?« fragte er.

»Amüsier dich einfach und halte dich aus Schwierigkeiten heraus. Du wirst sehen, daß dieser Komplex für diese beiden Ziele hervorragend geeignet ist.«

Nachdem sich die Fahrstuhltüren geöffnet hatten, holte sich Harper seine Plakette zurück und führte Elliot durch eine Halle zu einer Tür mit der Nummer 316. Er erklärte, daß diese Tür nur auf Elliots Photoplakette eingestellt sei. Harper demonstrierte dies, indem er seine eigene Plakette in den Türschlitz schob; der Türknauf ließ sich nicht bewegen. Elliot führte seine Karte ein und der Knauf ließ sich leicht drehen. »Sehr clever«, sagte Elliot und schob die Tür auf.

Der Raum sah wie jede kommerzielle Unterkunft aus: Doppelbett, Kommode, Tisch, Bildtelefon, Videoleinwand und ein komplettes Badezimmer. Das einzige, was Elliot ungewöhnlich erschien, war das Fehlen von Fenstern und eine inaktivierte Computerstation, die ansonsten denen in der Registratur glich. Mr. Harper erklärte, daß die Station alles von Rohstoffreportagen bis zu Auroras Ladenmenu leifern könnte, und durch das Einführen einer Plakette aktiviert würde. Natürlich würde Elliot die Compterzeit in Rechnung gestellt werden.

»Sie erwähnten so etwas wie einen großen Rundgang?« fragte Elliot.

Harper lächelte. »Oh, das war nur ein kleiner Witz meinerseits. In jedem wirklichen Utopia bietet man dir immer den großen Rundgang. Weißt du: ›Hier ist die Lebensmittelherstellungsanlage. Sie produziert dreimal soviel Lebensmittel wie das alte, reaktionäre System, jedoch nur mit einem Drittel des Aufwandes!‹«

»Ist das hier denn kein wirkliches Utopia?«

»Leider nicht. Du mußt allein vor dich hinwursteln. Aber es ist fast Mitternacht. Bist du nicht müde?«

Elliot schüttelte den Kopf. »Ich bin immer noch ziemlich aufgedreht.«

»Ich bin jedenfalls müde«, sagte Harper. »Ich schlage vor, wir gehen zusammen frühstücken. Sagen wir um 9:30 Uhr?«

Elliot nickte.

»Gut. Wenn du mich brauchst, der Kommandant wird wissen, wo Ben Goldman zu finden ist.« Er machte einen Moment Pause. »Übrigens, welches alias hast du ausgewählt?«

»Joseph Rabinowitz«, antwortete Elliot schelmisch.

Harper war belustigt. »In diesem Fall«, sagte er, während er ging, »Shalom.«

Nachdem Harper gegangen war, wartete Elliot einige Augenblicke, und versuchte dann, seine Tür von innen zu öffnen. Es funktionierte. Gut, dachte er. Im Augenblick bin ich ein Gast und kein Gefangener. Er beschloß herauszufinden, wie weit er gehen konnte, drückte den Vermittlungsknopf auf dem Bildtelefon und verlangte eine Leitung nach draußen.

Der Kommandant teilte ihm mit, daß er nicht zur Kommunikation nach draußen berechtigt sei.

Naja, zumindest größtenteils ein Gast.

Elliot entschied sich nun, allein zum großen Rundgang aufzubrechen, unten zu beginnen und sich dann nach oben hochzuarbeiten.

Wie große Rundgänge so sind, begann dieser sehr langsam …

Im zweiten Stock befand sich der Fahrstuhl an der einen Seite und der Laden an der anderen, dazwischen gab es an jeder Seite einige Funktionsräume.

Der Laden war eine Mischung aus Cafeteria und Bar mit etwa einem Dutzend Männern und Frauen mittleren Alters, die aßen, tranken und sich unterhielten, sowie mit leeren Tischen für weitere hundert oder so. An der einen Seite des Ladens gab es eine Auswahl an Lebensmitteln und ein Finanzterminal (keine Kasse; man bezahlte mit den Photoplaketten), mit Preisangaben, die er nicht verstand. Dies brachte Elliot dazu, sich zu fragen, wie hoch seine Rechnung für den Aufenthalt in Aurora bereits war; der Ort sah aus wie ein teurer Privatclub und die hohen Sicherheitsvorkehrungen würden die Kosten auch nicht gerade senken. Er nahm weiterhin an, daß der Hauptgrund dafür, daß Mr. Gross ihn nicht begleitet hatte, der war, daß Besuche in Aurora, außer in wichtigen Angelegenheiten, zu teuer waren.

Die Aufenthaltsräume waren etwas belebter, obwohl Elliots erster Eindruck war, daß die Einwohner von Aurora mehr wie eine Versammlung der Handelskammer aussahen – gut, vielleicht Angehörige einer Bürgerorganisation – als wie eine revolutionäre Kamarilla.

In Aufenthaltsraum Eins fanden gerade mehrere Tischtennisspiele statt, mit einigen Zuschauern, die darauf warteten, daß die Gewinner gegeneinander antraten. Auch Pool- und Billiardtische, ein Dartspiel und mehrere elektronische Spielautomaten waren hier in Betrieb.

Elliot erblickte Dr. Taylor und sein Pokerspiel in Raum Zwei, einem Raum, der den Spielern gewidmet war, die auch am Roulette, Blackjack und einarmigen Banditen spielten und sogar beim Kontrakt-Bridge wetteten.

Im Aufenthaltsraum Vier gab es Simulationsspiele, alles von einfachen Spielen wie Diplomatie und Stratego, bis zu interstellaren Kriegsspielen in Originalgröße sowie Verliesen und Drachen, die viel Computerzeit beanspruchten. In einer Ecke hatte ein Pärchen die Frechheit, Dame zu spielen.

Mehrere Reihen etwas jüngerer Auroraner sahen eine Videodisk auf einer gemeinschaftlichen Leinwand; der Film, den sie sahen war Fahrenheit 451; eine Szene, die die alte Bibliothekarin und ihre Bücher zeigte, die gerade in Flammen aufgingen …

Auroras Bibliothek hatte eine reichhaltige Auswahl an Büchern, Videodisks und holosonen Musikkassetten. Die Buchtitel beinhalteten Human Action von Ludwig von Mises, Atlas Shrugged von Ayn Rand, Die Gegenwirtschaft von Samuel Edward Konkin III, The Probability Broach von L. Neil Smith, Power and Market von Murray N. Rothbard, Der Mond ist eine herbe Geliebte von Robert A. Heinlein, How I Found Freedom in an Unfree World von Harry Browne, Kings of The High Frontier von Victor Koman und Weimar, 1923 von Martin Vreeland. Die Videodisks umfaßten die Spanne von Horsefathers, Bananas und Der große Diktator bis Die Farm der Tiere, Der Gefangene und Die Regenbogen-Kadenz. Die Musicalaufnahmen folgten keinem feststellbaren Muster.

Im Aufenthaltsraum Drei, einem Salon, fand gerade eine Dichterlesung statt. Ein Mann in den späten Vierzigern – braunhaarig, mit einem Schnurrbart und einer goldenen »Söhne der Freiheit«-Medaille um den Hals – saß auf dem Teppich mit einem halben Dutzend reizender junger Frauen, die im Kreis um ihn herumsaßen. »Es war vor fünfundzwanzig Jahren«, sagte der Dichter, »als dies nur Fantasie war. Niemand glaubte wirklich daran, daß es passieren würde. Aber ich wußte es.«

Er schloß die Augen und rezitierte aus dem Gedächtnis:

»An der Seite der Nacht,

parallel zum Tag,

in Angst geschehn,

grelles Grau da lag;

der Morgen erwacht

und wird nie vergehn.

An der Seite der Nacht?«

Der vierte Stock sah verlassen aus. Elliot fand niemandem in der Turnhalle, in der Sonnenbank oder im Whirlpool und wollte gerade wieder gehen, als er einen Augenblick in den Swimmingpool-Bereich trat und eine Frau unter Wasser schwimmen sah. Sie war schlank und geschmeidig, langes schwarzes Haar wallte hinter ihr im Wasser und sie war nackt.

Elliot entschied, daß dies zu der Art von Diskretion zählte, die Mr. Harper erwähnt hatte, aber er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden, und dann war es zu spät. Sie tauchte auf und sah ihn.

Während er sie ansah als sie so ruhig dastand – die Arme in die Hüften gestemmt, die nackten Brüste über der Wasseroberfläche – konnte Elliot sehen, daß sie seinem Alter näher kam, als er zuerst gedacht hatte, obwohl ihre Entwicklung auch eine Frau in den Zwanzigern hätte beschreiben können. Sie war die einzige Person seines Alters, die er im Komplex gesehen hatte. Sie starrten sich mehrere Herzschläge lang an, dann sprach sie.

»Du starrst mich an«, sagte sie. Sie sprach mit einem leichten Südstaatenakzent.

Elliot wurde rot. »Oh, tut mir leid. Ich wußte nicht, daß ich hier oben nichts zu suchen habe.«

Sie machte keine Anstalten, sich zu bewegen oder sich auf andere Weise zu verhüllen.

»Niemand hält dich vom Schwimmen ab«, sagte sie. »Es ist nur unhöflich zu starren.«

»Du hast mich überrascht. Aber ich sollte besser gehen, wenn ich dich in Verlegenheit bringe.« Elliot wandte sich ab.

»Nein, geh nicht …«

Elliot drehte sich wieder um und sein Puls raste.

»Ich war sowieso fertig. Du hast den Pool jetzt ganz für dich.«

Sie kletterte aus dem Wasser, nahm ein Handtuch von einem Liegestuhl und, ohne es sich umzuhängen, ging sie ruhig durch eine Tür, hinter der Elliot Schließfächer vermutete.

Elliot zog es in Betracht, selbst eine Runde zu schwimmen, kam dann auf die Idee, auf sie zu warten und sich noch einmal zu entschuldigen, verwarf dann aber beide Ideen. Stattdessen fuhr er mit dem Fahrstuhl hinunter in den zweiten Stock, nahm fast völlig willkürlich ein Buch aus der Science-Fiction Abteilung der Bibliothek und ging zurück in sein Zimmer. Nachdem er seine Sachen ausgewaschen und sie im Badezimmer zum Trocknen aufgehangen hatte, fing er an, im Bett zu lesen.

Aber irgendwie konnte er sich nicht auf das Buch konzentrieren.

KAPITEL 12

Das Bildtelefon läutete.

Elliot griff hinüber, um zu antworten, wobei er Illuminatus!, das Buch, welches er letzte Nacht gelesen hatte, herunterwarf. Ungefähr nach dem vierten oder fünften Läuten gelang es ihm, den Antwortknopf zu finden; Mr. Harper erschien auf dem Bildschirm. »Guten Morgen, Joseph«, sagte er.

»Häh? Ach so. Guten Morgen.« Elliot nam seine Uhr vom Nachtschrank. Es war kurz nach acht. »Ich dachte, wir wären erst um halb zehn zum Frühstück verabredet?«

»Planänderung«, sagte Harper ernst. »Es tut mir leid, aber ich werde unsere Verabredung zum Frühstück nicht einhalten können. Es ist etwas Wichtiges dazwischengekommen.«

»Schlechte Neuigkeiten?«

»Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde dich hier leider eine Weile zurücklassen müssen. Es tut mir leid, aber es ist nicht zu ändern.«

Elliot unterdrückte ein Gähnen. »Gibt es irgend etwas Besonderes, was ich wissen sollte?«

»Frag heute Nachmittag von Zeit zu Zeit mal am Sicherheitstresen nach. Der Kommandant wird es dir mitteilen, wenn ich dir irgendwelche Nachrichten hinterlassen habe.«

»Okay. Und vielen Dank.«

Elliot gelang es wachzubleiben indem er seine Beine aus dem Bett schwang, sobald der Bildschirm sich ausschaltete. Er saß eine volle Minute lang bewegungslos da, dann hatte er genug Energie, ins Badezimmer zu gehen. Nachdem er sich Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, fühlte er sich etwas wacher und zog sich seine immer noch etwas feuchten Sachen wieder an. Dann stellte er fest, daß er vergessen hatte, Harper zu fragen, ob er sich überhaupt ein Frühstück leisten konnte.

Obwohl der Laden ziemlich voll war, bereitete diese Tatsache keine besonderen Probleme. Elliot wählte Grapefruitsaft, Pfannkuchen, Eier, Schinken und Kaffee. Dann reichte er dem Verbucher sine Photoplakette und dieser sagte: »Das macht vierzehn Cents und vier Mils.« Dann verbuchte er das Frühstück ohne weiteren Kommentar.

Nachdem er sein Tablett zu einem kleinen Tisch auf der anderen Seite gebracht hatte, nahm Elliot seinen Saft und fuhr fort, das Buch aus der Bibliothek zu lesen.

Zwei Eier, einen Pfannkuchen und ein Kapitel später, unterbrach ihn eine freundliche Stimme: »Kann ich mich zu dir setzen?«

Als Elliot aufsah, erblickte er seine Meerjungfrau aus dem Pool, die jetzt ein Sommerkleid trug, das er sogar noch verführerischer fand als Nacktheit. Mit demselben Blick bemerkte er am Rande auch noch, daß sein Tisch nicht der einzige war, der nicht voll besetzt war. »Setz dich«, sagte er, dann nahm er alle Willenskraft zusammen und wandte sich wieder dem Buch zu.

Seine Absichten gerieten etwa eine Minute später ins Wanken, als er einen Blick über den Rand des Buches riskierte und direkt in ihre Augen sah. »Ist das Buch gut?« fragte sie.

»Ich bin noch nicht weit gekommen. Es scheint, als ob ich in letzter Zeit Konzentrationsprobleme habe.«

»Probleme mit den Augen?«

»Nein, anderer Art.«

Elliot steckte die Jacke wie als Lesezeichen zwischen die Seiten und klappte das Buch zu.

»Ehrlich«, sagte er, »ich hatte letzte Nacht nicht vor, dir nachzuspionieren.«

»Vergiß es«, entgegnete sie. »Ein akuter Fall von Kulturschock. Wir sind beide seine Opfer, weißt du.«

»Ich kann nicht weiter zustimmen«, sagte Elliot. »Wovon sprichst du?«

»Jeder von uns glaubte, daß der andere die Kultur hier repräsentiert, dabei waren wir tatsächlich beide gestern zum ersten Mal hier.«

Elliot horchte auf. »Woher weißt du das?«

»Weil jeder von uns defensiv auf eine Situation reagiert hat, die jeder andere, der auch nur einen Tag länger hier ist, als normal hingenommen hätte.«

Elliot biß auf einen Schinkenstreifen und sagte kauend: »Wenn du gestern erst hierher gekommen bist, woher weißt du dann, was normal ist?«

»Weil ich, nachdem ich dich am Pool zurückgelassen hatte, in die Sauna gegangen bin, wo gerade eine Orgie stattfand … Was ist los?«

Elliot griff nach seinem Kaffee, und schaffte es mit einigen Schlücken, die Erstickungsanfälle zu verhindern, die die Erinnerung an das, was Mr. Harper ihm gestern Abend über die Sauna erzählt hatte, verursacht hatte. »Ich habe mich an einem Stück Schinken verschluckt«, log er.

»Jedenfalls«, fuhr sie fort, »wenn solche Dinge geschehen, wird sich niemand, der hier schon eine Weile ist, über ein kleines mitternächtliches Nacktbad aufregen. Ist du diesen Schinkenstreifen noch?«

Der Preis der Lüge, dachte er. »Bedien dich.« Sie nahm den Streifen. »Übrigens, ich bin Joseph Rabinowitz.«

Sie sah Elliot genau an. »Ziemlich unwahrscheinlich.«

»In Ordnung. Ich bin nicht Joseph Rabinowitz. Wer bist du nicht?«

Sie zündete sich nervös eine Zigarette an. »Ich bin nicht Lorimer.«

»Ist das nicht dein Vorname oder nicht dein Nachname?« fragte Elliot

»Weder noch. Oder beides.«

Elliot wischte sich den Mund ab. »Lor, hast du schon etwas über diesen Ort hier herausgefunden?«

»Nichts oberhalb des vierten Stocks, dem Heilbad – Joe.«

»Mir geht es genauso. Wie wäre es, wenn wir ausprobieren, wie weit wir unsere Nasen stecken können, bis uns jemand aufhält?«

Sobald Elliot mit dem Frühstück fertig war, brachte er das Buch in die Bibliothek zurück und die beiden bummelten zum Fahrstuhl, wo sie auf ein halbes Dutzend Knöpfe in höhere Stockwerke stießen, die sie noch nicht gesehen hatten. »Deine oder meine Plakette?« fragte Elliot.

»Versuch erst mal deine. Wenn sie nicht funktioniert, versuch meine.«

Elliot führte seine Photoplakette in die Kontrolltafel ein und drückte die Fünf. Die Fahrstuhltüren schlossen sich und öffneten sich sofort wieder, ohne daß der Fahrstuhl sich bewegt hätte. Er wiederholte diese Prozedur vom sechsten bis zum zehnten Stock und erhielt immer wieder dasselbe Ergebnis. Er wollte gerade das Ganze noch einmal mit Lorimers Plakette probieren, als die Fahrstuhltüren sich von selbst schlossen und der Fahrstuhl nach unten fuhr.

»Ich glaube, es hält uns schon jemand auf«, sagte er. Lorimer nickte.

Einige Augenblicke später öffneten sich die Türen und gaben den Blick auf eine muskulöse Sicherheitswache in Kaderuniform frei, der einen Taser auf sie richtete. Elliot lächelte schwach. »Oh – hallo«, sagte er. Lorimer lächelte auch.

Der Wachmann lächelte nicht. »Was habt ihr beiden vor?« fragte er streng und bedeutete ihnen, den Fahrstuhl zu verlassen.

»Wir erforschen nur«, sagte Elliot.

Lorimer begann mit den Wimpern zu klimpern, so daß sie aussah wie Scarlett O’Hara. »Ehrlich«, sagte sie. Ihr Südstaatenakzent war stärker geworden.

Der Wachmann ließ sich nicht verführen; er mußte aus Stein sein. »Ich glaube, ich habe gerade ein Pärchen staatlicher Spione gefangen.«

»Sehen wir wie Spione aus?« fragte Lorimer. Ihr Südstaatenakzent wurde noch stärker – noch südlicher, und sie hätte Spanisch gesprochen.

Der Wachmann warf ihr einen Blick zu, der sagte, daß sie auf jeden Fall durch die Körperkontrolle müsse.

»Warum glauben Sie, daß wir Spione sind?« fragte Elliot.

»Warum habt ihr versucht, in die Hochsicherheitsetagen hinaufzukommen? Wenn ihr erforschen wollt, warum habt ihr nicht die Handelsetage erforscht?«

»Hochsicherheitsetagen?« sagte Elliot. »Handelsetage?«

Der Wachmann sah sie an und merkte, daß sie völlig verwirrt waren. Er bedeutete ihnen mit dem Taser: »Kommt mit.«

Er führte Elliot und Lorimer zu der Sicherheitsnische und sagte dem Kommandanten – einem anderen als letzte Nacht: »Zwei für das eigentliche Aurora.«

Der Kommandant fragte sie dann: »Braucht ihr irgend etwas aus den Schließfächern?«

»Ich habe eine Pistole«, sagte Elliot. »Glauben Sie, ich werde sie brauchen?«

»Kann ich nicht sagen«, erwiderte er. »Kadermitglieder sind in der Handelsetage nicht zugelassen.«

»Warum nicht?« fragte Lorimer.

»Privatsphäre«, erklärte der Kommandant. »Die alliierten Geschäfte in Aurora haben dem Kader das Recht übertragen, Ein- und -ausgänge von Waren und Gesprächen zu überwachen, um zu gewährleisen, daß der Standort geheim bleibt. Um sicherzugehen, daß der Kader seine Autorität nicht gegen sie verwenden kann, verbieten sie uns, in ihr Gebiet einzudringen und unterhalten ihre eigenen Sicherheitskräfte, um uns herauszuhalten. Ihre Wachen sind bewaffnet; außer in Notfällen dürfen wir es nicht sein.«

»Gut«, sagte Elliot, »wenn ich darf, werde ich wohl besser meinen Revolver mitnehmen.«

»In Ordnung. Gebt mir bitte eure Plaketten.«

Der Kommandant nahm ihre Plaketten und steckte sie in einem Sammelschlitz, dann gab er Elliot seinen Revolver. Nachdem Elliot sein Halfter angelegt hatte, führte der Wachmann das Pärchen denselben Korridor hinunter, durch den sie den Kaderkomplex zuvor betreten hatten, und sie folgten wiederum der Kurve, hinter der die Stahltür war, die von einem weiteren Wachmann besetzt war. Man öffnete ihnen die Tür und wies sie an, zum Korridorende des Terminals zu gehen und an dem großen Portal gegenüber dem Terminal zu warten. Das taten sie – Elliot hatte inzwischen festgestellt, daß die Terminaltür verschlossen war – und einige Minuten später öffnete sich das Portal.

Sie standen einem Lastenaufzug gegenüber. Nachdem sie eingestiegen waren und die Tür sich automatisch geschlossen hatte, kroch der Fahrstuhl nach unten. Als die Tür sich wieder öffnete, blickten sie auf die Hauptpromenade von etwas hinunter, das wie ein kleines Dorf aussah.

Elliot und Lorimer sahen ein mit Teppichboden ausgelegtes Einkaufszentrum -Tageslicht wurde durch schillernde Tafeln in einem schallgedämpften Dach simuliert – , das acht Meter breit war und sich über die doppelte Länge eines Fußballfeldes erstreckte. An jeder Seite der Promenade gab es eine Reihe von Geschäftsfronten und Büros, wie Elliot sie noch nie gesehen hatte und in diesem Zentrum kauften über hundert Personen mit offensichtlich ganz verschiedenen Nationalitäten, Glaubensrichtungen und Gebräuchen ein.

»Das ist eindeutig unmöglich«, sagte Elliot. Lorimer war derselben Meinung.

Sie begannen die Promenade entlang zu gehen. Auf der linken Seite gingen sie am Schwarzen Supermarkt vorbei (er sah wie ein Supermarkt aus); daneben kamen Büros der Ersten Anarchistischen Bank und Vermögensgesellschaft – kurz AnarchoBank; weiter unten die KeinStaat Versicherung; jenseits davon ein Postamt; Die Amerikanische Brief- und Postgesellschaft, Gründer Lysander Spooner.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Promenade gab es Die Schmuggelwaren-Tauschbörse (Schmuck, Neuheiten, Duty-Free Waren), Identitäten von Charles (Makeup und Verkleidungen) und ein Restaurant, Das TANSTAAFL Café. Es gab noch mehrere Dutzend Geschäfte und Büros, die sogar noch interessanter aussahen.

»Na, was denkst du?«

Lorimer machte eine Pause, bevor sie antwortete: »Ich glaube, es wäre einfacher, die Lincoln Gedenkstätte zu verstecken.«

»Wir könnten uns darunter befinden.«

Sie gingen weiter an der Pistolennuß und einem Büro von Guerdon-Bau vorbei und kamen dann zu einer Tür, auf der stand: »Die G. Gerald Rhoames Grenzwachen und Ketchup Gesellschaft.« Elliot und Lorimer sahen hinein, dann sich gegenseitig an, und entschieden hineinzugehen.

Eine Türglocke erklang, als sie eintraten; das Geschäft war altmodisch, fast im Dickens-Stil, mit einem kleinen, gut gekleideten Mann, der hinter einem Glastresen saß. Er stand auf als sie eintraten. »Ja?«

»Mr. Rhoames?«

Er verbeugte sich kaum merklich.

»Wir haben uns gefragt, was Sie hier verkaufen«, sagte Lorimer.

»Überzeugt euch das Schild nicht?« Er sprach mit einem britischen Akzent, der durch eine Überdosis an Amerikanern verschandelt war.

»Sollte es?«

»Sicher nicht. Gentlemen sollten weder mit Grenzwachen noch mit Ketchup handeln. Ich bin ein Cannabist.«

»Sie essen Menschenfleisch?«

»Gütiger Himmel, nein, mein Fräulein. Ich bin ein Cannabist, kein Kannibale. Ein Cannabist handelt mit Cannabis, den ausgewähltesten Teilen der weiblichen Hanfpflanze. Ich verkaufe die feinsten Hybride aus Kolumbien, Acapulco und Bangladesch.«

»Groß- oder Einzelhandel?« fragte Elliot.

»Beides«, sagte Mr. Rhoames, »obwohl mein Lager hier ziemlich begrenzt ist. Über drei Kilogramm machen eine Lieferung von außerhalb erforderlich.«

»Was würde eine Unze Acapulco kosten?«

»Neununddreißig Cents.«

»Was?«

»Na schön, dann eben dreiunddreißig.«

Elliot nahm aus seiner Brieftasche einen Blauen heraus. »Können Sie einen Hunderter wechseln?«

Mr. Rhoames sah den Schein verächtlich an. »Du dachtest doch sicher nicht, daß ich den Preis in Papier angegeben habe, oder? Der Preis war natürlich dreiunddreißig Cents Gold.«

»Gut, wieviel ist das in Dollar?«

Mr. Rhoames zuckte mit den Achseln. »Ich bin doch kein Bankangestellter. Ich würde vorschlagen, ihr geht hier zu einer Bank, um zu wechseln.«

»Danke«, sagte Elliot. »Komm, Lor.« Sie gingen zur Tür.

»Ich würde sagen – beim Thema Dollar …«

Sie drehten sich wieder zu ihm um.

Er griff hinter den Tresen und seine Hand kam mit einer kleinen Schachtel wieder zum Vorschein. Darin waren fünf Zigaretten mit goldenen Dollarzeichen ins Papier eingraviert. »Eine Hausmarke, die in Hydrokultur in meinen eigenen Tanks gewachsen ist.«

»Ich bin sicher, daß sie hervorragend sind, aber ich kann nichts machen, bevor ich mein Geld umgetauscht habe.«

»Nein, nein, nein«, sagte Mr. Rhoames. »Die gehen aufs Haus.«

»Oh, danke schön«, sagte Lorimer. »Das ist sehr freundlich.«

»Keine Ursache. Ihr könnt jederzeit wiederkommen.«

Als sie ganz aus der Tür heraus waren, wandte Lorimer sich Elliot zu und sagte nur: »Gut.«

»Ich werde meine Meinung für mich behalten, bis ich sehe, wie die anderen sind«, entgegnete Elliot.

Nach zwei Minuten Fußweg waren sie wieder an der AnarchoBank, in der es Kassenfenster und ein halbes Dutzend Kunden gab, die in einer Reihe standen. Auf einem Schild an der Wand stand geschrieben: »Geschäftsstellen in AURORA, AUTONOMIE, AUKTION, AURIGA, AUDAZITÄT, AUBERGE, AUSTRIAN SCHOOL und AUM.«

Elliot und Lorimer gingen an der Reihe vorbei und wandten sich statt dessen an eine gutaussehende schwarze Frau hinter einem Schalter, an dem ›Neue Konten‹ stand. »Entschuldigen Sie, aber wo kann ich Neue Dollar wechseln?«

»Haben Sie ein Konto bei uns?« fragte sie freundlich; Elliot schüttelte den Kopf. »Dann werde ich mich darum kümmern. Möchten Sie sich nicht setzen?« Nachdem Elliot und Lorimer sich gesetzt hatten, fragte sie: »Wieviel möchten Sie wechseln?« Elliot nahm den Rest seines Geldes heraus; es waren noch 27 blaue Hunderter.

»Möchten Sie Gold oder Eurofrancs?«

»Oh, Gold, glaube ich.«

Sie benutzte einen Desktop-Computer und sagte dann: »Wir müssen Ihre Neuen Dollar zum geschätzten Montagskurs verkaufen.« Sie erklärte: »Das ist der früheste Termin. Und bei 28,165 Neuen Dollar pro Milligramm Gold, können wir Ihnen sechsundneunzig Mils anbieten.«

»Was kann man damit hier kaufen?«

»Nicht sehr viel. Eine Schachtel Zigaretten im Schwarzen Supermarkt oder ein leichtes Mittagessen im TANSTAAFL Café. Sie können sich merken: Ein Zehncentvendy wird mit vier Mils gehandelt, ein Viertelvendy mit zehn Mils, d. h. mit einem Cent.«

Elliot dachte einen Moment nach und sagte dann: »Mit meinem Geld kann ich zwei Dutzend Telefonanrufe machen?«

»Wenn es in Aurora öffentliche Münztelefone gäbe – die es nicht gibt – ja.«

»In diesem Fall«, sagte Elliot, »bin ich an einer anderen Transaktion interessiert.«

Während er seine Bewegungen vor der Frau und vor Lorimer verheimlichte, öffnete er seinen Gürtel ein wenig und zog ein 50-Peso Stück heraus. Er legte es auf den Schalter.

»In Eurofrancs«, sagte Elliot.

Zehn Minuten später hatte Elliot seine Blauen gegen eine Handvoll Vendies getauscht und für sein Goldstück 405 Eurofrancs erhalten, zehn Eurofrancs pro Gramm Gold und eine Prämie von 8 Prozent für die Münze. Die Angestellte für Neue Konten hatte ihnen auch die AnarchoBank Goldmünzen verschiedenen Gewichts gezeigt, einschließlich einer Ein-Gramm-Münze, die so dünn war, daß sie in Plasik versiegelt war.

»Hören Sie mal«, sagte Elliot, nachdem sie einen umfassenden Vortrag über Mindestumsatz-Girokonten und über zinsbringende Zeitanlagen gehört hatten und eine kleine Broschüre mit dem Titel ›Die Wunderbare Welt des 100%igen Goldreserven-Bankwesens‹ erhalten hatten. »Das soll jetzt wirklich nicht gehässig klingen, aber wie kann ich sicher sein, daß dies hier kein zweifelhafter windiger Verein ist?«

»Das ist eine berechtigte Frage«, entgegnete sie, »aber leider ist der beste Weg, auf dem wir uns Ihnen beweisen können, der, daß Sie einfach lange genug mit uns Geschäfte machen, um von unserer Ehrlichkeit überzeugt zu sein. Bis dahin können Sie eine Kopie des Rechnungsprüferberichts der Unabhängigen Schlichtungsgruppe erhalten oder bei einigen unserer Korrespondenzbanken in Übersee nachfragen. Die AnarchoBank ist eine 100%ige Tochter der Unionskommerzbank in Zürich und tätigt durch diese Geschäfte mit legalen Banken überall auf der Welt.«

Elliot und Lorimer standen auf. »Gut, vielen Dank«, sagte Elliot.

Die Frau gab ihm noch eine weitere Broschüre. »Ihr Antrag auf eine AnarchoBankkarte«, sagte sie.

Während der nächsten Stunde machten Elliot und Lorimer einen Schaufensterbummel, sahen sich Schweizer Duty-Free Uhren in der Schmuggelwaren-Tauschbörse an, nahmen ein Prospekt für Projekt Harriman mit, eine Bergbauunternehmung der Gegenwirtschaft auf dem Mond, und musterten die große Auswahl illegaler Chemikalien, die bei Jameson Pharmazeutika verkauft wurden und wie an dem Schalter für zugelassene Medikamente in einer Discountdrogerie ausgestellt waren. Ein Schild an der Wand verkündete: »HIER BRAUCHEN SIE KEINE REZEPTE – Wenden Sie sich für weitere Hinweise an Ihren Arzt.« Und nach Reihen voll von Morphium, Opium, Methadon und Heroin war ein weiteres kleineres Schild an der Wand, dessen Text aber auch auf jeder Packung stand: »ACHTUNG: Betäubungsmittel machen süchtig.« An einem anderen Schalter gab es LSD 25 … THC … Meskalin … Kokain … Sweet & Low …

Bei Nalevo-Personalvermittlung erklärte ein Vermittlungsmanager Lorimer, daß sie ihr eine Anstellung zu zwanzig Gramm Gold pro Woche in einem der feineren Bordelle garantieren könnten.

Der Schwarze Supermarkt beeindruckte sie nicht durch das, was es dort gab – außer steuerfreiem Alkohol und Zigaretten führte er die Waren, die es in jedem Supermarkt geben würde – sondern durch das, was es dort nicht gab: keine Mangelwaren, keine Rationierungen, keine Auflistungen von »rechtmäßigen« Höchstpreisen. Elliot fühlte ein kurzes Stechen, als er ein Regal voll mit Frühstücksfleisch sah; er hatte den Gedanken an seine Familie verdrängt und fühlte sich schuldig, weil er sich amüsierte.

Es war offensichtlich, daß die Handelsetage in erster Linie eine Annehmlichkeit für die Großhändler der Gegenwirtschaft war, die hier wichtige Geschäfte abschlossen, deren Lieferungen aber außerhalb erfolgten. Es war kaum ungewöhnlich, eine Person mit maskiertem Gesicht herumlaufen zu sehen, doch Elliot verdächtigte die meisten der Leute, die auf dieser Etage einkauften, »verzichtbare« Agenten der tatsächlichen Käufer zu sein, die es niemals riskieren würden, ihr Gesicht zu zeigen.

Nachdem sie fünf Minuten auf einen Tisch warten mußten, setzten sich Elliot und Lorimer in das TANSTAAFL Café, wo ein Schild an der Wand das Wort mit »There Ain’t no such Thing as a Free Lunch – Es kann keine kostenlosen Mittagessen geben« übersetzte und die Abkürzung korrekterweise E. ›Doc‹ Pournelle zuschrieb. Der spezielle Mittagstisch für Samstag bestand aus Erbsensuppe, einem Sandwich, Pommes Frites und einem Getränk, alles für sieben Cents. Nach einer kurzen Diskussion bestellte Elliot es für sie beide.

Während sie auf das Essen warteten, gingen sie zu der alten Wurlitzer Musikbox hinüber, die nur mit klassischer Musik bestückt war. Elliot warf einen viertel Vendy hinein und drückte 1-23; die Maschine reagierte, indem sie die Heifetz-Aufnahme des Violinenkonzerts von Tschaikowsky spielte.

Elliot und Lorimer verbrachten weitere neunzig Minuten damit, in der Etage herumzulaufen – sie sprachen mit Dokumentenfälschern, Elektrotechnikern und Schlichtungsagenten und sie besuchten, auf Elliots Drängen hin, die Pistolennuß. Die Auslage war der Traum eines jeden Waffenliebhabers, sie bot alles von Pistolen, Bazookas und automatischen M-21 Maschinenpistolen bis zu Granatwerfern, Unterschallgeneratoren und Lasern. Die wahre Attraktion für Elliot war aber ein 15 Meter tiefer Schießplatz hinter einer schalldichten Glasscheibe. Nachdem er Ohrenschützer bekommen hatte, schoß Elliot auf ein Papierziel in Form eines bewaffneten Angreifers. Danach brachte er sein Ziel zum vorderen Tresen.

Der Besitzer sagte: »Das macht zehn Cents. Wie warst du?«

Elliot zeigte dem Mann sein Ziel. Er hatte einige Male ins Schwarze getroffen, ein paar mal weiter nach außen, aber kein einziges Mal außerhalb des Tötungsbereichs.

Der Besitzer nickte anerkennend.

»Lor«, sagte Elliot, als sie wieder auf die Promenade hinaus traten, »nachdem ich diesen Platz gesehen habe, würde ich dir sogar glauben, wenn du mir sagst, daß hier jemand Atomwaffen verkauft.«

Es verkaufte jemand Atomwaffen.

Das Ausstellungsstück in Originalgröße hatte ein Schild neben sich stehen: »100 KILOTONNEN ATOMSPALTUNGSGERÄT.«

Der Verkäufer bei Lowell-Pierre Technik erzählte ihnen: »… aber natürlich viel kleiner als die Megatonnen-Kapazitäten der Wasserstoff-Fusionsgeräte.«

»Stellen Sie das Plutonium zur Verfügung?« fragte Elliot ihn.

»Nein, natürlich nicht«, sagte der Verkäufer. »Du müßtest deine eigene Quelle finden. Aber selbst wenn dir das gelänge, müßtest du einen unserer Kontrolleure akzeptieren, um sicherzustellen, daß das Gerät nur für Ausgrabungen oder Bohrungen verwendet wird, bevor wir dir eines verkaufen würden. Wir händigen keine Atomwaffen an Verrückte aus, die die Welt in die Luft jagen wollen.«

»Aber haben Sie wirklich schon welche von den Dingern verkauft?« fragte Lorimer.

»Natürlich«, sagte der Verkäufer. »Glaubst du, wir betreiben dieses Geschäft nur zum Vergnügen?«

Der Lastenaufzug erschien für sie, ohne daß sie ihn heruntergerufen hatten; Lorimer vermutete, daß sie von einem entfernteren Sicherheitsstandort überwacht wurden. Nachdem Sie wieder im Terminalstockwerk waren, näherten sie sich wieder der Stahltür, die den Kaderkomplex schützte; sie öffnete sich auch und derselbe Wachmann, der sie rausgelassen hatte, richtete einen Taser auf sie. »Paßwort«, sagte er.

»A ist A«, erwiderte Elliot.

»Das war das Paßwort von gestern.«

»Aber ich habe kein neues Paßwort erhalten.«

»Nenn mir das Paßwort, oder ihr kommt nicht rein.«

Elliot sah hilflos zu Lorimer hinüber, die einen Moment überlegte und dann entgegnete: »Schwertfisch?«

»Geht durch«, sagte der Wachmann.

Elliot sah sie mißtrauisch an. »Der Kommandant hat es dir gegeben, als ich meine Pistole geholt habe, oder?«

»Eingebung«, erklärte sie.

Nachdem sie sich beide registriert hatten, folgte Elliot Harpers Anweisung und fragte am Sicherheitstresen nach einer Nachricht. Es war keine Nachricht da und Elliot begann sich zu fragen, warum er nach Aurora gebracht worden war, ob der Kader ihm überhaupt helfen würde und wo zum Teufel überhaupt Mr. Harper war.

Als sie zum Fahrstuhl gingen sagte Elliot zu Lorimer, daß er immer noch Zeit hätte. »Was ist mit dir?«

»Ich habe nichts vor bis zu einer Verabredung am Montag.«

»Irgendwelche Vorschläge?«

»Wie wäre es mit einer Runde Schwimmen?«

»Ich habe keine Badehose«, sagte Elliot.

»Ich auch nicht«, sagte Lorimer ohne rot zu werden.

Elliot wurde rot.

»Oder«, fuhr sie fort, »wir probieren etwas von diesem Gras.«

»Oh – Ich glaube, ich sollte lieber noch eine Weile einen klaren Kopf behalten.«

»Okay. Warum gehen wir nicht zurück in dein Zimmer und bumsen?«

Sie betraten den Fahrstuhl, Elliot nahm seine Plakete ab und steckte sie in die Kontrolltafel. Er studierte Lorimers Gesichtsausdruck und drücke dann auf die dritte Etage. »Bin ich wirklich so beschränkt?« fragte er.

Sie lagen sich immer noch nackt in den Armen, als der Alarm ertönte.

KAPITEL 13

R-Angriff Alarm! R-Angriff Alarm! Dies ist keine Übung.«

Der Zimmerfernseher war zentral aktiviert worden und ein autoritärer grauhaariger Mann in Kaderuniform erschien auf dem Bildschirm. Elliot schob Lorimers Hand von seinem Rücken, zog dann sein Bein zwischen ihren heraus und setzte sich abrupt auf.

»Der Evakuierungsvorgang beginnt«, sagte der grauhaarige Mann. »Kadermitglieder müssen sofort Vorgang Fünf durchführen. Alle Verbündeten identifizieren sich bitte bei der nächsten Computerstation, um weitere Anweisungen zu erhalten.«

Elliot und Lorimer sprangen schnell aus dem Bett und zogen sich an.

»Bleiben Sie ruhig«, fuhr der Mann fort. »Es besteht keine Gefahr, wenn Sie sich an unsere Anweisungen halten. Ich wiederhole: R-Angriff Alarm. Dies ist keine …«

Die Nachricht wiederholte sich im Hintergrund, als Elliot und Lorimer sich anzogen. Elliot kämpfte mit einem Schuh. »Hast du eine Ahnung, was R-Angriff bedeutet?« fragte er Lorimer. Sie schüttelte den Kopf. »Reizgas-Angriff? Raketen-Überfall?«

»Vielleicht die Regierung. R-Männer. Ja, das wird es wahrscheinlich sein.«

»Zu weit hergeholt.« Lorimer warf ihre Haare nach vorne. »Mach mal bitte den Reißverschluß zu.«

Nachdem er das Kleid zugemacht hatte, legte Elliot einen Arm um Lorimers Taille und drehte sie herum. »Hör mal, wer zum Teufel du auch bist, was hältst du davon, wenn wir für die nächsten paar Katastrophen irgendwo zusammenziehen?«

Lorimer kitztelte Elliots Nacken. »Wann geht es los, Fremder?«

»Such deine Sachen zusammen und treff mich hier in drei Minuten wieder. Ich werde sehen, was der Computer sagt.«

Lorimer gab ihm einen charmanten Kuß auf den Mund. »Bin gleich zurück.« Elliot schob sie mit einem Klaps auf den Hintern durch die Tür.

Als die Tür wieder zu war, löste Elliot seine Photoplakette von seiner Jacke und führte sie in seine Computerstation ein. Die Videoanzeige leuchtete sofort auf:

BEDIENER:

ELLIOT VREELAND ALIAS JOSEPH RABINOWITZ

VERTRAG 23-NY-890

ERSTE NACHFORSCHUNGEN ÜBER DEN AUFENTHALT DER VREELAND FAMILIE: ZWEI FRAUEN, DIE VORLÄUFIG ALS CATHRYN UND DENISE VREELAND IDENTIFIZIERT WURDEN, SIND OHNE VERBINDUNG ZUR AUSSENWELT AM 23. FEBRAUR INS FBI HOCHSICHERHEITSGEFÄNGNIS MIT DEM CODENAMEN »UTOPIA« IN CHESHIRE, MASSACHUSETTS GESPERRT WORDEN. ZUR ZEIT IST EINE BEFREIUNG NICHT MÖGLICH.

ALLE NACHFORSCHUNGEN BEZÜGLICH DR. MARTIN VREELAND SIND ERFOLGLOS VERLAUFEN. DIE SUCHE NACH IHM WIRD FORTGESETZT. SIE WERDEN ÜBER DIE ERGEBNISSE UNTERRICHTET, SOBALD WELCHE VORLIEGEN.

Sie haben ihn umgebracht, dachte Elliot.

BISHERIGE ABRECHNUNG:

TRANSPORT………………….. AU 2,500 GRAMM

REGISTRIERUNG………………….. AU 1,000

ZIMMER (EINE NACHT)………………….. AU 2,000

LADEN………………….. AU 0,174

NACHFORSCHUNGEN………………….. AU 20,000

GESAMTKOSTEN………………….. AU 25,674 GRAMM

KONTOAUSGLEICH WIRD VERSCHOBEN.

BITTE MELDEN SIE SICH SOFORT BEIM SICHERHEITSSCHALTER IM TERMINALFLUR BEZÜGLICH DER EVAKUIERUNG NACH NEW YORK.

Alles außer diesem letzten Satz löschte sich von allein. Elliot zog seine Photoplakette heraus und die Anzeige verschwand.

Einen langen Moment lang saß Elliot vor der leblosen Konsole und beugte sich darüber, um sich abzustützen. Daß sein Vater nicht zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester eingesperrt worden war, bedeutete mit ziemlicher Sicherheit, daß er umgebracht worden war. Bilder von Worten, die er gerade gesehen hatte, blieben zurück: EINGESPERRT VON DER AUSSENWELT ABGESCHLOSSEN … UTOPIA … BEFREIUNG ZUR ZEIT NICHT MÖGLICH …

Die unaussprechliche Leere, die er gefühlt hatte, als Denise ihm vom Tod des Vaters erzählt hatte, kam zurück, verdreifachte sich, multiplizierte sich auch noch durch die erdrückende Frustration darüber, machtlos zu sein, irgend etwas daran zu ändern.

Es klopfte an der Tür; Elliot stand auf und ließ Lorimer herein. In einem Arm hielt sie einen Dschingis Khan Mantel und eine kleine Reisetasche; in der anderen Hand hielt sie eine Zigarette. »Alles in Ordnung … Hey, was ist los?«

Elliot versuchte, seine Stimme unter Kontrolle zu halten und nach einem Augenblick erwiderte er mit fester Stimme: »Mein Problem. Ich muß mich darum kümmern.«

Lorimer nickte ernsthaft. »Ich habe die Station in meinem Zimmer überprüft. Ich soll zum Sicherheitsschalter gehen.«

»Ich auch.« Elliot zog seinen Mantel gewaltsam vom Haken. »Los, wir sollten uns besser beeilen.«

Als sie mit dem Fahrstuhl nach unten fuhren, wobei sie im zweiten Stock anhielten, um weitere Leute aufzunehmen, war Elliot von der Stille, die den Komplex erfüllte, überrascht. Hatten die Agoristen alle Schlafmittel genommen? Niemand schubste und drängelte voller Panik, um in den Fahrstuhl zu gelangen; diejenigen, die nicht mehr hineinpaßten, schienen gewillt zu sein, ordentlich in einer Reihe zu warten, bis der Fahrstuhl wiederkam. Niemand rannte in panischer Angst in die Hallen hinunter. Es gab keine Sirenen. Es hatte einfach nicht den Anschein, als ob ein wirklicher Notfall vorlag.

Als sie im Terminalstockwerk ausstiegen, fanden sich Elliot und Lorimer am Ende einer langen Schlange zur Sicherheitsnische wieder; vor ihnen standen noch etwa siebzig Personen, die eine Vielzahl von Gepäck- und Kleidungsstücken trugen. Die Atmosphäre war immer noch fröhlich und sachlich – ganz anders als er erwartet hatte. Elliot belauschte heimlich zwei Männer vor ihm – einer der wenigen öffentlichen Dialoge, die er tatsächlich zufällig unter den schweigsamen Händlern der Gegenwirtschaft mitangehört hatte.

»Es ist ein verdammter Ärger«, grummelte der Jüngere der beiden. »Bei diesen Preisen sollte man meinen, daß sie diese Art von Problemen vermeiden könnten.«

»Zwei Stunden vorher vor einem Angriff gewarnt zu werden, halte ich nicht für unzumutbar«, sagte sein Freund.

»Es hätten genauso gut zwei Minuten sein können. Ich habe unten ein halbes Quintal-Warenkonto. Was soll ich denn jetzt machen?«

»Hör auf, dich wie ein Arsch zu benehmen, Red.«

Damit war die Diskussion beendet.

Nach 45 Minuten hatten sie den Sicherheitsschalter erreicht, die Schlange erstreckte sich jetzt hinter ihnen. Kommandant Welch war wieder im Dienst und sagte zu Lorimer: »Die Plakette bitte.« Sie gab sie ihm und der Kommandant schob sie in die Konsole, die in seinen Schalter eingebaut war. »Du bist in Gruppe Acht. Verlang dein hier verschlossenes Eigentum und warte dann, bis deine Nummer aufgerufen wird.«

Ein Wachmann führte Lorimer hinüber zu den Schließfächern, wo sie einen kleinen Lederbeutel herauszog, während der Kommandant Elliots Plakette nahm. »Gruppe Fünf«, sagte er Kommandant, »sie wird das Terminal in elf Minuten verlassen.«

»Aber wir gehören zusammen«, protestierte Elliot.

»Tut mir leid«, entgegnete der Kommandant. »Der Computer ist für die Zuordnungen verantwortlich, nicht ich.«

Lorimer kam zum Kommandanten hinüber. »Ich gehe mit ihm.«

»Ich kann nichts für euch tun.« Das nächste, was Elliot hörte, war eine scharfe Stimme von hinten: »Versuch es nicht, Mädchen. Ich benutze eine M-21, keinen Taser.« Elliot hörte das metallische Klicken einer Maschinenpistole, die von halbautomatisch auf automatisch umgestellt wurde.

Elliot sah, daß Lorimers Hand in ihrem Beutel zu Stein wurde, und schaute langsam über seine Schulter. Der Mann, der die Waffe auf ihren Rücken richtete, war der Wachmann, der sie schon am Morgen im Fahrstuhl erwischt hatte. Kammandant Welch stand auf, nahm Lorimers Beutel und holte eine 32er Automatikpistole mit Schalldämpfer heraus. »Dein Gruppenführer wird sie dir wiedergeben, bevor er dich gehen läßt.«

Elliot sagte: »Ich dachte, wir wären hier Gäste und keine Gefangenen.«

»Das liegt an euch«, erwiderte der Kommandant. »Wir sind berechtigt, dieses Eigentum zu beschützen, und das tun wir auch.«

»Von wem berechtigt?« fragte Elliot nach.

»Von euch natürlich«, antwortete Welch. »Ihr habt einen Vertrag unterzeichnet, in dem ihr zustimmt, unsere Anforderungen zu erfüllen, erinnert ihr euch?«

»Ich habe niemals zugestimmt, so herumgeschubst zu werden.«

»Es tut mir leid, aber das ist im Augenblick eine Ermessenssache. Und zwar meine. Es steht euch frei, bei den Schlichtern jede Anklage gegen mich zu erheben – aber erst, nachdem ihr weg seid.«

Der Kommandant nickte dem Wachmann mit der M-21 zu, der die Waffe senkte und Lorimer zur Seite schob. »Staatsschwein!« schnauzte sie ihn an.

Vielleich wurde Elliot in diesem Augenblick klar, daß er dieses verrückte Weib liebte.

In der Reihe hinter ihr wurde es unruhig. Kommandant Welch lief rot an. »Warten Sie!« befahl er Lorimers Wache. Er wandte sich wieder Lorimer zu und sagte laut genug, daß es die halbe Schlange mitbekam: »Junge Dame, wenn du meine Tochter wärst, würde ich dich hier auf der Stelle übers Knie legen und dich windelweich schlagen. Leider bist du aber nicht meine Tochter und es ist wichtiger für mich, diese Evakuierung ohne weitere Verzögerungen durchzuführen.« Er wandte sich an den Wachmann: »Stecken sie sie beide in Fünf. Ich werde das neu eingeben, wenn ich die Gelegenheit dazu habe.«

»Ich habe noch Eigentum im Schließfach«, sagte Elliot.

»Hol es und verschwinde.«

Elliot nahm seine Pistole, das Halfter und die Munition aus dem Fach, befestigte das Halfter und dann eskortierte der Wachmann mit der M-21 das Paar persönlich den Korridor zum Terminal hinunter.

Dort standen schon etwa 30 Leute herum und warteten. Gepäck- und Kleidungsstücke lagen überall im Raum herum und die Videoleinwand verstärkte den Lärm noch mit sinnlosen Geräuschen. Die Bar war umlagert; viele hielten Drinks in den Händen.

Der Wachmann brachte Elliot und Lorimer zu einem jungen Chinesen hinüber, der in der Nähe der Bar stand. »Sie ist eine Zusätzliche«, sagte der Wachmann zu ihm. »Transfer von Acht. Sie sind beide Unruhestifter.« Der Wachmann gab dem Chinesen Lorimers Automatikpistole. »Halten Sie die solange wie möglich zurück.«

Der Mann nickte und der Wachmann ging.

»Mein Name ist Chin«, sagte der Mann in akzentfreiem Englisch. »Ich bin euer Gruppenführer. Um was für Ärger ging es denn gerade?«

»Der Kommandant versuchte uns zu trennen«, sagte Elliot. »Der Computer …«

»Das genügt«, sagte Chin seufzend. Er hielt die Pistole hin; Lorimer nahm sie zurück. »Ich frage mich manchmal, wie manche der Kadermitglieder jemals Anarchisten geworden sind. Sie hätten hervorragende Bürokraten abgegeben.«

»Verzeihung«, sagte Lorimer, »aber werde ich diesmal wieder in einen Schrankkoffer gestopft?«

»Nein, diesmal wirst du Erster Klasse reisen«, erwiderte Chin. »Genehmigt euch einen Drink und entspannt euch. Wir werden in ein paar Minuten aufbrechen.« Der Gruppenführer wandte sich dem Barkeeper zu – normal groß, schwarz, Mitte fünfzig – und sagte: »Jack, würdest du dich um meine zwei Freunde hier kümmern?« Der Barkeeper nickte. Chin entschuldigte sich und verschwand auf dem Korridor.

Elliot und Lorimer hatten sich beide für alkoholfreie Drinks entschieden und nachdem sie diese erhalten hatten, gingen sie zu einer Seite der Bar hinüber. »Weißt du«, sagte Elliot zu Lorimer, wobei er fast schreien mußte, »ich verstehe das nicht. Diese Leute benehmen sich, als ob sie auf einer Cocktail-Party wären.«

Sie sah sich um und nickte dann. »Gespenstisch.«

»Nicht wirklich«, antwortete eine tiefe Baßstimme, »wenn ihr das wirtschaftliche Prinzip einmal verstanden habt.«

Die Stimme gehörte dem Barkeeper, der inzwischen Wodka und Orangensaft in einen Plastikbecher goß. Elliot musterte den Mann genau, wobei ihm auffiel, daß sein rechtes Auge aus Glas war. »Oh – Wirtschaft ist so eine Art Hobby von mir«, sagte Elliot. »Können Sie mir das genauer erklären?«

Der Barkeeper schüttete den restlichen Saft in den Becher und hielt dann den leeren Karton hoch. »Du würdest dich nicht aufregen, wenn du einen leeren Karton verlierst, oder? Mit diesem Ort hier ist es genauso. In einer Stunde wird hier nichts mehr sein, was es wert wäre, beschlagnahmt zu werden.« Er zerknüllte den Karton und warf ihn weg. »Ausgepreßt.«

»Aber das kann man doch nicht vergleichen«, sagte Elliot. »Dieser Ort hier muß doch ein Vermögen wert sein.«

Der Bartender schüttelte den Kopf. »Wurde für weniger als ein Quintal gebaut und innerhalb eines Jahres nach Fertigstellung bezahlt. In der Handelsetage wurde für 12 Gramm pro Centare und Jahr vermietet – weißt du, was ein ›Centare‹ ist?

»Ein Quadratmeter. Aber was ist ein Quintal?«

»Er wird metrisch als 100 Kilogramm definiert. Wie ich sagte, hat das eigentliche Aurora 8.500 Centare zu vermieten. Die waren schon vollständig vergeben, bevor auch nur ein Gramm ausgegeben wurde. Aurora war noch 33 Monate in Betrieb, nachdem die Investition wieder reingeholt worden war. Das ursprüngliche Kapital ist zweieinhalb mal wieder hereingeholt worden.«

Der Barkeeper nahm einen Schluck von seinem Screwdriver und fügte hinzu: »Das Hotel des Kaders war sogar noch profitabler.«

Lorimer fragte: »Was wird aus dem ganzen Zeug, was unten zum Verkauf stand?«

Er zuckte mit den Achseln. »Was besonders wichtig ist, wird evakuiert. Der Rest ist das Verlustrisiko, was bei der Unternehmung mit einkalkuliert war.«

»Sie scheinen viel über das alles zu wissen«, sagte Elliot.

»Das sollte ich auch. Schließlich habe ich Aurora und einige ihrer Untergrundschwestern gebaut.« Er wischte seine Hand an einem Handtuch ab und streckte sie ihnen hin: »Jack Guerdon, Guerdon-Bau.«

Elliot nahm sie und sah ihn mit großen Augen an: »Erfreut, Sie kennenzulernen, Sir.«

Lorimer gab ihm auch die Hand und fragte dann: »Mr. Guerdon, wie konnte so ein großer Komplex, in dem Hunderte von Leuten ein- und ausgehen, vier Jahre lang geheimgehalten werden? Sogar noch länger, wenn man die Bauzeit mitzählt.«

Guerdon grinste. »Tja, ich werde jetzt bestimmt nicht meine Geschäftsgeheimnisse preisgeben, aber ich kann abstrakt antworten; die Theorie der Gegenwirtschaft ist frei zugänglich. Um etwas geheimzuhalten, teilt man es in Datensegmente auf, vielleicht wären ›Module‹ der passendere Ausdruck, und verteilt diese Module unter ein paar vertrauenswürdigen Personen – je weniger, desto besser. Eine Untergrund-Agora ist eine Maschine, eine soziale Struktur, die auf diesem Prinzip basiert. Zugang zu der Maschine haben viele; aber die Kenntnis über ihren Standort ist das bestgehütetste Geheimnis, das in dieser Operation fast niemand kennt außer denen, die direkt in den Transport von Gütern und Menschen involviert sind, d. h. ein paar wenige Kadermitglieder.«

»Aber was ist mit Ihren Bauarbeitern?« fragte Elliot.

»Sie wurden von Baustellen überall auf der Welt eingestellt, geheim hierher transportiert, arbeiteten nur drinnen und wußten niemals, wo sie waren. Wenn du glaubst, daß die Sicherheitsvorkehrungen jetzt streng sind, dann hättest du während des Baus hier sein sollen; nicht mal eine Mücke hätte herein- oder herausgelangen können.«

»Aber Spione müssen hineinkommen, oder?«

»Wahrscheinlich Dutzende, vielleicht auch Hunderte«, sagte Guerdon, »aber welchen Unterschied macht das schon? Der Kader stellt sicher, daß niemand, der hereinkommt, von außen verfolgt wird. Und du kannst sicher sein, daß ihre Methoden technisch ziemlich ausgefeilt sind. Wenn du dann einmal drin bist, richtest du dich nach den Regeln des Kaders. Die sind so aufgestellt, daß niemand etwas herausfinden kann, was ihn nichts angeht, oder in Operationen einschreiten kann. Aber das ist kein wirkliches Problem; selbst die Sicherheitswachen kennen nicht Tricks und Kniffe, die in diesen Ort eingebaut sind, die Besucher noch viel weniger. Und das benachteiligt jeden potentiellen Spion außerordentlich. Wenn er irgendwelchen Ärger verursacht, wo kann er hingehen? Die Kadermitglieder kontrollieren die Ein- und Ausgänge und niemand kommt hier heraus, bevor sie nicht ihr Okay gegeben haben.«

»Ziemlich totalitär«, sagte Lorimer.

»Das ist genau der Grund, warum niemand hier hereinkommt, der nicht einen Vertrag unterzeichnet hat, in dem er den Sicherheitsprozeduren zustimmt; niemand wird gezwungen hierherzukommen, aber wer es dann tut, muß sich nach den Regeln des Kaders richten. Dennoch sind die Kadermitglieder aber auch keine freien Agenten; sie sind durch ihren Vertrag sogar noch eingeschränkter als die Besucher: Ein Besucher kann hier alles machen, außer Operationen zu stören oder die Sicherheit zu verletzen; die Kadermitglieder dürfen nichts tun, als diese Freiheiten zu erhalten. Und das gilt nicht alles nur in der Theorie; die sozialen Strukturen, die auf dem Papier erschaffen worden sind, sind in der Praxis auf die Machtverhältnisse übertragen worden. Die ursprünglichen Vereinbarungen, nach denen die Agoras aufgebaut wurden, diktierten die Formen, durch die sie in Kraft gesetzt werden sollten.«

»Aber all das«, sagte Elliot, »klingt immer noch unheimlich teuer.«

»Teuer ist ein relativer Ausdruck. Die anfängliche Kapitalisierung und die Unkosten waren sehr hoch, und so ist es auch mit jedem Bürogebäude, aber es war für die Kunden des Kaders dennoch kostengünstig im Vergleich zu den Kosten, ein Geschäft in der staatlich kontrollierten Wirtschaft zu betreiben.«

»Wird der Verlust von Aurora ihren Geschäften nicht ernsthaft schaden?«

»Für eine kleine Weile. Aber die Dinge werden in ein paar Tagen schon wieder ganz anders aussehen.«

In diesem Moment kam Chin ins Terminal zurück und sagte laut: »Achtung bitte.«

Keine Reaktion.

Chin ging zur Leinwand hinüber und stellte sie aus. Dann sprang er auf die Bar und rief: »Ruhe!«

Die verschiedenen Unterhaltungen erstarben.

»Abflug für Gruppe Fünf«, sagte Chin. »Zeigen Sie Ihre Bordkarten bitte der Stewardeß.«

Eine der Wände begann sich zu bewegen.

KAPITEL 14

Die Wand gegenüber dem Korridor, also die Wand mit der veränderten »laissez-faire« Gadsden-Flagge, glitt mehrere Fuß nach links und eine transportable, fünf Stufen hohe Treppe kam zum Vorschein. Diese war von einer Plane umgeben, die verhüllte, was sich jenseits der Treppe verbarg. Das gedämpfte Aufheulen von Motoren klang durch das Terminal.

Chin sprang von der Bar und ging zu der Treppe hinüber: »Okay, Leute, auf geht’s. Sucht euch Sitze aus und schnallt euch an.«

Mit der einzigen Ausnahme von Jack Guerdon, der sich gerade einen weiteren Drink mixte, begannen alle, ihre Besitztümer zusammenzusuchen und sich in der Nähe der Treppe aufzureihen.

»Kommen Sie mit, Mr. Guerdon?« fragte Lorimer.

»Ist es nicht üblich, daß der Kapitän mit seinem Schiff untergeht? Warum sollte das nicht auch für Schiffsbauer gelten?« Guerdon nahm zur Kenntnis, daß die zwei Jugendlichen nicht wußten, ob sie ihn ernst nehmen sollten, darum fügte er hinzu: »Ich habe nur noch einige Dinge in letzter Minute zu erledigen. Ich werde schon noch früh genug hier herauskommen.«

»Hat mich gefreut, Sie kennengelernt zu haben, Sir«, sagte Elliot. Sie gaben sich alle die Hände und Elliot und Lorimer gesellten sich zu den aufbrechenden Passagieren, nachdem sie Guerdon noch gewünscht hatten: »Passen Sie auf sich auf.«

Die Stufen führten in etwas, was von innen wie die Kabine eines Privatjets aussah – acht Reichen mit Sitzen, vier quer mit einem Mittelgang – mit einem etwas engen Dach, aber ohne Fenster. Chin hatte nur Spaß gemacht, denn es war keine Stewardeß da, die die Bordkarten einsammelte, so daß Elliot und Lorimer zwei Sitze fanden, die letzten beiden nebeneinander, auf denen sie sich niederließen. Lorimer zündete sich sofort eine Zigarette an.

Chin schloß die Kabinentür und sagte: »Bitte nicht rauchen, Freunde.« Dann, einige Augenblicke später wurden die Motorengeräusche lauter und Elliot fühlte, daß das Flugzeug sich bewegte.

Chin kam hinüber und sah Lorimer an. Sie machte ihre Zigarette aus und murmelte Elliot zu: »Verdammte Prohibitionisten.«

Elliot ergriff Lorimers Hand und lächelte. Sie lächelte zurück. Elliot dachte, daß sie das strahlendste Lächeln hätte, daß er jemals gesehen hatte und wenn sie einmal nicht mehr da wäre, würde nur ihr Lächeln zurückbleiben, wie die Cheshire Katze. Dann passierte einige Zeit lang gar nichts mehr.

Jemand schüttelte ihn, aber er wollte noch weiterschlafen. Er versuchte zu sagen: »Laß mich in Ruhe, es ist Samstag«, aber er fand es schwer, seinen Mund zu bewegen.

»Los jetzt, komm endlich zu dir.«

Sein Mund war jetzt frei und er versuchte sich zurechtzufinden. Kurz vor ihm stand ein Mädchen mit langen Haaren. »Denise?« fragte er.

»Bist du in Ordnung?« entgegnete sie.

Elliot bemerkte, daß er gegen einen Sitz vor ihm gelehnt stand. Er atmete tief ein und versuchte, seine Gedanken zu ordnen, dann sah er auf. Chin packte ein tragbares Sauerstoffgerät zusammen und Lorimer stand etwas hinter ihm. »Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt«, sagte Chin.

»Sie haben uns mit Gas betäubt«, sagte Lorimer.

»Wer? Das FBI?«

»Nein, der Kader.«

Elliot sah zu Chin hinüber.

»Es war ein Spion an Bord«, begann Chin zu erklären. »Ein richtiger Mata Hari. Ein Übertragungsgerät in einem Feuerzeug. Es bestand keine wirkliche Gefahr – wir sind natürlich abgeschirmt – aber der Pilot hat jeden in der Passagierkabine außer Gefecht gesetzt, sogar mich, um einen möglichen Schußwechsel zu vermeiden.«

Elliot atmete erneut tief ein, dann wieder aus. »Ich könnte das viel leichter schlucken, wenn ich in dem Schrankkoffer auf dem Weg nach Aurora nicht eingeschlafen wäre.«

»Das kommt vor«, sagte Chin. »Hast du vor der Reise irgend etwas getrunken? Reisetabletten genommen?«

»Beides«, gab Elliot zu. »Aber ich habe sie von einem loyalen Kadermitglied bekommen.« Er wandte sich an Lorimer: »Bist du eingeschlafen, als du nach Aurora gekommen bist?«

Sie schüttelte den Kopf. »Zumindest glaube ich es nicht. Wie kannst du dir da beim Verlust der Sinne sicher sein?«

Elliot machte ein finsteres Gesicht. »Sag deinen Freunden, das ich nicht damit einverstanden war«, meinte er zu Chin. »Das nächste Mal werde ich mich an die Schlichter wenden.«

Chin zuckte mit den Achseln. »Wofür willst du sie belangen? Dieses Gas läßt keine dauerhaften Spuren im Körper zurück. Es sind keine Schäden zu beklagen.«

»Ich werde sie für eine Entschädigung aufgrund der Verletzung meiner bürgerlichen Freiheiten belangen.«

Chin grinste breit. »Schön für dich. Ich würde mich selbst für das Ergebnis interessieren.«

Er griff nach einem Aktenkoffer, der unter seinem Sitz verstaut war, und führte die beiden dann in einen Warteraum, in dem sich bereits die anderen Passagiere befanden; außer einem Tisch und ein paar Klappstühlen war der Raum leer. Natürlich gab es auch hier keine Fenster. Einige der Passagiere brachten, ähnlich wie Elliot, lautstark ihre Entrüstung zum Ausdruck. Ein Mann, der den Schriftzug Beacon Hill auf seiner Kleidung trug, fragte sich »ob diese scheußliche Gassache üblich ist oder nicht.«

»Ich habe schon wieder Hunger«, sagte Lorimer. »Wie spät ist es?«

»Ähm?« Elliot überprüfte seine Uhr. »Zehn vor sechs«, antwortete er abwesend; plötzlich kam ihm ein Gedanke und er fühlte sich, als ob er sich selbst ohrfeigen sollte. »Lor, wann haben wir Aurora verlassen?«

»Ich weiß nicht«, antwortete sie und zeigte auf ihr nacktes Handgelenk.

Elliot begann die Zeitspanne zu berechnen. »Wir sind kurz vor zwei in den Kaderkomplex zurückgekehrt, da habe ich nämlich auf die Uhr gesehen. Und … wie lange würdest du sagen, haben wir Liebe gemacht?«

»Ich habe dabei nicht auf die Uhr gesehen«, sagte sie belustigt.

»Sei doch mal ernst. Fünfundvierzig Minuten? Eine Stunde?«

»Wenn du es unbedingt genau wissen willst«, sagte Lorimer, »dann eher anderthalb Stunden.«

»Dann wären etwa bei halb vier. Wie lange war ich jetzt weg?«

»Nicht mehr als fünf Minuten länger als alle anderen?«

»Richtig. Dann wäre die längstmögliche Reisezeit etwa fünfundvierzig Minuten, sofern sich niemand an meiner Uhr zu schaffen gemacht hat, was ich erst überprüfen kann, wenn wir auf der Straße sind.«

»Fein«, sagte Lorimer. »Was hat das alles mit dem Preis von Kongreßabgeordneten zu tun?«

»Es plaziert Aurora innerhalb von vierhundert Meilen Entfernung von New York, wenn wir außer Gefecht gesetzt wurden, um zu verhindern, daß wir die unverwechselbare Beschleunigung eines Jets wahrnehmen. Viel näher, wenn wir in einem Wasserflugzeug, einem Unterseeboot oder in einem dieser Container waren, die man auf Lastwagen, Züge und Frachter verladen kann.«

»Danke, ›Joe.‹ Hättest du gern eine Banane?«

Elliot stöhnte und bedauerte sein alias: Hello Joe – Whadd’ya Know?

»Fernsehen«, murmelte er.

Einige Minuten später saßen Elliot und Lorimer Chin gegenüber, dessen Aktenkoffer mit einem Minicomputer im Inneren geöffnet vor ihm auf dem Tisch lag. »Geht ihr nach Manhattan zurück?« fragte Chin Elliot.

Elliot sah Lorimer an. »Es ist egal, wo ich bin«, sagte sie, »solange ich nicht gefaßt werde.«

»Manhattan«, stimmte Elliot also zu.

»Habt ihr ein sicheres Haus?«

»Ein was?«

»Einen Platz zum Verstecken«, erklärte Lorimer.

»Ach so«, sagte Elliot. »Ich habe eine geltende Einladung von Verbündeten, aber ich bezweifle, daß sie auch für zwei gilt. Ich dachte, wir nehmen uns irgendwo ein Zimmer, wahrscheinlich im Village.«

Chin nahm einen Papierblock heraus und begann, etwas hinzukritzeln. »Versucht es zuerst hier. Nicht fein, aber komfortabel. Wöchentliche Raten. Die Besitzer sind zwar keine offiziellen Verbündeten, aber sie gehören der Gegenwirtschaft an. Sie werden keine neugierigen Fragen stellen.«

»Werden sie Gold oder Eurofrancs akzeptieren?«

»Wenn ihr es richtig angeht. Ihr seht nicht aus wie Goldfinger.«

»Ich werde einige weitere Kontakte zur Gegenwirtschaft knüpfen müssen.«

»Dazu wollte ich gerade kommen.« Chin schrieb auf ein zweites Blatt Papier. »Hier ist eine Telefonnummer, um den Kader zu erreichen – eine weitere Woche gültig. Ruft nur von einem Gebührentelefon ohne Videoanzeige an. Eine Maschine wird antworten. Gibt euren Identifikationscode und die Nummer des Gebührentelefons an und hängt dann ein. Wenn ihr nicht innerhalb von zwei Minuten zurückgerufen werdet, verschwindet, und zwar schnell. Wenn der Rückruf kommt, aber die Person in der Leitung euch nicht mit Namen anspricht, dann ist es eine Falle und sobald euer Telefon ausfindig gemacht wurde, wird ein Polizeiwagen auftauchen.«

»Warum die Einschränkung mit dem Gebührentelefon?«

»Wenn die Polizei unsere Relaisstation einnimmt, können sie die Verbindung vom anderen Ende der Leitung aufrecht erhalten, ob ihr einhängt oder nicht. Dann können sie den Anruf zurückverfolgen. Alles klar?«

Elliot wiederholte es mit einem kleinen Fehler, der korrigiert wurde. »Was ist, wenn ich nach dieser Woche Kontakt zum Kader aufnehmen muß?«

»Verwende diese Nummer mindestens einmal, bevor die Woche um ist«, entgegnete Chin. »Wenn du erst einmal identifiziert bist, wirst du über monatliche Telefonnummern informiert werden, Kontaktpunkte, Postzuteilung, Bannercodes …«

»Einen Augenblick«, unterbrach Elliot. »Bannercodes?«

»Weißt du nichts davon?« fragte Chin.

Elliot schüttelte verwundert den Kopf.

»Ich dachte, du wüßtest bereits Bescheid, weil du den Ring trägst.«

Der Groschen fiel. Dame schlägt Bauern, Schachmatt. »Ein Weihnachtsgeschenk.«

»Oh«, sagte Chin. »Ein Banner ist ein unauffälliges Signal, das Verbündete verwenden, um sich während eines persönlichen Kontakts zu verständigen. Es ist nur auf Straßenniveau sinnvoll, wo die bloße Anzahl von Transaktionen starken Polizeieinfluß unwahrscheinlich macht. Wenn ihr eine weitere Bestätigung wollt, könnt ihr zu einem Gebührentelefon gehen und einen Konferenzanruf zum Kader verlangen. Gebt beide eure Identifikationscodes an und laßt euch vom Kader eure Namen bestätigen.«

»Ist das gegenwärtige Banner ein Code durch das Hin- und Herschieben eines Ringes?«

»Das stimmt, er beruht auf dem Morsecode. Aber ich dachte, du kennst …«

Elliot unterbrach ihn: »Ich sah, wie es zweimal am gleichen Tag verwendet wurde. Einmal von einem Zigeunerfahrer und einmal von … jemand anderem.«

Nachdem er eine Hologramm-Daten-Patrone aus seinem Computer genommen hatte und sie zur sicheren Aufbewahrung in eine Tasche steckte, führte Chin Elliot, Lorimer und zwei weitere Paare in eine fensterlose Garage hinaus, in der ein halbes Dutzend Lieferwagen geparkt waren, die wie kommerzielle Auslieferungsfahrzeuge aussahen. Auf dem Wagen, zu dem sie gebracht wurden, stand »Heiße Bialys«.

»Ein Spielertreffpunkt oder ein Nachtclub?« fragte Lorimer Elliot.

»Du kommst nicht aus New York, oder?«

Sie zuckte mit den Achseln. »Du hörst dich an wie jemand in einer Damon Runyon Geschichte.«

Im Inneren des Wagens standen sich zwei Sitzreihen gegenüber, mit Anschnallgurten für jeweils drei Personen auf jeder Seite. Es gab eine Stahlwand zwischen dem hinteren Teil des Wagens und der Fahrerkabine. Und wiederum gab es hinten keine Fenster.

Nachdem sie Chin ein letztes »laissez-faire« gewünscht hatten, kletterten die sechs in den Wagen und schnallten sich an. Elliot saß zwischen Lorimer an seiner linken Seite und einer fetten Frau in den Fünfzigern mit grauen Haaren zu seiner Rechten. In seinem Mantel – denn es war frisch – fühlte er sich wie eine Truthahnscheibe in einem Sandwich, eine Scheibe Weizen-, die andere Roggenbrot.

Chin schlug die Türen zu und ein schweres, metallisches Geräusch verstopfte die Ohren. Jetzt hörte es sich an, als ob sie in einem Plattenaufnahmestudio wären. Elliot versuchte, an die Seiten zu klopfen, um ein Echo zu erhalten; aber alles, was er für seine Bemühungen erhielt, waren schmerzende Fingergelenke: Der Raum war absolut tot. Die Situation wurde auch nicht besser, als der Wagen losfuhr; er bemerkte Geschwindigkeitsveränderungen, aber kaum Vibrationen und keinen Straßenlärm – noch nicht mal das beruhigende Aufheulen des Motors.

Die Frau gegenüber von Elliot, die blond gebleichte Haare hatte und Mitte Zwanzig war, versuchte mit ihrem männlichen Begleiter ein Gespräch zu beginnen, einem ausgezehrten Kettenraucher, von dem Elliot glaubte, daß er Tuberkulose habe. Aber die Akustik machte nicht nur Geräusche, sondern auch ein Gespräch unmöglich. Lorimer zündete sich sofort auch eine Zigarette an. Die Stunde Fahrt wurde in verrauchter, aber stiller Meditation verbracht.

Als der Wagen hielt, ertönte über Lautsprecher eine schwere Stimme: »Letzter Stop. Machen Sie sich bereit, auszusteigen, wenn ich es Ihnen sage.« Jeder löste seinen Sicherheitsgurt und hob das Gepäck auf die Knie; Lorimer schwang sich ihre Reisetasche über die Schulter. Elliot bemerkte einen Draht, der von der Tür bis nach vorne zur Fahrerkabine reichte und sich plötzlich spannte. »Auf die Plätze … fertig … los!«

Mit einem gedämpften Knacksen schwang die Doppeltür des Wagens in die frostige Nachtluft auf. Sie befanden sich hinter dem PanAm-Gebäude und der Grand Central Station; die 45ste Straße war verlassen. Lorimer sprang hinaus, dicht gefolgt von Elliot und der Anonymen Raucherwerbung. Dann halfen die beiden jungen Männer den verbleibenden drei Passagieren heraus, während Lorimer Wache hielt.

Sobald die Füße der stabil gebauten Dame auf festem Boden standen, raste der Wagen um die Kurve, wobei sich die Doppeltür beim Abbiegen schloß. Keiner der Passagiere hatte auch nur einen kurzen Blick auf den Fahrer werfen können.

Nachdem sie sich nur mit einem »laissez-faire« von Elliot und Lorimer verabschiedet hatten, liefen die beiden anderen Paare schnell zur Vorderseite der Grand Central Station; Chin hatte erwähnt, daß sich hier während des Streiks die Zigeunertaxis sammeln und aufreihen konnten, ohne daß die Polizei einschritt. »Ich glaube wir sollten in der Pension anrufen, oder?« fragte Elliot Lorimer.

»Wahrscheinlich eine gute Idee, aber ich hätte nichts dagegen, vorher etwas zu essen. Gibt es hier irgendwo etwas gutes?«

»Die beste Auswahl gibt es drüben auf der Fifth Avenue oder unten im Village. Welche Richtung?«

»Fifth Avenue«, sagte Lorimer. »Dort bin ich noch nie an einem Samstagabend gewesen. Ich habe gehört, es soll dort wie an einem Hexensabbath zugehen.«

Elliot dachte einen Moment über diese Bemerkung nach.

»Das ist ziemlich treffend ausgedrückt«, sagte er.

KAPITEL 15

Die Schlagzeile der Sonntagsausgabe der New York Times – gerade eben frisch aus der Presse – lautete: DER PRÄSIDENT DRÄNGT AUF DIPLOMATISCHE ANERKENNUNG DER REPUBLIK TEXAS.

Elliot gab dem Zeitungshändler der 45sten Straße einen halben Vendy, während er die Times durchsah, um sicherzugehen, daß auch kein Teil fehlte. »Gut, es ist Samstagabend,” sagte er zu Lorimer und verglich dabei seine Uhr mit der des Zeitungsverkäufers, um sicher zu gehen, daß es tatsächlich 7:15 Uhr war.

»Willst du wirklich die ganze Zeitung mit dir herumschleppen?” fragte ihn Lorimer.

»Zu Forschungszwecken, meine Liebe.”

»Naja, du mußt sie ja tragen,” sagte Lorimer. »Okay, wohin geht’s?”

Elliot dachte einen Moment nach und grinste dann listig. »Jetzt weiß ich wohin«, sagte er, während er die Zeitung unter den linken Arm klemmte und Lorimer an der rechten Hand nahm.

Ein Samstagabend auf der Fifth Avenue war wie jeder andere Abend auf der Fifth Avenue – und noch ein bißchen mehr. Gerade als sie die Enklave betraten, wurden sie von einem Taschendieb umgerannt, den zwei Sicherheitsbeamte der FAMAS verfolgten. Beim Rennen verstreute er ein ganzes Bündel blauer Scheine, die Brieftasche behielt er jedoch.

Ein Spaziergang vier Blocks weiter brachte das Paar zu einem kleinen Klub, einige Türen vom Swissair Büro entfernt. Auf dem Schild an der Tür stand: Ye Ole Rich Place und darunter: »Willkommen, Darwin und Huxley Studenten.«

Der Maître empfing sie an der Tür. Ein Paar buschiger Augenbrauen, eine drahtgeränderte Brille, und eine falsche Nase mit Schnurrbart zierten sein Gesicht und ein Zigarillo von der Größe einer Banane klebte in seinem Mundwinkel. »Wie lautet das Paßwort?«, fragte er.

Lorimer warf Elliot einen finsteren Blick zu. »Mistkerl!«

»Sag ihm lieber das Paßwort, sonst kommen wir nicht rein«, sagte Elliot.

»Ich gebe dir einen kleinen Tip«, sagte der Maître, »es heißt …«

»Schwertfisch, Schwertfisch!«

»Wahre Marxisten”, sagte der Maître, »Tisch für zwei?« Elliot nickte. Der Mann griff zwei Speisekarten. »Hier entlang”, sagte er, den ganzen Weg zu ihrem Tisch den Groucho-Gang imitierend. Elliot und Lorimer taten beide ihr Bestes, konnten ihm aber keine Konkurrenz machen.

Während der Oberkellner sie zu ihrem Tisch brachte, sah man den echten Groucho, als Rufus T. Firefly in Duck Soup, vom Bildschirm singen:

»Das sind die Regeln des Hauses:

Niemand darf rauchen

oder schmutzige Witze erzählen

und pfeifen ist verboten.«

Lorimer gab dem Maître einen Ein-Eurofranc Schein und flüsterte: »Nehmen Sie diese Kreditkarte?« Er beäugte den Geldschein, hielt ihn ins trübe Licht hoch und ließ ihn verschwinden. Dann verschwand er selbst mit den Speisekarten. Bevor Elliot irgend etwas vorbringen konnte, sagte Lorimer zu ihm: »Du hast mein Frühstück bezahlt, jetzt werde ich dein Abendessen bezahlen.«

»Falls dir irgendeine Art von Vergnügen auffällt,

laß’ es mich wissen und ich sorge dafür, daß es verboten wird.«

Der Maître kehrte mit neuen Speisekarten zurück, die Preise waren in Eurofrancs aufgeführt.

Elliot nickte Lorimer anerkennend zu.

»Auf den Grund setz ich meinen Fuß,

so soll es sein,

dies Land, es ist das Land der Frei’n!«

Nachdem Elliot die Speisekarte durchgelesen und sich für ›Zeppo‹ entschieden hatte, bat er Lorimer, für ihn mit zu bestellen, da er noch die Pension und die Freunde anrufen wollte, die er erwähnt hatte.

Er ging zum Telefon hinter den Toiletten, schloß die Tür und gab die erste der Nummern ein, die Chin ihm gegeben hatte. Nach dem vierten Klingeln antwortete eine weibliche Stimme. »Mrs. Ferrer?«, fragte Elliot.

»Nein, einen Augenblick bitte«, dann ein gedämpftes Rufen: »Mama, für dich.« Kurz darauf übernahm eine andere Stimme mit ganz leichtem italienischen Akzent.

»Ja, wer spricht da bitte?«

»Mrs. Ferrer, mein Name ist Joseph Rabinowitz – Sie kennen mich nicht. Ich bin gerade in New York eingetroffen und man hat mir erzählt, daß Sie Zimmer vermieten.«

»Wer hat Ihnen gesagt, Sie sollen mich anrufen?«

Elliot zögerte ein wenig. Chin hatte ihm nicht gesagt, daß er seinen Namen nennen sollte. Aber ob sie den Namen kannte oder nicht, es würde Chin wohl kaum schaden können. Das Risiko lag nur bei ihm und Lorimer. »Mr. Chin.«

»Für Mr. Chins Freunde habe ich Zimmer frei. Schlafenszeit ist hier um 22:30 Uhr. Ich erwarte Sie hier vor dieser Zeit. Auf Wiederhören.«

Sie hängte ein.

Elliot steckte einen weiteren Vendy in den Schlitz und wählte Phillips Nummer aus dem Gedächtnis. Nach dem zweiten Klingeln meldete sich eine fremde männliche Stimme. Elliot überlegte, daß Stimmen am Telefon anders klangen. »Mr. Gross?«

»Nein, Morris ist einen Moment fortgegangen. Hier ist sein Bruder Abe. Wer spricht da bitte?«

Elliot legte auf und saß einen Moment lang zitternd in der Kabine.

War das ein Erkennungszeichen des Kaders, was man ihm nicht mitgeteilt hatte? Bestand die geringste Möglichkeit, daß einer von Mr. Gross’ Brüdern irgendwie überlebt hatte und so viele Jahre später, nachdem er seinen Bruder ausfindig gemacht hatte, wieder aufgetaucht war? Oder war es so, wie er befürchtete, nämlich daß Mr. Gross und Phillip festgenommen worden waren – oder sogar getötet – und ihr Apartment nun eine Falle war?

Chins Worte kamen ihm plötzlich ins Gedächtnis. Elliot hielt den Atem an und nahm den Telefonhörer so leise wie möglich wieder ab. Er lauschte einen Augenblick.

Die Verbindung stand noch.

Elliot legte seinen Hörer geräuschlos wieder auf und verließ die Telefonzelle.

Einen Moment später, wieder an Lorimers Tisch, flüsterte er ihr ins Ohr:

»Laß uns gehen. Jetzt.«

»Aber ich habe schon bestellt.«

»Notfall. Ich bin in eine Falle getappt.«

Sie nickte. Elliot half ihr in ihren Dschinghis Khan und schlüpfte selbst in seine Jacke »Vergiß die Times nicht«, erinnerte Lorimer ihn, während sie ihre Reisetasche aufnahm. Er zog seine Handschuhe an und nahm die Zeitung.

An der Tür hielt Lorimer kurz an, um ihre Bestellung wieder rückgängig zu machen.

»Ist irgend etwas nicht in Ordnung?« fragte der Maître.

»Sie haben uns nie hier gesehen, klar, Genosse?« sagte sie leise.

Er nickte. »Viel Glück, Towarishschi.«

Lorimer drückte ihm einen Schein in die Hand. »Für die Arbeiter …«

Elliot und Lorimer traten hinaus auf die belebte Straße und machten sich gemäßigten Schrittes in Richtung Stadtmitte auf. »Woher wußtest du, daß er rot ist?« fragte Elliot.

»Ich hab’ einen siebten Sinn für sowas«, sagte sie, »den habe ich von meinem Vater. Tja, wohin nun?«

»Wenn es dir nichts ausmacht, gleich zu unserem Nachtquartier. Ich glaube, es hat mir den Appetit verschlagen.«

»In die Pension? War das nicht die Falle?«

Elliot schüttelte den Kopf. »Nein, meine Freunde.«

»Oh, tut mir leid.«

»Laß uns nicht mal daran denken«, sagte er.

Kurze Zeit darauf hatte ihn Lorimer jedoch überzeugt, daß Verhungern keinem von ihnen besonders gut tun würde. Elliot sah sich gezwungen, ihrer Logik zu folgen. Zehn Minuten später waren sie vor der Grand Central Station, wo fast zwei duzend Fahrzeuge in einer Reihe hintereinander standen – einige davon nicht gekennzeichnet, andere mit dem Emblem des Telefon-Taxi Services, die nicht lizensiert waren, Kunden unterwegs aufzunehmen. Elliot zog seine Handschuhe aus, drückte Lorimer die Times in die Hand, ging zum ersten Fahrzeug, einem roten Elektro-Nissan und fragte den Fahrer: »Wieviel bis West Eleventh Street?« Dabei machte er mit seinem Ring das Zeichen für den Buchstaben A des Morsealphabetes.

Der Fahrer trug zwar einen goldenen Ehering, berührte ihn aber nicht.

»Siebentausend Blaue, Buddy. Steig ein.«

»Nein, danke.«

Am zweiten Fahrzeug gingen sie vorbei, der Fahrer trug Handschuhe.

Ein großer, schwarzer Checker ohne Firmenzeichen stand an dritter Stelle. Die Fahrerin trug einen goldenen Ring. Elliot drehte seinen Ring einmal vor und einmal zurück und wiederholte seine Frage. Die Fahrerin drehte ihren Ring zweimal in Elliots Richtung und einmal zurück – die richtige Antwort, U, und sagte: »Das hängt davon ab, womit Sie bezahlen.«

Elliot und Lorimer stiegen ein und schlossen die Tür. »Nehmen sie Euros?«, fragte Elliot.

»Sicher. Einer reicht völlig. Welche Nummer noch mal?«

»Ich weiß nicht so genau«, sagte Elliot, »ein Restaurant – Manrico and Pagliacci.«

»Alles klar.« Sie streckte den Arm aus dem Fenster, drückte aufs Gaspedal und nahm dann das Funkgerät in die Hand, um ihre Koordinaten und ihre Richtung verschlüsselt an eine Zentrale weiterzugeben, die sich Egotripper nannte.

Während die beiden sich krampfhaft festhielten, bog der Checker links in die Fifth Avenue – alle Ampeln zeigten grün – dann rechts in die 11te Straße und setzte sie nach kaum 5 Minuten vor dem Restaurant ab.

Manrico and Pagliacci waren auf die italienische Küche spezialisiert, die zu Opern-Videodisks paßte – allerdings nicht ausschließlich zu italienischen Opern. Nachdem Elliot und Lorimer erneut bestellt hatten – wieder von der Eurofranc-Speisekarte – wandte Elliot seine Aufmerksameit dem Bildschirm zu. Er erkannte sofort, daß es sich um die Aufzeichnung des modernen Meisterstückes ›Atlas Shrugged‹ aus der Metropolitan Oper handelte. Im siebenten Akt der acht Stunden langen Oper sang John, der unbekannte Held, gerade seine 58-minütige Arie von der ›Radiorede‹.

Nachdem sie zweimal Antipasti, Manicotti, Cappuccino und Kuchen bestellt hatten – letztere beiden unterlegt vom großen Finale – machte sich das Pärchen auf den Weg zur Pension.

Elliot hielt in seinem linken Arm sowohl die Zeitung als auch Lorimers Arm, mit seiner Rechten in der Manteltasche hielt er seinen Revolver fest umklammert. Obwohl sie durch Slums und ärmliche Elendsviertel liefen und ihr ausgesprochen wohlhabendes Aussehen ein, zwei böse Blicke auf sich zog, wurden sie nicht belästigt. Elliot fragte sich, ob die lokalen Räuber in der Hoffnung auf bessere Beute vielleicht nach Uptown oder westwärts gezogen waren.

Die Gebäude in der 11ten Straße östlich der First Avenue waren alt, jedoch nicht heruntergekommen. Die meisten waren sandstrahlgereinigt, die Straßen davor frei von Unrat und der Abfall war in Mülleimern, wo er hingehörte. Sie gingen an einigen bewaffneten Sicherheitsleuten vorbei, die die Straße auf und ab patroullierten. An einer Kaufhauswand prangte ein Schild in vier Sprachen: »TOMPKINS SQUARE PARK NACHBARSCHAFTS-VEREINIGUNG – Sicherheitsbeamte im Dienst.« Hätte Elliot es nicht besser gewußt, hätte er den Häuserblock für einen Komplex in den 80ern West am Riverside Drive gehalten.

Zwischen der B und der C Avenue befand sich das Gebäude Nr. 635 11te Straße Ost, an dessen Tür, einige Stufen hoch, ein Schild angebracht war: »ZIMMER ZU VERMIETEN – Keine Hunde oder Wohlfahrts-Parasiten.« Elliot drückte den Klingelknopf. Einen Moment später fragte die Stimme eines Mannes über die Sprechanlage, wer da sei.

»Rabinowitz«, sagte Elliot, »ich habe vorhin wegen eines Zimmers angerufen.«

Bald darauf öffnete sich ein Guckloch in der Tür. »Ich bin Emmanuel Ferrer. Sie haben mit meinem Sohn gesprochen?«

»Nein Sir, mit Mrs. Ferrer.«

Er öffnete die Tür und ließ sie hinein.

Das Innere des Gebäudes war nicht luxuriös, aber hübsch ausgestattet mit holzgetäfelten Wänden und Teppichboden. Ferrer, ein Mann mit schütterem Haar und Bäuchlein, führte sie eine Wendeltreppe zu seiner Wohnung im zweiten Stock hinauf. Eine köstliche Mischung von Essensdüften strömte durch die Tür.

Vor dem Videobildschirm in seinem Wohnzimmer saßen eine schmale Frau von ungefähr vierzig Jahren, ein Junge in Elliots Alter und ein Mädchen, das Elliot auf dreizehn Jahre schätzte. Mrs. Ferrer drehte sich zu ihrem Sohn um und sagte: »Mach’ bitte den Rekorder aus, Raphael. Besuch.« Raphael stand auf und nahm die Videokassette heraus.

»Das ist meine Frau Francesca«, sagte Ferrer, »meine Tochter Carla und – wie Sie gehört haben – mein Sohn Raphael. Bitte setzen Sie sich.« Elliot und Lorimer setzten sich auf die Sessel neben der Couch, auf der die Familie saß. »Haben Sie gut zu Abend gegessen?«

»Sehr gut«, sagte Lorimer.

»Gut, gut. Möchten Sie Kaffee?«

»Nein, vielen Dank. Ich bin immer noch ziemlich voll.« Auch Elliot schüttelte den Kopf.

»Meine Frau sagte mir, daß Mr. Chin Sie zu uns geschickt hat?«

»Das ist richtig, Sir«, antwortete Elliot.

»Bitte entschuldigen Sie, wenn ich so mißtrauisch bin, aber wir leben in schrecklichen Zeiten. Könnten Sie mir beschreiben, wie Mr. Chin aussieht?«

Elliot dachte einen Moment nach und erwiderte dann: »Ja, Sir, aber ich glaube, das wäre gegen alle Diskretion.«

Ferrer nickte. Elliot war nicht in die Falle getappt. »Wie lange wollen Sie hier bei uns bleiben?«

»Naja, wir wissen es noch nicht so genau. Wir wären an einer wöchentlichen Miete interessiert – sagen wir erstmal eine Woche.«

»Wollen Sie selber kochen?«

Elliot sah zu Lorimer hinüber. Sie nickte.

»Und ich sollte, ehe wir zu den Einzelheiten kommen, erwähnen«, fuhr Elliot fort, »daß ich nur mit Gold oder Eurofrancs bezahlen kann.«

Mr. Ferrers zurückhaltender Gesichtsausdruck wurde zusehends respektvoller. »Ich zeige Ihnen das freie Apartment. Wenn es Ihnen gefällt, reden wir über den Preis. Raphael, den Schlüssel zu 3A bitte.«

Ferrer begleitete Elliot und Lorimer eine andere Treppe hinauf, die in ein Apartment zur Straßenseite führte. Elliot entschied beim ersten Blick, daß er es mochte. Hell und luftig, besser konnte ein Zimmer für die Nacht nicht sein. Es war mit spanischen Möbeln eingerichtet. Ein gut geschnittener Wohnraum mit Blick auf die Straße, eine kleine Kochnische und ein Schlafraum mit riesigem Doppelbett und großem angrenzenden Badezimmer, alles war blitzsauber und mit Teppichboden ausgelegt. Alle Geräte, mit Ausnahme eines zehn Jahre alten tragbaren Sony Fernsehers, waren ziemlich neu. Die Küche war voll ausgerüstet mit Herd, Kochgerät und Geschirr.

Elliot fing Lorimers Blick ein, der ihm ohne Worte zu verstehen gab, daß ihr das Apartment ebenso gut gefiel wie ihm und fragte Ferrer nach seinen Preisvorstellungen.

»Dieses Apartment kostet drei Gramm Gold pro Woche oder dreißig Eurofrancs.«

Elliot nickte.

»Kommen Sie wieder mit runter, solange meine Tochter die Handtücher bringt und die Betten bezieht.«

»Oh, sie soll sich keine Mühe machen. Ich kann doch …«

»Kommt nicht in Frage«, sagte Ferrer, »sie verdient sich so ihr Taschengeld.«

Als sie wieder unten waren, gab Ferrer Carla die nötigen Anweisungen und Elliot bezahlte ihm dreißig Eurofrancs in bar. Mrs Ferrer stellte eine Quittung für eine Woche Miete aus und schrieb einen erfundenen Preis in Neuen Dollars darauf.

»Gibt es irgend jemanden in der Gegend, der Lebensmittelmarken verkauft«, fragte Elliot, »oder ein Lebensmittelgeschäft, das die Vorschriften nicht zu eng sieht?«

»Wir haben hier eine Lebensmittelkooperative, die diesen Schwachsinn nicht mitmacht«, sagte Ferrer, »wenn Sie wollen, können Sie sich die Lebensmittel hierher liefern lassen, solange Sie hier sind. Ich werde Ihnen einen Bestellzettel geben.«

Sie redeten über alles mögliche, bis Carla zurückkam und Mrs. Ferrer ihren Mann darauf hinwies, daß es schon 22:30 Uhr sei. »Ja«, sagte Mr. Ferrer und erhob sich, »morgen ist Frühmesse.«

»Vielleicht hätten Mr. und Mrs. Rabinowitz Lust, uns zu begleiten?« schlug Raphael vor. Seine Schwester warf ihm einen strafenden Blick zu.

Elliot dachte gerade über Lorimers religiöse Gesinnung nach – seine eigene war ein militanter Solipsismus – als sie ihm zur Hilfe kam und einwarf: »Danke, aber wir sind Juden.«

»Möchten Sie mit uns frühstücken?« fragte Mrs. Ferrer. »Ihr Kühlschrank ist noch leer und bis Montag wird nichts geliefert.«

»Es sei denn, Ihre Essensregeln …«, setzte Mr. Ferrer an.

»Wir halten uns nicht daran«, sagte Lorimer, »wir würden Ihnen gern Gesellschaft leisten.«

»Gut, wir essen für gewöhnlich, wenn wir zurück sind, um 10:00 Uhr.«

Nachdem man sich eine gute Nacht gewünscht hatte, bekamen Elliot und Lorimer die Schlüssel und gingen nach oben. Elliot zog seinen Mantel, seine Jacke und seine Schuhe aus und ließ sich auf die Wohnzimmercouch fallen. Lorimer holte ihre Reisetasche, nahm ihr Portemonnaie heraus und gab Elliot fünfzehn Eurofrancs. »Wofür sind die denn?« fragte er.

»Mein Anteil an der Miete.«

»Ich habe dich nicht gebeten, sie mit mir zu teilen.«

»Ich würde so oder so etwas bezahlen. So bin ich dir nichts weiter schuldig.«

Elliot zuckte die Achseln, was auf dem Rücken gar nicht so einfach war, und nahm die Scheine, gab Lorimer aber einige zurück.

»Was soll das denn?« fragte sie.

»Du hast das Abendessen bezahlt. Das Mindeste, was ich tun kann, ist für das Schmiergeld aufzukommen.«

Sie zuckte ebenfalls mit den Schultern und nahm die Scheine zurück.

»Weißt du«, sagte Elliot, »du bist ganz schön dreist für eine Jüdin.«

Sie grinste. »Wenn man schon eine Rolle spielt, dann muß man sie voll im Griff haben.«

»Du kannst das vielleicht. Aber ›voll im Griff‹ ist genau das, was ich sie nicht habe.«

»Warum denn nicht, du beherrschst den Ausdruck jedenfalls besser als ich.«

Elliot hielt kurz inne. ›Interessant‹, dachte er. »Ach, egal. Hoffen wir nur, daß Mr. Ferrer mich nicht in die Sauna einlädt.«

Sie zuckte wieder die Achseln. »Kommst du ins Bett?«

»Gleich«, sagte er, »ich will nur noch einmal kurz die Zeitung überfliegen.«

»Okay.«

Elliot blieb noch einen Moment auf der Couch sitzen, dann schleppte er sich zum Eßtisch und schlug den ersten Teil der Times auf. Nachdem er einen Artikel über die Abspaltung von Texas bis zum Fortsetzungsvermerk gelesen hatte, blätterte er zurück und sein Blick fiel zum ersten Mal auf die untere Hälfte des Titelblattes.

Dort war ein Bericht überschrieben:

»VREELANDWITWE VERSICHERT DER ÖFFENTLICHKEIT, EHEMANN STARB NATÜRLICHEN TODES.«

KAPITEL 16

Am Sonntag regnete es.

Es fing nach 5:00 Uhr an. Dicke Regentropfen prasselten gegen das Schlafzimmerfenster, wie ein Echo entfernter Schüsse. Ein Junge und ein Mädchen lagen im abgedunkelten Zimmer nebeneinander unter einer Decke, und schützten sich gegenseitig durch ihre Körperwärme vor der äußeren Kälte.

Sie lehnte sich herüber und knipste das Licht an. »Du hast immer noch kein bißchen geschlafen, nicht wahr?«

Er starrte mit leerem Blick an die Decke. »Nein.«

»Meinst du, es würde dir irgendwie helfen, darüber zu reden?«

»Ich würde mich vielleicht besser fühlen. Das ist alles.«

»Das ist alles?«

»Ich wäre der Lösung des Problems kein Stückchen näher.«

Sie griff zum Nachttisch, nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an. »Wie willst du das wissen? Du hast nicht alle Weisheit der Welt für dich gepachtet.«

»Ich habe nicht das Recht, dich damit zu belasten.«

»Würdest du jemandes Vertrauen mißbrauchen?«

»Nein, das ist es nicht«, sagte er.

»Dann fühl dich besser. Erzähl es mir!«

»Es ist doch nicht dein Problem.«

»Mein Gott, du hältst mich hier wach, oder? Also ist es, verdammt noch mal, auch mein Problem.«

Elliot sagte nichts.

»Paß auf«, sagte sie, »wir tauschen gegenseitig Probleme aus.«

Er grinste schwach. »Ich habe das Gefühl, du wirst dabei ein verdammt schlechtes Geschäft machen.«

»Woher willst du das wissen?«

»Ich weiß es nicht. Tatsache ist, daß wir noch nicht das geringste voneinander wissen.«

Sie kitzelte ihn hinterm Ohr. »Nicht das geringste?«

»Na gut, ja, das schon. Aber man kann schließlich nicht von morgens bis abends miteinander schlafen.«

»Warum nicht?«

Er grinste leicht. »Okay, laß uns tauschen. Du fängst an.«

»Vertraust du mir nicht?«

»Natürlich vertraue ich dir. Du fängst an.«

»Bastard.« Sie puffte ihn leicht in die Seite. »Okay, ich glaube nicht, daß du mich verraten wirst. Ich bin von zu Hause abgehauen.«

»Wirklich ein schlimmes Vergehen«, meinte Elliot ein wenig sarkastisch.

»Schon möglich. Ich habe einen Mikrofilm mitgehen lassen.«

»Jetzt wird’s interessanter.«

»Die FBI-Akte des Kaders und anderer Subversiver. Die einzige vollständige Kopie, die nach dem Bombenangriff auf die Bürogebäude noch existiert.«

Elliot war sichtlich überrascht. »Und die lag einfach so bei euch zu Hause rum?«

»Naja, sie lag nicht direkt herum«, verbesserte sie ihn, »sie lag in einem Safe, der mal geöffnet wurde, als ich in der Nähe war. Von meinem Vater. Ich hatte mich versteckt.«

»Was machte die Akte im Safe deines Vaters?«

»Mein Vater ist Lawrence Powers, der Chef des FBI.«

Elliot drehte sich auf dem Ellbogen um, um ihr Gesicht näher zu betrachten. »Du verscheißerst mich nicht?«

Sie bekreuzigte sich.

»Warum hast du das getan?«

Sie zögerte einen Moment. »Warum setzt einer sich ab? Ideologische Gründe.«

»Aber dein eigener Vater?«

»Ich habe den Scheißkerl nicht erschossen. Ich habe bloß seinen Film geklaut. Er wird’s überleben.«

Elliot schüttelte den Kopf. »In Ordnung, erzähl’s mir halt nicht. Aber verschone mich mit so einer Scheiße wie ›ideologische Gründe‹.«

Lorimer zögerte eine ganze Weile, zog an ihrer Zigarette und antwortete dann ruhig und ungerührt, als ob das, was sie erzählte, schon Jahre zurückläge. Aber Elliot vernahm einen Unterton von starker Anspannung und großer Verbitterung.

»Mein Vater«, begann sie, »mein Vater hat meine Mutter in eine Irrenanstalt eingewiesen. Meine Mutter war eine Heilige, deren einzige Verrücktheit es war, den Presseleuten zu erzählen, sie halte mein Vater für ein Monster – was er auch ist. Letzte Woche nach einer Elektroschocktherapie hat sich meine Mutter umgebracht. Sie hatte Schlaftabletten gesammelt. Sie wußte, daß mein Vater die Beziehungen hatte, daß sie dort niemals wieder herauskommt. Ich habe den Film gestohlen, während mein Vater bei der Beerdigung war. Ein politisches Spektakel – ich hätte mich sowieso nicht mit ihm dort sehen lassen.«

Elliot hatte aufmerksam zugehört, besorgt, daß er sie gezwungen hatte, über diese schmerzlichen Erlebnisse zu berichten. Lorimer war einen Moment still, schaute dann auf und sagte: »Jetzt bist du dran«, und fügte sanft hinzu: »Mistkerl.«

Elliot antwortete ruhig: »Meine Mutter und meine Schwester sind in einem netten kleinen Gefängnis in Massachusetts eingesperrt. Codename Utopia.«

»Das höchst persönliche Verließ meines Vaters«, sagte Lorimer. »Warum sitzen sie?«

»Ich glaube, weil sie beweisen können, daß mein Vater keines natürlichen Todes gestorben ist.«

Sie schaute verblüfft drein.

»Mein Vater ist Dr. Martin Vreeland.«

Jetzt war sie geschockt.

»Du darfst mich Romeo nennen, Julia. Wie heißt du wirklich, Nicht-Lorimer?«

»Deanne Powers.« Sie sprach ihren Vornamen in einer Silbe aus.

»Hocherfreut«, sagte er. »Ich bin Elliot Vreeland.«

»Es ist mir eine Ehre«, gab sie zurück.

Elliot streckte förmlich seine Hand aus. Sie schüttelten sich die Hände.

»Hör zu, Deanne – nein, wenn ich es bedenke, wäre es doch besser, weiter unsere Decknamen zu benutzen.« Sie nickte. »Okay, Lor, wir werden für eine Weile zusammenarbeiten, richtig?«

»Genau das, Joe.«

Elliot atmete auf. »Okay. Mein Problem ist folgendes: Alles was ich tun muß, ist meine Mutter und meine Schwester irgendwie aus dem Privatknast deines Vaters zu befreien. Die Leute vom Kader behaupten, sie könnten das nicht. Aber am Montag fange ich an, andere Möglichkeiten auszukundschaften. Es besteht auch noch eine geringe Chance, daß mein Vater noch am Leben ist – selbst wenn ich es so langsam kaum noch glauben kann. Aber wenn das tatsächlich so sein sollte, wird mir der Kader die besten Anhaltspunkte liefern können, um ihn zu finden. Und wenn mein Vater tot ist … naja, tot ist tot.« Er machte eine Pause. »Ich weiß, es klingt ziemlich kaltherzig, aber ich kann mir jetzt den Luxus echter Gefühle eine Weile lang nicht mehr leisten.«

»Sind Gefühle Luxus?«

»Wenn das einzige, was dich davor bewahrt, gefangen oder erschossen zu werden, ein klarer Kopf ist, dann sind Gefühle ein Luxus, ja. Sie waren in letzter Zeit ziemlich nebensächlich für mich. Und für dich auch, nach allem, was ich gesehen habe.«

»Du meinst diesen Bastard von Kommandanten?«

»Lor, so ungern ich es auch zugebe, ich glaube nicht, daß der Kommandant ein Bastard war. Oder zumindest kein sehr großer. Ein echter Scheißkerl hätte versucht, uns für sechs Monate hinter Gitter zu bringen – und da er wußte, daß ich keine Ahnung vom Ausgang solcher Schlichtungsanhörungen habe, hätte er gute Chancen gehabt, damit durchzukommen. Er wollte uns nur getrennt evakuieren und jetzt, da wir wissen wie die Kommunikation des Kaders funktioniert, hätten wir uns danach auch wieder in Verbindung setzen können.«

»Vielleicht auch nicht. Auf dem Computer in meinem Zimmer war zu lesen, daß ich nach Montreal sollte.«

»Wenn wir anstatt deines idiotischen Auftritts mit der Pistole versucht hätten, ihm Geld zu geben, wäre er vielleicht kooperativer gewesen.«

»Das ist nicht sehr schmeichelhaft«, sagte Lorimer, »ich fand mich eher machamäßig.«

»Wahnsinn! Im Leichenschauhaus hätte ich das auch nicht mehr bewundern können. Und übrigens, wo wir schon mal dabei sind, die Katze aus dem Sack zu lassen: warum hast du mich eigentlich gefragt, ob ich mit dir schlafen will? Ich bilde mir vielleicht was auf mich ein, aber ich bin kein Don Juan.«

»Du bist vielleicht kein Don Juan, aber auch nicht Quasimodo.«

»Du weichst schon wieder aus.«

»Okay, ich kann auch deutlicher werden: Ich wollte endlich entjungfert werden.«

Elliot schwieg einen kleinen Augenblick, dann sagte er: »Aber es war kein …«

»Ich habe seit meinem 13 Lebensjahr schon kein Jungfernhäutchen mehr. Ist beim Sport passiert.«

»Willst du mir etwa erzählen, du hättest es nicht geschafft, irgendeinen Kerl ins Bett zu kriegen, bis ich dir über den Weg gelaufen bin? Sind die Typen in Washington alle Eunuchen?«

»Nicht Washington. Alexandria, Virginia. Und nein, die meisten nicht. Aber könntest du einen hochkriegen mit der Tochter des größten Schweines im ganzen Land?«

Elliot grinste. »Sieht fast so aus, als hätte ich’s geschafft.«

»Das zählt nicht. Du mußtest dich nicht mit FBI Agenten rumschlagen, die dich bei deinen Dates begleiten.«

»Hm … Das ist natürlich ein Aspekt, den man nicht außer Acht lassen darf.«

»Aber wir sind vom Thema abgekommen«, sagte Lorimer, »du hast mir gerade von deinen Problemen erzählt.«

»Nein, ich bin fertig. Erzähl mir deine.«

»Die sind nichts im Vergleich zu deinen. Ich muß einfach nur zusehen, daß ich weiter auf freiem Fuße bleibe, obwohl meine Fotos bald in allen Poststellen des Landes liegen werden.«

»Kein Problem«, sagte Elliot, »kleb einfach Marken drauf und verschick sie. Weg wären sie.«

»Hm … also ich glaube, keiner von uns beiden wird morgen in der Verfassung sein, irgend ein Problem zu lösen, wenn wir jetzt nicht ein bißchen Schlaf bekommen. In weniger als 5 Stunden gibt es Frühstück.« Lorimer drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus, der auf dem Nachttisch stand, und löschte das Licht.

Sie kamen zehn Minuten zu spät zum Frühstück.

Mr. Ferrer empfing sie an der Tür. »Kommen Sie herein, setzen Sie sich zu uns.«

»Tut uns furchtbar leid, daß wir zu spät sind«, sagte Elliot verlegen.

»Wir haben verschlafen«, schwindelte Lorimer.

Ferrer führte sie zum Tisch. »Unsinn, man kann nicht verschlafen.«

Elliots Herz setzte einen Schlag aus.

»Wenn Sie länger geschlafen haben, haben Sie es nötig gehabt. Außerdem haben wir uns auch gerade erst hingesetzt.«

Das Frühstück war ungewöhnlich reichlich: Haferschleim, Schinken, Eier, Orangensaft und Kaffee; der einzige Unterschied zur gewöhnlichen amerikanischen Küche waren die von Mrs. Ferrer selbstgemachten spanischen Churros – mit Zucker überstreute Spritzgebäckröllchen – deren Zubereitung sie von Mr. Ferrers Mutter gelernt hatte. Elliot war sich sicher, wenn dies die Imitate waren, hätten ihn die Originale für den Rest seines Lebens süchtig gemacht. Er verschlang einen ganzen Berg und trank dazu große Mengen dunkel gerösteten Kaffees.

Danach ging Carla fort, um sich mit einer Freundin zu treffen, während ihr Bruder Küchendienst hatte. Das Ehepaar Ferrer lud ›die Rabinowitzes‹ ein, mit ins Wohnzimmer zu kommen.

Mr. Ferrer ging zum Fenster hinüber, zog die Vorhänge beiseite und schaute auf die Straße hinaus. »Ist es immer noch so trüb draußen?« fragte Elliot.

»Es regnet immer noch«, erwiderte Mr. Ferrer. Er zögerte einen Augenblick und fügte dann leise hinzu: »Es hat den Müll von den Straßen gewaschen.«

»Ich habe gar keinen Müll auf der Straße gesehen«, sagte Lorimer. »Es sei denn, Sie meinen die Eimer …«

»Nein, nein«, unterbrach er sie und ließ den Vorhang wieder zufallen, »jetzt nicht mehr. Das war so vor sechs Jahren. Sie haben wahrscheinlich die Slums ein paar Blocks weiter gesehen. Vor sechs Jahren gehörte dieser Block noch dazu.«

»Und dann?« fragte Lorimer, »Stadterneuerung?«

Elliot erstickte beinahe.

Ferrer sagte zu ihm: »Ich sehe, Sie verstehen.« Er nahm auf der Couch Platz, nahm eine Zigarette aus einer silbernen Schachtel auf dem Kaffeetisch und zündete sie an.

»Keine Stadterneuerung wie Sie das meinen. Die hat nur geduckte Slumhütten durch mehrstöckige ersetzt.«

»Wieso?«
»Es lag an der Art und Weise, in der die Wohnobjekte vermietet wurden. Die einzigen, die reinkamen, waren die nutzlosen Armen. Mütter, die von der Wohlfahrt lebten und nur wegen ihrer Kinder ein wenig mehr bekamen. Drogenabhängige, die clean waren – sie nahmen nur noch Methadon. Freunde von Politikern.«

»Emmanuel, es ist nicht gut, nach so langer Zeit wieder daran zu denken.«

»Es wird mir nicht schaden, Francesca, es noch einmal zu erzählen.« Ferrer nahm einen weiteren Zug von seiner Zigarette. »Mrs. Rabinowitz, vor sechs Jahren war ich der Inhaber eines kleinen Druck- und Copyladens in der Nähe der New York University. Er hat mich nicht reich gemacht, aber dafür gesorgt, daß immer genug Essen auf dem Tisch war, und daß wir das Geld für die Gemeindeschule unserer Kinder aufbringen konnten. Dann, eines Tages im März, ohne Vorwarnung und ohne jeglichen Gund, beschlagnahmten die Steuerfahnder meinen Laden, meine Konten und alles, was sich in meinem Apartment befand.«

»Sie brauchen nichts weiter zu erklären, ich weiß genau wie das vonstatten geht«, sagte Lorimer.

»Sehr gut. Dann wissen Sie auch, daß es mir nicht gelungen ist, herauszufinden, weshalb sie mir das angetan haben, so sehr ich mich auch bemüht habe, und daß es Jahre gedauert hätte, bis die Angelegenheit vor Gericht gekommen wäre. In der Zwischenzeit hatte ich keine Arbeit, kein Eigentum, kein Geld. Ich beantragte Arbeitslosenunterstützung, der Antrag wurde abgelehnt. Ich bewarb mich um ein Apartment in einem Wohnungsbauprojekt und wurde auf eine Liste mit zwei Jahren Wartezeit gesetzt. Ich beantragte Sozialhilfe und wurde abgewiesen.«

»Was haben sie dann getan?« fragte Lorimer.

Ferrer drückte seine Zigarette aus. »Ich übernahm einen Boten-Job und zog mit meiner Familie in dieses Gebäude – hier, wo wir jetzt sind. Es war heruntergekommen. Jedes Gebäude in dieser Straße war heruntergekommen. Aufgrund der Inflation, der Steuern, der Mietkontrollen waren die Hausbesitzer – Slumbesitzer? – alle bankrott. Als wir hier einzogen, gab es weder Elektrizität, noch fließendes Wasser oder Heizung.«

»Aber Unmengen von Ratten und Kellerasseln«, sagte Raphael, der gerade aus der Küche kam. »Allerdings hielten sie sich gegenseitig im ökologischen Gleichgewicht.«

»Die Ratten fraßen die Kellerasseln?« fragte Lorimer.

Raphael schüttelte den Kopf. »Genau umgekehrt.«

»Beachten Sie ihn nicht«, sagte Mr. Ferrer, »er hat mich das schon so oft erzählen hören, daß er wünschte, es wäre nur eine Geschichte.«

»Ist das Kreuzworträtsel hier irgendwo?« fragte Raphael.

»Der Magazinteil ist im Badezimmer«, sagte Mrs. Ferrer.

»Um fortzufahren«, sagte Mr. Ferrer, »wir waren die letzte Familie, die noch in diesem Haus lebte, als uns eines Tages ein Mann aufsuchte und uns fragte, wem es gehöre. Ich sagte, soweit ich wüßte, niemandem und begann ihn anzuflehen, uns nicht auf die Straße zu setzen. Ich dachte, er sei von der Regierung.«

»War er das nicht?«

Ferrer schüttelte den Kopf. »Er sagte, daß ich mir keine Sorgen zu machen brauchte, daß er nur mal so rumschauen würde. Er war bei der Stadtverwaltung gewesen und hatte festgestellt, daß der letzte Besitzer aufgehört hatte, Steuern zu bezahlen und vor zwei Jahren plötzlich spurlos verschwunden war. Dann fragte er uns, wie lange wir hier schon leben würden – es waren damals sieben Monate – und meinte, daß wir seiner Ansicht nach die Besitzer dieses Hauses seien und fragte, ob ich nicht daran interessiert sei, es wieder aufzubauen.«

»Und Sie sind darauf eingegangen?«

»Selbstverständlich«, sagte Ferrer, »er erzählte mir, daß er eine Baufirma besäße, die sämtliche Renovierungsarbeiten übernehmen würde, und daß er einen Mann kenne, der das Geld zur Verfügung stellen und dann Besitz und Einnahmen fifty-fifty mit mir teilen würde. Alles was ich zu tun hatte, war hier wohnen zu bleiben und das Gebäude für weitere sechseinhalb Jahre zu verwalten, um so meinen Besitzanspruch zu erhalten.«

»Verzeihen Sie«, sagte Elliot, »aber war dieser Mann schwarz und sehr schlank? Mit einem Glasauge?«

Ferrer nickte, Elliot und Lorimer tauschten vielsagende Blicke: Guerdon.

»Es gibt nicht mehr viel zu erzählen«, fuhr Ferrer fort. »Er machte allen, die noch in Häusern dieses Blocks lebten, das gleiche Angebot. Wir haben uns schließlich zusammengetan und die Nachbarschafts-Vereinigung gebildet, um die Kosten für die Müllabfuhr, für Polizei- und Feuerschutz zu teilen, und wir haben die Lebensmittelkooperative gegründet, um in großen Mengen einkaufen zu können – später auch, um in der Gegenwirtschaft einzukaufen, um so Knappheit und Rationierung abzuhelfen. Wir erhalten – und wollen – keine staatliche Unterstützung und wir zahlen keine Steuern.«

»Hatten Sie keinerlei Probleme mit Steuerbehörden, Bauinspektoren und dergleichen?«

»Unser Freund vom Baugewerbe meinte, er würde das schon hinkriegen, und das hat er auch. Nur ein städtischer Beamter – ich glaube, vom Wohnungsamt – tauchte mit einem Gerichtsbeschluß auf und wollte uns rausschmeißen. Ich berichtete unserem Freund darüber und habe den Beamten und seinen Gerichtsbeschluß hier nie wieder gesehen. Ein paar Tage später liefen Detektive der Polizei im Block herum und erkundigten sich nach dem Mann, aber sie gaben dann ziemlich bald auf und verschwanden. Das war vor drei Jahren, und seitdem hat uns keiner mehr belästigt.«

Bevor sie gingen, erinnerte sich Mr. Ferrer daran, Elliot und Lorimer den Bestellschein für die Lebensmittelkooperative zu geben und riet ihnen, ihn möglichst bis zum Abend auszufüllen, wenn sie gleich von der Montagmorgen-Lieferung versorgt werden wollten. Elliot und Lorimer dankten den Ferrers für ihre Gastfreundschaft und gingen dann wieder nach oben.

Gleich nachdem sie die Tür ihres Apartments hinter sich geschlossen hatten, fragte Elliot Lorimer, ob sie etwas hätte, womit sie sich eine Weile beschäftigen könne.

»Ich könnte ein wenig fernsehen.«

»Das sagst du doch nur, weil du weißt, daß mich das krank macht, oder?« Dann hellte sich Elliots Gesicht auf; er fand das Heinlein Taschenbuch in seiner Jackentasche, das er vor ein paar Tagen noch einmal gelesen hatte und warf es ihr hinüber. »Versuch’s lieber damit.«

Lorimer streckte ihm die Zunge raus. »Snob! Ich wette, daß ich schon mehr Science-Fiction gelesen habe als du.« Sie zog sich mit dem Buch ins Wohnzimmer zurück.

Im Laufe der nächsten Stunde brachte sich Elliot auf den neusten Stand der Dinge – er hatte die Times über den gesamten Eßtisch ausgebreitet und das Radio auf WINS, einen reinen Nachrichtensender eingestellt.

Was nicht gesagt wurde, fand er am bemerkenswertesten. Es gab keine Meldungen über eine FBI-Razzia in einem der Stützpunkte des Kaders (was, selbst wenn es in den morgendlichen Schlagzeilen noch nicht aufgetaucht war, längst über den Äther hätte gehen müssen), und es gab keinen Bericht über die Verhaftungen von Dissidenten an diesem Wochenende. War die großangelegte Polizeiaktion, vor der sein Vater geflohen war, niemals zustande gekommen – vielleicht war sie durch Lorimers Diebstahl der Mikrofilme gescheitert – oder hatten sie die Grosses in aller Stille festgenommen?

Später sagte Elliot zu Lorimer, daß er noch ein paar Sachen kaufen gehen wollte.

»Soll ich dir irgend etwas mitbringen?«

»Etwas zu essen für später. Ich habe keine große Lust, bei diesem Wetter rauszugehen.«

»Okay. Wie gefällt dir das Buch bis jetzt?«

»Nicht schlecht«, sagte sie, »fast so gut wie ›Hello, Joe – Whadd’ya Know‹«

Elliot schüttelte betrübt den Kopf und machte sich auf den Weg zur Tür.

Ein sehr nasser, zehnminütiger Spaziergang führte ihn zur Ecke First Avenue/14te Straße zu einer normalen Telefonzelle ohne Bildschirm. Elliot steckte einen Vendy ein und wählte die Nummer des Kaders, die Chin ihm gegeben hatte. Nach dem zweiten Klingeln meldete sich eine weibliche Stimme auf Band: »Sie haben 800-326 – 0996 angewählt. Bitte sprechen Sie nach dem Piepton.«

Nach dem Ton sagte Elliot: »Dame schlägt Bauern, Schachmatt«, las die Nummer des öffentlichen Fernsprechapparates vor und hängte sofort ein. Dann verfolgte er die Sekunden auf seiner Uhr.

Siebenundsechzig Sekunden später läutete das Telefon, Elliot nahm sofort ab.

Eine andere Stimme, diesmal männlich, fragte: »Joseph Rabinowitz?«

»Ja«, sagte Elliot, »kann ich frei sprechen?«

»Dieser Anschluß wird höchstwahrscheinlich nicht abgehört. Was können wir für Sie tun?«

»Wäre es Ihnen wohl möglich, mich zu Chin durchzustellen?«

»Bitte bleiben Sie dran, ich versuche, Sie zu verbinden.«

Elliot klappte unsinnigerweise seinen Kragen hoch, immer noch rann ihm der Regen den Rücken hinunter.

Nach ungefähr einer weiteren Minute erklang eine bekannte Stimme: »Joseph?«

»Hallo, Chin.«

»Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?«

»Gestern abend«, sagte Elliot.

»Ach ja, unser privates Schwätzchen.«

»Nein, ich hatte Lorimer dabei.«

»Was macht die Gesundheit?«

Elliot dachte einen Moment über diese Frage nach und antwortete dann: »Nicht schlecht. Aber – kennst du irgend ein Mittel gegen verstopfte Nasennebenhöhlen?«

»Was kann ich für dich tun, Joseph?« fragte Chin.

»Mich informieren. Bist du sicher, daß keine Gefahr besteht?«

»Entspann dich. Was beschäftigt dich?«

»Erstens«, sagte Elliot, »ich brauche eine Überprüfung von Lorimers Identität.«

»Ich kann dir ihren Namen nicht ohne ihre Erlaubnis geben. Ich kann dir höchstens mit ja oder nein antworten, wenn du mir einen Namen gibst.«

»Dann überprüfe bitte: Deanne Powers.«

»Stimmt«, sagte Chin.

»Ist sie wirklich die Tochter des FBI-Chefs?«

»Ja.«

»Und du bist dir sicher, daß sie auf unserer Seite steht?«

Elliot konnte Chins trockenes Lachen hören. »Mein Freund, die Überprüfung ihrer psychometrischen Loyalität ist positiver ausgefallen als deine.«

»Ich kann mich nicht erinnern, irgendwelche Tests gemacht zu haben«, meinte Elliot.

»Was glaubst du wohl, was dein ganzer Besuch bei Aurora war?«

»Hm – naja, was solls. Nächster Punkt: Ich will herausfinden, ob die Freunde – die Verbündeten – die meinen Besuch in Aurora arrangiert haben, in Ordnung sind. Ich kenne ihre Kader-Namen nicht. Soll ich dir ihre wirklichen Namen nennen?«

»Nein«, sagte Chin, »sie sind in deiner Akte als deine Bürgen aufgeführt. Warte einen Moment.« Nach einem Weilchen sagte Chin: »Bleib von ihrem Apartment weg, es wurde beschlagnahmt.«

»Aber ihnen geht es gut?«

»Tut mir leid, ich kann dir am Telefon nichts sagen.«

Elliot schluckte. Seit gestern hatte er einen dicken Kloß im Hals. Die Grosses waren tot … sie mußten tot sein.

»Na gut«, sagte Elliot langsam, »okay. Gibt es irgendwelche Neuigkeiten über meine … Familie?«

Chins Stimme wurde noch sanfter. »Es wurden keine neuen Eintragungen mehr in deiner Akte vorgenommen, seit du gegangen bist, Joseph.«

»Okay.«

»Seid ihr an dem Ort untergekommen, den ich euch empfohlen habe?« fragte Chin.

»Ja. Sehr nette Leute.«

»Sehr schön. Ich werde das in deine Akte eintragen, dann können wir dich dort erreichen, wenn wir den Kontakt verlieren. Laissez-faire.«

Auf dem Rückweg hielt Elliot an einem Lebensmittelgeschäft und kaufte ein wenig Aufschnitt, Brot, Früchte und etwas zu trinken sowie eine Tube Zahnpasta. Er bezahlte mit Vendies und den paar Lebensmittelmarken, die er noch in der Tasche hatte. Ein Stück weiter östlich, in der 14ten Straße, betrat er noch kurz einen anderen Laden, wo er noch ein paar Kleinigkeiten besorgte und wieder mit Vendies bezahlte.

Als Elliot durchnäßt bis auf die Knochen zurück ins Apartment kam, lag Lorimer immer noch mit dem Buch auf der Couch. Er hängte seinen Mantel zum Trocknen an den Duschkopf und brachte das zweite Einkaufspäckchen ins Wohnzimmer. »Fang«, sagte er und warf Lorimer eine merkwürdig aussehende Rolle zu.

Sie fing sie auf. »Was ist das?«

»Ein heißer Bialy«, sagte er.

KAPITEL 17

Er fand die Anzeige in der New York Times unter ›Dienstleistungen‹.

Sie lautete:

Wir gut ist ihr Sicherheitssystem? Wenn wir es nicht knacken können, kann es niemand. Sonst garantiert Geld zurück. Vertrauliche, kostenlose Beratung, Terminvereinbarung nicht nötig. MISSION IMPOSSIBLE, Empire State Building, New York, N. Y. 10001.

Lorimer legte den Ausschnitt auf ihren Nachttisch. »Da willst du heute hin?«

Elliot, der immer noch unbekleidet war, setzte sich neben sie aufs Bett. »Dorthin und auch zur Times, wo ich meine Antwort auf eine andere Anzeige hinterlassen will. Kommst du mit?«

»Nur zur Gesellschaft?«

Elliot schüttelte den Kopf. »Wer auch immer nach uns suchen mag, er kommt bestimmt nicht auf die Idee, nach einem Pärchen Ausschau zu halten. Außerdem habe ich das dumpfe Gefühl, du hast noch eine Nacht- und Nebelaktion geplant.«

Lorimer zuckte mit den Schultern. »Ich denke mal, einiges erledigt sich von selbst.« Sie zögerte. »Darum sollte es heute auch bei meinem Treffen gehen. Mir wurde gesagt, daß Merce Rampart denkt, ich könnte eine gute Agentin abgeben.«

Elliot sah sie ernst an. »Hast du dich mit ihm getroffen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Das hätte ich, heute.«

»Ich frage mich«, sagte Elliot, »ich fange so langsam an zu glauben, daß es einen Merce Rampart gar nicht gibt. Daß er bloß ein Schreckgespenst ist, der erfunden wurde, um alle abzulenken.«

»Du bist ein Zyniker.«

»Nicht im geringsten. Ich bin ein rationaler Empiriker. Und ein ungeduldiger noch dazu. Kommst du nun mit?«

Lorimer nickte. »Ich muß heute sowieso noch Einkäufe machen.«

»Ich auch. Ein paar neue Klamotten. Und braune Haarfarbe.«

»Gar nicht so einfach, das alles. Als ich letzte Woche meine Haare färbte, mußte ich hinterher gefärbte Kontaktlinsen dazu kaufen.«

»Ist das nicht deine richtige Haarfarbe?«

»Meine Haare sind genauso blond wie deine.«

»Ach so, das erklärt … ach, was solls.« Er sah sie aufmerksam an. »Weißt du, so blond würdest du ein wenig wie meine kleine Schwester aussehen.«

»Danke für die Blumen. Komm mal her.« Elliot rückte zu Lorimer hinüber; Lorimer sah ihm tief in die Augen. Er konnte nicht widerstehen und küßte sie. Nach einer Weile fragte sie: »So behandelst du also deine Schwester, ja?«

»Nein.« Er küßte sie noch einmal.

»Du denkst nur an das eine.«

»So bin ich nun mal. Der Mann mit den eingleisigen Gedanken.«

Lorimer zog die Tagesdecke vom Bett. »Später. Ich gehe duschen.«

»Hast du etwas dagegen, wenn ich dir dabei Gesellschaft leiste?«

Um 10:30 Uhr, als Lorimer noch im Bad war und sich die Haare trocknete, klopfte es an der Tür. Es war Mr. Ferrer mit der Lieferung der Lebensmittelkooperative.

Elliot nahm den ersten Karton, begleitete Ferrer dann nach unten, um zwei weitere heraufzuholen und die 10 Eurofrancs zu bezahlen, die er ihm dafür schuldete. Nachdem er Ferrer gedankt hatte, fragte Elliot, ob er ihm auch einen Gefallen tun könne.

»Kommen Sie heute zufällig noch an einem Zeitungsstand vorbei?« fragte Ferrer.

»Wir gehen nachher noch in die Stadt.«

»Würden Sie eine Zeitung für mich mitbringen? Unser Zeitungsjunge ist heute nicht gekommen. Schon wieder nicht.«

»Kein Problem.« Ferrer dankte Elliot und ging wieder hinunter.

Elliot ging in die Küche, drehte das Radio an – sie spielten leichte Musik – und begann dann, die Lebensmittel zu verstauen. Als Lorimer endlich eine halbe Stunde später in engem Kaschmirpullover und Hose erschien, stand der Kaffee auf dem Tisch, die Törtchen waren in der Röhre und der Speck brutzelte in der Pfanne. »Kochen tust du also auch, hm?« sagte sie.

»Nee. Du bist mein erstes Opfer. Wie möchtest du deine Eier?«

»Oh, ich koche mir meine Eier selber, danke.«

»Ich mache doch nur Spaß. Ich kann sie dir machen, wie immer du willst.«

»Ich bin verrückt nach Benedikt Eiern.«

Elliot warf ihr einen strafenden Blick zu.

»Wenn das so ist«, sagte Lorimer, »einmal Rührei.«

Während Elliot das Essen auftat, nutzte der Radiosprecher eine Sendepause, und ließ dann »noch mehr wundervolle Musik für einen wundervollen Morgen« erklingen, eine Boston Pops Übertragung von »Abschlachten auf der Tenth Avenue«.

Die Musik setzte ein, als Elliot gerade die Teller zur Eßecke trug und sich zu Lorimer setzte. »Das ist merkwürdig«, sagte er zu ihr.

»Was?«

»Der Sprecher hat gerade WINS als Erkennungsbuchstaben dieses Senders genannt.«

»Und?«

»Und WINS ist ein reiner Nachrichtensender, 24 Stunden lang. Das war schon so, bevor ich geboren wurde.«

Lorimer zuckte die Achseln. »Vielleicht eine neue CRC Regelung. Sie reden doch schon seit Jahren davon, daß sie Regeln gegen ein einseitiges Programm einführen wollen.«

Elliot runzelte die Stirn. »Warum kann der CRC sich, verdammt nochmal, nicht um seinen eigenen Kram kümmern?«

»Wann hatte eine Agentur der Regierung jemals ihre eigenen verdammten Angelegenheiten im Kopf?«

»Hm … laß uns lieber das Thema wechseln«, sagte Elliot.

»Spielverderber!«

Obwohl es immer noch bewölkt war, brach die Sonne stellenweise durch die Wolkendecke und der Himmel sah nicht mehr so stark nach Regen aus. Nach dem Mittagessen gingen Elliot und Lorimer die 14te Straße hinauf, entschieden sich gegen ein Zigeunertaxi und liefen quer durch die Stadt.

Es war nicht so windig wie in der Woche zuvor und demzufolge auch nicht so unangenehm kalt. Hätte er nicht so viel im Kopf gehabt, hätte Elliot den Spaziergang mit Lorimer als so sorglos und unbeschwert empfunden, wie es an einem Februartag nur möglich war. Aber so fühlte er sich wie ein Schüler auf einem Halbtagsausflug, dessen momentane Freiheit sein Gefühl der Gefangenschaft nur noch verstärkte.

Während sie an der First Avenue vorbeigingen, an der Second und Third, bemerkte Elliot, daß viele der Gesichter, denen er begegnete, das gleiche Unbehagen ausstrahlten wie sein eigenes. Zu viele Geschäfte waren geschlossen, hastig gemalte Schilder, hinter Stahlgittern auf die Scheibe geklebt, lauteten: ›HEUTE NICHTS AUF LAGER‹. Obwohl durch den U-Bahn-Streik der Verkehr sowieso schon dichter war, schien heute alles noch voller zu sein. Am Union Square stand eine Gruppe Schaulustiger, die ein Handgemenge anfeuerten. Elliot sagte zu Lorimer: »Irgend etwas liegt in der Luft«, und fügte im Geiste leise hinzu: »und das hat nichts mit dem Wetter zu tun.«

Um zehn vor Eins betrat das Paar das US-Postleitzahlgebiet 10001. Die Informationstafel des Empire State Buildings informierte sie, daß sich ihr Ziel im dreiundvierzigsten Stockwerk befand. Sie fuhren mit dem Lift nach oben und fanden ein unscheinbares Büro, an dessen Tür stand: ›Mission Impossible Sicherheitsberatung‹. Als sie eintraten, ertönte ein surrendes Geräusch.

Es gab eine Rezeption, sie war aber nicht besetzt. Einen Moment später kam ein glatzköpfiger Mann mit Brille aus einem der Büros, der sich die Nase rieb: »Halldo«, sagte er, »kann ich öch helpfen?«

Elliot unterdrückte den spontanen Drang, diesen Ort sofort wieder zu verlassen und antwortete statt dessen: »Wir kommen wegen Ihrer Anzeige in der Sunday Times.«

»Da müßt ihr nd’ falschs Büro habm. Ich hab keinde off’nde Stelle anzubietend.«

»Was?”

»Mbombend mbal«

Er nahm Nasenspray aus seiner Jackentasche, legte seinen Kopf in den Nacken und sprühte in beide Nasenlöcher. »Ah, das ist besser. Ich sagte, ihr müßt im falschen Büro sein. Ich habe keine Stellenanzeige aufgegeben.«

»Aber Sie haben für die Dienstleistungen ihres Unternehmens geworben. Überprüfung von Sicherheitssystemen? Geld-zurück-Garantie, wenn sie das System nicht knacken können?«

»Oh ja, so lautet unsere Anzeige, das stimmt. Aber wir testen nur kommerzielle und industrielle Systeme. Seid ihr sicher, daß ihr hier richtig seid?«

»Ich bin mir überhaupt nicht sicher«, sagte Elliot, »Ist es bei Ihnen üblich, die Geschäfte im Empfangsbereich abzuwickeln?«

Der Mann sah überracht aus. »Nein, natürlich nicht.« Er führte die beiden in sein Büro und bat sie, in den Plüschsesseln vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. An den Wänden hingen Fotografien von Sicherungsanlagen. »Ich bin Benton Durand«, fuhr der Mann fort und setzte sich an den Schreibtisch. »Es tut mir leid, aber heute war ein unmöglicher Tag … absolut unmöglich. Erstens diese Erkältung. Dann kam meine Sekretärin heute nicht vorbei – ich glaube, sie hat sich bei mir angesteckt. Und drittens haben meine Telefone den gesamten Morgen nicht funktioniert.« Er putzte sich wieder die Nase. »Kann ich Ihnen irgend etwas anbieten? Tee? Kaffee? Es gibt allerdings nur Instant Kaffee, ich weiß nämlich nicht, wie die Kaffeemaschine funktioniert.«

Elliot hoffte, daß dies kein Zeichen für die technische Kompetenz des Mannes war. Außerdem war er überhaupt nicht geneigt, irgend etwas im näheren Umkreis Durands zu trinken. Er und Lorimer lehnten beide höflich ab.

»Mr. Durand«, begann Elliot, »mein Problem ist ziemlich verzwickt – rechtlich gesehen. Sie werben mit Vertrauenswürdigkeit. Wir können nur ins Geschäft kommen, wenn das, worum ich Sie bitte, unter uns bleibt, selbst wenn Sie es für illegal halten.«

»Ich werde es als vertraulich behandeln, Mr……., Mr…….?«

»Rabinowitz«, sagte Elliot.

»… Mr. Rabinowitz. Aber wenn Sie wollen, daß ich Ihnen dabei helfe, zu stehlen oder Eigentum zu beschädigen …«

»Nichts dergleichen«, unterbrach Elliot und winkte ab.

»Wenn mir die Geschichte zu brenzlig wird, werde ich mit meinem Rechtsanwalt reden. Fangen Sie an.«

»Sind Sie sicher, daß es in diesem Büro keine Wanzen gibt?«

»Ich kenne mein Geschäft. Hier sind wir unter uns.«

Elliot nickte. »Zwei Mitglieder meiner Familie befinden sich in Isolationshaft im Hochsicherheitstrakt des staatlichen Gefängnisses von Massachusetts. Sie wurden ohne ordentlichen Prozess, eine Anklage oder ein Verfahren eingesperrt. Wenn Sie bereit wären, die Sicherheitssysteme dieses Gefängnisses zu knacken, würde ich Sie gut dafür bezahlen – in Gold.«

Durand putzte sich die Nase und schüttelte den Kopf: »Unmöglich.«

»Moralische Bedenken?« fragte Lorimer, »Oder ist es das Risiko?«

»Nichts von beidem, Mrs. Rabinowitz. Ich habe absolutes Verständnis für Sie, aber ich kann nicht helfen, und ich wüßte auch niemand anderen, der das könnte.«

»Würden 500 Gramm Gold Ihre Meinung ändern?« fragte Elliot. »5000 Eurofrancs, wenn Ihnen das lieber ist?«

»Das zehnfache würde meine Meinung nicht ändern. Vielleicht das hundertfache. Dinge wie diese erfordern ein Budget von äh – einer halben Million Eurofrancs. Dann befänden wir uns zumindest auf einer Ebene mit dem FBI.«

Elliot erhob sich, gefolgt von Lorimer. »Ich fürchte, ich kann die staatlichen Preise nicht bezahlen.«

Durand streckte seine Hand aus. »Es tut mir wirklich sehr leid für Sie.«

»Vielen Dank, trotz allem«, sagte Elliot und gab ihm die seine. Er und Lorimer machten sich auf den Weg zur Tür.

Durand räusperte sich lautstark und rief sie zurück. »He – es gibt einen Ausweg – jetzt, da ich darüber nachdenke – das könnte Ihnen vielleicht helfen.«

Elliot drehte sich gespannt um. »Wirklich?«

»Ich weiß allerdings nicht, wie ich Sie mit ihnen in Kontakt bringen kann, es ist der Revolutionäre Agoristische Kader.«

»Aha – das werde ich mir merken«, meinte Elliot. Er und Lorimer unterdrückten erschrocken ein Grinsen.

Durand nieste. »Diese verdammte Erkältung macht mich noch wahnsinnig. Kennen Sie irgend ein Mittel gegen verstopfte Nasennebenhöhlen?«

Elliot machte, daß er so schnell wie möglich hinauskam.

Ein kurzer fünfzehnminütiger Fußweg über den Broadway und elf Blocks aufwärts durch das Viertel mit den Kleiderläden – das Geschäft ging normal weiter – führte sie zum Times Square. Das Gebäude der New York Times befand sich noch ein Stück weiter oben auf der 43sten Straße. Elliot fühlte, daß irgend etwas nicht stimmte, aber er wußte nicht so recht, was es war. Dann fiel es ihm plötzlich ein.

Die Nachrichten am Orakelturm waren verschwunden.

KAPITEL 18

Absperrungen der Polizei auf beiden Seiten der 43sten Straße blockierten den Zugang zum New York Times Gebäude. In einer kurzen Diskussion versicherte Lorimer Elliot, daß es sehr unwahrscheinlich wäre, daß sie erkannt werden würde. Dann ging sie zu einem der Polizisten hinüber, um ihn zu fragen, was denn eigentlich los sei, während Elliot auf der anderen Seite der Straße wartete.

Als sie ein wenig später zurückkam, berichtete Lorimer: »Sie sagen, es gäbe eine Bombendrohung.«

»Phantastisch. Absolut phantastisch.«

»Meinst du, es handelt sich um eine Nachrichtensperre?«

Elliot nickte, während er zügig zur 42sten Straße zurückging. Lorimer konnte kaum mit ihm Schritt halten. »Wohin willst du?«

»Zum Telefon.«

Sie fanden eins an der Ecke der 42sten. Elliot steckte einen Vendy ein und wählte die Nummer, die er benutzt hatte, um mit dem Kader in Kontakt zu treten. Es war besetzt.

»Wahrscheinlich rufen gerade alle auf einmal an«, sagte Lorimer.

»Das bezweifle ich.« Elliot steckte den Vendy wiederum ein und wählte die Null für die Vermittlung. Besetzt. Er wählte 411. Ebenfalls besetzt. Er wählte die Nummer der verlassenen Wohnung seiner Familie. Es waren nur rauschende Geräusche zu hören. »Morgen«, sagte er, »werden sie vermutlich verlauten lassen, die Vermittlung sei von Terroristen besetzt worden.«

Sie gingen über die Straße zu einem Zeitungsstand, nicht weit vom Rabelais Buchladen entfernt. Der Zeitungsverkäufer, ein griesgrämiger alter Mann, hatte zwar Magazine ausgelegt, aber keine Zeitungen, und die Musik tönte laut aus seinem Kiosk. Der alte Mann schüttelte den Kopf: »Die Zeitungen von gestern sind alle ausverkauft und das war’s. Heute wurde nichts geliefert.«

»Haben Sie irgendwelche Nachrichten im Radio gehört?« fragte Lorimer.

»Nicht mal den Spielstand vom Hockey. Ich hab den ganzen Tag von einem Sender zum nächsten geschaltet. Auf WOR gibt es nur Musik und WCBS wird nicht ausgestrahlt. Ich kann nicht mal irgendwelche Shows zum Mitmachen finden.«

»Die Telefone sind tot«, sagte Elliot.

»Das kann doch keine dieser Quasselstrippen aufhalten. Die können doch stundenlange Selbstgespräche halten. Wenn ihr mich fragt, ich glaube, der Krieg ist ausgebrochen, und die wissen nicht, wie sie es uns sagen sollen.«

»Sie wußten es doch sonst immer.«

Er zog die beiden ein bißchen näher zu sich rüber und antwortete. »Ja, aber dieses Mal ist es ein Atomkrieg, wißt ihr, ein Atomkrieg, sage ich euch. Sagt’s mir, wenn ich recht habe.«

»Ich werde der erste sein«, sagte Elliot und wandte sich an Lorimer. »Wir versuchen am besten, das herauszubekommen.«

Sie gingen nebenan zu McDonalds, wo Elliot zwei heiße Kakaos kaufte und sie zu einem Tisch am Fenster trug. »Okay«, er flüsterte nahezu. »Es gibt keine Zeitungen mehr, das Radioprogramm unterliegt einer strikten Zensur – ich vermute, das gleiche trifft auf die Fernsehsender zu. Die Telefone sind tot und die Nachrichtendienste außer Betrieb …«

»Die Nachrichtendienste?«

»Wenn BÖI am Orakelturm aus ist, dann funktioniert der Rest auch nicht mehr.«

»Aber«, sagte Lorimer, »du vergißt die öffentlichen Verkehrsmittel.«

»Die funktionieren doch schon seit Wochen nicht mehr.«

»Das ist trotzdem etwas normales.«

»Möglicherweise. Das könnte vor Wochen – vielleicht Monaten – geplant worden sein. Aber worauf läuft das alles hinaus? Kannst du dir vorstellen, wer dahinter steckt?«

»Nun ja, auf jedem Fall nicht nur die New Yorker Polizei. Sie arbeitet vermutlich mit Bund und Ländern zusammen. Vielleicht der Zivilschutz.«

»Du vermutest, daß die Regierung dahinter steckt?« Sie nickte. »Vielleicht auch unsere – hm – Freunde?«

»Ausgeschlossen, wenn du mich fragst.«

»Meinst du, die wären dazu nicht in der Lage?« fragte Elliot.

»Oh, natürlich wären sie das – zumindest denkt das mein Vater. Aber das würde ziemlich viele Eigentumsverletzungen erfordern – Zwang. Dagegen haben unsere Freunde prinzipiell etwas einzuwenden.«

»Ist das nicht ein wenig naiv?«

»Glaub, was du willst, ich bin mir da ziemlich sicher.«

»Okay, ich werde diesen Gedanken erst mal hintenan stellen. Und irgendeine ausländische Macht?« fragte er.

»Kannst du dir vorstellen, daß die New Yorker Polizei sich von russischen Befehlshabern herumkommandieren läßt?«

»Hm – der Punkt geht an dich. Also, wenn es ein Putsch ist, kommt er von oben, was noch eine weitere Möglichkeit aufwirft: eine militärische Junta?«

»Wo läge der Unterschied? Das Resultat wäre dasselbe, ob es vom Militär, dem Kreml oder dem Weißen Haus kommt. Glaub mir, die spielen alle das gleiche Spielchen, die Regeln werden nur der jeweiligen Situation angepaßt.«

»Okay. Du behauptest also, wir haben es hier mit einer Diktatur im eigenen Lande zu tun?«

Lorimer dachte einen Augenblick darüber nach. »Hm – laß uns noch mal auf die ganz einfache Theorie zurückkommen.«

»Ich wußte, daß ich um diese Lektion nicht herumkomme«, sagte Elliot.

Sie grinste. »Schlachtfeld-Training«, sagte sie, »uns wurde gesagt, daß wir eine Regierung haben, die vom Volk getragen wird. Dies ist zumindest in einer Hinsicht wahr. Jede Regierung übt immer die größtmögliche Macht aus, die die Bevölkerung nach Meinung der Anführer hinzunehmen bereit ist, ohne aufzubegehren. Wenn diese Regierung – oder ein Teil davon – beginnt, ihre Macht drastisch auszudehnen, dann gehen die Regierenden entweder davon aus, daß sie auf die Unterstützung des Volkes rechnen können – oder mit seiner Apathie – oder sie ergreifen verzweifelte Maßnahmen, weil sie mit dem Rücken an die Wand gedrückt werden.«

»Nach dem, was mein Vater immer wieder behauptete«, sagte Elliot, »ist die Regierung durch die finanziellen Realitäten im letzten Vierteljahrhundert immer stärker ›an die Wand gedrückt‹ worden. Und wenn man sich die Demonstrationen der letzten Woche vor Augen hält, scheint es wenig Unterstützung von Seiten des Volkes zu geben.«

»Womit du gerade deine eigene Frage beantwortet hättest.«

»Ich verstehe. Du willst mir also sagen, daß sich die Regierung im Augenblick aufführt wie ein verwundetes Rhinozeros, das alles umrennt, was ihm über den Weg läuft? Vielleicht sollten wir diesen Weg besser räumen und zusehen, daß wir weg kommen.«

»Wie weit weg willst du noch gehen?«

»Das, meine Liebe, ist die 64-Millionen-Dollar Frage. Wie sieht es in Montreal aus um diese Jahreszeit?«

»Kalt«, sagte Lorimer.

»Dann sollten wir mal lieber darüber nachdenken, uns lange Unterwäsche zu kaufen.«

»Ich dachte, du hast hier was zu tun?«

»Die Chance, von New York aus etwas zu erreichen, ist ziemlich gesunken. Vielleicht könnte ich das, was ich zu tun habe, von Montreal aus sogar besser verwirklichen. Außerdem glaube ich so langsam, daß Durand recht hatte. Es gibt wahrscheinlich nur eine Möglichkeit, mit dieser Situation umzugehen – wenn sie entscheiden, daß es soweit ist – und wir können uns sehr nah am Ort des Geschehens befinden, was sie betrifft.«

»Aber wie sollen wir nach Montreal kommen? Selbst wenn wir alle nötigen Papiere hätten – was nicht der Fall ist – können wir nicht davon ausgehen, irgendeine Möglichkeit zu haben, dieses Land zu verlassen. Wenn das Kommunikationsnetz einer strengen Zensur unterliegt, so ist es ziemlich sicher, daß auch die Transportsysteme überwacht werden.«

»Wir könnten irgend etwas mit Hilfe unserer Freunde arrangieren«, sagte Elliot.

»Wie denn? Ohne Telefone?«

»Mir fallen sicherlich noch ein paar andere Möglichkeiten ein, selbst wenn die Telefone nicht wieder funktionieren sollten – was sie vielleicht in ein-zwei Tagen wieder tun.«

»Ja, aber warum sollten wir davonlaufen?« fragte Lorimer, »sind wir etwa Brownies? Haust Du etwa mit deiner Flinte und einem Überlebenspaket in die Berge ab, wenn es Probleme gibt?«

»Du mußt bedenken, wenn die Regierung die Lebensmittelversorgung abschneidet, wird Manhattan innerhalb von drei Tagen anfangen zu verhungern. Ab dem sechsten Tage würde der Kampf um die Lebensmittel beginnen.«

»Erstens: Ich glaube nicht, daß sie das tun könnten. So wie die Dinge stehen, kommt die Hälfte aller Lebensmittel durch die Gegenwirtschaft auf diese Insel. Zweitens glaube ich nicht, daß es politisch tragbar wäre. Und drittens kann ich mir nicht vorstellen, worin man in höheren Kreisen – der herrschenden Elite – einen Nutzen aus so einer Idee sehen könnte.«

»In Ordnung, laß es uns von einer persönlicheren Ebene aus betrachten. Hast du mal darüber nachgedacht, was mit uns passiert, selbst wenn sie uns z. B. nur als unachtsame Fußgänger festhalten?«

Sie nickte. »Aber wenn überhaupt, dann steigen unsere Chancen eher. Obwohl sie unglücklicherweise für einige andere sinken.«

»Wie meinst du das?«

»Denk doch mal zu Ende. Gestern wurden wir beide von der Regierung offiziell als Volksgegner herausgestellt. Heute stehen Tausende von Menschen auf ihrer Schwarzen Liste. Die staatlichen Mittel sind so beschränkt wie eh und je und sie müssen sie immer breiter streuen. Also besteht, rein statistisch gesehen, kaum eine Chance, daß sie uns kriegen.«

»Bitte erzähl mir das noch mal«, sagte Elliot, »wenn die Panzer beginnen, den Broadway hinunterzurollen.«

Lorimer zuckte die Achseln. »Nichts weiter als ein Spektakel ihrer angeblichen Kraft. Aber wenn überhaupt, würde eine Besetzung durch das Militär nur die Aktivität der Gegenwirtschaft steigern. Es gibt keine Möglichkeit, die nationale Armee davon abzuhalten, sich in ihrer Freizeit mit der Bevölkerung zu verbünden, ohne die Soldaten strengstens zu kontrollieren.«

In diesem Moment setzte sich ein Pärchen an den Tisch neben sie. Elliot und Lorimer nickten sich zu, standen dann auf und gingen.

An der Tür prallten sie beinahe mit einem dürren, bärtigen Mann zusammen, der gerade hereinkam. Elliot schaute zweimal hin und erinnerte sich, daß es der Verkäufer aus dem Buchladen war, der ihm vor einer Woche gesagt hatte, er solle verschwinden. Elliot wollte ihn ignorieren, aber der Mann erkannte ihn und sagte: »Du bist doch der, der letzte Woche da war?« Elliot nickte. »Falls du immer noch was von deinem Freund willst, der ist wieder zurück.«

Elliot erstarrte. All seine Zweifel gegenüber Al tauchten wieder auf. Dennoch, sein Vater hatte ihm vertraut und er war möglicherweise ein Kadermitglied. Elliot fragte: »Ist er jetzt im Laden?«

Der Dürre schüttelte den Kopf. »Er kommt nie vor vier.«

»Ach so – danke.« Der Verkäufer ging hinein, und Elliot führte Lorimer hinaus.

»Was war das denn jetzt?« fragte sie.

»Es geht um einen Mann, den ich treffen muß. Mein Vater hatte seinen Laden als geheimen Aufbewahrungsort benutzt.« Elliot blickte auf seine Uhr, es war 13:15 Uhr. »Wir haben noch ein bißchen mehr als zwei Stunden. Wir sollten die Zeit nutzen.«

Sie gingen über die Straße zu einer Drogerie, wo Elliot sein Haarfärbemittel kaufte und Lorimer Shampoo. An der Kasse legte Elliot die Ware auf das Band und einen Eurofranc dazu.

Die Kassiererin, eine pummelige Matrone, sah Elliot wie eine strenge Lehrerin an. »Junger Mann, kennen Sie die Strafe, wenn man mit illegalem, ausländischem Geld bezahlt? Oder es annimmt?«

»Ich habe das Gefühl, Sie werden es mir gleich sagen.«

»Fünf Jahre Staatsgefängnis und eine Strafe von 100.000 Dollar.«

»Nun ja, die Haftstrafe hört sich nicht so verlockend an, aber die Geldstrafe scheint ein echtes Geschäft zu sein.«

»Macht, daß ihr hier raus kommt.«

Elliot griff nach seinem Eurofranc. Die Kassiererin schnappte ihn jedoch vor seiner Nase weg.

»Den beschlagnahme ich für die Polizei«, sagte sie.

Elliot zuckte mit den Achseln. »Das hört sich gut an«, sagte er und nahm das Shampoo und das Haarfärbemittel. »Ich beschlagnahme diese Gegenstände als Beweis für die Verletzung des staatlichen Lebensmittel-, Arzneimittel- und Kosmetikgesetzes von 1938. Auf Wiedersehen.«

Elliot nahm Lorimers Arm und sie verließen ruhig das Geschäft.

Lorimer fragte: »Was für eine Gesetzesverletzung soll das denn gewesen sein?«

»Woher soll ich das wissen? Es ist ein Gesetz, das wir mal in Geschichte besprochen haben. Aber wir machen lieber, daß wir hier wegkommen, falls sie sich entschließt, die Bullen zu rufen.«

»Die Telefone funktionieren nicht, erinnerst du dich?«

Elliot grinste breit. »Und dann wird immer behauptet, wir lebten in einer ungerechten Welt!«

Nach einer kurzen Diskussion überzeugte Elliot Lorimer, noch einen weiteren Einkauf zu wagen. Er erklärte, daß es vielleicht für eine ganze Weile ihre letzte Chance sein könnte. Falls die Regierung wieder zu einer anderen Währung übergehen würde, würden möglicherweise alle Geschäfte vorübergehend geschlossen werden, so wie es in der Vergangenheit schon einmal der Fall gewesen war.

Sie betraten ein kleines Bekleidungsgeschäft in der 42sten Straße. Elliot kaufte zwei T-Shirts, Unterhosen, Socken und eine Levis. Lorimer kaufte ein weiteres Paar Hosen und einen Rolli. Es gab keinerlei Schwierigkeiten mit dem Besitzer dieses Ladens, ein älterer Deutscher, der erzählte, daß er als kleiner Junge die Hyperinflation von 1923 in Weimar miterlebt hatte. Es wurde im Gegenteil fast enthusiastisch gehandelt und er schien völlig zu vergessen, daß er eigentlich Verkaufssteuer berechnen mußte.

Danach, um von der Straße wegzukommen, gingen Elliot und Lorimer in ein Kino auf der 42sten Straße (man zahlte mit Vendies) und sahen sich einen dramatischen Musical-Actionfilm mit Dharmendra an, dem Löwen des indischen Kinos. Dharmendra hatte sich in den letzten paar Jahren zu einem Kultfilmhelden entwickelt.

Elliot vergaß völlig, sich seine Haare zu färben.

Um Viertel nach Vier betrat er mit Lorimer den Rabelais Buchladen; es gab wieder keine Kundschaft. Auch Al saß wieder auf dem Stuhl hinter dem Verkaufstresen. Er schaute auf, erblickte Elliot und rief aus: »Du! Aber ich dachte … aber wie …?«

»Beruhigen Sie sich«, sagte Elliot, »mir scheint, Sie sind überrascht, mich zu sehen?«

»Überrascht? Junge, du hättest mich nicht mehr erschrecken können, wenn du von den Toten auferstanden wärst. Ich war mir sicher, daß sie dich plattgemacht haben.«

Al bemerkte zum ersten Mal Lorimer.

»Alles okay«, sagte Elliot, »sie ist mit mir. Aber weshalb haben Sie angenommen, ich sei verhaftet worden?«

»Das hat mir dein alter Herr erzählt, daß deine Mutter, deine Schwester und du …«

Elliot unterbrach ihn, erschrocken und freudig erregt zugleich. »Mein Vater lebt? Sie haben ihn gesehen? Wie ist er dem FBI entkommen?«

»Äh, ich weiß nicht, wovon du redest«, sagte Al, »deinem alten Herrn ist nie etwas zugestoßen. Ich habe ihn erst vor ein paar Stunden gesehen, ich mußte ein paar Botendienste für ihn erledigen.«

»Aber weshalb haben Sie den Kader nicht informiert?«

»Was? Aber wie …?«

Elliot drehte seinen goldenen Ring einmal vor und einmal zurück. Al antwortete mit zweimal vor und einmal zurück.

»Mein Gott, ich habe noch nie in meinem Leben eine so lausige Verständigung erlebt«, sagte Al, »dein alter Herr hat mir nicht gesagt, daß du ein Verbündeter bist. Er hat nur gesagt, daß er die ganze Angelegenheit geheim halten wolle, und deshalb habe ich keinem etwas erzählt.«

»Er wußte es nicht«, sagte Elliot, »weil ich ein ganz neuer Verbündeter bin. Aber das ist ja jetzt auch egal. Wo ist mein Vater?«

»Er hat sich die ganze letzte Woche im New York Hilton versteckt.«

TEIL DREI

Ich finde, das Erbärmlichste, was es gibt, ist ein weiblicher Geist … Dieser hier schien sich seiner geisterhaften Erscheinung nicht recht bewußt zu sein. Mehr als eines der Wesen aus Fleisch und Blut versuchte mit ihr zu reden, und ihr ganzes Verhalten ihnen gegenüber kam mir zunächst reichlich absurd vor. Ihr alles andere als unsichtbares Gesicht schien schmerzvoll verzerrt und ihr dunstförmiger Körper sich in ziemlich sinnloser Weise zu winden. Letzten Endes kam ich zu dem Schluß, daß – so unglaubwürdig das auch klingen mag – sie immer noch glaubte, die Aufmerksamkeit auf sich lenken zu können, und genau das versuchte sie gerade.

- C.S LEWIS, Die Große Scheidung

KAPITEL 19

Trotz ihrer Einkaufspakete legten Elliot und Lorimer die 800 Meter zum Hilton in lediglich 15 Minuten zurück. Sie gingen zu einem der Hoteltelefone und wählten die Nummer, die Al ihnen gegeben hatte. Elliot hatte entschieden, daß sein Vater den Schock, ihn so unerwartet wiederzusehen, besser verwinden würde, wenn er ihm durch den Anruf zumindest einige Sekunden Zeit zur seelischen Verarbeitung ließ. Seinen Vater ein drittes Mal zu verlieren – und dann nur aufgrund mangelnder Feinfühligkeit – war eine Vorstellung, die er sich nicht ausmalen wollte.

Eine müde Stimme antwortete nach dem fünften Klingeln: »Ja?«

»Dad?«

Eine langes Schweigen folgte: »Welches Zimmer wollten Sie sprechen?«

»Dad, ich bin es, Ell. Ich rufe vom Empfang aus an. Al hat mir gesagt, daß du hier bist.«

Es folgte kein Aufschrei, nur eine weitere lange Pause. »Deine Mutter und Denise …?«

Elliot zögerte nur kurz. »Sie sind nicht bei mir, Dad. Äh – aber ich habe eine Freundin dabei. Ist das okay?«

»Bring sie mit rauf.«

»Wir sind sofort oben.«

Nachdem Elliot aufgehängt hatte, sagte er: »Er hört sich nicht gut an.«

»Bist du sicher, daß du mich mitnehmen willst?« fragte sie.

»Mehr denn je zuvor. Na los, komm.«

Innerhalb von 5 Minuten waren sie in dem Zimmer. Elliot erkannte seinen Vater beinahe nicht wieder. Er hatte tiefe Ringe unter den Augen, die ihn viel älter aussehen ließen als 48, sein Jackett hätte dringend gebügelt werden müssen, ebenso seine übrige Kleidung. Elliot fand, daß sein Vater aussah aus wie ein Arzt, der bei einer Seuchenbekämpfung im Einsatz gewesen war. Das Hotelzimmer glich einem Schlachtfeld, das Bett war nicht gemacht, und ein halbes Dutzend Kaffeetassen standen im ganzen Raum verteilt. Es waren Besucher dagewesen: Aschenbecher waren mit Zigarettenstummeln gefüllt.

Elliot und Lorimer traten ein und Dr. Vreeland schloß die Tür hinter ihnen. Vater und Sohn blickten einander kurz an, dann, zum ersten Mal seit Elliot ein kleiner Junge gewesen war, nahm sein Vater ihn in den Arm und sagte: »Du siehst älter aus.«

»Du siehst auch ziemlich mitgenommen aus.«

Dr. Vreeland lächelte leicht, die Anspannung löste sich auf.

Elliot nahm Lorimers Hand und führte sie zu ihm. »Das ist Lor.«

»Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Dr. Vreeland«, sagte sie, »ich habe viel aus ihren Büchern gelernt, vor allem aus ›Weimar 1923‹.«

Elliot sah sie überrascht an, sagte jedoch nichts.

Dr. Vreeland war ebenso erstaunt. »Sie studieren Wirtschaftswissenschaften? Für eine Studentin sehen Sie noch sehr jung aus.«

»Ich habe noch nicht einmal mit dem College begonnen.«

»Dann bin ich derjenige, dem es eine Ehre ist«, sagte Dr. Vreeland. »›Weimar 1923‹ war meine Doktorarbeit, und es ist mir wiederholt von noch wortgewaltigeren Kollegen versichert worden, das es sich dabei um das unleserlichste Schriftstück handele, was jemals geschrieben wurde.«

Dr. Vreeland bedeutete ihnen, sich an den Kaffeetisch in der Ecke zu setzen, entschuldigte sich dann für den Zustand des Raumes und erklärte, daß er seit zwei Tagen kein Reinigungspersonal mehr hereingelassen habe. »Wann hast du zum letzten Mal geschlafen?« fragte Elliot ihn.

»Oh, ich hatte mich gerade kurz hingelegt, als du angerufen hast. Ich war fast die ganze Nacht wach, und jetzt erwarte ich jede Minute einen Besucher – einen Geschäftspartner.«

»Dad, was ist schief gelaufen? Als ich in die Wohnung zurückkam, war keiner mehr da – die Koffer waren weg. Ich dachte, ihr würdet alle am Treffpunkt warten und wollte mich gerade auf den Weg machen, als zwei Polizisten – FBI, vermute ich – erschienen, um nach mir zu suchen. Ich bin ihnen entwischt, hörte aber vorher noch, daß sie meine Familie bereits hatten. Ich dachte, sie hätten euch alle.«

Dr. Vreeland schüttelte den Kopf. »Ich habe die Wohnung wie geplant mit dem Gepäck verlassen. Dabei trug ich die von Denise entworfene Verkleidung. Sie sah sehr echt aus – sogar von nahem – aber ich sah wie Mephisto aus, eine silbergraue Perücke, ein falscher Bart und ein Schnauzer.«

Elliot grinste. »Meine Schwester war schon immer etwas melodramatisch«, erklärte er Lorimer.

Dr. Vreeland nickte zustimmend und fuhr fort. »Ich bin dann zum Reisebüro in der 42sten Straße gefahren, um unsere Flugtickets und die Zollpapiere abzuholen. Dabei fällt mir ein, daß sich dein kleiner Ausflug im nachhinein als unnötig herausgestellt hat, da ich anschließend ausreichend Zeit hatte, mit Dave Albaugh noch einmal alles zu besprechen.«

»Mit wem?« fragte Elliot.

»Ach ja, ich habe dir Als richtigen Namen noch nie gesagt. Dr. Albaugh war einer der intelligentesten und besten Studenten an der Columbia. Eine geniale Abschlußarbeit über die unterschiedlichen Ansätze der österreichischen und der Chicago-Schule in Bezug auf … ach, lassen wir das. Ich war um 18:30 Uhr zurück an der Park Avenue /70sten Straße, wo ich die nächste Stunde gewartet habe. Wie kommt es nur, daß du mich nicht gesehen hast?«

»Ich bin etwa gegen sechs zurück in der Wohnung gewesen, und bin dann, nachdem ich durch den Notausgang geflüchtet war, rüber zur Lexington. Ich muß dich also um einen Block verpaßt haben.«

Dr. Vreeland schüttelte den Kopf über diese Ironie des Schicksals. »Nachdem keiner von euch auftauchte, bin ich um halb acht zur Wohnung zurückgegangen, wo ich dann die beiden FBI-Agenten getroffen habe. Wahrscheinlich dieselben, die dir begegnet waren.«

Elliot flüsterte: »Ein Glück, daß sie dich nicht erkannt haben – verkleidet oder nicht.«

»Ich bin gleich in die Offensive gegangen«, sagte Elliots Vater, »ich habe ihnen gesagt, ich sei ein Nachbar – ein Freund der Familie – und wüßte gern, was genau sie in der Wohnung zu suchen hätten, die nun Cathryn Vreeland gehörte.«

»Und?«

»Sie sagten, sie seien beauftragt, eine eidesstattliche Erklärung von deiner Mutter einzuholen, die offiziell bestätigte, daß ich eines natürlichen Todes gestorben sei und daß dies lebenswichtig für die nationale Sicherheit sei, damit es keine Ausschreitungen bei der Demonstration von letztem Freitag gäbe. Eine gute Geschichte und im Wesentlichen gar nicht mal so falsch.«

»Ich habe den Artikel in der Sonntagszeitung gesehen«, sagte Elliot. Plötzlich kam ihm ein schrecklicher Gedanke. »Du glaubst doch nicht, daß das FBI so lange gebraucht hat, um die Stellungnahme von Mom zu … bekommen?«

»Nein, das glaube ich nicht. Deine Mutter ist eine praktisch veranlagte Frau. Sie hätte dem FBI ihre Stellungnahme gegeben, damit wir ungehindert hätten fliehen können. Wenn wir erst einmal außer Landes gewesen wären, hätten wir sowieso sagen können, was wir wollten. Mir sind seitdem aber ein paar Dinge zu Ohren gekommen, die erklären, was sich ereignet hat. Die zwei Agenten hatten eine zweite Anweisung, und zwar dich, deine Mutter und deine Schwester über Nacht in Untersuchungshaft zu nehmen – nur um sicher zu gehen, daß keiner von euch an meiner Stelle bei der Demonstration erscheinen würde. Sie hätten euch jedoch rechtzeitig zur Beerdigung am Nachmittag wieder gehen lassen. Offensichtlich hatte das FBI irgendwann am frühen Mittwoch Abend erfahren, daß ich noch am Leben war – und sie entschlossen sich, deine Mutter und Denise zu behalten, um mich zu erpressen. Entweder ich würde weiterhin tot bleiben, oder die beiden nie wiedersehen. Das eine oder das andere.«

»Aber warum war die Stellungnahme nicht in der Zeitung vom Donnerstag?«

Dr. Vreeland zuckte die Schultern. »Vermutlich Unsicherheit darüber, was sie meiner Strategie entgegensetzen sollten. Ich glaube, ich weiß, weshalb der Bericht dann in der Sonntagszeitung stand – sicherlich um mich so wissen zu lassen, daß gerade diese Geschichte, die ich konstruiert hatte, um die Menschheit von meinem Tod zu überzeugen, nun dazu diente, mich auch weiterhin tot zu belassen. Wieder: entweder oder.«

»Aber wie konnten sie das tun? Alles was du hättest machen müssen, wäre doch nur gewesen, laut bekannt zu geben, daß sie deine Familie gekidnappt …«

»Um mich als geschickt angeleiteten Betrüger der Feinde der Regierung bezeichnen zu können.«

»Aber durch Fingerabdrücke …«

»Vom FBI zur Verfügung gestellt?« fragte Dr. Vreeland. »Es ist doch so, in der Zeit, in der ich meine Identität hätte unter Beweis stellen können – angenommen ich hätte es geschafft, der Einzelhaft oder dem staatlichen Irrenhaus zu entgehen – würden meine wichtigsten Zeugen, meine nächsten Familienangehörigen, tot sein.«

»Nicht solange sie mich noch nicht hatten.«

»Aber bis vor ein paar Minuten war ich doch noch überzeugt, sie hätten dich. Obwohl ich nicht verstehe, woher sie das am Samstag wissen konnten.«

»Na ja, wie dem auch sei. Was hast du gemacht, nachdem du die Agenten in der Wohnung zurückgelassen hattest?«

»Gegen 20:00 Uhr bin ich zu Dave Albaughs Buchladen gefahren und habe ihn gebeten, weitere Nachforschungen für mich anzustellen, dann bin ich so gegen 21:00 Uhr hierhergekommen und habe mich einquartiert.«

»Ich habe es also geschafft, dich innerhalb eines Abends dreimal um ein Haar zu verfehlen«, sagte Elliot.

»Wie das?«

Elliot vervollständigte seinen Bericht vom Mittwochabend – seinen Anruf um 20:30 Uhr beim Rabelais Buchladen, seine vergeblichen Versuche, Phillip Gross zu erreichen und schließlich seine Einquartierung im Hilton, nicht mehr als 90 Minuten nach seinem Vater. »Am nächsten Morgen«, fuhr er fort, »bin ich zu Rabelais zurückgegangen, wo mir erzählt wurde, daß Al über Winter in den Süden gereist sei.«

»Dave hatte zeitweilige Anweisung hinterlassen, Fragen aus dem Weg zu gehen. Als du angerufen hast, hatte er sich bereits zurückgezogen, um erste Nachforschungen für mich anzustellen und hat die ganze Nacht durchgearbeitet. Wenn ich nur die geringste Ahnung gehabt hätte, daß du nicht auch beim FBI in Untersuchungshaft saßest, hätte ich dir im Rabelais und an Dutzend anderen Stellen eine Nachricht zukommen lassen können.«

»Was soll’s, das ändert jetzt auch nichts mehr«, sagte Elliot, »was machen wir …«

Er wurde von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. »Mein Besuch«, sagte sein Vater, während er sich erhob, um die Tür zu öffnen. »Wenn ihr beide leise seid, könnt ihr bleiben. Ich bin kurz davor, Cathryn und Denise frei zu bekommen.«

Dr. Vreeland öffnete die Tür und sagte, noch bevor sein Besucher eingetreten war: »Gute Neuigkeiten, wir können sofort weitere Maßnahmen einleiten. Sie müssen meinen Sohn nicht mehr finden. Er ist …«

»Keine Bewegung!«

Es war Lorimers Befehl. Sie hatte ihre schallgedämpfte 32 Kaliber Pistole aus ihrem Schulterhalfter gezogen und richtete die Waffe professionell mit beiden Händen auf den Neuankömmling. Der Besucher, ein aufrechter, einigermaßen gutaussehender Mann mittleren Alters im dunklen Anzug bemerkte sie erst dann und ein Ausdruck des Erstaunens trat auf sein Gesicht – wesentlich sanfter als man erwartet hätte. Dr. Vreeland stand ebenfalls wie erstarrt, als er die Waffe sah, sein Gesichtsausdruck deutete eher auf einen Nervenzusammenbruch.

Elliot blieb sitzen. Er war zunächst auch fassungslos gewesen, aber er verstand, was vor sich ging, als er in dem Besucher den Mann erkannte, den er vor kurzem im Fernsehen gesehen hatte. Es war der Chef des FBI, Lorimers Vater.

»Reinkommen!« befahl Lorimer beiden Männern. »Hände oben lassen.«

Der Leiter des FBI betrat den Raum, gefolgt von Dr. Vreeland, die Tür fiel zu. Lawrence Powers sah seine Tochter an und sagte: »Den linken Fuß weiter nach vorne, und entspann deinen rechten Arm ein wenig. Habe ich dir denn gar nichts beigebracht, Deanne?«

»Sie kennen sie, Powers?« fragte Dr. Vreeland.

»Nein, ich habe sie nie gekannt«, antwortete er, »obwohl sie meine einzige Tochter ist.« Powers drehte sich zu ihr um. »Wenn du deinen eigenen Vater umbringen willst, Deanne, dann tue es. Ansonsten laß Dr. Vreeland und mich bitte zum Geschäftlichen kommen.«

Lorimer hielt die Waffe weiterhin auf ihren Vater gerichtet. Elliot sagte eindringlich: »Tu’s nicht.«

Sie sah Elliot von der Seite an und antwortete ihm dann fest. »Das würdest du nicht sagen, wenn du wüßtest, wie tödlich er ist.«

»Laß es trotzdem.«

Lorimer warf Elliot wieder einen kurzen Blick zu. Dann gab sie ihm die Waffe.

Der FBI-Chef entspannte sich etwas. Elliot richtete die Pistole wieder auf ihn.

»Nicht so hastig«, sagte er mit schriller Stimme.

»Elliot«, sagte Dr. Vreeland, »sei kein Narr! Er ist hierher gekommen, um zu verhandeln.«

»Ich habe keine Wahl, Dad. Mr. Powers, bitte. Mit zwei Fingern und langsam. Legen Sie sie hier auf das Bett.«

Der FBI-Chef zuckte mit den Schultern und gehorchte; bald lag eine 45er und eine 32er, die gleiche, die auch Lorimer hatte, auf dem Doppelbett, und die Munition für beide Waffen befand sich sicher in Elliots Tasche. Als letzte Vorsichtsmaßnahme richtete Lorimer ihre Waffe noch einmal auf ihren Vater, während Elliot ihn durchsuchte. Er fand in einer Jackentasche ein glänzendes Metallgerät von der Größe eines Feuerzeugs, versehen mit einem kleinen Knopf. Elliot hielt es Lorimer hin. »Ein Mikrosender?«

»Ein Telefon-Code-Schlüssel«, antwortete ihm der FBI-Leiter, »zumindest für die, die damit umzugehen verstehen. Was auf dich nicht zutrifft.«

Elliot dachte darüber nach. Sicherlich würde die Regierung den Telefonservice für engste Angehörige nicht blockieren. Ein solches Gerät konnte möglicherweise die Blockade überwinden. »Das stimmt«, antwortete Elliot, während er das Gerät in die Tasche steckte.

Er winkte Powers, Lorimer und seinen Vater zum Kaffeetisch hinüber und bedeutete ihnen, sich auf die Stühle zu setzen. Dann nahm er selbst auf dem Bett Platz, mit Lorimers Waffe auf dem Schoß.

»Jetzt könnt ihr reden«, sagte er.

KAPITEL 20

Am Samstagmorgen, dem 24. Februar, hatte der FBI-Chef endlich die Bestätigung über die »natürliche Todesursache« im Fall Vreeland erhalten, die seiner New Yorker Abteilung drei Tage vorher zugegangen war. Er hätte es äußerst ratsam für Dr. Martin Vreeland und seine gesamte lästige Familie empfunden, wenn sie das Land verlassen hätten. (Er hatte die Bestätigung durch einen privaten Boten an das BÖI geschickt – ›besser zu spät als nie‹, dachte er sich) Am nächsten Morgen, nach zwanzig turbulenten Minuten im Oval Office, wußte Lawrence Powers, daß dem Präsident der Vereinigten Staaten nun Dr. Vreelands guter Wille weit mehr Wert war als sein eigener.

Nicht daß der Präsident darüber verärgert gewesen wäre, daß Powers die Akten der Staatsfeinde verloren hatte. Tatsächlich war der Präsident hoch zufrieden, daß Powers mit dem Verlust der Akte jede Möglichkeit genommen war, ihn in Bezug auf seine agoristische Vergangenheit zu erpressen. Denn den Feinden des Präsidenten wäre der Beweis nur allzu willkommen gewesen, daß sein erster Wahlkampf zum Kongreß mit Profiten aus Schwarzmarktgeschäften und dem Blut betrogener Geschäftsleute finanziert worden war. Nein, Dr. Vreeland war über Nacht vom zweitschlimmsten Feind des Präsidenten zu dessen schlimmsten geworden … und – welche Ironie – zu seiner einzigen Chance, politisch zu überleben. »Und zum Überleben ihres verdammten Heiligen Büros ebenfalls«, hatte der Präsident hinzugefügt.

Was dieses politische Zauberkunststück ermöglicht hatte, war ein Telefongespräch am Samstagabend zwischen dem Kanzler von EUCOMTO und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der Anruf des Kanzlers aus Paris um 11:00 Uhr (17:00 Uhr in Washington) informierte den Präsidenten, daß EUCOMTO 30 Minuten vorher in einer geschlossenen Notstandssitzung dafür gestimmt hatte, den amerikanischen Neuen Dollar nicht mehr zu akzeptieren. Der Kanzler hatte so höflich wie unter den gegebenen Umständen möglich erklärt, daß der Rat dieses für notwendig gehalten habe, um die europäischen Interessen vor den monetären Konsequenzen der politischen Instabilität Amerikas zu schützen.

»Instabilität?« hatte der Präsident gereizt gefragt. »Glauben Sie, Sie verhandeln mit irgendeiner Bananenrepublik?«

»Mr. Präsident«, hatte der Kanzler erwidert, »selbst Bananen verlieren nicht so schnell an Wert wie Ihre Währung in den letzten Monaten.«

Die Abstimmung war endgültig, sie würde am Montag um 10:00 Uhr bei Handelsbeginn von EUCOMTO in Paris bekannt gegeben werden.

Der Präsident hatte etwas vorsichtig angemerkt, daß der Anruf des Kanzlers sicher nicht aus reiner Höflichkeit erfolgt war.

Der Kanzler hatte entgegnet, daß er nicht die Absicht habe, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er wußte ebenso gut wie der Präsident, welche Wirkung eine solche Aktion auf die amerikanische Wirtschaft in ihrer derzeitigen Verfassung haben würde. Europa hatte fünfzehn Jahre zuvor eine fast identische Inflationskrise erlebt. Das bedeutete einen enormen Einsturz des Neuen Dollars, wilde Streiks, nicht nur in Industrie und Dienstleistungsbetrieben sondern auch im militärischen Bereich, sowie totales finanzielles Chaos und weit verbreiteten Aufruhr unter der Zivilbevölkerung, dem der Präsident ohne das Militär hinter sich nicht die Stirn bieten könnte.

Der Präsident hatte ihn gebeten fortzufahren.

Gut. Ein Konsortium der EUCOMTO-Banken war bereit, der Regierung der Vereinigten Staaten genug Gold zu leihen, um eine neue, harte Währung freizugeben. Zweifellos verfügte ein so großes Land wie die Vereinigten Staaten noch über genügend materiellen Reichtum und industrielle Ressourcen, um darauf zurückgreifen zu können. Was im Augenblick fehlte, war die stabile Atmosphäre, sowohl in politischer als auch in finanzieller Hinsicht, die die Rückzahlung eines solchen Darlehens garantierte. Um die Wahrheit zu sagen, nach den Debakeln der letzten beiden amerikanischen Währungen glaubten die europäischen Banken den Vereinigten Staaten weder, daß sie ihre Schulden nicht in Inflationswährung zurückzahlen würden, noch glaubten sie an die Bereitschaft der Amerikaner, ihrer Regierung jemals wieder zu vertrauen.

Was die Europäer verlangen würden, war eine Person, die als Kontrolleur der amerikanischen Regierung auf höchster Ebene agieren könnte, mit uneingeschränkter, unwiderruflicher Befugnis, gegenüber EUCOMTO für Amerikas finanzielle Verantwortlichkeiten zu bürgen. Wahrscheinlich war die Einrichtung eines Postens auf Kabinettsebene dafür notwendig, eine Kombination aus den Tätigkeitsbereichen des Finanzministers, des Wirtschaftsministers, des Vorsitzenden des Wirtschaftsrates, dem Chef der Zentralbank und einer Anzahl weniger bedeutender Behörden, ein Ministeramt für den ökonomischen Wiederaufbau sozusagen.

Diese Person müßte sowohl für EUCOMTO akzeptabel sein, als auch dem Anliegen des amerikanischen Volkes genügen – ein Mann, der in der Vergangenheit ein weitgehender Kritiker der Politik gewesen war, die das Dilemma der derzeitigen Regierung verursacht hatte. Der einzige Mensch, den die Delegierten von EUCOMTO dem Kanzler erlaubten vorzuschlagen, war Dr. Martin Vreeland.

Der Präsident hatte eine lange Pause gemacht, bevor er wagte, den Gedanken an Vreelands Tod auszusprechen. Der Kanzler erwiderte, wenn es das sei, was man dem Präsidenten berichtet habe, dann würden ihn seine eigenen Leute belügen. Der Kanzler hatte gesagt, daß er selbst während der letzten Wochen Verbindung mit Dr. Vreeland gehabt habe und daß letzterer absolut dazu bereit sei, über einen solchen Vorschlag mit dem Präsidenten zu diskutieren; in dem Moment, in dem der FBI ihm seine Familie unverletzt zurückbrächte. EUCOMTO war bereit, als Vermittler bei weiteren Vorverhandlungen zu dienen.

Der Präsident hatte gesagt, daß er den Kanzler am nächsten Nachmittag Washingtoner Zeit zurückrufen würde. Nachdem er eingehängt hatte, wies er seine Sekretärin an, als allererstes am nächsten Morgen Lawrence Powers in sein Büro zu holen.

Powers hatte der Tonfall, in dem der Präsident mit ihm redete, nicht gefallen. Ihm war aber gleichzeitig klar, daß die Regierung ihn nicht fallenlassen konnte, solange sie auf Martin Vreelands Wohlwollen angewiesen war und dieses Wohlwollen davon abhing, Vreelands Frau und Tochter (und seinen Sohn, falls er ihn jemals finden sollte) sicher aus Utopia hinauszubekommen.

Darauf spekulierte er.

Normalerweise war es unvorstellbar, daß zwei Siebzehnjährige in irgendeinen Teil dieser Informationen eingeweiht würden. Wenn aber einer dieser Siebzehnjährigen eine Waffe auf eine Art und Weise handhabte, die vermuten ließ, daß er damit umgehen konnte, wurde das Unvorstellbare denkbar.

Elliot erfuhr während dieser Diskussion, daß sein Vater und die Administration die Verhandlungsgrundlagen bereits in etwa festgelegt hatten. Alles was blieb, war, die Einzelheiten zu besprechen.

Punkt 1: Die Regierung war bereit, Cathryn und Denise Vreeland an Dr. Vreeland freizugeben. Ein Hauptstreitpunkt war gerade durch Elliots Erscheinen aus dem Weg geräumt worden. Dr. Vreeland hatte dem FBI-Chef nicht geglaubt, als dieser behauptete, Elliot nicht in Gewahrsam genommen zu haben.

Punkt 2: Dr. Vreeland hatte zugestimmt, weder die bewußte Liste jemals zu erwähnen, noch die Gefangennahme seiner Frau und seiner Tochter oder den wahren Grund für die Vorspiegelung seines Todes. Statt dessen würde sein »Tod« in einer gemeinsamen Stellungnahme als ein zwischen Dr. Vreeland und dem FBI geschmiedeter Plan dargestellt werden, der die Ermordung Vreelands durch den Revolutionären Agoristischen Kader verhindern sollte, während er daran arbeitete, die Wirtschaft zu retten. Es würde angeführt werden, daß der Kader, nachdem er von Dr. Vreelands reformistischen Ideen erfahren hatte, geplant habe, diesen zu ermorden, um seine konterrevolutionären Vorhaben zu unterbinden.

Punkt 3: Sobald Cathryn und Denise Vreeland frei wären, würde Dr. Vreeland den Chef des FBI ins Weiße Haus begleiten. Genau nach dem vereinbarten Plan würde Dr. Vreeland mit dem Präsidenten unmittelbar danach vor dem versammelten Kongreß auftreten, um die vorläufige Wiederherstellung einer harten Währung sowie einer freien amerikanischen Wirtschaft bekanntzugeben. Außerdem würden sie die sofortige Einführung eines Gesetzes zur Annahme des EUCOMTO-Darlehens und Dr. Vreelands Ernennung auf den neuen Kabinettsposten fordern.

Dieser Plan beinhaltete alles, was Dr. Vreeland und die »Bürger für eine freie Gesellschaft« die ganze Zeit verlangt hatten und war obendrein für alle Parteien politisch annehmbar, da die grundlegenden amerikanischen Interessen in Gefahr waren.

Für alle Parteien, ausgenommen natürlich diese verdammten Revolutionäre des Kaders. Für Lawrence Powers waren sie schlicht und einfach Kriminelle, Terroristen und Gangster, die es »richtig zu behandeln« galt. Für Dr. Vreeland waren die Mitglieder des Kaders keineswegs Kriminelle oder Terroristen, sondern einfach Anarchisten, die auf die Revolution gesetzt hatten und verlieren würden. Unter anderen Gegebenheiten – hätten sie sich für eine minimale anstatt für überhaupt keine Regierung eingesetzt – hätte er sogar mit ihnen zusammenarbeiten können, sagte Dr. Vreeland, so, wie er mit Al zusammengearbeitet hatte.

Lawrence Powers griff das auf: »Dr. Vreeland, haben Sie etwas mit dem Kader zu tun gehabt?«

»Nur mit einem ihrer Verbündeten – ihrer Kunden – , der mir anbot, dem Kader beizutreten; eine Person, die für Sie auf keinen Fall von Bedeutung ist.«

Der FBI-Chef zuckte die Achseln.

Elliot fragte seinen Vater: »Interessiert es dich nicht, was mit dem Kader geschieht?«

»Der Verlierer beugt sich immer dem Recht des Gewinners«, erklärte Dr. Vreeland, »das ist traurigerweise ein historisches Gesetz. Das einzige, worauf der Kader hoffen kann, ist die Gnade des Königs.«

»Nun, mein Sohn«, sagte Lawrence Powers zu Elliot, »ich bin bereit, alles zu vergessen, was passiert ist, wenn du diese Waffe weglegst und deinen Vater und mich fortfahren läßt, damit deine Familie frei kommt. Deanne, du hast etwas genommen, was mir gehört. Ich brauche es zurück. Wir haben eine Menge zu besprechen, wenn wir nach Hause kommen.«

Lorimer zündete eine Zigarette an. Elliot konnte an Powers Gesichtsausdruck sehen, daß das ein Akt des Widerstands war. »Glaubst du wirklich, ich gehe mit dir zurück?«

Powers blieb ruhig. »Deanne, hör zu, du hast ungesetzlich gehandelt. Du hast wertvolles Eigentum der Regierung gestohlen. Nicht einmal ich kann die Kette der Ereignisse stoppen, die in Gang kommt, wenn du es nicht zurückgibst. Aber wenn du mit mir nach Hause kommst und es zurückgibst, werde ich dafür sorgen, daß nichts weiter passiert.«

Lorimer stand auf. »Nur über deine Leiche.«

Lawrence Powers zuckte zusammen. Die Worte seiner Tochter machten die Endgültigkeit ihrer Entscheidung klarer als selbst ihre Drohung mit der Waffe.

Elliot erhob sich ebenfalls. »Dad, wir beide gehen.«

»Du kannst sie nicht einfach hier zurück lassen«, sagte Lorimer zu Elliot. »Mein Vater wird uns im Nu sowohl die New Yorker Polizei als auch seine Agenten auf den Hals hetzen.«

»Nicht ohne sein Passe-partout«, antwortete Elliot und hielt den Telefon-Schlüssel hoch, »und nicht ohne seine Munition.«

»Hast du nicht etwas vergessen, Elliot?« fragte Dr. Vreeland.

Elliot schaute zu seinem Vater hinüber.

»Du hast mir dein Wort gegeben, meinen Anweisungen zu folgen.«

Elliot tat einen tiefen Atemzug. »Nagele mich jetzt nicht darauf fest. Bitte.«

Dr. Vreeland sah seine Sohn einen Augenblick aufmerksam an. »Na gut. Wenn du gehen mußt, werde ich dich nicht aufhalten.«

»Aber Vreeland«, setzte Powers an, »bestimmt …«

»Und Sie werden ihn auch nicht aufhalten«, fuhr Dr. Vreeland fort, »nicht, wenn Sie auf meine Mitarbeit Wert legen.«

Lawrence Powers ließ den Kopf sinken. Dann, einen Moment später, schaute er wieder auf. »Ich werde sie nicht aufhalten.«

Plötzlich erinnerte Elliot sich. Er erhaschte den Blick seines Vaters und zog schnell seinen Gürtel fester. Powers, der zu seiner Tochter sah, merkte es nicht.

Er verstand auch nicht, warum Dr. Vreeland, bevor Elliot und Lorimer das Hotelzimmer verließen, zu seinem Sohn sagte:

»Er gehört jetzt dir.«

Obwohl im Schutz der einfallenden Dämmerung, wollten Elliot und Lorimer möglichst rasch Abstand zwischen sich und dem Hotelzimmer gewinnen und machten sich schnellen Fußes zu Howard Johnson’s Motor Lodge an der Eighth Avenue auf. Ein handgeschriebenes Schild an der Telefonzelle besagte, daß der Apparat vorübergehend außer Betrieb sei. Elliot ging trotzdem in die Kabine. Lorimer blieb draußen stehen und verdeckte den Blick für jeden, der sich über die Benutzung eines toten Telefons wundern könnte. Versuchsweise warf Elliot einen Vendy ein, wartete den Piepton ab und gab die Nummer des Kaders ein. Ein Besetztzeichen, wie erwartet.

Er nahm den Vendy heraus, warf ihn erneut ein und vernahm wieder einen Piepton. Dann wählte er dieselbe Nummer wie zuvor. Diesmal jedoch hielt er den Schlüssel an die Sprechmuschel des Hörers und drückte, direkt nachdem er die Nummer gewählt hatte, den roten Knopf. Der Schlüssel gab eine Reihe von deutlich vernehmbaren Multifrequenz-Tönen von sich. Das Ergebnis war jedoch letztendlich dasselbe: ein weiteres Besetztzeichen.

»Versuch es vor der Nummer«, schlug Lorimer vor.

Vendy, Piepton, Schlüssel-Töne, Nummer: Es funktionierte, es läutete. Die Relaisstation des Kaders meldete sich wie früher. Das Band bat, eine Nachricht zu hinterlassen. Elliot sagte: »Dame schlägt Bauern, Schachmatt« und gab dann die Nummer der Telefonzelle an. »Wenn ich innerhalb von zwei Minuten keinen Rückruf erhalte«, fuhr Elliot fort, »werde ich später eine andere Nachricht hinterlassen.« Er hängte ein. »Nun kriegen wir heraus, wie clever unsere Freunde tatsächlich sind.«

Sie waren reichlich clever. Elliot brach sich einen Fingernagel ab, als er beim allerersten Klingelton abhob.

Eine vertraute Stimme sagte: »Joseph Rabinowitz?«

»Genau«, sagte Elliot, »ist da …?«

»Halt den Mund«, fuhr Chin dazwischen, »du erkennst ja wohl meine Stimme, oder? Antworte nur mit ›ja‹ oder ›nein‹.«

»Ja.«

»Gut, das spart Zeit. Warum bist du nicht wie geplant vorbeigekommen?«

»Vorbeigekommen? Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Hast du unsere Nachricht nicht erhalten? Wir haben sie heute Nachmittag in eurer Unterkunft hinterlassen.«

»Lor und ich sind seit dem Mittag nicht mehr dort gewesen.«

»Okay«, sagte Chin. »Hör gut zu. Wir haben nicht viel Zeit. Ich weiß nicht, wie du an die Telefonverbindung gekommen bist – nein, erzähl es mir nicht jetzt – aber du hast dich in große Gefahr gebracht. Alle genehmigten Anrufe laufen über das staatliche Telekommunikationssystem. Bleib jetzt genau da, wo du bist. Keine Angst, wir wissen, wo das ist … wir holen dich dort ab.«

»Woher weiß ich …?«

»Das übliche Verfahren. Mach dir keine Gedanken.«

Chin hängte ein.

Keine fünf Minuten später machte ein riesiger Schlägertyp in Nietenjacke Elliot und Lorimer in der Nähe des Telefons aus, sandte den Ring Code in ihre Richtung, auf den Elliot antwortete, woraufhin der Mann näherkam. »Ich hab ein Taxi. Macht schon, los, beeilt euch.«

Die beiden nahmen ihre Sachen und folgten dem Mann – er sagte, sie sollten ihn Moose nennen – durch die Eingangshalle und dann draußen zu einem übel zugerichteten Wrack von Auto. Der Motor lief, die Warnlichter waren eingeschaltet. Elliot warf einen Blick darauf und grummelte: »Was für eine Schrottkarre!«

»Sie sieht vielleicht nach nicht viel aus«, sagte Moose und machte die Türen auf, »aber sie hat einen Eine-Million-Dollar Motor. Ich hab keine Zeit für blödes Gequatsche, Mann, also, bitte, rein in die Scheißkarre.«

Moose war auf den Vordersitz gerutscht, Lorimer war Elliot auf den Rücksitz gefolgt, als ein Paar Scheinwerfer hinter ihnen aufleuchteten. Lorimer bemerkte sie zuerst, als die Fahrertür sich öffnete und die Innenbeleuchtung vier Personen in einer schwarze Limousine erkennen ließ. Ein Mann kletterte heraus. »FBI«, wies Lorimer Moose ruhig an, »ich erkenne den, der gerade aussteigt, wieder. Er ist ein SAD – Spezialagent im Dienst, meine ich – vom New Yorker Außendienst.«

Elliot schaute nach hinten in die FBI-Limousine und wurde blaß. »Bringen Sie uns hier weg, schnell.«

Moose schaltete die Scheinwerfer ein und wendete das Auto langsam in den leichten Verkehr nach Uptown. Plötzlich hechtete der SAD zurück in seinen Wagen. Die Limousine fuhr in die Eighth Avenue, direkt hinter ihnen her.

»Kann sein, daß sie sich ihrer Sache noch nicht sicher sind«, sagte Moose.

»Sie sind sich sicher«, sagte Elliot, »ich weiß noch nicht alles, aber sie sicherlich. Sie hat mich gesehen.«

»Wieso, wer …?«

»Sehen Sie die Frau am Steuer? Ich weiß nicht, wie sie wirklich heißt, aber bis letzte Woche war sie mir als Mrs. Tobias bekannt. Sie war meine Lehrerin für Bürgerkunde.«

Moose schaute in den Rückspiegel, erst nach der Limousine, dann zu Elliot. Dann nahm er das Mikrofon aus seiner Halterung und hielt es herunter. »Tau an Omicron. Hast du mich?«

»Auf Sichtempfang«, antwortete der Sender, »wir verfolgen die Limousine hinter euch.«

»Du hast es kapiert, Omicron. Bestimmt Staatliche. Gib mir an der 54sten Deckung. Melden.«

»Verstanden. Zündung an der 54sten. Mach dich bereit.«

Moose hängte das Mikrophon ein und sagte zu seinen Mitfahrern: »Duckt euch, wenn Ihr das Radio piepsen hört, aber nicht vorher.«

Das Auto war an der 53sten Straße vorbei.

»Was wird gezündet?« fragte Lorimer.

Moose antwortete nicht, das Auto näherte sich der 54sten.

Plötzlich fuhr ein grüner Streifenwagen neben die FBI-Limousine. Mooses Radio piepste. Elliot und Lorimer beugten sich mit den Köpfen hinunter und konnten gerade noch Eighth Avenue in einem hellen Licht aufblitzen sehen. Moose trat auf der Stelle das Gaspedal bis zum Boden durch und raste vor der FBI-Limousine mit ihrer zeitweilig blinden angeblichen Lehrerin davon, die versuchte, auszuscheren, ohne einen Unfall zu verursachen. Der Streifenwagen fuhr in normaler Geschwindigkeit weiter die Fifth Avenue hoch. Moose bog nach rechts in die 55ste Straße.

Nach ein paar Blocks verlangsamte Moose das Tempo ein wenig. »Magnesium«, gab er Lorimer endlich zur Antwort.

KAPITEL 21

Auld Lang Syne roch nach nassem Gips und verbranntem Birkenholz.

Nachdem Moose sie am West Side Heliport verabschiedet hatte, trafen Elliot und Lorimer auf den Piloten eines Privathubschraubers mit Firmenemblem, der Schirmmütze und Sonnenbrille trug. Er verband ihnen die Augen so fest mit Tüchern, als wären sie ein Keuschheitsgürtel, durchsuchte sie auf Wanzen und flog eine knappe Stunde lang an einen unbekannten Ort. Elliot, der das Fliegen über alles liebte und noch nie in einem Helikopter gesessen hatte, war todunglücklich. Ein Landeanflug, der einem den Magen hob, das Gefühl von festem Boden unter den Füßen, als die Rotorblätter zum Stillstand kamen, und ein kurzer, blinder Fußmarsch durch eisigen Wind, während man sie vorwärts schob, und sie befanden sich wieder im Inneren.

Der Geruch von Gips und Rauch war ihre erste Wahrnehmung vom agoristischen Untergrund. Später lernten sie das Geräusch eines prasselnden Holzfeuers und dessen Wärme schätzen. Als ihre Augenbinden schließlich abgenommen wurden, befanden sich Elliot und Lorimer in einem völlig leeren Terminal, nur Chins lächelndes Gesicht vor sich.

Während sie ihre eiskalten Ohren und Finger an der Feuerstelle wärmten, erklärte ihnen Chin, daß, obwohl Auld Lang Syne als Ersatz für Aurora gebaut worden war, dessen Räumung im Fall der Fälle für Juni geplant war, die Razzia die Dinge ein wenig beschleunigt habe. Nichts Ernstes, keine Frage, aber verdammt unangenehm. Das Personal von Aurora war eingezogen und einige letzte Installationen wurden zur Zeit noch durchgeführt. Aber die Einrichtung war noch nicht einsatzbereit. Allerdings, wie Chin rätselhaft hinzufügte, würde es möglicherweise überhaupt nicht nötig sein, Auld Lang Syne jemals in Betrieb zu nehmen.

Chin fuhr fort, Elliot und Lorimer einen ersten Überblick über die Aktivitäten des Kaders zu vermitteln. Der Revolutionäre Agoristische Kader, berichtete er, bestehe aus drei Hauptaktionseinheiten.

TacStrike war die agoristische Guerilla, ehemalige Eliteveteranen hervorgegangen aus Bürgerkriegen, Revolutionen und »nationalen Befreiungskämpfen« überall auf der Welt. Man konnte sie eigentlich mit keiner anderen Art von Streitkräften vergleichen. Der Kader kämpfte niemals offen, verbreitete nie seine Siege und hatte keine Fernsehsendungen, die seine Heldentaten rühmten. Wenn seine Anhänger starben, starben sie in Anonymität. Sowohl die Regierung der Vereinigten Staaten, als auch der Kader waren daran interessiert, vor der Öffentlichkeit möglichst verborgen zu halten, wie stark der Kader war und welchen Aktionskreis er hatte.

IntellSec war der agoristische Einstieg in die Geheimdienstaktivitäten, allerdings ohne die Beschränkungen, die das FBI angeblich auf innenpolitische Angelegenheiten begrenzten, die DIA auf militärische und die CIA auf Auslandsfragen. Chin gab zu, daß seine erste Beschäftigung im Kader bei IntellSec in Hong Kong gewesen war.

TransComm, sowohl die älteste als auch die größte Abteilung, war verantwortlich für die umfassende Versorgung der Mitglieder mit Transportmitteln, Kurieren und abhörsicheren Kommunikationsmitteln.

Das Netzwerk der agoristischen Untergrundbewegung wurde von TransComm organisiert.

Die Sicherheitseinrichtungen für normale Geschäftsräume waren noch nicht installiert.

Es gab lediglich ein paar spezielle Kader-Wachleute, bewaffnet mit M-21ern. Nur wenige Schritte entfernt von dem roh zusammengezimmerten Sicherheitsraum, in den Elliot und Lorimer von Chin geführt wurden, vernahm man Hammerschläge. Der Diensthabende war Kommandant Welch.

Lorimer trat vor. »Ich muß mich bei Ihnen für Samstag entschuldigen«, sagte sie zu Welch, »ich hatte kein Recht, die Waffe gegen Sie zu richten und ich war im Irrtum, wenn ich Sie einen Etatisten nannte.«

Elliot blickte völlig überrascht zu ihr hinüber.

Welch schien peinlich berührt. »Äh … Sie müssen das nicht tun. Ich denke, ich habe es kommen sehen. Es geht mir einfach nicht in den Schädel, daß ich kein Chicago Cop mehr bin.«

Chin fragte Lorimer: »Du beklagst dich nun nicht mehr über die Art und Weise, wie der Kommandant dich behandelt hat?«

»Naja«, sagte sie, »ich mag es immer noch nicht, wenn man mir sagt, wohin ich gehen darf und mit wem. Aber ich nehme an, ich habe dem zugestimmt.«

Er schaute zu Elliot. »Keine Beschwerde.«

»Sehr gut«, wandte sich Chin an den Kommandanten. »Mr. Welch, ich werde meinen Bericht zurückziehen und empfehlen, Ihnen Ihre Strafe wieder auszuzahlen. Aber lassen Sie uns um Himmels Willen einen solchen Vorfall nicht noch einmal erleben. Es gibt ein altes, nicht mehr gebräuchliches Sprichwort: ›Der Kunde hat immer Recht‹. Die Öffentlichkeitsarbeit verlangt, daß wir uns danach richten, auch wenn es noch so erbärmlicher Unsinn ist.«

»Ich verstehe. Und vielen Dank.«

»Schon gut. Vergessen wir die ganze Angelegenheit.«

Chin nahm eine Fotoplakette hervor und reichte sie Welch, der sie in eine Tisch-Kontrollstation einführte und zweimal auf einen Knopf drückte. Eine geheime Wandplatte glitt zur Seite und gab den Blick auf einen Korridor frei. Nachdem er seine Chipkarte zurückverlangt hatte, führte Chin Elliot und Lorimer einige hundert Meter zu einer Stahltür. Er steckte seinen Chip ein, woraufhin sie sich leise gleitend öffnete.

Jenseits der Tür lag ein noch unmöbliertes Vorzimmer vor einer Reihe von Büroräumen. Auf dem Fußboden kniete Jack Guerdon und verlegte einen Teppichboden.

Chin räusperte sich. Guerdon sah auf und bemerkte ihre Anwesenheit und Chins unwilligen Gesichtsausdruck. Guerdon rieb sich den Staub von den Händen und stand auf. »Nun, Major Chin, Sie wissen, das ist die einzige Entspannung, die ich habe.«

»Ich habe Sie nicht kritisiert, Sir«, erwiderte Chin, »aber es gibt andere, die …«

Guerdon runzelte leicht die Stirn.

Chin zuckte resignierend die Schultern. »Vielleicht wäre es an der Zeit, sich ordnungsgemäß vorzustellen«, schlug er vor. Guerdon nickte. »Mr. Vreeland, Ms. Powers, darf ich vorstellen, Jack Guerdon, Oberster Kommandant der Streitkräfte des Kaders.«

Zum zweiten Mal seit dem Zusammentreffen mit Guerdon blieb Elliot der Mund offen vor Erstaunen. »Äh … ich dachte, Sie seien Inhaber einer Baufirma, Sir.«

Guerdon grinste: »Bin ich auch. Der Generalsjob ist nur Teilzeit.«

»Der General ist viel zu bescheiden«, sagte Chin. »Erster Einsatz in Vietnam, 1965. Trainierte die Green Berets, drei weitere Einsätze in Indochina, von wo er zuletzt als Major ehrenhalber zurückkehrte, später vereidigt. Nach dem Krieg in das Ingenieur Corps versetzt und als Oberst verabschiedet. Verleihung des Purple Heart mit Bronzerand, des Bronzenen Sterns, des Silbernen Sterns, des Ordens der Ehrenlegion …«

»Das reicht jetzt, Major«, sagte Guerdon mit leiser Stimme.

Chin erwiderte verlegen: »Verzeihung, Sir.«

Lorimer schmunzelte. »Ich hoffe, Sie verstehen das nicht falsch, aber werden Sie von Ihren Männern manchmal ›Black Jack‹ genannt?«

Guerdon lachte: »Von einigen zweifellos … aber im ursprünglichen Sinne des Namens, den man Pershing gegeben hatte. Major, wie werde ich denn neuerdings genannt?«

»Sir?«

»Nicht die gewöhnliche Version, mein Sohn.«

Chin feixte. »Naja, ich habe gehört, wie einer der Männer von Ihnen als ›Einäugiger Jack‹ sprach, Sir.«

Jack Guerdon grummelte: »Ich muß zu nachgiebig mit ihnen gewesen sein.«

Die vier gingen in ein Büro im Inneren, das Guerdon in Beschlag genommen hatte – das einzige in dem Komplex mit voller Einrichtung – und setzten sich bequem um einen Konferenztisch, an dem jeder Platz mit einer Computeranlage ausgerüstet war. Bevor sie zum geschäftlichen Teil kamen, versorgte Chin sie mit zu heißem, zu bitterem Kaffee aus einem der beim Militär üblichen Kaffeekessel.

Chin zog Elliots Telefon-Code-Schlüssel aus der Tasche (er war bei der Durchsuchung vor dem Flug vom Piloten konfisziert worden) und reichte ihn Guerdon, der ihn oberflächlich prüfte und dann auf den Tisch legte. Elliot rührte Milchpulver in seinen Kaffee und sah die beiden Kaderoffiziere erwartungsvoll an.

Guerdon fragte: »Würdet ihr uns bitte erzählen, wo ihr den herhabt?«

»Natürlich«, sagte Elliot und wies mit dem Daumen zu Lorimer, »von ihrem Vater.«

Guerdon sah zu Lorimer. Sie nickte.

»Sie brauchen aber keine Angst zu haben«, fuhr Elliot fort, »er hat ihn mir nicht gerade aus freien Stücken gegeben.«

»Das hätte ich auch nicht erwartet«, sagte Guerdon, »wie kam es dazu?«

»Es kam dazu, als Lor … Deanne, meine ich …«

»Ich bevorzuge Lor«, sagte Lorimer.

»… als Lor ihren Vater überrumpelte, als er das Hotelzimmer meines Vaters betrat.«

Guerdon zog die Augenbrauen hoch.

Elliot nickte. »Es wird ziemlich kompliziert. Aber Lor und ich haben uns vorhin geeinigt, daß wir Ihnen erzählen sollten, daß mein Vater in einigen Tagen aus seinem Grab auferstehen wird. Dieses Mal als Freund der Regierung. Die Regierung hat davon eine goldgedeckte Währung in Form eines von EUCOMTO freundlicherweise zur Verfügung gestellten Darlehens … mit meinem Vater als Mitunterzeichner. Mein Vater hat davon des Versprechen, meine Mutter und meine Schwester wiederzubekommen und einen Job als Wirtschaftszar. Was Sie davon haben, ist das Schafott.«

»Als du uns anriefst«, fragte Chin, » hast du das getan, um uns zu informieren, wo sie sind, damit wir eingreifen konnten?«

Elliot schüttelte den Kopf. »Nicht daß es eine Rolle spielen würde, aber wahrscheinlich sind sie jetzt schon lange fort.«

»Aber weswegen hast du uns dann angerufen?«

»Ich könnte Sie dasselbe fragen.«

»Laßt uns nicht rumdiskutieren«, sagte Guerdon, »ich nehme an, wir wollen beide das gleiche.«

Er wandte sich an Chin: »Major?«

Chin gab kurz eine Reihe von Code-Nummern in seinen Computer ein und ein Dokument mit FBI-Aufschrift erschien auf jedem der Bildschirme. »Das war auf der 32sten Rolle der Mikrofilme, die du uns gegeben hast«, sagte er zu Lorimer. »Seht es euch beide gründlich an.«

Das Schriftstück mit der Überschrift ›Weitere Untersuchungen‹ zeigte Hunderte von Namen, sauber ausgedruckt, in alphabetischer Reihenfolge. Elliot kannte viele davon, es waren die Namen von Schülern und Angestellten der Ansonia-Vorbereitungsschule und ihren Familienangehörigen.

Weiter unten auf dem Monitor befand sich eine etwas kürzere Liste mit der Bezeichnung ›Zur sofortigen Erledigung‹. Unter den Namen machte Elliot seinen eigenen aus und den seiner Eltern und seiner Schwester. Auch Phillip Gross und sein Onkel waren aufgeführt sowie Benjamin Harper und Dr. Maureen Fischer, die Schulleiterin von Ansonia.

»Das ist die Liste der Leute«, erklärte Guerdon, »die letztes Wochenende unbemerkt festgenommen und in eine Haftanstalt des FBI mit dem Decknamen ›Utopia‹ gebracht werden sollten. Major?«

Chin gab eine neue Folge von Ziffern ein. Ein anderes Dokument, datiert vom 24. Februar, wurde erstellt. »Dieses hier konnte uns Ms. Powers natürlich nicht beschaffen. Wir erhielten es auf normalem Wege.«

Es war eine streng geheime FBI-Depesche an Außendienststellen mit der Anweisung, Deanne Powers ohne Haftbefehl sofort festzunehmen und zur Befragung nach Utopia zu bringen. Die Depesche war unterschrieben von Lawrence Powers.

Guerdon blickte Lorimer mitfühlend an. Sie zuckte die Achseln und antwortete: »Das überrascht mich kein bißchen.«

»Was ist mit denen auf der ersten Liste passiert?« fragte Elliot.

»Wir konnten viele warnen und sie sicher untertauchen lassen.«

»Auch Phillip Gross und seinen Onkel?«

Guerdon schüttelte traurig den Kopf.

»Sind die beiden in Utopia?«

»Phillip sitzt dort gefangen, Morris Gross ist tot.«

So hart es war, daß sich seine zweitschlimmsten Ängste hinsichtlich Phillip bewahrheitet hatten, so tief erschüttert war Elliot über die Bestätigung seiner schlimmsten Befürchtungen, was den dynamischen, lebensfrohen Mann betraf, mit dem ihn tiefe Freundschaft verband. »Haben sie ihn umgebracht?«

»Er hat sich selbst umgebracht.« Guerdon machte eine Pause und fügte dann hinzu: »Der Vorgesetzte meiner TacStrike-Mitarbeiter wußte einfach zu viel, als daß er es selbst zugelassen hätte, in ihre Gewalt zu gelangen.«

»Ich verstehe.« Elliot starrte einige Sekunden in seinen Kaffee. Dann schaute er auf zu Chin. »Warum hat man uns dann hierher gebracht? Das letzte, was Sie mir erzählt haben, war, daß es Ihren Leuten nicht möglich sei, einen Sturm auf dieses Gefängnis durchzuführen.«

»›Befreiung zur Zeit nicht möglich‹ lautete, glaube ich, der Satz«, sagte Chin. »Ich selber habe das letzten Samstag programmiert. Aber das war, bevor wir Gelegenheit hatten, den Mikrofilm, den Lorimer uns gebracht hat, vollständig zu inspizieren.«

Chin tippte noch weitere Code-Nummern ein. Eine ganze Sequenz von Dokumenten flog über ihre Monitore: Etagenpläne, schriftliche Erläuterungen, schematische Diagramme. »Das war auf der 43sten FBI Mikrofilmrolle«, fuhr Chin fort. »Die gesamte Anlage, technische Daten, Codes und Arbeitsmethoden der FBI-Haftanstalt.«

»Wir sind jetzt bereit, Utopia zu überfallen«, sagte Guerdon, »und wir brauchen dabei die Hilfe von euch beiden.«

Elliot war etwas sprachlos. Obwohl er sich in Gedanken ausgemalt hatte, wie er seine Familie heldenhaft aus dem Gefängnis rettete, so hatte er doch niemals ernsthaft damit gerechnet.

Lorimer wurde spielend mit der Neuigkeit fertig.

»Wir?« fragte Elliot. »Sicherlich, ich würde das unheimlich gerne versuchen, aber wir sind beide völlig neu, Sie müssen besser ausgebildete …«

»Wenn es sich um eine rein militärische Operation handeln würde«, unterbrach Guerdon, »hätten wir schon vor Monaten gegen die Haftanstalt vorrücken können. Aber genau gegen solch einen gewaltsamen Angriff ist Utopia bestens abgesichert. Wir brauchen zwei Leute, deren Namen auf der Arrestliste stehen, die aber noch nicht gefangengenommen oder tot sind, die mit uns verbündet sind, die keine Träger von Geheimnissen sind, deren Preisgabe wir nicht riskieren können und die einem Feuergefecht wahrscheinlich standhalten.«

»Das hört sich alles großartig an«, sagte Elliot, »bis auf den letzten Teil.«

»Mach dich nicht schlechter als du bist, mein Sohn. Eure psychometrischen Testergebnisse waren hervorragend. Helft ihr uns oder nicht?«

Ellilot dachte darüber nach. Seine Mutter und Schwester könnten ohnehin befreit werden – obwohl er Powers nicht im geringsten traute – doch der Hauptgrund für seinen Anruf beim Kader war – Phillip war da drin. Phillip, der, als er ihn gebeten hatte, ihm zu helfen, einfach gesagt hatte: »Natürlich. Was kann ich für dich tun?«

Er hatte sich in Sekundenschnelle entschieden. »Klar«, antwortete er leichthin.

»Ms. Powers?«

»Wann starten wir?«

Elliot lächelte ihr zu. Ein ewiges ja.

»Eßt schnell einen Happen«, sagte Guerdon, »wir werden innerhalb einer Stunde hier raus sein.«

Als die beiden im Vorraum einen Moment alleine waren, während Chin und Guerdon sich noch berieten, fragte Elliot Lorimer, warum sie sich freiwillig zur Verfügung gestellt habe.

»Drei Gründe«, erklärte sie. »Erstens: Wenn ich mich für eine Laufbahn beim Kader entscheide, wird sich das bei meiner Bewerbung gut machen. Zweitens: Mir fällt nichts ein, was meinen Vater noch wütender machen würde. Und drittens: Nebenbei will ich sicher gehen, daß dir nicht der Hintern weggeschossen wird.«

Der Laden war noch nicht ganz fertiggestellt, aber die Küche war funktionsbereit. Obwohl sich keine anderen Verbündeten außer Elliot und Lorimer in Auld Lang Syne aufhielten, hatten die Arbeiter und Kadermitglieder den Speiseraum fast gefüllt. Aber im Augenblick waren sie nicht nur wegen des Essens dort.

Fast alle, annähernd hundert Leute – einige mit Essen, einige ohne – saßen und schauten zu der Zeit auf sechs provisorische Wandbildschirme.

Der erste Bildschirm zeigte eine Computer-Landkarte der Vereinigten Staaten, übersät mit beinahe 10.000 roten Leuchtpunkten, die sich um stark bevölkerte Gebiete gruppierten, aber auch fast jede menschliche Behausung im ganzen Land erfaßten. Jeder Punkt bezeichnete eine Radio- oder Fernsehstation.

Die anderen fünf Bildschirme zeigten jede das Programm einer der größeren amerikanischen Sendeanstalten – die normalen (zensierten) Sendungen während der Haupteinschaltzeit wurden ausgestrahlt. Die größte Beachtung fand, eingebettet zwischen einer dramatischen Serie und einer Seifenoper, ›Wir, die Jury‹, ein Programm, das Elemente aus einer realen Gerichtsverhandlung, einer Spielshow und einer realen Hinrichtung kombinierte (die Gerüchte, daß Produzenten Sträflinge unter Vertrag genommen hätten, die bereit gewesen wären, sich exekutieren zu lassen, waren nahezu vollständig falsch).

Der Laden summte vor flüsternden Stimmen und einem Gefühl der Erwartung, als Chin Elliot und Lorimer hereinführte.

»Was ist hier los?« fragte Lorimer Chin.

»Du wirst es in ein paar Minuten sehen.«

Die drei waren fast am Ende der Essensschlange angelangt, als großer Jubel im Saal ausbrach. Dutzende von Lichtern auf der elektronischen Landkarte waren plötzlich grün geworden, die wechselnden Lichter stießen sich wie eine Reihe von Dominosteinen gegenseitig an, die ganze Landkarte schien sich durch einen frei über das Land fegenden Hurrikan zu verändern. Innerhalb einer Minute war nicht mehr ein einziges rotes Licht auf der Karte zu sehen.

Ein zweites Jubelgeschrei erklang, als einer der Bildschirme sein Programm – ein Symphoniekonzert – unterbrach und ein Schriftzug sichtbar wurde: MBS SONDERNACHRICHTEN.

»Nachrichten?« dachte Elliot. Aber Nachrichten waren nicht erlaubt.

Ein Mann in der Nähe des Bildschirms drehte den Ton lauter. »… unterbrechen unser vorgesehenes Programm, um Ihnen Sondermeldungen zu präsentieren. Aus unserem Mutual News Hauptquartier berichtet für Sie Phyllis Breskin.«

Eine nicht mehr ganz junge, aber noch gut aussehende Nachrichtensprecherin erschien auf dem Bildschirm.

»Guten Abend«, sagte sie in klassischem Oxford-Englisch. »Seit dem frühen Morgen sind die MBS Neuesten Nachrichten nicht mehr ausgestrahlt worden. Wir unterlagen den offiziellen Regelungen der Nachrichtlichen Überwachungsbehörde. Unser Sender war jedoch angewiesen, keine Bestätigung über die aktuelle Notsituation zu senden.

Vor einem Augenblick hat unsere Sende-Hauptzentrale in New York eine offizielle Verlautbarung empfangen, derzufolge wir die normale Berichterstattung wieder aufnehmen dürfen. Aus diesem Grunde senden wir einen Sonderbericht.«

Verschiedene der anderen Bildschirme brachten nun die neuesten Meldungen anderer Sendeanstalten.

Ein Nachrichtensprecher von Pacifica sagte gerade: »Heute morgen gab EUCOMTO auf seiner Handelssitzung in Paris bekannt, daß sie am Samstag abend beschlossen haben, den amerikanischen Neuen Dollar nicht mehr zu akzeptieren.

Während seiner Ankündigung führte Kanzler Deak an, daß dies notwendig gewesen sei, um europäische Konsumenten vor den Auswirkungen der instabilen amerikanischen Politik zu schützen. Er nannte als Beispiel die Demonstration der Bewegung Bürger für eine freie Gesellschaft, die am Donnerstag in Ausschreitungen endete.«

Elliot, der mit seinem Tablett zu einem Tisch unterwegs war, verschüttete um ein Haar seine Minestrone, als er von den Auswirkungen des Aufruhrs hörte, den er rein zufällig verursacht hatte. Eine Geschichtsstunde aus seinen frühen Schuljahren kam ihm in den Sinn. Er erinnerte sich daran, wie der junge Gavrilo durch die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gemahlin die Kette von Ereignissen ausgelöst hatte, die zum Ersten Weltkrieg geführt hatten.

Ein anderer Nachrichtensprecher war zu vernehmen: »… prompte Reaktion um 4:10 Uhr Ostküstenzeit, um zu vermeiden, daß diese Neuigkeiten in die amerikanische Öffentlichkeit gelangten, da ein totales finanzielles Chaos durch den plötzlichen Zusammenbruch der Währung zu befürchten sei. Der Präsident der Vereinigten Staaten erklärte den nationalen Ausnahmezustand und gab Anweisung, jegliche Berichterstattung der Massenmedien einzustellen.«

»Die Nachrichtliche Überwachungsbehörde hat niemals eine solche Ankündigung gesendet, nicht wahr?« fragte Elliot Chin.

Chin schüttelte den Kopf.

»War das nicht offensichtlich?« fragte Lorimer Elliot, »Jeder hier hat genau darauf gewartet.«

Sie fanden einen freien Tisch. »Wie habt ihr das dann hingekriegt …?« fragte Elliot und stellte sein Tablett ab.

Chin grinste. »Glaub mir«, erwiderte er, »du bist nicht der einzige, der das in diesem Augenblick fragt.«

KAPITEL 22

Es war eiskalt auf dem Mount Greylock.

Eine Decke wie aus weißem Satin bedeckte die Berglandschaft, mit einem von Sternen durchbrochenen mitternächtlichen Dach darüber. Die Luft war trocken und klar. Der trockene Pulverschnee gab knirschende Geräusche von sich, als vier Schneemobile, eins nach dem anderen, ihre Fahrspur hinterließen.

Drei Stunden später waren 26 Männer und Frauen des Revolutionären Agoristischen Kaders und zwei seiner jüngeren Verbündeten in der seit langem leerstehenden Touristenunterkunft auf dem Gipfel des höchsten Berges in Massachusetts um ein prasselndes Feuer herum versammelt. Die Fenster waren getrübt. Neben einem Kartenständer – Elliot, Lorimer und Chin an seiner anderen Seite – instruierte General ›Einäugiger Jack‹ Guerdon seinen Kader.

Es war die fünfte und letzte Einsatzbesprechung einer Serie, die Monate zuvor mit Ausweichplänen begonnen hatte, die Proben, Computeranalysen, weitere Proben überstanden hatte und nur Stunden zuvor den endgültigen Marschbefehl erhalten hatte. Die Ankunft von Lorimers Mikrofilm und des Pärchens machten einen Anschlag auf Utopia zu einem akzeptablen Risiko. Menschlicher Verstand und durch Computer gewährleistete Sicherheit schufen die Strategie dessen, was als Ausweichplan D begonnen hatte und jetzt ›Operation Tag der Bastille‹ war.

»Ich weiß, daß wir das heute Nacht schon dreimal durchgegangen sind«, sagte Guerdon, »aber ich hoffe, daß bei diesem letzten Mal jede verdammte Kleinigkeit, egal wie blöd sie klingen mag, in eure Köpfe geht. Jede dieser Kleinigkeiten könnte den entscheidenden Unterschied für die Gefangenen ausmachen.«

»Wiederholte Kennzeichnung. Infiltrationsgruppe – Major Chin, Elliot Vreeland, Deanne Powers – ist Judas Ziege. Die Drachenflieger Kommandos – Captain Donizettis Gruppe – sind Geflügelter Sieg. Der Befehlshubschrauber – Captain Billis und Crew, ich selbst – ist Schutzengel. Der Transporthubschrauber – Captain McCarter und Crew, Dr. Schillers medizinisches Team – ist Freundlicher Himmel. Die Gruppe der Lasertechniker, die auf dem Greylock Gipfel bleibt – unter Befehl von Lieutenant Evers – ist Großmaul.«

»Um 0545 wird Geflügelter Sieg in der Nähe des Relaisturms landen, ihn überwältigen und die Kommandozentrale Gamma umzingeln. Nachdem dieses bestätigt worden ist, wird Judas Ziege die Niemandsstraße verlassen und um 0600 durch die Standardvorgehensweise für neue Häftlinge in Utopia eindringen. Auf das Zeichen von Judas Ziege hin, wird Geflügelter Sieg Gamma überfallen, während Ziege gleichzeitig den Kommandoraum Beta einnimmt, wobei alle Beamten neutralisiert werden. Judas Ziege wird jetzt eine Mikrowellenverbindung zu Schutzengel aufbauen und dann fortfahren, in den Kontrollraum Alpha einzudringen. Schutzengel wird das Video per Laser hierher zu Großmaul zurückschicken, wo es kopiert und an wichtige Fernsehstationen weitergeleitet wird, sobald der Überfall erfolgt ist.« Guerdon wandte sich den Lasertechnikern zu: »Ihr solltet ihr Signal bis um 0615 erhalten haben.«

Die Techniker Leutnant Betty Evers und die Sergeants Compton und Jones nickten.

Guerdon sprach wieder zu allen: »Wenn Schutzengel die Videobestätigung erhält, daß Utopia sicher ist, werden wir sofort Freundlichen Himmel informieren, der dann von Geflügelter Sieg runter zum Hoosac Lake geleitet werden wird.«

Weiter hinten hob der Hubschrauber-Kommandant die Hand. »Captain McCarter?«

»Ich bin immer noch über die Landebedingungen beunruhigt, General. Der Tank hat eine bessere Gewichtsverteilung als ich und ich mache mir Sorgen über den einen Meter Pulverschnee auf dem Eis.«

»Wie hoch ist das Bruttogewicht bei voller Besetzung und wie stehen die Landechancen?« fragte Guerdon.

»Es beträgt immer noch vierzig Tonnen. Mit den Skiern werden wir eine Landebahn von ungefähr dreihundert Metern benötigen, zweimal soviel wie für den Start.«

»In Ordnung, landen Sie erst, wenn Sie unbedingt müssen. Ich werde mein Signal bis zur letzten Minute hinauszögern.« Guerdon ging näher zur Gruppe: »Mit der Hilfe von Schutzengel wird Judas Ziege die zweihundert Gefangenen zur Landebahn bringen, wo Freundlicher Himmel einige Schockfälle behandeln und sie hinausfliegen wird. Mit etwas Glück sollten wir alle gegen 0720 wieder zu Hause sein.«

Guerdon bemerkte Leutnant Evers, die vierundzwanzig Jahre alte Chefin der Lasertechniker. »General, wäre es nicht einfacher, zwischen Judas Ziege und meiner Gruppe eine Sicht-Mikrowellenverbindung herzustellen? Schutzengel könnte nur per Tonaufzeichnung überwachen.«

Guerdon blätterte einige Karten um und zeigte dann auf einen Plan. »Das ist Savage Hill. Er befindet sich genau zwischen Greylock und Utopia. Um eine Sichtverbindung herzustellen, bräuchten wir eine Erhöhung von sechzig Metern, die es in Utopia nicht gibt. Schutzengel wird diese Erhöhung gewährleisten – und dann einige mehr.«

»Die Übertragungsdistanz beträgt ungefähr fünfeinhalb Meilen, General«, sagte sie.

»Und?«

»Wir brauchen für diese Entfernung keinen Laser, Sir. Es ist schwierig, ihn genau auszurichten, wir könnten einfach moduliertes Infrarot aus Ihren Motoren leiten.«

»Zweifellos. Aber wenn Großmaul außer Gefecht gesetzt wird, möchte ich die Möglichkeit haben, meine Bänder direkt durch O’Neill Eins weiterzuleiten. Denken Sie daran, vom strategischen Standpunkt aus ist unser zweitrangiges taktisches Ziel wichtiger als unser erstes Ziel. Wir müssen öffentlich belegen, daß solche Gefängnisse existieren und eine anschauliche Demonstration liefern, daß der Kader nicht aus Terroristen und Gangstern besteht, wie Lawrence Powers uns bezeichnet hat.«

Ein Mitglied der Mannschaft hob die Hand. »Leutnant LaRue?«

»Können wir immer noch absolut sicher vor einem Bodenwiderstand sein, Sir? Keiner?«

»Wenn unsere Daten noch aktuell sind, können wir sicher sein. Die Notfallgarnison ist gute drei Meilen entfernt und weiß nichts, außer daß sie auf Alarm reagieren muß. Wenn der Relaisturm erst einmal ausgeschaltet ist, müssen wir uns über ihre Verstärkung keine Sorgen mehr machen, da er sowohl von Gamma als auch von Beta genutzt wird. Behaltet die Theorie im Kopf, die hinter diesem Gefängnis steht. Das Sicherheitssystem beruht fast vollständig auf ein paar vertrauenswürdigen Männern und elektronischer Kontrolle. Mr. Powers möchte so wenig Zeugen seines privaten Konzentrationslagers wie möglich. Die Designspezifikationen für seine Sicherheit vor Versagen bestätigen dies. Er würde eher alle Gefangenen, und seine eigenen Leute, in Schutt und Asche legen, als irgend etwas an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Und genau das liefert uns schließlich die Achillesferse, die wir brauchen. Sonst noch was?«

Als keine Antwort kam, wartete Guerdon einige Momente ab, bevor er sagte: »Sehr schön. Versucht, ob ihr ein Stündchen schlafen könnt. Entlassen.«

Um 5:45 Uhr am 27. Februar bog ein einsamer, nicht gekennzeichneter Polizeiwagen an einer Kirche aus roten Backsteinen, ungefähr sechs Meilen nördlich von Pittsfield, Massachusetts, rechts ab, fuhr auf einen Berg hinauf und bog dann links auf eine verlassene Landstraße, auf der sich an beiden Straßenrändern der Schnee häufte. Ein junger Chinese, der einen grauen Anzug und eine Krawatte trug, steuerte den Wagen; hinter ihm, durch eine schalldichte Glaswand abgetrennt, befanden sich ein junger Mann und eine junge Frau, die mit Handschellen aneinander gekettet waren.

Noch während sie auf der Niemandsstraße standen, fragte Elliot Lorimer, ob sie Angst hätte.

Lorimer nickte. »Und du?«

»Ich könnte mir vor Angst in die Hosen scheißen.«

Lorimer lächelte leicht: »Ich wünschte, ich hätte eine Zigarette.«

»Hör mal, Lor«, fuhr Elliot fort. »Das ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt dafür, so spät und überhaupt, aber du wirst da drin doch keine – tja – Probleme bekommen, oder?«

Lorimer sah ihn verächtlich an: »Du solltest mich inzwischen besser kennen. Ich bin nicht so ein schwächlicher Typ. Warum, du etwa?«

»Nein, du verstehst mich nicht.« Elliot drehte an seiner Handschelle, damit sie etwas weniger scheuerte. »Ich versuch es noch mal anders. Wenn ich dich nicht aufgehalten hätte, hättest du dann wirklich deinen Vater erschossen?«

»Natürlich«, sagte sie nur.

»Weil er deine Mutter in den Selbstmord getrieben hat?«

Sie schüttelte den Kopf. »Sieh mal, du glaubst, daß du kaltblütig werden kannst, wenn es darauf ankommt. Im Vergleich zu mir bist du ein Amateur und das ist eine Eigenschaft, die ich von meinem Vater geerbt habe. Was für einen Eindruck hattest du von ihm im Hotel?«

»Kontrolliert. Kühl. Rational.«

»So ist er immer«, sagte Lorimer, »und er ist schon immer so gewesen. Ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals wütend, in Ekstase oder in irgendeiner starken Gefühlserregung erlebt zu haben.«

»Jetzt kann ich dir nicht folgen.«

»Kennst du dich überhaupt nicht mit Psychologie aus? Ein Mensch kann Gefühle nicht ewig unterdrücken. Irgendwie muß er sich abreagieren. Mein Vater ist ein ganz schöner Machiavelli. Er gibt gerne Befehle. Wenn ein solcher Mann eine Polizeiorganisation kontrolliert, ist es das einzig Vernünftige, ihn zu töten, bevor er andere tötet.«

»Und wo reagierst du dich ab?« fragte Elliot.

Lorimer antwortete nicht.

Chin erhielt ein Radiosignal, daß Geflügelter Sieg den Kommunikations-Relaisturm außer Gefecht gesetzt habe und jetzt um Gamma herum positioniert sei.

Einige Minuten später fuhr der Wagen vor dem Haupttor von Utopia vor.

Ein Vierteljahrhundert zuvor, in Zeiten des Wohlstandes, war das Gelände ein privates Sommerferiencamp gewesen, wo Stadtkinder – hauptsächlich aus New York – ihren nörgelnden Eltern entkamen, um acht Wochen lang zu wandern, Boot zu fahren und Tonaschenbecher herzustellen; im Winter war es ein Skicamp gewesen. Und auf diesem Gelände hatten sich auch kleine Gruppen libertärer Investoren über zwei Ferienwochenenden versammelt, eines im Herbst und eines im Frühling, um über eine damals neue Wissenschaft der Gegenwirtschaft zu diskutieren.

Jetzt war der Besitz durch eine staatliche Enteignung, die das Gelände späteren Besitzern abnahm, um einen Bundeshighway zu bauen, der niemals gebaut wurde, in weniger unschuldige Hände übergegangen.

Eine Videokamera, die an einem Eingangspfosten montiert war, schwenkte herüber, um den Wagen zu überprüfen. Chin blendete zweimal auf, dann noch einmal. Das Tor wurde ihm per Fernsteuerung geöffnet.

Chin fuhr auf das Gelände.

Utopia war auf einer weiten Landfläche gebaut worden, die jetzt mit postkartenartigen Schneewehen bedeckt war, hier und dort durch Flutlichter erhellt. Videokameras verfolgten den Weg des Wagens, als er eine dreckige, mit Schneematsch bedeckte Straße entlangfuhr, die schließlich hinunter zum Hoosac Lake führte. Eine halbe Meile vor dem See, in der Nähe eines großen, flachen Gebäudes, das halb auf einen Hügel gebaut war, fuhr Chin auf einen kleinen Parkplatz und stellte den Motor ab.

Nachdem er einen Aktenkoffer und eine geladene Pistole ergriffen hatte, öffnete Chin die hintere Wagentür und führte seine zwei Gefangenen an Handschellen hinaus. Er begann, sie auf das fünfzig Meter entfernte Gebäude zuzuschieben und raunte ihnen in den letzten paar Sekunden Privatsphäre zu: »Denkt daran, wenn ihr erst mal in der Zelle seid, müßt ihr euch absolut ruhig verhalten – egal was passiert – bis ich euch hole. Denkt nicht einmal daran, euch zu bewegen.«

Elliot und Lorimer nickten.

Am Eingang zum Hauptgebäude, einer Panzertür, die auf die Berglandschaft zeigte, hielt Chin seine Waffe auf Elliot gerichtet, während sie von einer Videokamera überwacht wurden. Einige Augenblicke später fragte eine Stimme über Lautsprecher:

»Wer hat Sie geschickt?«

»Die Alten Jungs«, entgegnete Chin.

»Was haben sie Ihnen gesagt?«

»Daß ich meine Hände trocken halten soll.«

Die Panzertür öffnete sich und die drei traten ein.

Der Eingang von Utopia beinhaltete eine Zelle, die an ein Kleinstadtgefängnis erinnerte – zwei mit Ketten befestigte Feldbetten an der Wand, eine Toilette ohne Sitz – eine Tür zum Kontrollraum, die wie eine Kellertür aussah und, auf der Seite gegenüber der Zelle, das Zimmer des diensthabenden Beamten. Dieses Zimmer war der einzige Teil des Gefängnisinneren, der normalerweise nicht vom Alpha Raum überwacht wurde, statt dessen war es mit der Kommandozentrale Gamma verbunden, wo fünf weitere Beamte – einer im Dienst, vier außer Dienst – stationiert waren. Die zwei Monitorwachen im Dienst hatten eine ähnliche Übereinkunft, aber es gab keine Verbindung zum Gebäude der Wachen außer Dienst, das eine halbe Meile entfernt lag.

Es war genau 6 Uhr morgens auf einer digitalen Wanduhr, als der Diensthabende sein Büro verließ, um Chin und die zwei Gefangenen in der Vorhalle zu treffen. Er war ein stämmiger Mann in den Vierzigern, ziemlich muskulös mit einem leichten Spitzbauch und sah genau so aus wie ein Kassierer, und so hatte seine Karriere auch begonnen. Er reichte Chin seine Hand zum Gruß. »Ich glaube nicht, daß wir uns kennen«, sagte er. »Sydney Westbrook, ehemals im Boston Büro tätig gewesen.«

»Spezialagent Chin, bin gerade aus San Francisco gekommen.« Chin klemmte sich seinen Aktenkoffer unter den linken Arm, nahm seine Pistole in die Linke und mit der Rechten ergriff er kurz die ihm angebotene Hand. »Wohin sollen sie?«

»Wer sind sie?«

»Der hier ist Elliot Vreeland und …«

»Vreeland?« unterbrach ihn Westbrook. »Meine Güte, ich wünschte, der Chef könnte sich mal entscheiden. Die anderen zwei haben sie vor noch nicht mal einer Stunde abgeholt.«

Erschrocken fragte Elliot ganz automatisch: »Meine Mutter und meine Schwester sind nicht hier?«

»Halts Maul, du Dreckstück«, unterbrach ihn Chin, »du sprichst nur, wenn du gefragt wirst!«

Westbrook zuckte mit den Schultern und sagte zu Chin: »Reg dich nicht auf. Er wird es sowieso herausfinden.« Er wandte sich an Elliot: »Das stimmt.« Powers hatte also sein Versprechen gehalten. Westbrook sah zu Lorimer herüber. »Wer ist die da?«

»Die kleine Tochter vom Chef.«

»Wirklich? Ich habe ihren Namen auf der Liste gesehen, aber nicht geglaubt, daß der Chef es wirklich übers Herz bringen würde. Aber Sie kennen ja den Chef. Er würde es niemals zulassen, jemanden bevorzugt zu behandeln.«

»Genau. Wo wollen Sie sie denn nun hinhaben?«

»Gleich hier drüben für ein paar Minuten.«

Westbrook führte Chin und seine Gefangenen zu der Zelle hinüber und schloß sie auf. Chin entfernte Ellits und Lorimers Handschellen. Lorimer ging sofort in die Zelle, aber Elliot zögerte einen Moment. Chin gab ihm einen heftigen Stoß – ein bißchen heftiger als Elliot erwartet hatte. Er prallte gegen das Bett. Lorimer sah aus, als ob sie Chin anspucken wollte, aber sie hielt sich zurück. Elliot war sich niemals ganz sicher, ob sie wirklich nur schauspielerte.

Als der Diensthabende das Pärchen einsperrte, fragte Chin ihn: »Hätten Sie vielleicht einen Kaffee? Ich bin halb erfroren.«

»Natürlich«, erwiderte er. »In meinem Büro gibt es einen frischen Pott für Sie.« Westbrook bedeutete Chin, ihm zu folgen. Chin steckte seine Waffe ins Halfter. »So«, fuhr der Diensthabende fort, »wie ist es in Frisco zu dieser Jahreszeit?«

»Bitte«, sagte Chin und klang wirklich verärgert. »Wenn sie es schon abkürzen müssen, dann mit SF und nicht mit Frisco. Viel wärmer als hier, das kann ich Ihnen sagen.«

Chin machte weitere sinnige Bemerkungen über das Wetter und folgte Westbrook in sein Büro, während Elliot und Lorimer sich auf ihre Betten setzten, sich in einer ruhigen und mutlosen Art an die Wand lehnten und jedem, der sie beobachtete, vorspielten, daß sie todmüde seien. Sie bewegten nicht einmal einen Muskel.

Sobald Chin und Westbrook ganz im Büro des Diensthabenden waren und nur von dem anderen Befehlszentrum überwacht wurden, stellte Chin seinen Aktenkoffer auf einen Stuhl. Er gab ein Signal von einem kleinen Übertragungsgerät ab, das mit den Verschlüssen verbunden war und nahm ein in Plastik verpacktes Taschentuch aus dem Koffer. Westbrook ging zur Kaffeemaschine. Chin zögerte einige Sekunden, bis er auf dem Monitor, der die Kommandozentrale Gamma überwachte, sah, daß die anderen Beamten von dem Betäubungsgas, das Donizetti und seine Männer dort hineinleiteten, ohnmächtig wurden. Dann öffnete er das Plastik mit einer Hand, näherte sich dem Diensthabenden leise von hinten und ergriff ihn mit der anderen Hand, wobei er das in Chloroform getränkte Taschentuch auf Westbrooks Mund und Nase preßte. Dieser wehrte sich, versuchte zu schreien, aber Chin war ihm überlegen. Nach einigen Sekunden verlor Westbrook das Bewußtsein und wehrte sich nicht mehr. Beta war sicher.

Donizettis Kopf erschien eine halbe Minute später und zeigte Chin den erhobenen Daumen; Chin erwiderte das Daumensignal mit einem »Okay« Zeichen. Gamma war ebenfalls neutralisiert. Donizetti und sein Kommando würden jetzt zum See runtergehen, um Freundlichen Himmel hereinzulassen.

Die kritischste Phase vom Tag der Bastille war überstanden.

KAPITEL 23

Das Büro des Diensthabenden bestand aus zwei Räumen, einem Vor- und einem Hinterzimmer.

Im ersten befanden sich seine Monitoren, sowohl der Monitor, der mit dem entfernten Kommandoraum in Verbindung stand, als auch die Nebenmonitore, die alles, was die Alpha-Monitoren anpeilten, wiedergeben würden. Es gab noch einen weiteren Monitor, der es dem Diensthabenden ermöglichte, die Alpha-Wachen selbst zu beobachten.

Das zweite Zimmer enthielt einen großen Kühlschrank und ein halbautomatisches Mikrowellen-Lebensmittelverarbeitungssystem und wurde von Zeit zu Zeit von Beamten und Monitorwachen als Aufenthaltsraum benutzt, wenn sie gerade außer Dienst waren. Chin schleppte Westbrook in das Hinterzimmer, setzte ihn auf die Couch und injizierte sorgsam ein Schlafmittel in seinen Arm.

Westbrook würde für mindestens zwölf Stunden außer Gefecht sein und eine Menge zu erklären haben, wenn er wieder erwachte, genau wie die anderen Wachleute.

Chin ging in das Vorzimmer zurück.

Auf dem Alpha-Monitor konnte Chin zwei Männer in einem kleinen Raum sitzen sehen, die auf mehrere Reihen von Videobildschirmen blickten. Diese zwei Wachen würde Chin bald außer Gefecht setzen müssen; sie kontrollierten nicht nur den Selbstzerstörungsmechanismus, den sie einzuleiten hatten, wenn die Gefängnissicherheit unwiderruflich bedroht ist, sondern auch das Betäubungsgas, Handgranaten und ferngesteuerte Maschinenpistolen in regelmäßigen Abständen inner- und außerhalb des Komplexes. Aber im Augenblick befanden sie sich außerhalb von Chins Einflußbereich, eingeschlossen in ihrer Kammer, die durch die gewölbeartige Tür von der Vorhalle abgetrennt war. Der einzige Weg in den Gefangenenkomplex führte durch eine ähnliche Tür, die auch in der Wachkammer war.

Auf den anderen Monitoren konnte Chin den Gefangenkomplex erkennen, Elliots und Lorimers Zelle, die Vorhalle und verschiedene Punkte außerhalb. Da sie Untergebene waren, war sich Chin sicher, daß die Wachen das Büro des Diensthabenden nicht überwachten. Es war offensichtlich, daß es nicht erwünscht war – außer im Notfall – wenn kleinere Beamte ihre Vorgesetzten überwachten. Selbst in Sicherheitsgebieten brachte ein höherer Rang Privilegien mit sich.

Im Augenblick beschäftigten Chin die Wachen jedoch noch nicht.

Nachdem Chin seinen Aktenkoffer auf das Pult des Diensthabenden gestellt hatte, nahm er seinen Minicomputer, Werkzeug, um isolierte Kabel freizulegen, einen Satz eigener Kabel mit Krokodilklemmen am einen Ende und Rezeptorsteckern am anderen Ende, eine Schutzbrille und eine Handlaserfackel heraus. Er steckte das Laserkabel in eine Wandsteckdose, setzte die Schutzbrille auf und begann dann, ein Loch in die Wand unterhalb der Monitore zu schneiden.

Fünf Minuten später hatte er das, was er erwartet hatte, gefunden: isolierte Kabel der Video-Stromkreise. Er legte den Laser beiseite, stellte den Computer auf einen Stuhl neben der Wand und legte die Kabel im Inneren der Wand frei; dann befestigte er Krokodilklemmen an den Kabeln und steckte die Rezeptoren in seinen Computer.

Er überprüfte den Alpha-Monitor: Ein Wachmann zündete sich eine Zigarette an, während der andere Solitär spielte. Auf keinem ihrer Bildschirme passierte etwas. Chin konnte Elliot und Lorimer sehen, die immer noch bewegungslos in ihrer Zelle saßen.

Nachdem er ein kurzes Programm in den Computer eingegeben hatte, aktivierte Chin die entsprechende Diskette. Dann erschien auf mehreren der Bildschirme ein kurzes Flackern. Die Wachen bemerkten jedoch nichts. Chin atmete erleichtert auf. Das war das einzige sichtbare Signal, was ihn hätte verraten können.

Der Computer würde jetzt automatisch die digitale Information vom Videosystem dekodieren, zwei Minuten von jeder Kamera aufzeichnen und dann diese Aufzeichnung immer wieder auf den Monitoren der Wachmänner abspielen, allerdings mit drei Ausnahmen: die Kameras, die den Gefängniskomplex überwachten, die inaktivierte Kamera im Büro des Diensthabenden und die Kameras, die das Vordertor zur Straßenseite hin überwachten. Chin konnte sich jetzt in der Vorhalle und außerhalb ihrer Tür frei bewegen, aber das war nicht sein einziger Videotrick.

Chin ging zurück zu seinem Aktenkoffer und nahm zwei Mikrowellen-Übermittlungsgeräte heraus. Das erste war ein Übermittler für kurze Entfernungen mit einem kleinen Hornstrahler; das andere, eine kleine Schale auf einem Teleskopstativ, würde das Signal des ersteren auffangen und übertragen. Chin stöpselte den ersten Übermittler in seinen Computer, richtete den Hornstrahler auf die Haupttür und schaltete das Gerät ein; ein kleines rotes Licht zeigte den Betrieb an. Chin ging noch einmal kurz in das hintere Zimmer, um dem bewußtlosen Diensthabenden die Schlüssel abzunehmen, und kehrte dann ins Vorzimmer zurück. Er nahm das zweite Gerät und ging durch die Vorhalle, wo er an Elliots und Lorimers Zelle kam.

Die Digitaluhr zeigte jetzt 6:13 Uhr an.

Als er näher kam, legte er den Finger auf die Lippen und zeigte auf die Zellentür. Nachdem er die Zelle geöffnet hatte, gingen sie schnell zu ihm hinüber. Chin flüsterte: »Ihr habt siebzehn Minuten.«

Lorimer nickte. Elliot flüsterte: »Viel Glück.«

Chin schickte sie zum Büro des Diensthabenden, klopfte jedem von ihnen auf die Schulter und ging dann mit seinem Übermittlungsgerät zum Vorderausgang.

Im Vorzimmer sahen Elliot und Lorimer auf dem Alpha-Monitor die Wachen in ihrer Kammer, die immer noch rauchten beziehungsweise Solitär spielten, während die Videoaufzeichnung auf einem anderen Monitor Elliot und Lorimer zeigte, die immer noch bewegungslos in ihrer Zelle saßen.

Als er mehrere Aufnahmen aus dem Gefangenkomplex sah, dachte Elliot, wenn man einen Architekten an seiner Arbeit erkennen würde, müßte man Lawrence Powers einen zynischen Humor bezeugen. Sein Utopia würde alle Kriterien erfüllen.

In den Schlafunterkünften, die den kommerziellen Standards voll entsprachen, und auch denen des Kaders selbst, schliefen zweihundert Anarchisten und drei Babys bei einer schwachen blauen Beleuchtung. Jeder Raum hatte ein eigenes Bad, internen Telefonanschluß, einen Holoson-Kassettenrekorder und einen Videodisk-Player. Die Einrichtung war wirklich luxuriös.

Da in allen Ecken Videomonitoren standen, gab es keinen Grund, die Privatsphäre der Gefangenen einzuschränken, genauso wenig wie ihre Verbindung zu den anderen. Die internen Einrichtungen umfaßten eine Bibliothek, Spielräume, Salons, eine Sporthalle und einen medizinischen Bereich. (Mehrere Ärzte waren selbst als Gefangene dort untergebracht.) Die einzige äußere Einwirkung bestand in den Essenszeiten.

Das Essen der Gefangenen war kommerzielle Tiefkühlkost, die in der Mikrowelle des Diensthabenden warm gemacht wurde und dreimal täglich über einen Lastenaufzug im Vorzimmer ausgeteilt wurden; die leeren Teller und nicht Gegessenes wurden von den Gefangenen auf demselben Weg wieder zurückgeschickt. Außerdem waren heiße und kalte Getränke und kalte Snacks vierundzwanzig Stunden am Tag im Essensbereich erhältlich.

Die Verantwortung für das Wohlergehen der Gefangenen, das über die zur Verfügung stehenden Einrichtungen hinausging, lag ganz allein bei den Gefangenen selbst. Es gab keinen körperlichen Kontakt zwischen den Gefangenen und den Wärtern, weder zu Zwecken der Bestrafung, noch aus irgendwelchen anderen Gründen, aber allein die Existenz der Wachen bot den Gefangenen einen äußeren Feind, an dem sie ihren Frust ungestraft abreagieren konnten. Die Gefangenen wußten auch nichts von dem Selbstzerstörungsmechanismus und hatten keinen Grund, um ihre Sicherheit zu fürchten. Sie wußten, daß sie schon längst tot wären, wenn Lawrence Powers sie hätte tot sehen wollen.

Interne Hygiene, Komfort, Regeln, Entspannung und Streitschlichtung lagen in den Händen der Gefangenen. Innerhalb der Grenzen ihrer Welt, wortwörtlich in der Mitte von »keinem Ort«, war es ihnen freigestellt, ihr Leben so gut, wie es ihnen möglich war, zu leben, ohne Eigentum und mit den lebenswichtigen Dingen, die ihnen kostenlos zur Verfügung gestellt wurden.

Allerdings nur unter der Voraussetzung, daß man keinen Wert auf persönliche Freiheit legte.

Elliot versuchte, Phillip auf dem Monitor auszumachen, aber die Bilder wechselten, ohne daß Elliot ihn finden konnte. Aber, so dachte er, das bedeutete nur, daß er sich unter Kissen und Decken vergraben hatte. Lorimer stupste Elliot leise an und zeigte auf den Alpha-Monitor, wo der Wachmann Solitär spielte.

Er hatte sein Spiel gerade beendet.

Weit über Utopia schwebte Schutzengel.

Ganz vorne saß der Hubschrauberpilot, Captain Billis, neben ihm Jack Guerdon; hinten saßen Sergeant Stokowski und der Kommunikationstechniker, Sergeant David Workman. Sie trugen alle Kopfhörer.

Um 6:16 Uhr berichtete Sergeant Workman, daß er das Signal von Judas Ziege auf dem Monitor habe. »Roger«, erwiderte Guerdon über Kopfhörer. »Fang an aufzuzeichnen und stell die Laserverbindung zu Großmaul her.«

Auf dem Gipfel des Mount Greylock war außerhalb der verlassenen Fernsehrelaisstation eine vorübergehende Laserantenne aufgestellt worden. Einige Minuten nach Guerdons Befehl an Workman berichtete Sergeant Compton drinnen, daß sie das Signal jetzt auch erhielten.

»Zeichnen Sie auf und zeigen sie es auf dem Monitor an, Compton«, antwortete Evers. »Jones, teilen Sie Schutzengel mit, daß wir es haben.«

Einige Sekunden später erschien das erste Bild auf dem Greylock-Monitor. Es handelte sich um das digitalisierte Signal der Videokameras in Utopia, das, als alle Signale dekodiert waren, verschiedene Ansichten des Hauptgefangenkomplexes zeigte, in dem die Gefangenen bei schwacher bläulicher Beleuchtung schliefen.

»Schutzengel, ein perfektes Signal«, übermittelte Sergeant Jones.

Im Hubschrauber gab Workman diese Information an Guerdon weiter. »Stokowski«, befahl er im Gegenzug, »lassen Sie die unten wissen, daß wir es jetzt durchziehen.«

Unten, in der kalten Dämmerung stand Chin vor der gepanzerten Vordertür zum Hauptgebäude, den Mikrowellen-Übermittler neben sich, der auf dem Stativ stand und dessen Schüssel auf den Himmel gerichtet war. Chin blies sich kurz in die Hände und rieb sie dann aneinander. Plötzlich erschienen über ihm drei punktartige Blitze. Chin blies ein letztes Mal in seine Hände und ging dann wieder hinein.

Es war 6:23 Uhr.

Die Monitorwachen, die selbst überwacht wurden, saßen selbst jetzt noch unbeweglich vor ihren Bildschirmen, als Elliot und Lorimer im Hinterzimmer des Diensthabenden äußerst aktiv waren und zweihundert Frühstücke zubereiteten: Plastiktabletts mit Margarine, Rührei mit Schinkenstreifen, einem süßen Brötchen und einem verschlossenen Gefäß mit schmelzfestem Trinkhalm, in dem sich Kaffee befand. Es war ein Tiefkühlfrühstück, das es, wenn es gerade vorrätig war, in jedem Supermarkt zu kaufen gab.

Chin betrat das Büro, zeigte seinen beiden Verbündeten den erhobenen Daumen zum Zeichen, daß alles in Ordnung war, griff dann nach der Laserfackel und seinem Aktenkoffer und ging zurück in die Vorhalle.

Lorimer nahm mit dem Handschuh des Dienshabenden fünfundzwanzig Tabletts auf einmal aus dem Tiefkühlfach, stellte sie in den Ofen und startete ein zweiminütiges Zubereitungsprogramm. Danach nahm Elliot die heißen Tabletts mit bloßen Händen heraus und stellte sie schnell auf einem fahrbaren Frühstückswagen mit vielen Böden ab.

Um 6:30 Uhr, als Elliot und Lorimer den Frühstückswagen in das Vorzimmer rollten, arbeitete Chin an der Tür, die von der Vorhalle in das Monitorzimmer führte, wobei er die Laserfackel benutzte, um ein Loch in einen Bereich der Tür zu ätzen und Plastiksprengstoff darin zu verschmelzen. Elliot und Lorimer begannen, Frühstückstabletts in den Lastenaufzug zu stellen, der sie in den Essensbereich transportieren würde, wo sie, immer noch warm, in den nächsten fünfundvierzig Minuten von den Gefangenen in Empfang genommen werden konnten, die beschlossen hatten, für das Frühstück aufzustehen.

Plötzlich öffnete sich die Tür zum Kontrollraum und Chin wurde zur Seite gestoßen. Elliot und Lorimer erstarrten hinter der Tür vor Schreck.

»Hey, Sid«, rief eine Stimme aus dem Zimmer. »Wie wäre es, wenn du Mike und mir ein paar dieser Frühstücke rüberschiebst …« Dann steckte eine der Wachen ihren Kopf durch die Tür, sah Chin und seine Arbeit und sagte: »Oh, Scheiße.«

Obwohl beide Männer erschrocken waren, griffen sie nach ihren Waffen. Chin konnte nicht schnell genug reagieren. Der FBI Mann zog seine Pistole und schoß zweimal auf Chin, wobei er ihn in den Unterleib und in den rechten Arm traf.

Chin sank zu Boden. Der Wachmann knallte die Panzertür zu.

Elliot und Lorimer liefen zu Chin hinüber. Das hausinterne Telefon im Büro des Diensthabenden läutete.

»Versuch, Zeit zu schinden«, raunte Chin Elliot mit heiserer Stimme zu. »Ich brauche nur noch fünf Minuten. Lorimer, ich werde deine Hände benötigen.«

»Was ist mit deinen …« begann Elliot.

»Keine Diskussion«, krächzte Chin. »Los, auf geht’s!«

Elliot hastete zum Büro. Er bekam nicht mit, daß Chin kurz darauf das Bewußtsein verlor.

Nervös nahm Elliot den Telefonhörer ab und beobachtete seine Gegner auf dem Alpha-Monitor. Auf den anderen Monitoren war immer noch der gesamte Komplex, einschließlich der Vorhalle, zu sehen, die bewegungslos war. Sie hatten Lorimer und ihn nicht gesehen. Der Monitor zeigte sie immer noch bewegungslos in ihrer Zelle. Elliot beschloß, einen verzweifelten Versuch zu starten.

»Ja?« sagte er mit heiserer Stimme.

»Sid?« fragte der Wachmann. »Was zum Teufel geht da draußen vor sich? Bist du in Ordnung? Auf wen habe ich denn da geschossen?«

»Häh? Mir geht es gut«, sagte Elliot. »Das mußt du geträumt haben. Hier ist alles ruhig. Geh wieder schlafen.«

»Aber ich habe da draußen auf jemanden geschossen. Er wollte eine Waffe ziehen.«

»Du hast die Tür geöffnet? Schlafend oder nicht, das ist streng verboten.«

Letzteres stimmte und war natürlich das oberste Gebot des Wachmanns, aber Elliots Herz sank in die Hose, als er ihren Gesichtsausdrücken entnahm, daß sie wußten, daß hier etwas nicht stimmte.

»In Ordnung, wer zum Teufel ist da?« fragte der Wachmann.

Elliot versuchte erneut, sie zu bluffen: »Hier ist Westbrook. Was soll das? Wenn du glaubst, daß du das auf mich schieben kannst …«

Aber der Versuch scheiterte. Dame schlägt Bauern, Schachmatt … nur daß er diesmal der Bauer war. Elliot sah auf die Wiederholungsmonitore und sah sich selbst mit dem Telefon im Büro des Diensthabenden. Die Wachen konnten ihn jetzt sehen. »Ich habe gefragt, wer da ist«, wiederholte der Wachmann.

Elliot atmete tief ein und überlegte, was jetzt zu tun sei. Er wußte, daß eine falsche Antwort das Leben der Gefangenen, von Lorimer, Phillip, Chin … sogar sein eigenes Leben kosten könnte. Er wußte auch, daß die Wachen in diesem Augenblick Betäubungsgas oder eine Handgranate gegen ihn einsetzen könnten.

Er wünschte, sein Vater wäre bei ihm, um ihm einen Rat zu geben.

»Du hast fünf Sekunden, um mir zu antworten«, sagte der Wachmann. »Fünf … vier … drei …«

»In Ordnung, ist schon gut«, unterbrach ihn Elliot. »Ich bin vom Revolutionären Agoristischen Kader.«

»Wie viele von euch sind hier? Wo sind die anderen?«

Sie sahen immer noch die Aufzeichnungen auf ihren Monitoren und wußten immer noch nicht, was Lorimer in der Vorhalle trieb. Zeit schinden, hatte Chin gesagt.

»Sonst ist niemand hier«, entgegnete Elliot. »Nur wir zwei.«

»Du lügst.«

Der Wachmann wartete, bis ihm klar wurde, daß Elliot nicht antworten würde und sagte dann: »Bursche, du hast den größten Fehler deines Lebens begangen.« Er wandte sich dem anderen Wachmann zu. »Leite den Selbstzerstörungsmechanismus ein.« Er wollte auflegen.

»Wartet!« rief Elliot; voller Panik war ihm eine Idee gekommen.

»Mach es kurz«, sagte der Wachmann.

»Ein klares Angebot«, sagte Elliot. »Ihr könntet hier beide als reiche Leute herauskommen.« Elliot suchte schnell nach den richtigen Worten, wobei er improvisieren mußte: »Ich habe zwölf mexikanische 50-Peso Goldmünzen für jeden von euch. Das sind ungefähr 4.600 Eurofrancs pro Stück. Da die Blauen vom EUCOMTO nicht mehr angenommen werden, wird Gold das einzige Geld sein, das etwas wert ist. Es wird das einzige sein, was die Leute akzeptieren werden.«

Der Wachmann verharrte in eisigem Schweigen, so daß Elliot sich fragte, ob sein kurzer Wirtschaftsunterricht auf fruchtbaren Boden gefallen war.

»Was ist los?« fragte Elliot. »Glaubt ihr mir nicht? Ich habe das Gold gleich hier in meinem Gürtel.«

»Ja«, sagte der Wachmann. »Ich nehme an, daß ich dir glaube. Ich weiß, daß ihr Brownies vollsteckt.«

»Dann geht ihr auf mein Angebot ein?«

»Nö«, sagte der Wachmann. »Das wäre dem Chef nicht recht.«

»Der Chef?« fragte Elliot. »Euer Chef schert sich einen Dreck darum, ob ihr am Leben bleibt oder nicht. Sie haben euch etwas über diesem Komplex verschwiegen. Wenn ihr die Gefangenen tötet, seid ihr auch tot. Der Selbstzerstörungsmechanismus wird diesen ganzen Komplex zerstören. Powers möchte keine Zeugen haben.«

»Glaubst du etwa, das wissen wir nicht?« sagte der FBI-Mann sanft.

»Warum wollt ihr euch dann selbst umbringen? Hält Powers eure Familien irgendwo fest? Sitzt ihr eine lebenslängliche Strafe ab?«

»Du verstehst immer noch nicht, oder?« fragte der Wachmann. »Der Chef wäre auch in diesem Zimmer, wenn er könnte. Loyalität braucht immer zwei Seiten, Junge. Zwei Seiten.«

Der Wachmann, der Mike gerufen wurde, wandte sich dem anderen zu und sagte: »Wir sind abgeschaltet. Die Kommandozentrale ist aus und der Alarm auch.«

Der Wachmann dachte darüber einen Moment nach und lächelte Elliot dann an: »Hör mal, Junge, dieser Ort wird in ungefähr zwei Minuten in die Luft fliegen, und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst. Aber du kannst mir einen Gefallen tun und gleichzeitig ein wahrer Held sein.«

Vielleicht war das die Chance, nach der er gesucht hatte, dachte Elliot: »Worum geht es?«

»Im Komplex befinden sich drei Babys. Niedliche kleine Dinger; erinnern mich an mein eigenes in dem Alter. Ich würde mich wesentlich besser fühlen, wenn du sie mit dir hinausnehmen könntest. Und versuche nicht, mich zu erpressen. Wenn du sie nicht mitnimmst, werden sie eben auch sterben.«

Elliot dachte in dem Moment, und würde immer dasselbe denken, daß dieser verdrehte Versuch von Humanität das letztendliche, logische Ergebnis alles dessen war, was er in den vergangenen paar Tagen gesehen hatte.

Ein Mann, der aus Loyalität gegenüber einem falschen Idol in einer Todeszelle saß, war bereit, sich selbst und zweihundert andere für das, woran er glaubte, umzubringen. Sein Bestreben, die Zukunft zu schützen, verstärkte seinen schrecklichen Fehler nur noch.

Aber er würde die Tür öffnen müssen.

»Ich werde sie mitnehmen«, sagte Elliot.

»In Ordnung, ich werde die Eltern aufwecken.«

»Nein, laßt das«, sagte Elliot. »Ihr würdet sie nur in Panik versetzen.«

Er war zu einer Entscheidung gekommen. Seine eigene Loyalität forderte eine Gegenleistung.

»Ihr habt hier einen Gefangenen namens Phillip Gross, oder?«

Einen Augenblick später antwortete der Wachmann: »Ich werde ihn holen.«

Elliot ging zum Monitorraum zurück und sah Lormer, wie sie über Chins Stirn streichelte. »Ist er bewußtlos?«

»Er ist tot«, sagte Lorimer.

Elliot kniete nieder und versuchte Chins Puls zu fühlen. Es war keiner zu fühlen. Elliot fühlte sich kalt und krank. Er versuchte sich zusammenzureißen. »Hast du das mit der Tür geschafft?«

Lorimer schüttelte den Kopf. »Es muß nach einem bestimmten Muster erfolgen, sonst funktioniert es nicht. Er starb, bevor er es mir sagen konnte.«

»Vielleicht sollten wir es trotzdem versuchen?«

»Es wird diesen ganzen Ort in die Luft jagen, wenn wir daran herumpfuschen«, sagte Lorimer ausdruckslos.

Elliot versuchte sich zu beruhigen. Das war’s dann mit seinem Überraschungsvorteil. Er kniete sich nieder und nahm Chins Waffe. »Okay, Lor, hör mir zu. Diese Tür wird sich in einer Minute öffnen. Mehr als alles andere möchte ich einen Freund von mir hier rausholen. Aber hier sind drei Babys drin und du mußt sie mit dir rausnehmen. Kannst du das für mich tun?«

»Aber …«

»Kannst du das für mich tun?«

Lorimer stand auf und nickte. »Ich liebe dich, Ell«, sagte sie.

Elliot strich ihr übers Haar. »Ich liebe dich auch.«

Er sagte nicht, daß er nicht glaubte, daß sie lange genug lebten, um diese Liebe zu genießen.

Elliot stand auf und bereitete sich auf seinen Angriff vor. Er wartete länger als eine Minute. Dann wurde ihm klar, daß er seine Chance nicht bekommen würde. Die Tür würde sich nicht öffnen.

Ein Alarm am Lastenaufzug, der zum Komplex führte, signalisierte, daß übriggebliebenes Essen auf dem Rückweg war. Elliot hörte einige Sekunden stumm zu, dann verstand er, was das bedeutete.

Das erste Kind war bereits drin und heulte sich die Augen aus.

Alles was bleibt, ist die Zukunft, dachte er, und reichte den drei Monate alten Jungen zu Lorimer hinüber. Das zweite war ein Mädchen, vielleicht gerade mal fünf Wochen alt. Das dritte, noch ein Junge, war wohl etwa sechs Monate alt.

Elliot trug zwei und Lorimer hielt das dritte. Sie stürzten auf den jetzt taghellen Parkplatz, wo Schutzengel Lorimers Winken sah und landete, um sie zu holen.

Utopia begann zu explodieren. Nein, das stimmte nicht, dachte Elliot. Es hatte niemals existiert und würde niemals existieren.

Sie waren weit genug entfernt, so daß sie von der Druckwelle nicht getroffen wurden; die Explosion war sehr stark, ihre Trümmer bedeckten das ganze Gebiet.

Als Stokowski und Workman sie an Bord nahmen, warnte Guerdon Freundlichen Himmel durch das Funkgerät wiederholt, die Landung abzubrechen.

Mit dem letzten Überlebenden an Bord, stieg Schutzengel kläglich in den morgendlichen Himmel hinauf.

Einige Minuten später spielte Sergeant Workman die letzte Übertragung aus Utopia auf seinem Monitor ab. Elliot sah Phillip, der »laissez-faire« mit seinem Ring buchstabierte, nachdem er das letzte Kind herausgereicht hatte.

KAPITEL 24

Die Revolution begann noch am selben Tag.

Kurz nach Mittag wachten sie durch ein hartnäckiges Klopfen an ihrer Apartmenttür auf. Nach einer Weile löste sich Elliot, der viel zu wenig geschlafen hatte, von Lorimer, zog sich Unterhosen an und schaffte es, ins Wohnzimmer hinüber zu tapsen. Er öffnete die Tür einen Spalt breit. Es war Mr. Ferrer, der einen versiegelten Umschlag für ihn hatte. Elliot nahm den Umschlag und bedankte sich.

Er brach das Siegel auf und fand die folgende Nachricht:

Merce Rampart möchte euch beide heute treffen.

Bitte seid um 14:00 Uhr in meinem Büro in Ansonia. Wichtig.

Benjamin Harper

Elliot las die Notiz zwei Mal, ging dann ins Schlafzimmer zurück und reichte sie Lorimer.

Eine Stunde später aßen Elliot und Lorimer, geduscht und angezogen, einen schnellen Brunch, während das Fernsehen sie auf den neuesten Stand brachte. Die Ablehnung des Neuen Dollar durch EUCOMTO hatte, aufgebauscht durch die grauenhaften Neuigkeiten aus Utopia, das befürchtete Chaos ausgelöst.

Der Zentralbankrat hatte angeordnet, alle angeschlossenen Banken »für die Dauer der Notfallsituation« zu schließen. Die Wertpapierhandelsaufsicht hatte ebenfalls jeglichen Handel »für diese Dauer« ausgesetzt. Das FBI war aufgelöst worden und der Präsident hatte die Verhaftung von Lawrence Powers angeordnet. Der Präsident, der den Kongreß hinter sich hatte, hatte das Kriegsrecht verhängt.

Es änderte jedoch nicht viel. Lawrence Powers war untergetaucht. Drei Viertel des eingestellten Militärpersonals aus allen Bereichen hatten wilde Streiks begonnen und zwei Drittel der Streikenden waren desertiert und nach Hause gefahren. Der Revolutionäre Agoristische Kader hatte sich keiner ernstzunehmenden Gegenwehr gegenüber gesehen. Die objektiven Bedingungen für eine Revolution waren eingetreten, die Revolution war in vollem Gange.

Für einige ging es weiter wie bisher. Ein Werbespot erschien auf dem Fernsehbildschirm. Der selbe Fernsehserienschauspieler und seine Partnerin, die Elliot in der Bekanntmachung des öffentlichen Dienstes gesehen hatte, gingen jetzt in konservativer Kleidung in gesetzter Haltung durch eine Bank, wobei eine Kamera ihnen folgte. Elgars vierter »Pomp und Einzelheit« Marsch ertönte leise im Hintergrund.

Der Schauspieler begann mit ehrlicher Stimme: »Meine lieben amerikanischen Mitbürger. Wir bei der AnarchoBank tun alles, was wir können, um diese Notfallsituation zu beenden. Die meisten von Ihnen haben zur Zeit überhaupt kein Geld; kein Geld bedeutet keinen Handel und keine Geschäfte.«

»Unser wichtigstes Ziel«, sagte die Schauspielerin, »besteht darin, Ihnen neues Geld zur Verfügung zu stellen. Innerhalb von achtundvierzig Stunden werden wir voll funktionsfähige Geschäftsstellen eröffnen können, die in den wichtigsten Finanzzentren und Großstädten den Tausch von AnarchoBank Goldmünzen und Goldzertifikaten gegen eine bestimmte Menge leicht erhältlicher Waren anbieten werden. Außerdem werden denjenigen kurzfristige Kredite angeboten, die nicht in der Lage sind …«

»Wir sollten den Abwasch besser stehen lassen, bis wir zurück sind«, sagte Lorimer zu Elliot.

»Die Erste Anarchistische Bank und Vermögensgesellschaft«, schloß der Schauspieler. »Ein Neue Hoffnung für das Bankwesen.«

Auf den Straßen fuhren wieder gelbe Taxis, wenn auch von keiner der Gesellschaften, die Elliot kannte. Er winkte einen Checker mit einer aufgemalten schwarzen Flagge auf der Tür heran, auf der in weißen Buchstaben das Logo für »SCHWARZES BANNER TAXI« prangte. Auf der Tür unter dem Logo befand sich eine Preisliste:

2 AU Cents für die erste 1/3 Meile

1 AU Cent für jede weitere 1/3 Meile

1 AU Cent = 0,10 Eurofrancs, 1 US Silbergroschen, 1 Viertelvendy

Nachdem Lorimer eingestiegen war, folgte Elliot und bat den Fahrer, sie nach Ansonia zu fahren. Der Fahrer stellte den Zähler ein und nahm dann das Mikrophon. »Hier ist Schwarzes Banner 28. Hören Sie mich, Egotripper?«

»Zentrale an 28. Fahren Sie los.«

»Durch die Park West und die 70ste Straße.«

»Bestätigt, zwei acht. Nehmen sie dort jemanden auf.«

»Wird gemacht, Egotripper. Tschau, 28 Ende.«

»Hört sich nach einem guten Tag an«, bemerkte Lorimer.

»Und wie«, entgegnete er. »Ich war heute schon ein halbes Dutzend Mal in der Park West und der 70sten Straße. Na ja, man sollte es genießen, so lange es andauert.«

»Warum sollte es nicht andauern?«

»Machst du Scherze? Innerhalb von einer Woche werden alle Taxigesellschaften wieder auf der Straße sein. Es wird Preiskriege geben, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Und wenn dann erst mal die U-Bahnen und Busse wieder fahren …«

»Wer wird sie steuern?« fragte Elliot. »Die Stadt ist pleite. Es gibt kein offizielles Geld. Wer wird die Angestellten für die öffentlichen Verkehrsmittel bezahlen?«

»Fragt mich nicht«, sagte der Fahrer. »Alles was ich weiß, ist, daß hier ein Vermögen an Ausstattung einfach nutzlos rumsteht und daß irgend jemand schon seinen verdammten Nutzen daraus ziehen wird.«

Zwischen der 69sten und 70sten Straße, dem Block, in dem sich Ansonia befand, hatte ein Kontingent der New Yorker Stadtpolizei, immer noch in blauen Uniformen, doch jetzt mit der roten SICHERHEITS-Armbinde des Kaders um den Arm, den Weg zu diesem Teil des Central Park West mit Barrikaden versperrt.

Es handelte sich nicht um eine Aktion der Anwohner, sondern eher um einen zeitweiligen Notbehelf. In der Straße warteten in Reihen ungefähr zweitausend Personen, die ehemals zum Militär der Vereinigten Staaten gehörten, darauf, in den Untergrund und raus aus der Kälte zu gelangen. Die meisten trugen, wie ganzseitige Zeitungsanzeigen angekündigt hatten, Uniformen, von denen die Abzeichen entfernt worden waren; persönliche Waffen hingen über ihren Schultern, an ihren Füßen lag ihre Ausrüstung. Sie hatten einem Vertrag zugestimmt, der ihnen Unterkunft und Verpflegung versprach, mit wöchentlicher Bezahlung in Gold bei Löhnen, je nach Stellung, zwischen vier Gramm pro Woche in der Infanterie und fünfzehn Gramm für einen Ingenieur.

Es gab keine Steuern oder andere Abzüge.

An einer Fahnenstange bei der Nummer 90 hing eine schwarze Flagge über der Straße. Sie war auf Halbmast gehißt.

Elliot und Lorimer liefen an dem jetzt nicht mehr zugemauerten Eingang zum immer noch nicht fertiggestellten Central Park Shuttle vorbei, passierten die lange Militärschlange und gingen dann hinunter, wo sie an einem weiteren Schild vorbeikamen.

AURORA KOMMANDO

REVOLUTIONÄRER AGORISTISCHER KADER

Die beiden wurden am Schuleingang von bewaffneten Kaderwachen angehalten. Elliot sagte ihnen, wer sie waren und daß sie erwartet würden. Ein Wachmann überprüfte einen Terminplan und nickte. Sie waren fünfzehn Minuten zu früh.

Das Pärchen wurde zwanglos zum Büro des stellvertretenden Direktors im ersten Stock eskortiert, aber er war nicht da. Sie nahmen Platz und Elliot erhob sich ein paar Minuten später, als Mr. Harper eintrat.

»Elliot … Ms. Powers«, sagte er, während er ihnen die Hand gab. »Wir haben noch ein paar Minuten Zeit zum Reden, bevor unser Treffen planmäßig beginnt …«

Elliot und Harper setzten sich. Elliot nickte langsam und sagte: »Also war Ansonia die ganze Zeit über eine Kaderinstitution.«

Harper erlaubte sich ein halbes Lächeln. »Nun ja, eine Institution in dem Sinne, daß die Schule einen Kadersitz verbarg, denn Aurora war in dem darunter liegenden U-Bahntunnel gebaut worden, aber Ansonia selbst hat niemals agoristische Ideen propagandiert. Das wäre das letzte gewesen, was wir gewollt hätten. Jede Front muß, um effektiv zu sein, die Aufmerksamkeit von ihrem eigentlichen Zweck ablenken. Also hielten wir uns an eine Politik der ideologischen Neutralität. Allerdings sahen wir von den standardmäßigen ›staatsbürgerlichen‹ Indoktrinationen ab. Und vielleicht haben wir etwas mehr Wert als gewöhnlich auf logische und klare Definitionen gelegt – ganz schön gefährliche Ketzerei, findest du nicht?«

Elliot nickte.

»Dr. Fischer und ich hatten uns zur Politik gemacht, keine Kaderverbündeten als Lehrer einzustellen. Selbst ohne politische Linie ist es immer zu gefährlich, da intellektuelle Inzucht tödlich für akademische Untersuchungen ist. Also haben wir zumindest versucht, eine klar staatsgläubige Philosophie auszusieben. Wir waren jedoch nicht immer erfolgreich.«

»Mrs. Tobias«, sagte Elliot.

Harper nickte. »Nicht daß sie uns nicht sofort Hinweise gegeben hätte. Ich glaube nicht, daß sie etwas von unserer Kaderzugehörigkeit ahnten, als das FBI sie hier einsetzte.«

»Aber warum …?«

»Sie war hier, um dich zu überwachen.«

Elliot starrte Harper an.

»Sie war hier, um Informationen über dich und deine Familie einzuholen, die die Verwaltung gegen deinen Vater verwenden wollte.«

»Der Mikrofilm?« fragte Lorimer.

Harper nickte. »Während ihrer Arbeit hier«, fuhr er fort, »fügte das FBI die Informationen aus ihren Berichten zusammen und kam langsam zu dem Schluß, daß Ansonia eine Kaderinstitution sein mußte.«

»Aber, wenn sie alles über Ansonia wußten, warum haben sie dann nicht eingegriffen?«

»Du vergißt, daß du selbst während dieses Eingreifens aus Aurora evakuiert wurdest, und zwar letzten Samstag um 18:30 Uhr, genauso wie es in dem Mikrofilm geplant war, den Ms. Powers uns am Freitag gab. Mrs. Tobias kündigte am letzten Mittwoch morgen und gab die unterschiedliche Auffassung von Politik als Entschuldigung an. Das war jedoch nur der Abschluß der Vorbereitungen des FBI auf diesen Überfall.«

»Warum haben sie bis zum Wochenende gewartet?«

»Aus dem einfachen Grund, daß Aurora während der Woche nicht in Betrieb war. Es wären keine Händler dagewesen, die man hätte festnehmen können.«

Harper wandte sich an Lorimer. »Ansonia wird am nächsten Montag den Betrieb wieder aufnehmen«, sagte er zu ihr. »Wir können uns deine Zeugnisse schicken lassen, wenn du deinen Abschluß hier machen möchtest.«

Lorimer sah überrascht aus. »Das würde ich sehr gerne.«

»Gut«, sagte Harper. »Ich werde euch beide am Montag um 9:00 Uhr erwarten, pünktlich.«

Er sah auf seine Uhr und stand auf. »Sollen wir gehen?«

KAPITEL 25

Mr. Harper führte das Pärchen zu einer Tür, von der Elliot stets geglaubt hatte, daß sie zu einem Wandschrank des Hausmeisters führen würde. Harper steckte einen Schlüssel rein und öffnete die Tür. Dahinter befand sich ein Fahrstuhl. Es war der selbe Fahrstuhl, den Elliot und Lorimer ausprobieren wollten, als sie von dem Kaderwachmann erwischt worden waren. Sie stiegen ein und Mr. Harper schob seinen Schlüssel in die Kontrolltafel.

Elliot sah auf die Tafel. »Einen Moment«, sagte er. »Dieser Fahrstuhl zeigt zehn Stockwerke, aber das Gebäude hat nur fünf.«

Mr. Harper lächelte etwas.

Elliot sah empört aus. »Tatsächlich Hochsicherheitsstockwerke.«

Als die Fahrstuhltüren sich wieder öffneten, befanden sie sich im Terminalstockwerk von Aurora. Harper erklärte, daß dieses sich im Keller des Gebäudes befand. Er führte die beiden zur Sicherheitsnische, führte eine Photoplakette in eine Konsole auf dem leeren Tresen ein und drückte zweimal auf einen Knopf. Eine verborgene Wandplatte in der Nische glitt zur Seite, wobei sie den Blick auf einen zweiten Korridor frei gab. Elliot bemerkte, daß, abgesehen von einer Richtungsänderung, der Aufbau derselbe war wie in Auld Lang Syne.

Nachdem er seine Plakette wiederhatte, ging Harper vor Elliot und Lorimer die hundert Meter bis zur Stahltür. Als er seine Plakette einführte, glitt sie auf.

Elliot sah über die Schwelle. »Dad?«

Jenseits der Tür befand sich ein Vorzimmer zu mehreren Büros, die identisch mit dem in Auld Lang Syne waren, nur daß sie komplett ausgestattet waren. Darin saßen Dr. Vreeland, Jack Guerdon und die Direktorin von Ansonia, Dr. Fischer.

Elliot sah zuerst nur seinen Vater. »Wie bist du hierher gekommen?« fragte er. »Sind Mom und Denise auch hier? Sie waren nicht in Utopia.«

Dr. Vreeland sah seinen Sohn ernst an. »Sie sind nicht bei mir. Ich weiß nicht, wo sie sind … abgesehen davon, daß sie sich wahrscheinlich immer noch in staatlichem Gewahrsam befinden. Wie ich hierhergekommen bin? Dave Albaugh hat als Vermittler agiert.«

»Aber warum …?«

Harper berührte Elliot am Arm. »Darum geht es hier doch die ganze Zeit.«

Elliot sah auf und erblickte Jack Guerdon und Dr. Fischer. Er tauschte zuerst ein Nicken mit Guerdon aus und sagte dann: »Wann ist die Beerdigung?«

»Morgen früh um 9:30 Uhr«, entgegnete Guerdon. »Du wirst die Grabrede für Phillip halten, ich die für Chin.«

Elliot nickte und wandte sich dann an seine Direktorin. »Hallo, Dr. Fischer«, sagte er müde.

»Elliot«, erwiderte sie sanft. »Es tut mir leid, daß wir uns schon wieder unter so unglücklichen Umständen treffen.« Sie wandte sich an Lorimer. »Ich nehme an, Sie sind Ms. Powers?«

Lorimer nickte.

»Gut, dann sind alle hier«, sagte Harper. »Wir sollten jetzt zum Geschäftlichen übergehen.«

»Ich dachte, Merce Rampart sollte auch hier sein«, sagte Elliot.

Dr. Fischer führte ihn in das Konferenzzimmer. »Merce Rampart ist bereits hier«, sagte sie und nahm auf einem Stuhl am Tischende Platz. »Sollen wir anfangen?«

Nachdem sie allen, die wollten, Kaffee eingeschenkt hatte, bediente sie sich selbst und wandte sich dann an Elliots Vater. »Dr. Vreeland, Sie sind die erste Person, die jemals Aurora betreten hat, ohne vorher einen Vertrag mit uns abzuschließen. Jeder andere auf dieser Konferenz ist vertraglich verpflichtet, unsere Geheimnisse zu wahren. Aber wenn Sie hier herausgehen, haben wir keine Möglichkeit, außer Methoden, die wir niemals anwenden würden, ihre Verschwiegenheit sicherzustellen. Dennoch müssen wir sicher sein, wenn wir unsere mögliche Zusammenarbeit besprechen wollen.«

»Sie haben mein Wort«, sagte Dr. Vreeland. »Was ich hier höre, wird den Raum nicht verlassen.«

»Ich danke Ihnen, Professor. Wie Sie vermutlich schon wissen, werden wir in etwa einer Stunde unsere erste Nachrichtenkonferenz abhalten. Das wird das erste Mal sein, daß unsere Organisation offiziell auf Sendung geht. Wir möchten, daß Sie dabei sind und auf der Konferenz öffentlich bekanntgeben, daß ihr vermeintlicher Tod nur eine Verteidigungsmaßnahme gegen die Angriffe der Regierung gegen ihre Familie war und daß Ihre Frau und Tochter von ihr entführt worden sind, um Sie zur Zusammenarbeit zu zwingen.«

»Sie wissen, was für ein Risiko ich eingegangen bin, indem ich hierher kam«, sagte Dr. Vreeland und legte professoral seine Fingerspitzen leicht aneinander. »Es ist durchaus möglich, daß ich, nur durch die Weigerung, meine Vereinbarung mit der Administration einzuhalten, meine Frau und meine Tochter bereits zum Tode verurteilt habe. Muß ich das wirklich noch sicher machen, indem ich mich öffentlich zu Ihrer Organisation bekenne?«

»Wenn Sie wirklich so fühlen, Dr. Vreeland, warum sind Sie dann …?«

»Sie wissen warum«, sagte Dr. Vreeland wütend. »Ich kann keinen Vertrag mit Mördern einhalten … egal, welche Opfer es persönlich für mich bedeutet.«

»Ich hätte nichts anderes von Ihnen erwartet«, antwortete Dr. Rampart. »Aber die Opfer werden das Leben Ihrer Frau und Ihrer Tochter wahrscheinlich nicht einschließen. Ob das Lösegeld bezahlt wird oder nicht – in diesem Fall ist Ihre Zusammenarbeit das Lösegeld – hat bei einer Entführung nichts mit dem zukünftigen Verhalten der Entführer zu tun, da es immer von ihren gegenwärtigen Interessen abhängt.«

Lorimer nickte. »Offizielle Statistiken haben gezeigt, daß für das Opfer die Chance einer Freilassung gleich bleibt, ob das Lösegeld bezahlt wurde oder nicht.«

»Und Sie glauben«, sagte Dr. Vreeland, »daß eine öffentliche Bekanntgabe der Entführung die Administration dazu bringen könnte, Cathryn und Denise freizulassen?«

»Ja«, sagte Dr. Rampart, »wenn bei denen im Lager auch nur noch ein Fünkchen Verstand vorhanden ist. Diese Verwaltung ist in der prekärsten politischen Lage in der ganzen Geschichte dieses Landes. Obwohl es vollkommen unwahrscheinlich ist, daß sie ihre Herrschaft retten können, wollen sie vielleicht wenigstens ihren Kopf retten. Es liegt ein blutrünstiger Geist in der Luft.«

»Dr. Vreeland«, sagte Guerdon, »diese Revolution war die ganze Zeit ein Krieg der Propaganda und der Gegenpropaganda. Die Greueltat von Utopia hat der Regierung gerade die schlechteste Publicity gebracht, die möglich ist. Die Gruppe, oder Gruppen, die die öffentliche Ordnung in solch chaotischen Zeiten gewährleisten, werden Anhänger finden – vielleicht die kritische Mehrheit. Ich bezweifle, daß die Regierung in dieser Zeit als gesetzlos erscheinen möchte. In der Vergangenheit hat es die Regierung vorgezogen, mit einer Pistole in der Hand zu verhandeln. Wegen der Militärstreiks hat sie diese Möglichkeit aber nicht mehr. Wenn sie jetzt die Unterstützung der Menschen brauchen, müssen sie auch die zivilisierten Methoden von Menschen anwenden. Die Chance, die Ihre Frau und Tochter zu diesem Zeitpunkt haben, liegen bei unserer Fähigkeit, die Herrschenden dazu zu bringen, das zu verstehen. Und was wir auch von Ihnen denken, ich glaube nicht, daß sie weniger analytisch vorgehen als wir.«

»Selbst wenn das so wäre«, sagte Dr. Vreeland, »warum sollte ich auf Ihrer Pressekonferenz erscheinen und mich zum Kader bekennen?«

»Darf ich so unhöflich sein, Sie darauf hinzuweisen«, sagte Harper, »daß Sie durch die Verbindung Ihres Sohnes zu dieser Schule, zumindest aus Sicht der Regierung, bereits mit dem Kader in Verbindung gebracht werden? Der Unterschied zwischen radikal und revolutionär ist höchstens ein esoterischer, der nur von den Beteiligten und einigen anderen verstanden wird. Erwarten Sie nicht, daß Lawrence Powers die Unterschiede unserer Philosophien versteht. So lange Sie die Reformierung des Staates, an Stelle seiner Abschaffung – so wie wir es tun – befürwortet haben, wurden Sie geduldet, vielleicht sogar als konterrevolutionär betrachtet. Tatsächlich wäre die Regierung ohne Ihre Unterstützung der gemäßigten Bürger für eine freie Gesellschaft vielleicht schon vor Monaten gestürzt worden. Bleiben Sie ruhig, und die Regierung stürzt auch so … vielleicht entscheiden sie sich, Ihre Frau und Tochter, als Rache mit sich in die Tiefe zu reißen. Bekennen Sie sich öffentlich zu uns und beschuldigen sie sie der Entführung … vielleicht geben sie dann klein bei.«

In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein grauhaariger Mann in Kaderuniform trat ein. Elliot erkannte ihn als den Mann auf dem Bildschirm, der den R-Alarm bekanntgegeben hatte. Er ging zu Merce Rampart und sagte: »Wir haben zwei gefunden.«

Sie nickte. »Darf ich Ihnen unseren Sicherheitschef, Ron Daylutan, vorstellen? Dr. Vreeland, sein Sohn und Ms. Powers.«

»Schön, Sie kennenzulernen.«

»Beschreibungen?« fragte Dr. Rampart.

»Sehr professionelle Arbeit. Sie hätten das halbe Gebäude in die Luft gejagt. Ich vermute, daß sie ein Geschenk der CIA sind – das ist deren Arbeitsstil.«

»Besteht die Möglichkeit, daß noch mehr hier sind?«

Daylutan schüttelte den Kopf. »Ich würde mein Leben darauf verwetten.«

Sie lächelte. »Das haben Sie bereits.«

»Oh, ich werde es noch einmal überprüfen.«

Der Sicherheitschef verließ den Raum und die Tür schlug hinter ihm zu.

»Verdammte Terroristen«, sagte Guerdon. »Ich weiß nicht, wohin das in diesem Land noch führen soll.«

»Ich verstehe das nicht«, sagte Elliot. »Warum sollte die CIA sich jetzt einmischen? Sind sie nicht genauso erledigt wie der Rest der Regierung? Keine Steuereinnahmen, keine offizielle Währung, um die Angestellten zu bezahlen.«

Mr. Harper schüttelte den Kopf. »So viel Glück haben wir leider nicht. Sie sind sehr aktiv und werden es auch noch eine ganze Weile bleiben, obwohl sie natürlich etwas weniger Macht haben werden. Zusätzlich zu privaten geschäftlichen Interessen, die die CIA sowohl hier als auch im Ausland hat, wird sie weiterhin von denen unterstützt werden, die aufgrund ihrer Privilegien am meisten vom Staat abhängig sind.«

Merce Rampart wandte sich an Dr. Vreeland: »Nun, Professor?«

Dr. Vreeland trommelte auf den Tisch. »Ich muß wissen, wo Sie stehen«, sagte er, »und was Sie vorhaben. Wollen Sie eine Verfassung schreiben? Wollen Sie allgemeine Wahlen abhalten? Wollen Sie eine ›zeitweilige wohlwollende Diktatur‹? – oh, natürlich eine äußerst anarchistische. Wie steht es mit Ihrer Außenpolitik?«

»Es ist die Politik des Revolutionären Agoristischen Kaders, mit Ausländern zu verhandeln«, sagte Dr. Rampart. »Vorausgesetzt sie wollen auch mit uns verhandeln. Ihre anderen Fragen setzen voraus, daß wir eine Regierung sind oder werden möchten. Aber wir sind Agoristen: Kapitalistische Anarchisten. Unser gegenwärtiger Wohlstand ist entstanden, weil wir die agoristischen Prinzipien befolgt haben, und wir werden sogar noch größeren Wohlstand erwerben, wenn die agoristischen Prinzipien allgemein übernommen werden. Warum sollten wir die wirksamen Marktprinzipien zugunsten von Herrschaftsprinzipien aufgeben, die eine Gesellschaft nach der anderen in den Ruin getrieben haben?«

»Ich möchte hier nicht die elementare libertäre Theorie diskutieren«, sagte Dr. Vreeland. »Ob Sie sich Regierung nennen oder nicht, Sie sind eine riesige Organisation mit ideologischen Komponenten, die ein Militär aufbaut und ein natürliches Monopol auf all die wichtigen Funktionen zu haben scheint, die traditionell von Regierungen ausgeführt wurden.«

»Leider ist unser Vorstand in diesem Punkt nicht so optimistisch wie Sie. Wir rechnen mit starker Konkurrenz – sofort durch Einrichtungen wie die CIA, später durch Schutzkonsortien, unabhängige Milizen, Gewerkschaften und gegenrevolutionäre Bewegungen, die alle genausoviel Macht haben werden wie wir.”

»Und was wird diese Gruppen davon abhalten, sich gegenseitig anzugreifen?«

»Was hält alles, was genau so aggressiv ist wie Regierungen, vom Kriegführen ab, außer einer realistischen Einschätzung der Lage und der schließlichen Einsicht der herrschenden Parteien, daß ihnen friedlicher Handel mehr einbringt als teure Kriege? Warum sollte man sich so verhalten, daß alle verlieren, wenn genausogut alle gewinnen können? Aber selbst wenn diese Gruppen miteinander kämpfen sollten, bezweifle ich, daß es so chaotisch und zerstörerisch zugehen würde, wie in den Kriegen, an denen Staaten beteiligt sind. Ohne territoriale Grundlage, Kriegsabgaben und Wehrpflicht, würde die Mehrzahl der Menschen nicht mehr in jeden einzelnen Konflikt mit einbezogen werden. Wir können uns in diesem Zeitalter des potentiellen totalen Holocaust nichts anderes mehr leisten.«

»Ja«, sagte Dr. Vreeland, »aber wie lange wird Ihr Kader – Ihr Agora – überleben?«

Merce Rampart lehnte sich in Ihrem Stuhl zurück und lächelte.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, sagte sie.

KAPITEL 26

Sobald Dr. Merce Rampart und Dr. Martin Vreelnd, dicht gefolgt von Jack Guerdon und Elliot, die Schulcafeteria betraten, die jetzt mit Medienvertretern vollgestopft war, leuchteten die Blitzlichter der Kameras auf. Die vier nahmen vorne an einem Tisch Platz und blickten die Reporter, Fernsehkameras und Halogenstrahler an. Weder die Halogenstrahler noch die Blitzgeräte waren aus technischer Sicht für eine gute Farbwiedergabe notwendig; sie waren nur da, damit jeder bemerkte, daß dies hier ein wichtiges Ereignis war. Ein lautes Gemurmel füllte den Raum, als sie eintraten – Dr. Vreelands Gesicht war ebenso bekannt wie Dr. Ramparts Gesicht unbekannt war. Merce Rampart wartete, bis es leiser wurde und die Fotografen sich beruhigt hatten, damit sie beginnen konnte.

Mr. Harper führte Lorimer zu einem Sitz im hinteren Teil des Raumes, vor dem sich noch ein leerer Sitz befand, so daß sie gut sehen konnte. Nach einer kurzen Diskussion mit Jack Guerdon hatte Merce Rampart vorgeschlagen, Lorimer im Hintergrund zu halten, für den Fall, daß sie ein Kadermitglied werden wollte.

»Guten Tag, meine Damen und Herren«, begann Dr. Rampart und ihre Stimme hallte durch den ganzen Raum. »Herzlich Willkommen zur ersten Nachrichtenkonferenz des Revolutionären Agoristischen Kaders. Ich bin die Vorsitzende des Kadervorstands, Merce Rampart.«

Wiederum wurde Gemurmel laut und Blitzlichter leuchteten auf; mit dieser Vorstellung waren die weitverbreiteten Meinungen über Merce Ramparts Identität zunichte gemacht worden.

»Ich möchte Sie gerne mit den anderen hier Anwesenden bekannt machen«, versuchte sie, den Lärm zu übertönen. »Zu meiner Rechten sitzt General Jack Guerdon, Kommandant der Guerilla-Streitkräfte … und ich habe bemerkt, daß Sie alle einen Mann erkannt haben, von dem wir schon dachten, daß er nicht mehr unter uns weile, zu meiner Linken der geschätzte Wirtschafts-Nobelpreisträger, Dr. Martin Vreeland mit seinem Sohn Elliot.«

Es gab kräftigen Applaus.

»Wenn Sie nichts dagegen haben«, fuhr sie fort, »werde ich keine Bemerkungen zu unseren Zielen und Vorstellungen machen und mich auf die Faltblätter berufen, die Sie zuvor erhalten haben. Nach den Stellungnahmen von General Guerdon, Dr. Vreeland und Elliot stehen wir Ihnen für Fragen zur Verfügung. General?«

Guerdon räusperte sich. »Ich werde mit unseren Informationen über die militärische Situation in diesem Land beginnen. Sie wissen bereits, daß die militärischen Streiks seit heute Morgen immer größere Ausmaße annehmen. Da es keine offizielle Bestätigung der Gerüchte gibt, wissen Sie vielleicht nicht, daß mit Beginn der Streiks Offiziere in ungefähr 20 Prozent der militärischen Einrichtungen – fast die Hälfte sind Marinestützpunkte – sofortige Erschießungen der Streikenden angeordnet hatten.«

Es dauerte fast eine Minute, bis es ruhig genug war, daß Guerdon fortfahren konnte.

»Berichten zufolge«, fuhr er fort, »sind 68 Prozent dieser Offiziere selbst umgebracht worden, die anderen konnten erfolgreich fliehen. Die Streikenden haben zur Zeit die Kontrolle über etwa ein Fünftel der Militärkommunikationssysteme, Boden- und Lufttransportsysteme, Marineflotten, Munitions- und Kraftstofflager, weitere zwei Fünftel wurden sabotiert. Die Computernetze des Taktischen Luft-Kommandos sind hoffnungslos überlastet. Das Strategische Luft-Kommando scheint eine Ausnahme zu bilden, weil sich das Personal geweigert hat, die Regierung ohne nukleare Vergeltungsmöglichkeiten zu lassen. Sympathiestreiks lähmen die Nationalgarden in 33 Staaten. Wenige Reservisten konnten erfolgreich eingezogen werden. Und besonders bemerkenswert bei all dieser revolutionären Aktivität«, sagte Guerdon, »ist die Tatsache, daß wir nichts damit zu tun haben.«

Es gab sehr gemischte Reaktionen von Seiten der Presse – Lärm, Ärger, Rufe und Gelächter.

»Jetzt«, fuhr Guerdon fort, »kommen wir zu unseren eigenen Operationen und Plänen. Erstens. Wir waren für die Freigabe der Kommunikationseinrichtungen der letzten Nacht und ihre Herauslösung aus der staatlichen Kontrolle verantwortlich. Zweitens. Die Kaderkräfte stehen Gemeinden und Unternehmen zur Verfügung, die uns um Unterstützung gegen Plünderungen und Vandalismus bitten. Drittens. Der Revolutionäre Agoristische Kader ist heute zu einer Atommacht geworden, indem er vier 100-Kilotonnen Anlagen eingesetzt hat.«

Hörbare Wellen des Entsetzens klangen durch die Halle.

»Nur eine«, fuhr Guerdon lautstark fort, »wurde zur Detonation gebracht, harmlos im Pazifik, so daß aufgezeichnet werden konnte, daß wir nukleare Macht haben. Die anderen drei Anlagen waren nur Hülsen ohne Plutonium, die in fernen Militärstandorten in Rußland, China und EUCOMTO installiert wurden, wo die Zivilbevölkerung Zeit gehabt hätte, sich selbst zu schützen. Wir haben den Sicherheitsbehörden detaillierte Angaben über diese Standorte überlassen und vermutlich haben sie sie inzwischen gefunden. Wir werden natürlich nicht preisgeben, wie die Geräte installiert wurden. Aber ich glaube, der Punkt ist klar. Ich wünsche keine fremde Militärintervention in amerikanische Angelegenheiten.«

Guerdon machte eine Pause, damit die Leute diesen Punkt verdauen konnten und fuhr dann fort: »Im Inland werden wir nur eine kleine feste Armee beschäftigen, insgesamt 55.000, wovon die ersten 10.000 bereits vom Kader eingezogen worden sind. 45.000 Personen bezahlten Personals, die Elite aus allen militärischen Zweigen, werden von unseren drei Kaderbereichen angestellt werden.

Unsere Kräfte werden natürlich ausschließlich zur Verteidigung unserer Kunden und deren Eigentum eingesetzt. Jeder, der sich über uns beschweren möchte, muß nur bei den Schlichtern, denen wir unterliegen, Klage gegen uns erheben.

Was am wichtigsten ist, wir werden jedem Mann oder jeder Frau, die sich bei uns als Reservisten verpflichten und dann nach Hause gehen können, ein Vierteljahresgehalt in Gold bezahlen. Diese Politik wird ein halbes Dutzend Probleme auf einmal lösen, nicht zuletzt den Bedarf, der Wirtschaft schnell stabiles Kapital zuzuführen.«

Guerdon nickte der Vorsitzenden zu, daß er fertig war.

»Vielen Dank, General«, sagte sie. »Dr. Vreeland?«

Dr. Vreeland sah das Publikum an. »Die meisten von Ihnen«, begann er, »werden sich zweifellos gefragt haben, warum ich hier sitze, wenn ich doch tot bin.« Er wartete das Gelächter ab. »Zuerst möchte ich Ihnen erklären, daß mein vermeintlicher Tod Teil eines Planes war, um die Flucht meiner Familie aus dem Land zu ermöglichen. Ich hatte erfahren, daß unser Name auf einer schwarzen Liste von Personen stand, die das FBI verhaften wollte. Ich wollte diese Verhaftung verhindern.«

Dr. Vreeland holte Luft. »Mein Plan funktionierte jedoch nicht. Meine Frau und meine Tochter wurden in der Todesfalle, die heute Morgen in die Luft flog, eingesperrt und, durch Glück oder göttliche Fügung, kurz vor der Elimination wieder herausgeholt. Aber ich weiß immer noch nicht, wo sie sind … oder ob sie überhaupt noch am Leben sind … ich weiß nur, daß sie noch nicht wieder bei mir sind. Bezüglich der Motive der Entführer lasse ich Sie ihre eigenen Schlüsse ziehen.

Lassen Sie mich zum Schluß noch sagen, daß zur Zeit der Verhaftung weder ich noch irgendein Mitglied meiner Familie subversive Gedanken hegten. Ich würde sagen, daß ich jetzt, zu diesem Zeitpunkt, diesen Begriff von ganzem Herzen einsetzen würde.«

Nachdem der Applaus nachgelassen hatte, wandte sich Dr. Rampart an Elliot.

Elliot begann zu sprechen, fühlte seinen trockenen Hals und trank einen Schluck Wasser. »Tja, es gibt nicht mehr viel hinzuzufügen«, schloß er. »Sie haben alle die Bänder darüber gesehen, was in Cheshire passiert ist. Ich war dort. Ich habe dort meinen besten Freund verloren, einen Schüler dieser Schule.« Er machte eine Pause um zu schlucken. »Seine letzte Handlung war, drei Kleinkinder herauszugeben, die einzigen Gefangenen, die überlebt haben. Alles was ich noch sagen kann, ist, daß es von Ihnen abhängt, in was für einer Welt sie leben werden. Wenn das hier eine Revolution ist, dann sollten wir sie nicht wieder vermasseln.« Er machte eine kleine Pause. »So, ich glaube, das wärs.«

»Vielen Dank, Elliot«, sagte Dr. Rampart. »Wir stehen Ihnen jetzt für Fragen zur Verfügung.«

Sie erkannte Frieda Sandwell, die sich als Repräsentantin für das ABC Fernsehen vorstellte: »Dr. Rampart, da es im Moment so scheint, daß Sie Ihre Revolution gewonnen haben, könnten Sie uns sagen, was Ihr Kader mit den Millionen von Staatsbeamten vorhat?«

»Wir haben nicht vor, irgend etwas mit ihnen oder gegen sie zu ›machen‹«, entgegnete sie. »Obwohl ich die Regierungsangestellten zu den größten Opfern des Staates rechne – da sie durch die Zerstörung der Marktmechanismen in leblose Bürokratien gezwungen wurden – hat der Kader keine unbeschränkten Mittel zur Verfügung und kann nicht über Nacht eine Wirtschaft wieder aufbauen, für deren Zerstörung die Regierung ein Jahrhundert gebraucht hat. Trotzdem können wir einen Ansatz vorbringen, durch den die Regierungsangestellten ihre eigenen Beschäftigungsprobleme lösen können.«

Frieda Sandwell fragte sarkastisch: »Würden Sie uns Erleuchtung bringen?«

»Natürlich«, antwortete Dr. Rampart und nahm die Frage durchaus ernst. »Mit Ausnahme der Regierungsangestellten, die keine nützlichen Dienste anbieten – Steuereintreiber, Regulierer und so fort – raten wir ihnen, ihre Büros für von der Regierung unabhängig zu erklären und sich in freien Konsortien zu organisieren. Den Angestellten und Pensionären könnten Anteile zugeteilt werden und die so entstehenden Aktiengesellschaften könnten dann professionelle Manager einstellen, um der Unternehmung eine profitable Basis zu verschaffen. Ich kann mir das bei Postangestellten, städtischen Dienstleistungen, Bibliotheken, Universitäten, öffentlichen Schulen usw. vorstellen.

Was diejenigen Beamten angeht, deren Jobs nicht zu vermarkten sind, gehe ich davon aus, daß die meisten über Kenntnisse in der Buchhaltung, der Verwaltung, im Computerwesen, im Rechtsbereich usw. verfügen, so daß sie sich sofort den Marktansprüchen anpassen könnten. Das ist die Grundidee. Es liegt jetzt an denen, die das Interesse haben, sie zu nutzen oder mit einer besseren aufzuwarten.«

Dr. Rampart bemerkte Carey Sanford von Liberation: »Ist der Revolutionäre Agoristische Kader ein Freund oder Feind der Korporationen?«

»Ein Feind. Die agoristische Theorie erkennt an, daß die meisten Übel, die dem Kapitalismus zugeschrieben werden, tatsächlich existieren, aber sie sind durch die historische Zusammenarbeit der Privatindustrie mit den Regierungen entstanden. Eine extreme Form davon ist der Faschismus.«

»Aber ist der Kader selbst nicht auch eine Korporation?«

»Aber nein. Wir sind eine Aktiengesellschaft, in der alle Profite automatisch reinvestiert werden, um das Geschäftskapital zu maximieren – ein Rückstellungs-Unternehmen, wenn Sie so wollen. Korporationen sind Gebilde, die vom Staat geschaffen wurden und zwei Privilegien haben, die sie vor den Marktzwängen schützen. Erstens ist die Haftung der Korporation für Schäden, die sie anderen zufügt, automatisch eingeschränkt; und zweitens, wird die Verantwortung von den Einzelpersonen auf eine fiktive Einheit verschoben. Jedes der Kadermitglieder ist voll für seine Taten verantwortlich, obwohl die Haftung versichert werden kann.« Sie sah eine andere Hand. »Ja?«

»Alan O’Neill, Time Magazin. Wer wird für die Highways verantwortlich sein?«

»Warum fragen Sie mich? Ich würde vorschlagen, daß Sie mit der Amerikanischen Automobil Vereinigung Kontakt aufnehmen.«

Während des Gelächters rief Dr. Rampart Halpern Sinclair von der Washington Post auf: »Dr. Vreeland, ist Ihre heutige Anwesenheit hier ein Zweckbündnis mit dem Revolutionären Agoristischen Kader oder sind Sie schon die ganze Zeit über heimlich Mitglied gewesen?«

»Weder noch, Mr. Sinclair. Obwohl ich erst seit heute Morgen in direktem Kontakt mit dem Kader stehe, würde ich nicht hier sitzen, wenn ich mit den Prinzipien, die der Kader vertritt, nicht übereinstimmen würde.«

Als Dr. Rampart Waldo Hinckle vom US Nachrichten & Welt Report aufrief, der Guerdon eine Frage bezüglich der Kosten seiner militärischen Aktivitäten stellte, setzte sich ein zu spät gekommener Reporter auf den Platz vor Lorimer und versperrte ihr die Sicht. Sie sah sich nach einem anderen Platz um und bemerkte einen in der zweiten Reihe. Sie stand auf, um dort hinzugehen.

Guerdon füllte eine Pfeife mit nicht aromatischem Tabak. »Wenn alle zwei Millionen des US-Militärpersonals sich als Reservisten bei uns verpflichten würden«, sagte er, »würde uns das in diesem Jahr eineinhalb Milliarden Eurofrancs kosten. Hinzu kommt eine weitere halbe Milliarde für TacStrike – die anderen Abteilungen tragen sich finanziell selbst – so daß sich unser Militärbudget in diesem Jahr so ungefähr auf zwei Milliarden Eurofrancs belaufen würde, wobei man berücksichtigen muß …«

Ein Photograph in schwarzem Anzug, mit langen Haaren und einem Bart stand von seinem Sitz in der dritten Reihe auf und trat in den Gang.

»Ich wußte noch gar nicht, daß Ihre Organisation so betucht ist«, sagte Waldo Hinckle.

»Mr. Hinckle«, sagte Dr. Rampart, »die Verbündeten des Kaders haben im letzten Jahr Geschäfte im Wert von mehr als 60 Milliarden Eurofrancs getätigt, wovon der Kader weniger als sieben Milliarden Eurofrancs für geleistete Dienste berechnet hat. Ich würde sagen, daß die etwa 12 Prozent Unkosten, die wir darstellen …«

Der bärtige Photograph griff in seine Kamera und zog eine 32 Kaliber Automatikpistole heraus.

Lorimer kam zur vierten Reihe.

Der Mann richtete seine Automatikpistole auf Dr. Vreeland.

Elliot bemerkte als erster, daß der Photograph die Waffe auf seinen Vater richtete. Alles, was in den nächsten eineinhalb Sekunden passierte, kam ihm wie in Zeitlupe vor. Er griff in seinen Halfter und zog seine Pistole heraus. Es schien ihm selbst nicht so, als ob er es wirklich tat.

» … war nicht unvernünftig in Anbetracht …« Dr. Rampart sah den Bewaffneten und hielt inne.

Der Attentäter hatte seine Automatikpistole jetzt direkt auf Dr. Vreeland gerichtet. Er rief: »Tod den Verrätern!«

Elliot hatte seinen Revolver jetzt draußen, aber noch nicht auf das Ziel gerichtet.

Lorimer lief in den Gesichtskreis des Attentäters – nicht vor die Waffe, sondern einfach so, daß er sie sehen konnte. Er bemerkte sie und wurde von ihrer Anwesenheit abgelenkt.

Dr. Vreeland sah auf und bemerkte, daß die Waffe auf seine eigene Brust gerichtet war.

Jemand schrie.

Elliot hatte automatisch eine absolut korrekte Haltung eingenomen – linken Fuß etwas nach vorne, die rechte Hand hielt die Waffe, wobei sein Arm leicht gebeugt war, die linke Hand hielt das rechte Handgelenk, um es zu stützen … und in diesem kurzen Augenblick, in dem der Attentäter von Lorimer abgelenkt wurde, schoß ihm Elliot einmal in den Kopf.

Das 38er Geschoß aus Elliots Revolver traf den Kopf des Mannes, fegte ihm die Perücke vom Kopf und riß ein Stück seines Schädels heraus. Mit einem letzen Muskelzucken fiel er zurück gegen die Stühle und von dort auf den Boden des Ganges.

Das Bild seiner Tochter, die über ihm stand, war das letzte, was der Attentäter sah, bevor er starb.

Jetzt schrien noch mehr Leute auf und einige warfen sich selbst auf den Boden.

Lorimer wendete ihren Blick von ihm ab und bahnte sich einen Weg durch die Menge zu Elliot. Auf dem Weg griff sie beiläufig nach der Kamera eines Nachrichtenphotographen, der ein Bild von der Leiche geschossen hatte und schleuderte sie auf den Boden.

Kaderwachen schoben jetzt Reporter und andere Photographen von dem toten Mann weg, aus dessen Kopf langsam Blut floß, und sperrten die Todesszene ab.

Lorimer erreichte Elliot endlich, der, gestützt von Dr. Rampart und seinem Vater, am Tisch stand. Mit einem seltsamen Unterton in der Stimme, den er noch nie zuvor gehört hatte, sagte sie:

»Danke. Du hast gerade meinen Vater umgebracht.«

Elliot keuchte.

Dann schwankte Lorimer einen Moment und sank zu Boden.

KAPITEL 27

Der Präsident der Vereinigten Staaten befahl, alle politischen Gefangenen sofort freizulassen.

Um halb neun am Freitag Morgen, den 2. März, standen Elliot Vreeland, sein Vater und Lorimer an einem Fenster am Metropolis Airport, New York, und beobachteten einen Inlandsjet, der an seinen Stellplatz rollte.

Die Anordnung des Präsidenten war um drei Tage verschoben worden, da man abwarten wollte, bis das ehemalige Regierungspersonal, das jetzt das Nordamerikanische Luftkontrollen Konsortium gegründet hatte, den öffentlichen Transport wieder aufnehmen konnte.

Einige Minuten später liefen die Passagiere durch den Passagiertunnel. Unter ihnen waren Cathryn und Denise Vreeland.

Sohn und Vater sahen Mutter und Schwester ungefähr im selben Augenblick, in dem sie sie auch erblickten und rannten wild winkend aufeinander zu.

Umarmungen. Küsse. Noch mehr Umarmungen.

»Seid ihr in Ordnung? Haben sie euch verletzt?«

»Uns geht es gut, wir sind in Ordnung.«

Alle waren glücklich.

Elliot stellte Lorimer seiner Mutter und seiner Schwester vor. Er hatte das Gefühl, daß Lorimer und Denise sich glänzend verstehen würden.

Die fünf gingen durch den langen fluoreszierenden Tunnel zum Parkplatz und tauschten Informationen und Geschichten aus.

»Nein, sie haben uns überhaupt nichts getan«, erklärte Mrs. Vreeland. »Wir genossen VIP Behandlung von dem Moment an, in dem das FBI uns verhaftet hatte …«

»Es war so schrecklich, als wir hörten, was Dienstag passiert ist«, sagte Denise. »Wir waren alle so nah beieinander gewesen, wir hatten sogar ein paar Tage zusammen verbracht. Ich habe deinen Freund Phillip kennengelernt und da war dieses Mädchen in meinem Alter, Barbara …«

»Das war eine ganz schön unangenehme Zeit für mich direkt nach der Pressekonferenz«, erzählte Lorimer Mrs. Vreeland als Antwort auf ihre Frage. »Dr. Taylor hat mich bis Mittwoch Abend mit Beruhigungsmitteln vollgestopft …«

Die Familie verließ das Passagierterminal und ging zu Dr. Vreelands Mietwagen.

»… sie haben mich als Verbindungsmann zwischen dem Kader und EUCOMTO verpflichtet«, sagte Dr. Vreeland, als sie nach Manhatten zurückfuhren. »EUCOMTO gab bekannt, daß der Kader als ›legitime Regierung der Vereinigten Staaten‹ anerkannt wird und Dr. Rampart wies diesen Status zurück. Wir hatten das natürlich zuvor so vereinbart, als Publicity …«

»Lor und ich haben einen Mietvertrag bis zum Ende unserer Schulzeit unterzeichnet«, erzählte Elliot seiner Mutter. »Dr. Fischer möchte, daß Lorimer ihren Bachelor macht, bevor sie bei IntellSec unterschreibt und wenn es ein College gibt, daß bis September wieder ein vorläufiges Rechtsprogramm anbietet, dann werde ich …«

»… UPI hat mehr als die anderen Nachrichtendienste für meine Eindrücke aus dem Gefängnis geboten«, sagte Cathryn Vreeland.

»… die Polizei und die Feuerwehr haben ihren Mitgliedern befohlen, nach der Brandstiftung im Rockefeller Center einsatzbereit zu bleiben«, erklärte Dr. Vreeland.

»Die KeinStaat Versicherung berechnet gerade die Beitragshöhe, damit sie anfangen kann, ihre allgemeinen Schutzpolicen anzubieten …«

Sie fuhren am Pennsylvania Bahnhof vorbei.

An einem hohen Fahnenmast waren zwei Banner auf Halbmast gehißt, die den Toten von Utopia gedachten. Elliot machte sie darauf aufmerksam, als sie vorbeifuhren.

Jede der beiden hatte eine revolutionäre Tradition. Während ihrer langen Geschichte waren beide mißverstanden, falsch dargestellt und verraten worden.

Die schwarze Flagge war an diesem Tag wieder gehißt.

Einmal mehr wehte die revolutionäre »Dont Tread on Me« Flagge.

Ein gelbes Taxi fuhr an Dr. Vreeland vorbei und der Zigeuner hupte und rief etwas.

Die Dinge sahen aus, als ob sie sich ändern würden.

Am Montag gab Elliot seine Tausend Wörter bei Mr. Harper ab, in denen er genau erklärte, warum das kapitalistische System letztendlich doch selbstzerstörerisch gewirkt hatte.

Lorimer gab eine Widerlegung von zweitausend Wörtern ab.

ENDE

An der Seite der Nacht
Copyright © 1979 J. Neil Schulman
Copyright © 2010 The J. Neil Schulman Living Trust
All rights reserved.
Country of First Publication: The United States of America


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